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Titel
Zwischen Demokratie und Diktatur. Unternehmerische Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland 1929-1936


Autor(en)
Lange, Marius
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
XII, 172 S.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Triebel, BMW Group Classic, München

Die Vereinfachung und Verbilligung des Buchdrucks im Zuge der "digitalen Revolution" hat neben vielen anderen Auswirkungen auch zum Phänomen der "Qualifikationsarbeiten-Schwemme" geführt: Diplom-, Magister- und neuerdings auch Master-Arbeiten erscheinen auf dem Buchmarkt, meist innerhalb der Programme darauf spezialisierter Verlage. Doch nicht immer sind Qualität und Ergebnisse solcher Arbeiten für eine Publikation geeignet; die meisten haben mit ihrem Beitrag zur Prüfungsnote ihren Dienst geleistet und es ist gut daran getan, ihren Schlummer in den Archiven der Universitäts-Prüfungsämter nicht mit einer Drucklegung zu stören.

Die hier anzuzeigende Arbeit stellt jedoch eine rühmenswerte Ausnahme dar. Marius Langes an der Freien Universität Berlin entstandene Magisterarbeit schließt in überzeugender Weise eine Lücke in der unternehmenshistorischen Forschung über einen allzu oft nur nachrangig berücksichtigten, aber wesentlichen Teilbereich unternehmerischen Handelns: die Öffentlichkeitsarbeit. Dabei nimmt sie eine entscheidende Umbruchphase der deutschen Geschichte am Ende der Weimarer Republik und in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur in den Blick.

Lange beginnt mit einer zusammenfassenden Theorie- und Begriffsgeschichte des Fachs. Hierbei dekonstruiert er die – ausweislich einschlägiger Passagen in aktuellen Lehrbüchern – nach wie vor gültige kanonische Periodisierung unternehmerischer Öffentlichkeitsarbeit. Der vom US-amerikanischen Vorbild beeinflusste "entwicklungsgeschichtliche Urknall" (Carl Hundhausen) der Public Relations nach dem Zweiten Weltkrieg, den Protagonisten wie Albert Oeckl und Carl Hundhausen in ihren Publikationen nach 1945 wirkungsmächtig verbreiteten, schrumpft bei eingehender Betrachtung eher zum evolutionärem Schrittchen. Lange weist anhand seiner Auswertung von Fachpublikationen der 1920er- und 1930er-Jahre überzeugend nach, dass bereits in dieser Phase wesentliche Fachtermini der Public Relations in der deutschen Fachwelt reflektiert verwendet wurden und sich ein konsistentes und differenziertes Bild unternehmerischer Öffentlichkeitsarbeit zu konturieren begann.

Anschließend umreißt Lange die wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für unternehmerische Öffentlichkeitsarbeit in dem von ihm gewählten Untersuchungszeitraum. Bereits in der Endphase der Weimarer Republik begannen erste Maßnahmen den Wirkungskreis der Public Relations einzuschränken. Restriktiver angelegt waren die Eingriffe der neuen Machthaber im "Dritten Reich" zur Regulierung und Beschränkung der unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit. Allerdings setzt Lange hinter den Erfolg der gesetzlichen Verordnungen und die Wirkungsmächtigkeit des steuernden Einflusses durch den Werberat der deutschen Wirtschaft große Fragezeichen. An dieser Stelle ist jedoch anzumerken, dass er für eine Gesamtbewertung der nationalsozialistischen Pressepolitik seinen Untersuchungszeitrum zu früh abschließt. Mit dem "Vierjahresplan" wurde die deutsche Wirtschaft ab 1936 deutlicher auf die Kriegsvorbereitung umgestellt; in diesem Zusammenhang nahm das Regime durch veränderte Regulatorien und eine schärfere institutionelle Überwachung stärkeren Einfluss auf die Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmen. Nach Kriegsbeginn engte sich der Handlungsspielraum für Public Relations weiter ein und diese erhielt im Rahmen der staatlich gelenkten Mobilisierungs- und Durchhalte-Rhetorik neue Aufgaben. Diese weitergehende Entwicklung zu beobachten und zu bewerten wäre eine lohnenswerte Aufgabe, ist aber im Rahmen einer Studienabschlussarbeit nicht zu erwarten.

Nach einer kurzen Darstellung zur Organisation der Öffentlichkeitsarbeit in einigen ausgewählten deutschen Unternehmen widmet sich Lange, basierend auf einer Auswertung von sechs zeitgenössischen Fachzeitschriften, einzelnen Instrumenten der Public Relations. Lange arbeitet anhand seiner Analyse dieser Fachbeiträge heraus, dass in den 1920er- und 1930er-Jahren die gezielte Ansprache von Teilöffentlichkeiten diskutiert wurde und die Unternehmen bewusst jeweils spezielle Kommunikationsinstrumente für diese Adressatenkreise entwickelten und pflegten. Neben Pressearbeit, PR-Anzeigen und redaktionellem Inserat wurden auch die Chancen und Möglichkeiten der damals "neuen Medien" durch den Einsatz von Hörfunkreportagen sowie Repräsentations- und Kulturfilmen getestet; zur gezielten Ansprache der unternehmensinternen Teilöffentlichkeit wurden nicht nur Werkszeitschriften herausgegeben, sondern man nutzte auch die betriebliche Sozialpolitik.

Die Ergebnisse der mit dem Albert-Oeckl-Nachwuchspreis 2009 der Deutschen Public Relations Gesellschaft ausgezeichneten Untersuchung geben somit einen guten Überblick über zeitgenössische Fachdiskurse sowie die Rahmenbedingungen, Institutionen und Instrumente der unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland von Ende der 1920er- bis Mitte der 1930er-Jahre. Wie oben angedeutet, wäre eine zeitlich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs reichende Untersuchung dieses Rahmens für die operative Öffentlichkeitsarbeit in den Unternehmen nicht nur wünschenswert, sondern stellte eine wertvolle Grundlage für weitere einschlägige Arbeiten dar. Langes Studie bildet einen ersten, nichtsdestoweniger beachtlichen Rahmen für empirische Untersuchungen zur Öffentlichkeitsarbeit einzelner Unternehmen oder Branchen am Ende der Weimarer Republik und in der ersten Phase des "Dritten Reichs". Hierbei ließe insbesondere der Abgleich der von Lange analysierten Diskurse in den zeitgenössischen Fachpublikationen mit der "unternehmerischen Handlungswirklichkeit" im Feld der Public Relations aufschlussreiche Ergebnisse erwarten.

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