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Titel
Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft


Autor(en)
Uekötter, Frank
Reihe
Umwelt und Gesellschaft 1
Erschienen
Göttingen 2010: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
524 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan-Henrik Meyer, Department of History and Area Studies, Aarhus Universitet

Dass sich die Geschichte der deutschen Landwirtschaft im 20. Jahrhundert nicht nur auf eine Geschichte der Agrarpolitik in Berlin, Bonn und Brüssel reduzieren lässt, die – fest in der Hand der Agrarverbände – zunächst Schutzzölle etablierte, dann aber durch falsche Anreize Butterberge aufhäufte und Weinseen flutete[1], zeigt Frank Uekötters Bielefelder Habilitationsschrift „Die Wahrheit liegt auf dem Feld“. Der inzwischen am Deutschen Museum in München tätige Umwelthistoriker betrachtet Landwirtschaftsgeschichte eben nicht als bloßes Ergebnis von Politik-, Wirtschafts- oder Technikentwicklung. Im Gegenteil ist die Entwicklung und Verbreitung landwirtschaftlichen Wissens – zusammen mit den Lücken in diesem Wissen – für Uekötter der Schlüssel zur Erklärung der Fehlentwicklungen, für die die Landwirtschaft heute in der Kritik steht. Insofern ist die Studie nicht nur politisch aktuell und relevant, sondern mit dem gewählten Zugang einer Wissensgeschichte auch innovativ für die Forschung.

Uekötters Begriff von Wissensgeschichte ist durch die – wie er selbst einräumt – etwas modische Idee einer Wissensgesellschaft inspiriert. Auch wenn diese Idee ihre Karriere als soziologische Zeitdiagnose des ausgehenden 20. und des anbrechenden 21. Jahrhunderts begann, ist der Blick auf handlungsleitendes Wissen innerhalb einer Gesellschaft für Historiker ebenso instruktiv. Gerade weil Uekötter die sozialwissenschaftliche Konzeptualisierung von Wissen als sozialem System, das kommunikativ produziert und reproduziert wird, in seine Untersuchung einbezieht und sowohl Strukturen als auch Akteure sowie die geteilten Leitbilder betrachtet, ermöglicht sein Ansatz neue Perspektiven und Erklärungen.

Anders als die Wissenschaftsgeschichte, die sich vor allem mit der akademischen Seite der Wissensproduktion beschäftigt, versucht Uekötter die Gesamtheit der Wissensbestände und ihre Umsetzung in die landwirtschaftliche Praxis zusammen zu betrachten. Seine konstruktivistisch inspirierte Annahme lautet, dass „Wissen – verstanden als die Befähigung zur kompetenten Nutzung agrarwissenschaftlich-kognitiver und technisch-maschineller Möglichkeiten – im 20. Jahrhundert zu einer Schlüsselressource der Landwirtschaft aufstieg, die keinen Bereich des Agrarischen unberührt ließ und sogar den Grundbesitz als klassische soziale Determinante der ländlichen Gesellschaft zu relativieren vermochte“ (S. 18). Schließlich ermöglichte es eine geschickte Nutzung von Kenntnissen und Spezialisierungen auch Pächtern, wirtschaftlich sehr erfolgreich zu sein.

Uekötter gliedert sein Buch in sechs Hauptkapitel. Eine systematische Einführung skizziert die Strukturen der landwirtschaftlichen Wissensgesellschaft. Als zentrale Akteure stellt der Autor die Wissensproduzenten und -vermittler heraus: die Landwirtschaftlichen Fakultäten an Universitäten, das Schul- und Beratungswesen sowie die landwirtschaftlichen Medien. Daneben verweist er auf den Einfluss zeitlicher Strukturen, wie den Rhythmus des Landwirtschaftsjahres, auf Erkenntnis und Handeln.

Als wichtigste zeitliche Struktur der landwirtschaftlichen Wissensgesellschaft arbeitet Uekötter die Generation heraus. Trotz aller systematischen Schwächen des Generationsbegriffs, die Uekötter diskutiert, ist sein Argument plausibel, dass sich Umbrüche landwirtschaftlichen Wissens im ca. 30-jährigen Rhythmus der Hofübergabe zwischen den Generationen manifestiert hätten. Ganz grob unterscheidet er vier Generationen. Für die Zeit um 1890 macht Uekötter einen ersten Schub der Verwissenschaftlichung fest. Mit der Gründung der Landwirtschaftskammern wurden Grundlagen für die agrarische Wissenschaftsgesellschaft gelegt. Neue Düngemethoden ermöglichten Produktivitätssteigerungen. Leitbild blieb aber der unspezialisierte „ganze Landwirt“ (S. 170f.). Nach dem Ersten Weltkrieg begann – staatlich, industriell und verbandlich propagiert – eine Zeit verstärkter Nutzung chemischer Düngemittel, mit unangenehmen Nebenwirkungen wie der Bodenversauerung, und größeren Einsatzes von Agrartechnik wie Motorpflügen und Traktoren. Uekötter charakterisiert diese Phase als Sattelzeit, weil viele spätere Entwicklungen – unter anderem der Maisanbau – in dieser Zeit vorbereitet wurden, auch wenn die verwendeten Techniken oft noch nicht praxistauglich waren. Erst nach 1950 begann in der Landwirtschaft der große Intensivierungs- und Technisierungsschub „mit präzendenzlos brutalem Maschinen- und Chemieeinsatz“, wie Uekötter mit deutlichem Werturteil bemerkt (S. 116). Dies hat landwirtschaftliche Strukturen bis heute geprägt – trotz der Gegenbewegung, die der Autor ab 1980 unter dem Einfluss des seit den 1970er-Jahren entstehenden Umweltbewusstseins ausmacht.

Entsprechend dieser zeitlichen Ordnung präsentiert Uekötter in vier chronologischen Kapiteln die Geschichte des Wissens über den landwirtschaftlichen Boden, neben Luft und Wasser eines der drei klassischen Umweltmedien. Als Einschub – und als Kontrastgeschichte zur immer größeren Abhängigkeit der Landwirte von Experten im Bereich der chemischen Düngung – beschreibt Uekötter die Geschichte der landwirtschaftlichen Maschinennutzung, für die die Bauern in der Nachkriegszeit selbst große technische Expertise und ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickelten (S. 329).

Wie bewertet Uekötter die Entwicklung? Die wandelbaren Leitbilder der Landwirtschaft selbst suggerieren verschiedene mögliche Urteilsmaßstäbe (S. 20). So präsentiert Uekötter gleich drei divergente Geschichten: erstens diejenige einer durchweg defizitären Wissensgesellschaft, gemessen am Grad der Nutzung und Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnis in die Praxis; zweitens diejenige einer trotzdem höchst erfolgreichen landwirtschaftlichen Wissensgesellschaft, gemessen vor allem an den für die Zeitgenossen unvorstellbaren Produktivitätsgewinnen; drittens diejenige einer Landwirtschaft, in der problematische Leitbilder, mangelndes Wissen in Verbindung mit ökonomischen Anreizen oder Zwängen zu Verhaltensmustern führten, die – gemessen an ökologischen Maßstäben – dramatische Konsequenzen wie die Überdüngung von Böden und Gewässern zur Folge hatten. „Eine exzessive Nährstoffzufuhr war der chemieförmige Ersatz für defizitäre Wissensresourcen“, bringt Uekötter seine Diagnose prägnant auf den Punkt (S. 436). Ob mehr Wissen aber wirklich für eine nachhaltigere Entwicklung gesorgt hätte, ist allerdings nicht unbedingt klar, wie der Vergleich mit anderen Wirtschaftssektoren zeigt.

Statt sich für eine der drei Interpretationen zu entscheiden, stellt Uekötter sie nebeneinander, denn sie dokumentieren die oft unvereinbaren Ziele der landwirtschaftlichen Praktiker. Bodenproduktivität, Ressourcen- und Zeiteffizienz sowie ökologische Nachhaltigkeit ließen sich schlicht nicht gleichzeitig maximieren. Solche Dilemmata aufzuzeigen ist ein wichtiger Beitrag zur wissenschaftlichen Reflexivität.[2]

Uekötter, der mit zahlreichen deutschen und internationalen Publikationen einer der produktivsten deutschen Umwelthistoriker ist[3], holt mit dieser Studie die Agrargeschichte aus ihrer Nische heraus und entwickelt gleichzeitig einen Ansatz, wie man Gesellschaftsgeschichte im 21. Jahrhundert schreiben kann. Dass er dabei bis auf wenige Hinweise zu Übernahmen aus anderen Ländern und einige angedeutete Vergleiche zu US-amerikanischen Verhältnissen und europäischen politischen Rahmenbedingungen einer klassischen (westdeutschen) Nationalgeschichte verhaftet bleibt, ist methodisch problematisch. Weil die Entwicklung der Landwirtschaft in europäische und internationale Märkte eingebettet war und ist und sich vor allem technisches Wissen durch Experten und Unternehmen transnational sehr rasch verbreitet hat, stellt dies einen blinden Fleck der Studie dar. Die Lücke mag einerseits aus dem gewählten Bezugsrahmen der „Wissensgesellschaft“ resultieren, denn der Gesellschaftsbegriff bezeichnete im 20. Jahrhundert implizit
nationale Einheiten. Andererseits könnte diese Fallwahl – ebenso wie der bedauerliche Ausschluss der DDR aus dieser Geschichte der deutschen Landwirtschaft – schlicht der pragmatischen Notwendigkeit der Themeneingrenzung einer umfangreichen, aber sehr gut lesbaren Studie geschuldet sein. So nimmt Uekötter derartige Kritik in seinem Nachwort bereits vorweg, indem er auf die geplanten transnationalen und transdisziplinären Forschungen am neu etablierten „Rachel Carson Center for Environment and Society“ in München verweist. Inwieweit also Uekötters durchaus plausible Erklärung der Agrarentwicklung aus der Eigendynamik und den Pathologien einer nationalen (bzw. im westdeutschen Fall: teilnationalen) agrarischen Wissensgesellschaft Bestand haben wird, müssen weitere vergleichende und transnationale Forschungen zeigen.[4]

Anmerkungen:
[1] Zur Geschichte der bundesdeutschen und europäischen Agrarpolitik siehe neuerdings z.B.: Kiran Klaus Patel, Europäisierung wider Willen. Die Bundesrepublik in der Agrarintegration der EWG 1955–1973, München 2009; Ann-Christina Lauring Knudsen, Farmers on Welfare. The Making of Europe’s Common Agricultural Policy, Ithaca 2009; Carine Germond, Defending the Status Quo. Agricultural Interest Groups and the Challenges of Overproduction, in: Comparativ 20 (2010) H. 3, S. 62-82.
[2] Siehe v.a. Joachim Radkau, Nature and Power. A Global History of the Environment, Cambridge 2008 (dt. zuerst 2000), S. 20-27.
[3] Siehe u.a. Frank Uekötter, The Turning Points of Environmental History, Pittsburgh 2010; ders., The Age of Smoke. Environmental Policy in Germany and the United States, 1880–1970, Pittsburgh 2009; ders., Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, München 2007.
[4] Zur Entwicklung in den USA siehe z.B. Joseph Leslie Anderson, Industrializing the Corn Belt. Agriculture, Technology, and Environment, 1945–1972, DeKalb 2009.