J. Cantow u.a. (Hrsg.): F. von Bodelschwingh und P. G. Braune

Cover
Titel
Friedrich von Bodelschwingh und Paul Gerhard Braune. Briefwechsel 1933-1945


Herausgeber
Cantow, Jan; Stockhecke, Kerstin
Erschienen
Berlin 2011: Wichern-Verlag
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Friedrich, Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth, Düsseldorf/Hagen,

„So wandern wir weiter durch dunkle Täler. Aber das Licht der Weihnacht begleitet uns in das neue Jahr hinein. Gott schenke Eurer ganzen Gemeinde innersten Frieden und eine getroste Zuversicht auf Gottes ewige Barmherzigkeit!“ (S. 265) So beendet Friedrich von Bodelschwingh am 28. Dezember 1945 seinen letzten Brief an Paul Braune, nur wenige Tage später, am 4. Januar 1946, verstirbt der langjährige Betheler Anstaltsleiter. Damit endet auch eine lange Freundschaft, Arbeitsbeziehung und Briefpartnerschaft zweier bemerkenswerter Theologen und Diakoniker, die uns der hier vorzustellende Band nahebringt. Denn den seit 1910 als Leiter der Betheler Anstalten amtierenden Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946) und den jüngeren Paul Gerhard Braune (1887-1954), den Bodelschwingh 1922 selbst als Leiter der Zweiganstalt Lobetal bei Berlin angestellt hatte, verband weit mehr als nur eine reine Arbeitsbeziehung. Pathetisch schreibt Bodelschwingh in dem schon genannten Brief – bezogen auf eine Sachfrage – von dem „Fundament der innersten Einheit“ (S. 264) zwischen den einzelnen Teilen des großen diakonischen Netzwerkes, damit ist aber zugleich auch die innere Vertrautheit gemeint, die den Briefwechsel über alle Jahre prägt – auch angesichts der schwierigen Fragen, die beide in der NS-Zeit immer wieder zu besprechen hatten.

Jan Cantow, Leiter des Archivs der Lobetaler Stiftungen und ausgewiesener Experte zu Leben und Werk Braunes,[1] sowie Kerstin Stockhecke, die Leiterin des Hauptarchivs der von Bodelschwinghschen Stiftungen in Bethel, die ebenfalls zahlreiche Publikationen zu den Bodelschwinghs und Bethel vorzuweisen hat,[2] haben die Briefe, die diese beiden für die Diakoniegeschichte der Zeit des Nationalsozialismus so wichtigen Männer gewechselt haben, ausführlich dokumentiert. Dabei hat sich das Herausgeber-Duo, für den Rezensenten etwas überraschend, für eine thematische Anordnung der Briefe entschieden und somit gegen einen der bloßen Chronologie folgenden Abdruck. Dies ermöglicht freilich eine von Inhalten geleitete Lektüre, verhindert aber manchmal die Nachverfolgung des Verhältnisses zwischen den beiden.

In insgesamt acht Kapiteln werden – nach einer angenehm kurzen, gleichwohl prägnanten und informativen Einleitung zu den Biografien der beiden Protagonisten – die zentralen Themen, die die praktische Arbeit der beiden prägten, behandelt. Die Frage nach der Zukunft der verfassten Inneren Mission im NS-Staat, die Frage, wie man mit der zunehmenden Einschränkung des Spendenwesens umgehen sollte, und die Veränderungen in der Wandererfürsorge, die gerade die Arbeit in Lobetal prägte, werden ausführlich beschrieben. Ebenso wird in dem Briefwechsel verhandelt, wie sich die kirchenpolitische Lage in der Konfrontation zwischen Bekennender Kirche und „Deutschen Christen“ auf die diakonischen Einrichtungen auswirken würde. Das für die Kirchen insgesamt „wenig ruhmreiche Kapitel“ des Umgangs mit den sogenannten Nichtarierern, womit hier konkret die Christen jüdischer Herkunft gemeint waren, wird ausführlich dokumentiert, desgleichen der Briefwechsel zum Thema „Euthanasie“, das Bodelschwingh und Braune nachhaltig beschäftigte. Auf beiden Feldern zeigen sich der Mut und das Engagement Braunes, der, in der Nähe von Berlin arbeitend, ebenso klar wie entschlossen zu helfen vermochte und – im Fall der Euthanasie – kritisch Stellung bezog. Bodelschwingh selbst war da vorsichtiger und diplomatischer. Der verstärkte Fokus auf die Lobetaler Teilanstalt, der das Buch insgesamt durchzieht, wird auch bei den beiden letzten Kapiteln, die insgesamt die Situation Lobetals in der Zeit des Nationalsozialismus reflektieren und sich den Auswirkungen von Krieg und Zerstörung widmen, deutlich.

In jedes Kapitel wird durch eine sehr knappe Einleitung eingeführt, in der auch auf die nach Ansicht der Herausgeber wichtigsten Briefe und Themen verwiesen wird, was es dem Leser erleichtert, sich einem ihn besonders interessierenden Thema im Zusammenhang zu widmen. Das beschriebene Vorgehen entspricht dem Anliegen der Herausgeber, keine „wissenschaftliche Briefedition“ (S. 11), sondern eher dem breiten und interessierten Publikum eine gut aufbereitete kombinierte Quellenedition vorzulegen. So finden wir nur eine knappe Literaturliste, auch sind die Briefe ausgesprochen spärlich kommentiert, die Hinweise auf die Archivquellen sollen jeden an vertiefter Information Interessierten einladen, weiterzuforschen – auch in den Archiven.

Das Konzept des Buches geht einerseits auf, schon der für eine Quellenedition günstige Preis des Buches macht klar, dass es sich um ein „niederschwelliges“ Angebot handelt. Andererseits bleiben einige eher grundsätzliche Fragen, die sich auf den Aufbau sowie die Kommentartiefe beziehen.

Briefe haben eine pragmatische Seite, es werden Informationen und Meinungen ausgetauscht, und indem man miteinander kommuniziert, entwickelt sich auch eine Beziehung weiter. Indem die Briefe nun nur innerhalb der Kapitel chronologisch präsentiert werden, wird diese Dimension jedoch kaum deutlich. Man muss als Leser immer wieder genau schauen, in welchem Jahr (oder Monat) man sich gerade befindet, und gegebenenfalls zurückblättern, um Zusammenhänge herzustellen; dies macht die Lektüre manchmal mühsam.

Dies führt zum zweiten Einwand. Dem Buch ist eine möglichst große Leserschaft zu wünschen – gerade aus dem Bereich der Menschen, die sich nicht täglich mit der Kirchen- und Diakoniegeschichte des Nationalsozialismus beschäftigen. Dazu scheinen aber manche Briefe, die sich etwa mit kirchenpolitischen Fragen beschäftigen oder auch auf Struktur- und Finanzfragen in diakonischen Einrichtungen Bezug nehmen, zu speziell zu sein, sie erklären sich kaum aus der Situation selbst heraus. Hier wäre eine ausführliche Kommentierung (eventuell als Fußnote, die dem Leser die Freiheit lässt, sie zu lesen oder nicht) wünschenswert gewesen. Und um bei offenen Wünschen zu bleiben: Nützlich ist zweifellos das Personenregister, ein Sachregister würde den Arbeitswert des Buches erhöhen.

Ein Fazit: Paul Gerhard Braune und Friedrich von Bodelschwingh gehören zu den prägenden Gestalten der Inneren Mission im 20. Jahrhundert. Hier kommen sie ausführlich zu Wort, der Leser hat so die Möglichkeit, selbst ein wenig einzutauchen in die Fragen und Problemstellungen, die die Protagonisten beschäftigten. An der Relevanz vieler in dem Briefwechsel verhandelten Themen für die zeitgeschichtliche Forschung besteht ohnehin kein Zweifel, doch auch darüber hinaus ist dem Buch eine breite Leserschaft zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jan Cantow / Jochen-Christoph Kaiser (Hrsg.), Paul Gerhard Braune (1887-1954). Ein Mann der Kirche und Diakonie in schwieriger Zeit, Stuttgart 2005.
[2] Vgl. dazu die Hinweise auf <www.hauptarchiv-bethel.de> (01.02.2012).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.04.2012
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