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Titel
Bauernwiderstand. Asien und Lateinamerika in der Neuzeit


Herausgeber
Mann, Michael; Tobler, Hans Werner
Reihe
Gobalhistorische Skizzen 20
Erschienen
Anzahl Seiten
321 S.
Preis
€ 17,80
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Kristin Seffer, Universität Leipzig

Der von Michael Mann und Hans W. Tobler herausgegebene Band widmet sich dem historischen Forschungstand zu Bauernwiderstandsbewegungen und erhebt gleichzeitig den Anspruch einen regionenübergreifenden Vergleich zwischen Lateinamerika und Asien vorzunehmen. Herausgegeben wurde der Band zu Ehren von Erich Pilz und Friedrich Katz, die internationales Renommee durch ihre Beschäftigung mit gesellschaftlichen Entwicklungen und vor allem Bauernbewegungen in den jeweiligen Regionen erlangten. Zwanzig Jahre früher hatten Peter Feldbauer und Hans-Jürgen Puhle bereits einen Sammelband zu Bauern im Widerstand herausgegeben, zu dem Pilz und Katz damals beitrugen. Ihre Beiträge zu China und Mexiko sind unverändert in den jetzigen Band integriert worden. Auch die Beiträge der ehemaligen Herausgeber sowie derjenige von Sepp Linhart finden sich in leicht aktualisierter Form erneut im nun vorgelegten Band. Diese Grundlage verdeutlicht bereits eine Beobachtung, die Michael Mann in der Einleitung aufwirft: seit Mitte der 1990er habe es kaum neue Forschungsergebnisse zu Bauernwiderständen in der Neuzeit in Asien und Lateinamerika gegeben (S. 16). Bestätigt wird diese Beobachtung auch durch die Beiträge von Hans W. Tobler und Dietmar Rothermund, die auf eigenen Forschungsarbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren beruhen und teilweise durch aktuellere Texte anderer Autoren ergänzt wurden.

Nichts desto trotz handelt es sich um einen sehr anregenden Sammelband, der Fragen über die Rolle von Bauern im Modernisierungs- und Globalisierungsprozess diskutiert, die bis heute nicht abschließend geklärt wurden, immer noch große Kontroversen auslösen oder in den vergangen Jahrzehnten in der Forschung kaum noch Beachtung fanden. In der Einleitung knüpft Mann an die von Feldbauer 1992 herausgearbeiteten Erkenntnisse an, wonach die Form der Integration in den Weltmarkt von Agrargesellschaften zu sozialen Verwerfungen führten und neben der Auflösung traditioneller Dorfgemeinschaften eine Bereicherung der kapitalkräftigen Landbesitzer mit einer Verarmung der landlosen ruralen Bevölkerung einhergingen. Sowohl die Bereitschaft der Bauern zu rebellieren, als auch ihre Gestaltungsmöglichkeiten blieben weitestgehend umstritten. Anspruch des Bandes sei es, so Mann, die überarbeitete Bestandsaufnahme von 1992 um die seitdem geführten Debatten zu erweitern und so für weitere vertiefende Forschungsfragen nutzbar zu machen. Darüber hinaus sei Südasien zuvor eher vernachlässigt worden. Die Region, die Ursprung der in den 1980er Jahren aufkommenden subaltern studies war, erhält entsprechend größeres Gewicht im aktuellen Band. Die Konzentration auf zwei Weltregionen, und hier wiederum auf nur einige Fälle, kommt einer regionalen Vertiefung über die systematischere Einordnung der Diskussion über Gestaltungswillen und -möglichkeiten von Bauern bereits wesentlich näher. Ein wirklicher Vergleich wird nicht vorgenommen; nur Feldbauer und Tobler gehen auf Fälle beider Regionen ein. Vorgeworfen werden kann das dem Band jedoch nicht. Anregung für weitere Forschung bietet er allemal.

So werden einerseits organisierte bäuerliche Revolten diskutiert, die von Katz für Mexiko und von Pilz für China untersucht wurden und von Tobler gegenübergestellt werden, andererseits wird die Diskussion über alltägliche Widerstandsformen [1] durch die südasiatischen Studien (Mann und Frasch) sowie vor allem durch den Beitrag zu Guatemala (Fleer) angereichert. Gleichzeitig betont Puhle in seinem aktualisierten Beitrag über Lateinamerika, dass trotz vermehrter Diskussion um soziale Bewegungen inklusive der Bauern, konstatiert werden müsse, Bauern seien auch in Koalitionen mit der Arbeiterschaft eher schwach geblieben. In Indien waren im 18. und 19. Jahrhundert Bauernaufstände zwar oft lokal und zeitlich stark begrenzt, dennoch hätten Bauern, so Mann, mit ihrer Beteiligung an den von unten initiierten Errichtungen lokaler, semi-autonomer Herrschaften durchaus zur Dynamik der südasiatischen Gesellschaften beigetragen. Er sieht großes Potential darin, die Geschichtsschreibung von unten, über die subaltern studies hinausgehend, um umwelthistorische Komponente, Bodenrechtsfragen (Agrarreformen des 19. Jahrhunderts) und die soziale Mobilität von Bauern zu erweitern, um so ein konzeptionelles Modell für Bauernaufstände zu entwerfen. Wie stark Bauernbewegungen auch politisch wirken können, zeigt Tilman Frasch am birmanischen Baueraufstand von 1930/1931 bzw. der Saya San Rebellion. Diese ordnet er in die Zeit der britischen Kolonialherrschaft und damalige wirtschaftliche Entwicklungen, vor allem des Agrarsektors ein, plädiert aber auch dafür, die Symbolkraft von Saya San nicht zu unterschätzen, die erheblich zur Mobilisierung der Bauern beigetragen habe. Die Bedeutung für den gesamtindischen Kontext werde daran deutlich, dass die Kolonialregierung die britische Armee rief, um den Aufstand zu zerschlagen, um so die eigene Legitimität zu stärken. Gleichzeitig nutzte der Indian National Congress um Ghandi die Bewegung als Druckmittel, um zu verdeutlichen, wie leicht sich die Bauernschaft gegen die Kolonialmacht mobilisieren ließe. Hier wird die Debatte um Aktivität und Passivität von Bauern angedeutet. Peter Fleer geht auf Entwicklungen ein, die guatemaltekischen Bauern Möglichkeiten, ihre Interessen und Ansprüche einzufordern und teilweise durchzusetzen, eröffnete, aber auch hinderlich sein konnten. Durch die Umsetzung der liberalen Reformen 1871 konnten sie mit Verweis auf Unklarheiten des verwaltungsrechtlichen Rahmens, den ihn verwehrten Zugang zu Land teilweise noch abwehren. Sie nutzen dafür zum Teil alltägliche, zum Teil aber auch organisierte Formen des Widerstandes. Das änderte sich jedoch spätestens während der 1920er Jahre, in denen der Kaffeeanbau und -export zu einer zunehmenden Modernisierung bei gleichzeitig ansteigender Bevölkerungszahl, vor allem in ländlichen Gebieten, führte. Fleer unterstreicht, dass nach wie vor umstritten sei, ob es sich bei dem guatemaltekischen Guerillakrieg ab den 1960er Jahren um einen Bauernaufstand handelt oder nicht. Zumindest könnten Bauern als tragende Säule dieser Rebellion nicht als bloße instrumentalisierte Masse verstanden werden.

Hilfreich für das Erschließen dieses Bandes ist vor allem die Einleitung Manns, die eine systematische Zuordnung der Texte zu den jeweiligen Forschungsfragen und -diskussionen vornimmt. Insgesamt lassen sich auch für die sozialwissenschaftliche Forschung weitere Fragen ableiten, die einer historischen Herangehensweise bedürfen. Zum einen könnte ein konsequenterer Vergleich einen Beitrag zu der Frage erlauben, warum unter ähnlichen sozioökonomischen Entwicklungen (Agrarreformen oder Modernisierung) unterschiedliche Formen des Widerstandes (alltäglich versus organisiert, lokal versus überregional) entstehen und warum diese von den herrschenden Eliten unterschiedlich beantwortet werden (können). Zum anderen wäre es interessant zu untersuchen, inwiefern Bauern auch innerhalb von Patron-Klienten-Beziehungen Gestaltungsmöglichkeiten haben und eben nicht auf die passive und unterdrückte Rolle reduziert sind. Dies würde die Debatte um Reziprozität [2] und Klientelismus empirisch stärken, könnte jedoch auch eine Revision der Einschätzung dieses Bandes, wonach Bauern in Südasien und auch Guatemala teilweise erfolgreicher waren, ihre Interessen durchzusetzen, wenn sie mit Elitensegmenten kooperierten, nach sich ziehen. In Abgrenzung zu einer Konzentration der jüngeren Forschung zu sozialen, ländlichen Widerstandsbewegung auf ethnische, und im Falle Lateinamerikas vor allem indigene Fragen, eröffnet der Band Anregungen, diese im Zusammenhang mit sozioökonomischen und ökologischen Entwicklungen zu betrachten.

Anmerkungen:
[1] An dieser Stelle sei auch ein von keinem der über Lateinamerika schreibenden Autoren zitierter Sammelband genannt: Gilbert M. Joseph/ Daniel Nugent, Every Day Forms of State Formation. Revolution and the Negotiation of Rule in Modern Mexico, Durham 1994.
[2] Zu Reziprozität siehe: Marcel Mauss, Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés primitives, in: L'Année Sociologique, 2nd série, Nouvelle série T, 1923-24, H. 1, S. 30–186; Alvin W. Gouldner, The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement, in: American Sociological Review 25 (1960) 2, S. 161-178; ferner: James Scott, The Moral Economy of the Peasant. Rebellion and Subsistence in Southeast Asia, New Haven 1976.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.02.2014
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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