Laffan, Michael; Weiss, Max (Hrsg.): Facing Fear. The History of an Emotion in Global Perspective. Princeton  2012. ISBN 978-0-691-15360-5

Plamper, Jan; Lazier, Benjamin (Hrsg.): Fear. Across the Disciplines. Pittsburgh  2012. ISBN 978-0-8229-6220-5

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Koch, Germanistisches Seminar, Universität Siegen

Angst ist in den letzten Jahren, insbesondere in diskursiver und forschungspolitischer Resonanz auf die Ereignisse vom 11. September 2001, zu einem wichtigen Gegenstand kulturwissenschaftlicher Emotionsforschung geworden.[1] Seither wird mit zunehmendem Interesse danach gefragt, welchen Einfluss Angst auf die gesellschaftliche Identifikation und Aushandlung von Problemlagen hat[2], wie Angst dazu beiträgt, soziale und geschlechtliche Rollenmuster zu forcieren[3] und wie sich Zeitvorstellungen und Zukunftsmodelle im Wirkungskreis von Angst gestalten.[4]

So unterschiedlich die disziplinären Zugriffe von Geschichtswissenschaft[5], Politikwissenschaft[6], Soziologie[7], Literatur- und Medienwissenschaften[8] im Einzelnen sein mögen, treffen sie sich doch in der geteilten Grundannahme, dass Angst als gesellschaftlicher Faktor nicht allein aus der Rekonstruktion biologischer und physiologischer Prozesse heraus zu verstehen ist. Ganz im Gegenteil kann man der sozialen Dimension von Angst analytisch nur dann nahekommen, wenn man über deren biologische bzw. anthropologisch-invariante Bestimmung hinausgehend nach kulturellen Codierungen, diskursiven Ereigniszusammenhängen und mentalitätsgeschichtlichen Fundierungen fragt. Als körperbasiertes Phänomen ist Angst zugleich ein kommunikatives Geschehen, das Wahrnehmungsweisen imprägniert und Handlungsoptionen evaluiert bzw. prämiert.

Mit den beiden Sammelbänden von Jan Plamper und Benjamin Lazier sowie von Michael Laffan und Max Weiss wird die kulturwissenschaftliche Angstforschung nun um zwei weitere Publikationen aus dem US-amerikanischen Kontext bereichert. Der Band von Plamper und Lazier, der auf einen Workshop an der Universität Princeton aus dem Jahr 2008 zurückgeht, macht es sich zur Aufgabe, Angst „across the disciplines“ zu untersuchen. Diesem Credo entsprechend, versammeln die Autoren Beiträge aus Neurowissenschaft, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Filmwissenschaft. Thematisch reicht das Spektrum von physiologisch orientierten Darstellungen von „Fear, Anxiety, and Their Disorders“ (Richard J. McNally) und „The Biology of Fear“ (Arne Öhmann) über wissenshistorische Rekonstruktionen der psychologischen Thematisierung von Angst seit den 1960er-Jahren (Ruth Leys) bis hin zu der verhaltenspsychologischen Konzeptualisierung von Angst im Kontext russischer Militärpsychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Jan Plamper). Erweitert wird diese tendenziell eher auf das Angsterleben des Einzelnen gerichtete Perspektive um weitere Studien, die die kollektive bzw. mediale Dimension von Angst fokussieren. So referiert der Ideenhistoriker Corey Robin unter Rückgriff auf Hobbes über die Entgrenzungslogik des Präventionsdenkens und -handelns unter dem gegenwärtigen Sicherheitsparadigma. Harold James rekonstruiert die Psychodynamik der Panik im Kontext des Börsenkrachs von 1929, und Adam Lowenstein untersucht anhand der Horrorfilm-Reihe von George A. Romero den „Zombie“ als Chiffre und Allegorie der US-amerikanischen Gegenwartskultur, in der sich traumatische geschichtliche Ereignisse (von Vietnam bis zum Hurrikan „Katrina“) symbolisch verdichtet artikulieren.

Trotz der argumentativen Stringenz der einzelnen Beiträge kann der Band von Plamper und Lazier nicht vollständig überzeugen. Dem interdisziplinären Anspruch, „to break down barriers between social-scientific, humanistic, and natural-scientific approaches“ (S. 1), werden die Herausgeber in ihrer Einleitung durchaus gerecht, indem sie mit den Überlegungen zu „Intentionality and Admixture“ (S. 3ff.), „Temporality“ (S. 7ff.), „Spectacle“ (S. 10f.) und „Politics“ (S. 12ff.) Ansätze eines metakategorialen Analysesettings vorstellen, die verschiedene Gegenstandsbereiche und methodische Perspektiven neu verknüpfen könnten. Gerade der Aspekt der zeitlichen Situiertheit von Angst, also die Aufmerksamkeit dafür, dass das individuelle Angsterleben wie die kommunikative Artikulation von Angst immer auch bestimmte zeitliche Rahmungen und Verschränkungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ins Spiel bringt, scheint eine lohnende themen- und disziplinenübergreifende Forschungsrichtung zu eröffnen. Schade ist gleichwohl, dass die dann folgenden Beiträge dieses Angebot zum Dialog nicht oder nur in Ansätzen aufgreifen. Stattdessen wird einmal mehr deutlich, dass die Disziplinengrenzen eine große Beharrungskraft haben.

Wie fruchtbar ein dialogischer Ansatz sein kann, zeigt sich etwa in Robins Beitrag über „The Language of Fear“. Zu Recht (allerdings nicht gänzlich überraschend) stellt der Autor heraus, wie sehr das die Politik der Angst bestimmende Präventionsdenken von einem katastrophischen Imaginären angetrieben wird, das in der Vermischung von Faktizität und Fiktionalität Zukunft nur noch als Ensemble von Bedrohungsszenarien denken kann. Genau hier eröffnet sich ein wichtiger Berührungsbereich zur Literatur- und Medienwissenschaft, die seit längerem die Populärkultur als einen zentralen Aushandlungsort von Angst und Gefahr untersucht.[9] Hiervon erfährt man bei Robin gleichwohl nichts, der stattdessen auf dem theoretischen Niveau von John Locke, John Stuart Mill und Hannah Arendt verbleibt.

Ein zweites Problem ergibt sich daraus, dass die Forschungslage innerhalb der einzelnen Beiträge nur partiell zur Kenntnis genommen wird. Neben Robins Beitrag ist hier etwa Lowensteins Untersuchung „Living Dead: Fearful Attractions of Film“ zu kritisieren, die Romeros Zombie-Reihe als kulturelle Aushandlung und Reflexion brisanter politischer Ereignisse der US-amerikanischen Geschichte liest. So luzide die Beobachtungen zum Teil sind (insbesondere Lowensteins Lektüre von „Diary of the Dead“ aus dem Jahr 2007), so muss sich der Autor doch den Vorwurf gefallen lassen, dass er in weiten Teilen seines Aufsatzes Altbekanntes im Gestus des Neuen präsentiert – etwa dort, wo er „Land of the Dead“ (2005) als Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Gesellschaft nach „9/11“ analysiert.[10] Inwieweit diese Nicht-Berücksichtigung der „Zombie Studies“ mit der großen Zeitspanne zwischen Workshop und Publikation zu tun hat oder als Effekt der Sprachgrenze zur auch in Deutschland vielgestaltigen Erforschung des Zombie-Motivs zu erklären ist[11], sei dahingestellt.

Der Sammelband „Facing Fear“, herausgegeben von Michael Laffan und Max Weiss, korrespondiert insofern mit dem Band von Plamper und Lazier, als auch hier eine polyperspektivische Annäherung an den Gegenstand „Angst“ versucht wird. Anders als Plamper und Lazier, die einen metakategorial unterfütterten interdisziplinären Perspektivenmix vorschlagen, stellen Laffan und Weiss eine „History of an Emotion in Global Perspective“ vor, deren Grundzüge sich aus der Zusammenstellung von Analysen verschiedener historischer Konstellationen von Angst an unterschiedlichen Schauplätzen der Welt ergeben sollen. Dementsprechend widmen sich die chronologisch zusammengestellten Untersuchungen diversen nationalen Angstkonjunkturen (unter anderem während der europäischen Aufklärung, des peruanischen Inka-Aufstands in den 1780er-Jahren, der Weimarer Republik, des italienischen Faschismus, der niederländischen Gegenwartskultur). Die Autorinnen und Autoren zeigen dabei auf, dass ein wiederkehrender Angst-Mechanismus die gesellschaftliche Interaktion organisiert: Fluktuierende, unbestimmte Angst (zum Beispiel vor der Gewalt der Elemente, vor einer grassierenden Epidemie, vor Arbeitslosigkeit etc.) wird dadurch beherrschbar gemacht, dass sie in konkreten Furchtobjekten verkörpert wird, deren kommunikative bzw. handgreifliche Anfeindung bzw. Ausgrenzung es ermöglicht, eine entlastende Form von Handlungsmacht zurückzugewinnen. Dieser Erklärungsansatz, der bei einer entsprechenden theoretisch-systematisierenden Grundierung sicher lohnend wäre, wird im vorliegenden Band allerdings kaum systematisch eingelöst. Wegen der Zurückhaltung der Herausgeber bleibt unklar, welches Konzept von Geschichte hier die Ausgangsbasis sein soll. So wünschenswert vergleichende historische Studien an sich sind, gewinnt eine globale Perspektive analytische Schärfe doch erst dadurch, dass ein gemeinsamer theoretischer Rahmen formuliert wird, der es erlaubt, die Einzelbefunde zueinander in Beziehung zu setzen. Die wenigen Hinweise von Max Weiss zur Zeitlichkeit der Angst (S. 2) bleiben jedoch so knapp, dass sie dem Band keine tragfähige Struktur verleihen können.

Sieht man von der konzeptionellen Zurückhaltung der Herausgeber ab, wissen die einzelnen Beiträge als Fallstudien durchaus zu überzeugen. Exemplarisch hervorgehoben sei etwa Andreas Killens instruktive Analyse der Debatten um das Weimarer Kino, die auf sehr plausible Weise die Überblendung von psychotechnischem Wissen mit Medien- und Massenangst als Artikulation eines vagierenden Unsicherheitsgefühls in der Zeit zwischen den Weltkriegen rekonstruiert. Ebenfalls sehr gelungen erscheint der Beitrag von Michael Laffan, der aufzeigt, welch lange und wechselhafte Geschichte die niederländische Gegenwarts-Islamophobie hat und wie sehr sich in der angstimprägnierten Dichotomisierung von „eigen“ und „fremd“ moderne Identitätsprobleme verdichten.

Im Ergebnis liefern beide Sammelbände weitere Beiträge zu einer sich zunehmend ausdifferenzierenden kulturwissenschaftlichen Angstforschung. Während der Band von Plamper und Lazier in weiterführenden methodologischen Debatten Berücksichtigung finden wird, glänzt der Band von Laffan und Weiss vor allem als bunte Zusammenstellung von Fallstudien zur kollektiven Codierung von Angst. Er kann insbesondere dann mit Gewinn gelesen werden, wenn man ihn zu grundlegenden geschichtstheoretischen Reflexionen des Verhältnisses von Angst und Moderne in Beziehung setzt, wie sie etwa Heinz Dieter Kittsteiner angestellt hat.[12]

Anmerkungen:
[1] Lars Koch (Hrsg.), Angst. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2013; Veith Selk, Neue Beiträge zur Politik der Angst im Zeitalter des War on Terror, in: Neue Politische Literatur 57 (2012), S. 267–291.
[2] Frank Furedi, Culture of Fear Revisited. Risk-Taking and the Morality of Low Expectation, London 2006.
[3] Renata Salecl, On Anxiety, London 2004; dt.: Über Angst, Wien 2009.
[4] Paul Virilio, Die Verwaltung der Angst. Ein Gespräch mit Bertrand Richard, Wien 2011.
[5] Joanna Bourke, Fear. A Cultural History, London 2005.
[6] Corey Robin, Fear. The History of a Political Idea, Oxford 2004. Siehe auch Robins Beitrag im hier besprochenen Sammelband von Plamper und Lazier.
[7] Zygmunt Bauman, Liquid Fear, Cambridge 2006.
[8] Brian Massumi, Ontomacht. Kunst, Affekt und das Ereignis des Politischen, Berlin 2010.
[9] Lee Clarke, Worst Cases. Terror and Catastrophe in the Popular Imagination, Chicago 2006; Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Frankfurt am Main 2014 (angekündigt für Ende Juni).
[10] Kyle Bishop, Dead Man Still Walking: Explaining the Zombie Renaissance, in: Journal of Popular Film and Television 37 (2009), S. 16–25; Nick Muntean / Matthew Thomas Payne, Attack of the Livid Dead: Recalibrating Terror in the Post-9/11 Zombie Film, in: Andrew Schopp / Matthew B. Hill (Hrsg.), The War on Terror and American Popular Culture. September 11 and Beyond, Madison 2009, S. 239–258.
[11] Stellvertretend für eine dynamische Forschungstätigkeit vgl. Michael Fürst / Florian Krautkrämer / Serjoscha Wiemer (Hrsg.), Untot. Zombie – Film – Theorie, München 2010; direkt zu Romero vgl. Georg Seeßlen, George A. Romero und seine Filme, Bellheim 2010.
[12] Heinz Dieter Kittsteiner, Wir werden gelebt. Formprobleme der Moderne, Hamburg 2006; vgl. auch Lars Koch, Angst und Moderne, in: ders., Angst, S. 5–19.