Cover
Titel
Siziliens Geschichte. Insel zwischen den Welten


Herausgeber
Gruber, Wolfgang; Köhler, Stephan
Reihe
Expansion. Interaktion. Akkulturation. Globalhistorische Skizzen
Erschienen
Anzahl Seiten
262 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Lioba Geis, Historisches Institut, Universität zu Köln

Die Insel Sizilien erweist sich aufgrund ihrer Grenzlage im Mittelmeerraum, ihrer Brückenfunktion in Richtung Afrika und Orient sowie ihrer häufig wechselnden politischen Herrschaften als ertragreiches historisches Untersuchungsfeld. In den letzten Jahren sind daher unterschiedliche Studien vorgelegt worden, die politische, kulturelle, wirtschaftliche, religiöse oder auch städtische Aspekte der sizilischen Geschichte, insbesondere der antiken und mittelalterlichen Epoche, bearbeitet haben.[1] Der vorliegende Sammelband knüpft an diese Arbeiten an und möchte einerseits den „spezifische[n] Blick auf die Insel selbst“ (S. 9) richten, andererseits Sizilien als interkulturelle Kontaktzone untersuchen sowie politische und wirtschaftliche Veränderungen im gesamten Mittelmeerraum behandeln.

Den Auftakt des Bandes bildet der Beitrag von Martin Dreher, der einen Überblick über die politische, militärische, wirtschaftliche und religiöse Entwicklung der Insel Sizilien von ihrer ersten Kolonisierung bis ins 6. Jahrhundert liefert. Laura Pfuntner vertieft die römische Phase Siziliens vor dem Hintergrund der These, dass die Insel in dieser Zeit keineswegs einen wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang erfuhr. Am Beispiel der Städte Lilybaeum, Syrakus und Halaesa kann Pfuntner zeigen, dass Sizilien in zahlreiche Netzwerke des Mittelmeerraums eingebunden blieb, zugleich aber keineswegs als einheitliche, römisch geprägte Insel verstanden werden darf, da es zu „vielschichtige[n] und multidirektionale[n] Interaktionen zwischen Individuen und Gruppen […] aus Rom, Italien und Afrika“ (S. 46) kam, die sich in den drei Städten unterschiedlich niederschlugen.

Den Übergang von der Antike zum Mittelalter behandelt der Beitrag von Ewald Kislinger, der in einer Tour d’Horizon die Entwicklung der Insel Sizilien von 535 bis 1282 nachzeichnet. Aufgrund des großen zeitlichen Umfangs können viele Aspekte nur angerissen werden, so dass manche Forschungsdiskussion (etwa zur Bedeutung der Eheverbindung zwischen Heinrich VI. und Konstanze von Sizilien) oder auch jüngere Literatur (etwa zur Verwaltung unter Friedrich II.) keine Erwähnung finden.[2]

Eine lesenswerte Tiefenbohrung bietet Alex Metcalfe, der die sozioreligiöse Dynamik der muslimisch-normannischen Übergangsperiode untersucht. Bereits in islamischer Zeit wird deutlich, dass Christen und Muslime nicht als zwei voneinander isolierte Bevölkerungsgruppen anzusehen sind, sondern von einem kulturellen Wechselspiel und weitverbreiteter Akkulturation auszugehen ist, wie Metcalfe u.a. am Beispiel interreligiöser Ehen herausarbeitet. Dieser Befund einer sozioreligiösen Durchlässigkeit zwischen Muslimen, griechischen Christen und lateinischen Christen lässt sich für die normannische Zeit bestätigen, wie Beispiele aus dem Bereich der normannischen Herrschaftspraxis und onomastische Zeugnisse zeigen, wenngleich Metcalfe konstatiert, dass im 12. Jahrhundert ein Prozess einsetzte, der durch religiöse Konversion und Assimilation immer stärker zu einer Latinisierung und Christianisierung der Insel führte.

Den normannischen Herrschaftsaufbau nimmt Michèle Steiner in den Fokus. Nach Ausführungen zu den Anfängen der Normannen auf Sizilien und zu zeitgenössischen arabischen Reaktionen auf den Verlust der Insel befasst sich Steiner exemplarisch mit dem Repräsentationshandeln und dem Rechtsverständnis der normannischen Herrscher. Sie kommt dabei in Übereinstimmung mit der Forschung zu dem Ergebnis, dass sich auf beiden Ebenen ein Mischstil herausbildete, der unterschiedliche kulturelle Einflüsse miteinander verband, aber eher als Herrschaftspragmatismus denn als Toleranz anzusehen ist, da sich die Normannen stets als christliche Herrscher verstanden. Die hier angeklingende Frage nach einer normannischen Identität wird anschließend von Alheydis Plassmann differenziert und quellenbasiert beleuchtet. Sie arbeitet heraus, dass die Identität der sizilischen Normannen stark mit der Legitimation ihrer Herrschaft verbunden war. Nicht die Abstammung aus Skandinavien oder der Normandie war für die Generierung einer süditalienischen Identität entscheidend, sondern Motive wie die Idoneität der Hauteville-Herrscher oder die Fiktion eines altehrwürdigen Königreichs Sizilien, das durch Roger II. wiederbelebt wurde.

Die staufische Zeit Siziliens behandelt Ferdinando Maurici, indem er die bekannten Stationen Friedrichs II. – seine Kindheit auf Sizilien, den Thronstreit, die Rückkehr ins regnum, die Auseinandersetzung mit den sizilischen Muslimen, den Kreuzzug, die Konstitutionen von Melfi, Friedrichs II. Bautätigkeit und schließlich seinen Tod und seine Nachfolge – unter dem Aspekt von Multiethnizität und Multikulturalität beleuchtet.

Die Rolle Siziliens im maritimen Handel und die wirtschaftlichen Aktivitäten der Insel innerhalb der Mittelmeerwelt rückt Stefan Köhler ins Zentrum seiner Ausführungen. Nach einem leicht redundanten Beginn arbeitet Köhler anhand der Wirtschaftsaktivitäten von Amalfi und Messina sowie Handelsverträgen heraus, dass Sizilien im Vergleich zu Norditalien nicht als unterentwickelt gelten kann. Aufgrund von Finanzwirtschaft und Binnenhandel gestaltete sich die Wirtschaft der Insel deutlich vielschichtiger als häufig von der Forschung postuliert, wenn in Sizilien vorrangig ein reiner Rohstoffexporteur von Getreide gesehen wird.

Mit der spätmittelalterlichen Geschichte der Insel Sizilien beschäftigt sich Laura Sciascia. Sie untersucht für die Periode von 1282 bis 1495 die Rolle Siziliens im Konflikt um die Kontrolle des Mittelmeeres. Im Zentrum dabei stehen die Einflussnahme der aragonesischen Krone auf die sizilische Königsherrschaft sowie die Bedeutung der feudalen Familien und der Städte nicht zuletzt in ihrer Auseinandersetzung mit der katalanischen Herrschaft. Am Ende dieser Entwicklungsphase büßte Sizilien seine institutionelle und kulturelle Eigenständigkeit ein und ging im spanischen Imperium auf.

In sozialanthropologische Überlegungen führt Christian Giordano ein, der die Vorstellung von Sizilien als Ehr- und Schamgesellschaft und die Kritik an einer solchen Archaisierung und Exotisierung der Insel zum Anlass nimmt, um das Ehrverständnis auf Sizilien anhand moderner Literatur und Reiseberichte des 18. und 19. Jahrhunderts zu ergründen. Am Ende betont er, dass durch eine solche Analyse „die auf stereotypen und zugleich vorurteilsbeladenen Mustern beruhenden Vorstellungen der starren sozio-kulturellen Einheit des mediterranen Raums“ (S. 201) infrage gestellt werden kann.

Der Frage nach der Rolle Siziliens im italienischen Nationalstaat geht Georg Winkler anhand unterschiedlicher Konzepte von Italien nach, die im 18. und 19. Jahrhundert diskutiert wurden: der Vorstellung liberaler Kreise, dass Sizilien eher zu Afrika als zu Norditalien gehöre und daher nicht in den italienischen Einheitsstaat zu integrieren sei, der Auffassung nationaler Kreise, dass ohnehin aufgrund regionaler und kultureller Unterschiede ein einheitliches Italien nicht zu schaffen und daher Sizilien zum italienischen Territorium zu rechnen sei, oder auch der Vorstellung, dass der Süden aufgrund seiner Rückständigkeit zu zivilisieren, also an die norditalienischen Verhältnisse anzupassen sei. Bei allen Facetten dieser Diskussion zeigt sich ein Nord-Süd-Konflikt, der nach Winkler noch lange in der italienischen Vergangenheit nachwirkte.

Die Zeitspanne von den 1890er-Jahren bis 1914 nimmt schließlich Marga Achberger in den Blick. In ihrem gut strukturierten und überzeugend argumentierenden Beitrag widmet sie sich Sizilien als Auswanderungsregion, fragt nach Zielen sizilischer Emigranten, nach Voraussetzungen und Ursachen der Emigrationswellen, nach den Möglichkeiten und Grenzen italienischer Identitätsbildung im Ausland. Zu ihren zahlreichen Beobachtungen gehört, dass ein großer Teil der sizilischen Arbeitsmigranten in den USA nur für einen begrenzten Zeitraum Lebensstandard und sozialen Status verbessern wollte, um insbesondere die auf Sizilien verbliebene Familie materiell zu unterstützen, oder dass die regionale Zersplitterung Italiens im Inland ein Identitätsgefühl verhinderte, bei den Emigranten sich jedoch ein Zugehörigkeitsgefühl zur italienischen Nation ausbildete.

Eine Zusammenfassung der Beiträge mit acht Ausblicken auf „die historische Entwicklung vergangener und gegenwärtiger Stereotype sizilianischer Lebenswelten“ (S. 246) von Wolfgang Gruber beschließt den Band, der sich durch eine durchweg gelungene Mischung von Beiträgen auszeichnet, die teils überblicksartig angelegt sind, teils differenzierte Einzeluntersuchungen präsentieren und die interkulturellen Kontakt, Identität sowie Aspekte eines Nord-Süd-Gefälles in Italien vorstellen. An manchen Stellen hätte man sich ein sorgfältigeres Lektorat gewünscht, wenn etwa wörtliche Zitate ohne Anmerkung geblieben sind oder nur allgemein auf einen Beitrag, nicht aber auf eine konkrete Seitenzahl verwiesen wird (z. B. S. 184, 254, 257), Literatur am Ende des Beitrags nicht aufgelöst wird (z. B. S. 153, Anm. 39) oder kleinere inhaltliche Fehler stehen geblieben sind (z. B. S. 59: Kaiserkrönung Heinrichs VI. 1194; S. 132: Wahl Friedrichs II. zum römisch-deutschen König 1112). Und auch wenn die Herausgeber eingangs betonen, dass sich das Buch „in erster Linie an historisch interessierte LeserInnen“ (S. 10) richtet, wäre es doch wünschenswert gewesen, dass die verwendeten Quellen durchgängig über die einschlägigen Editionen und nicht, wie vielfacht geschehen, über die Literatur zitiert worden wären. Trotz dieser eher handwerklichen Einschränkungen bietet der Band anregende und bedenkenswerte Überlegungen zur Geschichte Sizilien von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, die von den künftigen Arbeiten zu Süditalien sicherlich gerne rezipiert werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Martin Dreher, Das antike Sizilien, München 2008; David Engels / Lioba Geis / Michael Kleu (Hrsg.), Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Herrschaft auf Sizilien von der Antike bis zum Spätmittelalter, Stuttgart 2010; Annliese Nef, Conquérir et gouverner la Sicilie islamique aux XIe et XIIe siècles, Rom 2011; dies. (Hrsg.), A Companion to Medieval Palermo. The History of a Mediterranean City from 600 to 1500, Leiden/Boston 2013.
[2] Vgl. etwa Christian Friedl, Der Beamtenstaat Friedrichs II. Geschichtsbild und Verwaltungsrealität, in: Georg Vogeler (Hrsg.), Geschichte „in die Hand genommen“, München 2005, S. 227-243; ders., Studien zur Beamtenschaft Kaiser Friedrichs II. im Königreich Sizilien (1220-1250), Wien 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.10.2015
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/