Cover
Titel
Siziliens Geschichte. Insel zwischen den Welten


Herausgeber
Gruber, Wolfgang; Köhler, Stephan
Reihe
Expansion, Interaktion, Akkulturation. Globalhistorische Skizzen 24
Erschienen
Anzahl Seiten
262 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kordula Wolf, Deutsches Historisches Institut, Rom

Vor dem Hintergrund transkultureller, mediterraner und globalgeschichtlicher Fragestellungen haben während der letzten Jahre auch Aspekte der italienischen Geschichte wieder verstärktes Interesse geweckt. Vom Mittelmeer umspült und auf vielfältige Weise mit anderen Regionen verflochten, heute am Südrand Europas gelegen, wo sich im Mittelalter muslimische und christliche Einflusssphären berührten, halten Italiens Festlandsgebiete und Inseln nach wie vor eine Fülle spannender Untersuchungsfelder bereit. Das gilt auch und insbesondere für Sizilien als „interkulturelle Kontaktzone“ und „Schmelztiegel verschiedener Kulturen“, um hier von den Herausgebern einleitend verwendete Bezeichnungen aufzugreifen (S. 9f.). Dass die Geschichte dieser Insel bislang vor allem im weiteren Rahmen der römisch-antiken Welt, mediterraner Handelsnetzwerke oder großer Monarchien geschrieben worden sei und „der spezifische Blick auf die Insel selbst“, auf ihre internen Entwicklungen und die Identitäten ihrer Bewohner fehle (S. 9), mag angesichts des aktuellen Forschungsstandes als ein etwas zu pauschales Urteil erscheinen und auf den ersten Blick durchaus als Aufruf zu einer autochthoneren Betrachtung der sizilianischen Geschichte missverstanden werden. Dass dem (glücklicherweise) nicht so ist, verdeutlichen durchweg alle Beiträge. Eine adäquate Untersuchung der im Reihentitel genannten Themen Expansion, Interaktion und Akkulturation – aber auch vieler anderer Aspekte – am Beispiel Siziliens ist ohne Einbettung in größere Zusammenhänge schlichtweg unmöglich. Ohne den Anspruch einer umfassenden Gesamtdarstellung zu erheben, präsentiert der Band eine gelungene Mischung aus Überblicksbeiträgen und Detailstudien, wobei der zeitliche Bogen von der Antike bis in die Gegenwart gespannt ist.

Unter mehreren Beiträgen, die der Zeit des Mittelalters gewidmet sind, sei zunächst derjenige von Alex Metcalfe über soziokulturelle Veränderungen infolge der Etablierung muslimischer und später normannischer Herrschaft in Sizilien hervorgehoben. Er behandelt viele interessante Punkte, macht aber auch auf quellenbedingte und interpretatorische Schwierigkeiten aufmerksam, die kaum genauere Aufschlüsse über Gruppenidentitäten, Clan- und Klientelstrukturen oder Akkulturationsprozesse ermöglichen. So seien beispielsweise die arabischen Begriffe mawāli („Klienten“) oder aribba’ („Stief-/Ziehsöhne“) in ihrer konkreten Bedeutung im sizilianischen Kontext nur schwer zu fassen und ließen keine klaren Aussagen über Konversionen zum Islam oder die Integrationen von (konvertierten?) Christen in muslimische Familienverbände zu. Spannend sind auch Metcalfes Ausführungen über Eheverbindungen von muslimischen Männern mit christlichen Frauen und geschlechterspezifische Glaubenserziehung. Besonders die Seite 79 bis 81 zitierten Texte sollten allerdings nicht ohne Weiteres als Zeugnisse für die Existenz von „Mischehen“ zur Zeit der Aghlabiden und Kalbiten gewertet werden, denn erst durch eine Einordnung in den Kontext der jeweils geltenden islamischen Doktrin können differenziertere Einsichten in die lokale Praxis christlich-muslimischer Paarbeziehungen und damit einhergehende Problematiken gewonnen werden. Was das Phänomen der Blutsbrüderschaft betrifft, das sogar zwischen Christen und Muslimen zur Anwendung gekommen sei (S. 79), so geben die hier angeführten lateinischen Quellenbelege eine solche Interpretation indes nicht her, ist hier doch lediglich von foedus [...] eorumque more per aurem adoptivum fratrem, alter alterum factum vicissim susceperat beziehungsweise von fraterne fedus societatis die Rede. Ob es sich hier um ein übersetzungsbedingtes Missverständnis handelt? Trotz dieser kleinen Einschränkungen ist die Lektüre von Metcalfes Beitrag sehr anregend, weil sie den Blick auf unterschiedliche Facetten und nach wie vor offene Fragen christlich-muslimischer „Konvivenz“ in Sizilien lenkt. Neue Akzente innerhalb der Debatte um die Frage normannischer Identität(en) setzt wiederum Alheydis Plassmann. Sie zeigt, wie in den Herkunftserzählungen süditalienischer Chronisten erst ab der zweiten/dritten Generation das – auf Traditionen aus der Normandie beruhende – Bewusstsein von der Herkunft der normannischen gens aus dem „Norden“ beziehungsweise Skandinavien deutlich nachließ und entsprechend für die Herrschaftslegitimation der Hauteville dann kaum mehr eine Rolle spielte. Ähnlich generationenbedingte Veränderungen seien bei den Historiographen auch hinsichtlich der den Normannen zugeschriebenen Eigenschaften zu beobachten. Gerade durch das Herausarbeiten solcher shifting identities erscheint die verbreitete Annahme, wonach die hohe Integrationsfähigkeit der Normannen in Süditalien und Sizilien mit dem Verlust ihrer normannischen Identität einhergegangen sei, zumindest für die Anfangszeit überdenkenswert. Um eine Neubewertung der ökonomischen Rolle Siziliens während des Mittelalters geht es ferner Stephan Köhler, indem er mit kritischem Blick auf ältere wie aktuelle geschichtswissenschaftliche Diskurse deutlich macht, dass trotz grundlegender Veränderungen seit den normannischen Eroberungen die Insel ebenso wie Süditalien im Vergleich zu Oberitalien kein wirtschaftlich rückständiges Gebiet war.

Aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln beschäftigen sich mit der Nord-Süd-Problematik auch andere Autor/innen des Bandes. So setzt sich Christian Giordano in seiner sozialanthropologischen Analyse der sizilianischen Gesellschaft des 19./20. Jahrhunderts anhand des Themas der Ehre differenziert mit dem von Ethnologen und Sozialanthropologen gezeichneten Bild Siziliens als einer Ehr- und Schamgesellschaft und den gegen ein solches Bild vorgebrachten Vorwürfen auseinander, es handele sich hierbei lediglich um eine künstliche Archaisierung und Exotisierung der Insel, die ebenso ein Konstrukt sei wie die Trennung einer euro-mediterranen Gesellschaft von den restlichen Kulturen Europas. Giordano begreift die sizilianische Gesellschaft als spezifischen Teil eines hochkomplexen Mosaiks aus Sozial- und Kulturgebilden (S. 201) und arbeitet heraus, dass die Ehre – bei aller heutigen Tabuisierung dieses Themas und bei aller Kritik an Stereotypisierungen – weiterhin eine anthropologisch relevante Metapher sei, die für eine vergleichende Analyse aktueller Vorstellungen und Praktiken von Ehre im gesamten Mittelmeerraum ein wichtiges Element darstelle. Aus einer anderen Perspektive fragt Georg Winkler nach der Verortung Siziliens innerhalb der während des Risorgimento entstandenen Konzeptionen von Italien und dem italienischen Nationalstaat. Es geht ihm dabei nicht zuletzt auch um die Frage der historischen Wirksamkeit des Mezzogiorno-Diskurses, mit dem die Vorstellung von einer sizilianischen Alterität eng verbunden war. Winkler arbeitet unter anderem heraus, dass die Darstellung Siziliens beziehungsweise des italienischen Südens als rückständig und unzivilisiert auch nach der nationalen Einigung fortwirkte, nun jedoch weniger der gedanklichen Abgrenzung zwischen einem europäischen Norden und einem afrikanischen Süden diente, sondern stärker mit der Modernisierungsfrage verbunden wurde. Sowohl die Nord-Süd-Problematik als auch eine Reihe „typisch sizilianischer“ Eigenschaften werden abschließend noch einmal von Wolfgang Gruber in seinem Beitrag „Die erfundene Gemeinschaft Siziliens“ aufgegriffen. Man kann seine Nachdenklichkeit hinsichtlich des Bildes, das im Zeichen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ein südliches Europa der Misswirtschaft und Korruption vom nördlichen Europa abgrenzt (S. 249), nur teilen, zumal die jüngsten Statistiken die in den Köpfen festsitzenden Vorstellungen über Italien nur noch einmal mehr zu bestätigen scheinen.[1] „Zuschreibungen von außen werden zur Realität und können nur schwer als Konstruktion enttarnt werden“ (S. 251) – und das seit Jahrhunderten. Sicherlich tun wir gut daran, auch unser eigenes mental mapping auf den Prüfstand zu stellen, indem wir uns mit Wolfgang Gruber vergegenwärtigen, wie Sizilien für viele Teile Europas den Part der Alterität spielt: „Irgendwie dazugehörig zum ‚geographischen Projekt Europa‘, aber doch auch stets gleichzeitig die außenstehende suspekte Andere [Region], erfüllt/e es [Sizilien] stets seine Funktion.“ (S. 251)

Alles in allem bietet der Band einen gut lesbaren, kompakten und zugleich profunden Zugang zur facettenreichen Geschichte der Mittelmeerinsel. Mit Mut zur Lücke ist es den Herausgebern gelungen, ein kohärentes, inhaltlich gut verzahntes Sammelwerk zu publizieren, das nicht nur für sizilien-, epochen- oder fachspezifische Fragen aufschlussreich ist, sondern auch wichtige Details und Reflexionen zu übergreifenden Themen beinhaltet. In diesem Sinne hält es nicht nur für eine deutschsprachige Leserschaft interessanten Lektürestoff bereit.

Anmerkung:
[1] European Commission, Anti-Corruption Report: <http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/what-we-do/policies/organized-crime-and-human-trafficking/corruption/anti-corruption-report/docs/2014_acr_italy_factsheet_en.pdf> (10.02.2014).