Cover
Titel
Historisches Lernen denken. Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928–1947. Mit einer Dokumentation zum Historikertag 1976


Herausgeber
Sandkühler, Thomas
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
548 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Stambolis, Historisches Institut, Universität Paderborn

Studien auf Interviewgrundlage und mit Blick auf lebens- und berufsbiographische Zusammenhänge haben sich mittlerweile als gewinnbringende Steinbrüche etabliert, um Entwicklungen in einer wissenschaftlichen Zunft, kollegiale Vernetzungen und altersgruppenspezifische Forschungsherausforderungen darzulegen. Generationell exemplarische und zeitgeschichtlich interessante Erfahrungen in der Historikerzunft beispielsweise liegen aus England, Frankreich und den USA vor; deutsche Historiker haben sich lange zurückhaltender lebens- und berufsbiografisch in die Zeit gestellt, jedoch seit einer ganzen Weile bereits sowohl in Einzelinterviews als auch in kollektivbiographischen Befragungen ausführlicher selbst historisiert und nach Zusammenhängen zwischen ihren Erfahrungen, ihrer Zeitzeugenschaft, ihrer generationellen Selbstverortung und ihren beruflichen Prägungen gefragt. „Die Spannung, ob sich so etwas wie eine Art Kollektivbiographie herausschälen lässt, ist groß“, stellte z.B. Heinz Duchhardt, Mitinitiator des Projekts „Deutsche Historiker Jahrgang 1943“, vor einigen Jahren fest.[1]

Diese „Spannung“ gilt nun ausdrücklich auch für die von Thomas Sandkühler herausgegebenen Gespräche mit 14 Geschichtsdidaktikerinnen und -didaktikern. Die Befragten sind zwischen 1928 und 1947 geboren, ihr berufliches Wirken fiel in die Jahre 1955 bis 2013. Hans Süssmuth (geb. 1935) stand nicht zur Verfügung, Karl-Ernst Jeismann (gest. im Februar 2012) konnte nicht mehr interviewt werden. Unter den Interviewten befinden sich drei Frauen. Den Interviews lag ein Leitfaden zugrunde, wie dies bei narrativen lebensgeschichtlichen Interviews die Regel ist. Die Interviewpartner hatten die Gelegenheit, in einem ersten Block auf prägende Erfahrungen in Kindheit und Jugend einzugehen, dann auf ihre Schul- und Hochschulausbildung sowie auf ihre akademischen Lehrer und kollegiale Vernetzungen. In einem zweiten Teil standen ihre Erinnerungen an die Profilbildungsprozesse der Geschichtsdidaktik, eigene Anteile an geschichtsdidaktischen Diskursen und Initiativen und deren Kontextualisierung im Zuge einer sich wandelnden Geschichtswissenschaft, der sich verändernden Hochschullandschaft und gesellschaftlicher Veränderungsprozesse im Mittelpunkt der Selbstreflexionen. Angefügt ist dann noch die Dokumentation einer Kontroverse zwischen Joachim Rohlfes und Annette Kuhn auf dem 31. Historikertag in Mannheim im Jahre 1976, der jedoch in den Interviews keine große Bedeutung zukommt.

Da alle Interviewpartner bereits entpflichtet sind, ist – wie Thomas Sandkühler ausdrücklich einleitend anmerkt – davon auszugehen, dass die Befragten in gewissem Maße einem Narrativ folgen, indem sie ihre innovativen Anteile an der Fachdidaktik der 1970er-Jahre betonen, kollegiale Vernetzungen benennen oder Konflikte ansprechen, beispielsweise zwischen Pädagogischen Hochschulen und Universitäten, Historikern und Geschichtsdidaktikern. Mit Blick auf den zuletzt genannten Aspekt lassen sich deutliche Unterschiede z.B. zwischen den Universitäten Bielefeld und Bochum feststellen. Während sich Hans-Ulrich Wehler als einer der damals maßgeblichen Historiker ausdrücklich distanziert gegenüber Geschichtsdidaktik und Pädagogischen Hochschulen zeigte, spricht Jörn Rüsen von der größeren Offenheit Hans Mommsens und zitiert diesen im Rückblick auf die frühen 1970er-Jahre aus der Erinnerung mit dem Satz: „Wir können nicht ignorieren, dass wir Geschichtslehrer ausbilden, irgendwie müssen wir das ja nun im Rahmen unserer Arbeit dieser Fakultät berücksichtigen.“ (S. 267)

Je nach speziellem Leseinteresse lassen sich vielfältige Einsichten bei der Lektüre gewinnen. In einigen Interviews finden sich beispielsweise besonders aufschlussreiche Überlegungen zu generationellen Prägungen der Befragten, unter anderem in den Reflexionen Jörn Rüsens, Rolf Schörkens sowie Peter Schulz-Hageleits. Inwieweit die Interviewten nicht nur „etwas bewegt“ haben, sondern auch „bewegt wurden“, ist ein weiterer Gesichtspunkt, unter dem sich das Buch lesen lässt, womit die Selbstverortung der Interviewten gegenüber der Vätergeneration, also Fragen der Generativität Berücksichtigung finden. Diskutieren lässt sich sicher, welche Bedeutung die „Wissenschaft vom historischen Lernen“ vor dem Hintergrund der Diktaturerfahrungen einer Altersgruppe gewann, deren generationelles Besonderheitsmerkmal darin besteht, dass eine ganze Reihe vor allem männlicher Angehöriger der Geburtskohorten 1926 bis 1928 noch aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt war. Sie gehörten zu den Minderjährigen, die ab Januar 1943 als „Luftwaffen“- oder „Marinehelfer“ in Flugabwehrstellungen eingesetzt wurden. Sie sind zu unterscheiden von den Kriegskindern im engeren Sinne (Bodo von Borries etwa oder Schulz-Hageleit), die sich „vaterlos“ (Rüsen), persönlich und was gesellschaftliche Vorbilder betraf, ebenfalls neu orientieren mussten, die sich früh mit dem Beschweigen der NS-Vergangenheit konfrontiert sahen und für die der „mündige“ Schüler dann auch beruflich ein Lebensthema wurde. Als Schörken schon 1984 für den ausführlichen Lebensbericht eines Flakhelfers ein Geleitwort verfasste, brachte er darin seine Ergebnisse für ein breiteres Publikum auf den Punkt; wörtlich heißt es darin, „es dürfte heute keine Generation geben, die ein illusionsloseres Bild vom Kriegseinsatz und dem dahinter stehenden Regime“ habe als die Luftwaffenhelfer.[2] Was in den Interviews nicht thematisiert wird: die Tradition der Prügel- und Angstpädagogik, unter denen Angehörige der interviewten Jahrgänge als Heranwachsende nicht selten gelitten oder die sie als Schüler beobachtet hatten.[3] Solche Erfahrungen dürften auch für die Didaktik von Bedeutung gewesen sein, die ja, wie bereits angesprochen, eine freie und kritische Schülerschaft im Blick hatte. Mit den von Sandkühler angesprochenen Generationenlabels „45er“ oder „68er“ lassen sich solche Prägungen und daraus sich ergebende Folgerungen wohl kaum hinreichend umschreiben.

Die Frage nach der „generationellen Dignität“[4] der Befragten ist zweifellos ebenso vorsichtig differenzierend zu beantworten wie die nach kollektivbiographischen Gemeinsamkeiten der Interviewpartner und Interviewpartnerinnen im Sinne einer wie auch immer im Einzelnen zu umschreibenden geschichtsdidaktischen „Gründergeneration“, von denen nur einige wenige sich als „68er“ verstehen.[5] In den Interviews, die der Herausgeber nur knapp einleitend kommentiert, jedoch mit einem beeindruckenden Anmerkungsapparat versehen und damit für die gründliche Lektüre aufbereitet hat, wird beispielsweise deutlich, dass es unter den Befragten eine ganze Reihe Aufsteiger gibt, die zunächst den Lehrerberuf als erstrebenswerte Berufsperspektive betrachteten. Sie planten ihre Karrieren kleinschrittig, sahen sich als „Generation, die sich anstrengen musste“ (S. 257), der sich jedoch viele berufliche Möglichkeiten boten. Habilitiert haben sich in dem vorliegenden Sample lediglich Ursula A.J. Becher und Hans-Jürgen Pandel.

Interessant in dem nur sparsam mit Deutungen versehenen und vielleicht gerade deshalb so anregenden Band ist schließlich auch ein Blick auf die Aufstiegswege und Positionierungen der drei interviewten Frauen, neben Becher Annette Kuhn und Susanne Thurn. Während sich Becher zurückhaltend zum Stichwort „Emanzipation“ im Zusammenhang mit Frauen in der Wissenschaft äußert, stärker von „Emanzipation durch historische Erkenntnis“ und vor allem von einem demokratisch offeneren Lebensgefühl spricht (S. 156), heißt es im Interview mit Annette Kuhn im Zusammenhang mit der Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU) Mitte der 1970er-Jahre: „Ich habe diese Situation so wahrgenommen: Männer unter sich. […] Die Annette durfte gucken, ob sie noch Kaffee nachgießen kann. Das war jetzt mehr ein Scherz.“ (S. 177)

Die vorliegende Publikation, die sich als „Beitrag zur Zeitgeschichte der Geschichtsdidaktik“ (S. 8) versteht, wird nicht nur diesem Anspruch gerecht, sondern es fällt auch ausgesprochen leicht, neugierig den Interviews zu folgen und sich dabei immer wieder den erläuternden Informationen in den Fußnoten zuzuwenden. Nicht zuletzt lassen sich unschwer perspektivische Forschungsfragen aus diesem Interviewprojekt gewinnen, beispielsweise folgende, womit die Lektüre noch einmal empfohlen sei: Welche Bedeutung hatte die Tatsache, dass einige der Interviewten mehr, andere weniger oder kaum eigene Lehrerfahrungen in der Schule hatten? Welche geschichtsdidaktischen Impulse haben sich über einen längeren Zeitraum für jüngere Geschichtsdidaktiker und Lehramtsstudierende als tragfähig erwiesen? Wie wurde in den 1970er-Jahren und zu Beginn der 1980er-Jahre die damals aktuelle Geschichtsdidaktik kommuniziert? Wie entwickelte die Generation von Didaktikern, der Thomas Sandkühler (geb. 1962) angehört, der 1982 in Bochum sein Studium aufnahm (S. 279), geschichtsdidaktische Positionen weiter und neu?

Anmerkungen:
[1] Zur „Selbsthistorisierung von Historikern in generationellen Kontexten“ vgl. Barbara Stambolis, Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943, Essen 2010, S. 11. In den seit 1997 in lockerer Folge in der Rezensionszeitschrift „Neue Politische Literatur“ erscheinenden berufsbiographischen Interviews mit Historikern wurden bislang Fragen nach dem Zusammenhang von „‚Geschichte und Leben“ durchaus gestellt, nach generationellen Selbstverortungen zunächst jedoch kaum. Innovativ dagegen: Rüdiger Hohls / Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart 2000.
[2] Rolf Schörken in Ludger Tewes, Jugend im Krieg. Von Luftwaffenhelfern und Soldaten 1939–1945, Essen 1989, S. VI; ders., Sozialisation inmitten des Zusammenbruchs. Der Kriegseinsatz von 15–16jährigen Schülern in der deutschen Luftabwehr (1943–1945), in: Dittmar Dahlmann (Hrsg.), Kinder und Jugendliche in Krieg und Revolution. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Kindersoldaten Afrikas, Paderborn 2000, S. 123–144.
[3] Zitat von Bodo von Borries in: Barbara Stambolis (Hrsg.), Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943, Essen 2010, S. 71.
[4] Axel Schildt, Die Schülerbewegung der späten 60er Jahre, in: Jürgen Reulecke (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S. 229–251, hier S. 229.
[5] In Anm. 101, S. 28 wird Günter C. Behrmann mit der These zitiert, die Flakhelfergeneration habe Jürgen Habermas „pädagogisiert“. Vgl. dazu Clemens Albrecht / Günter C. Behrmann / Michael Bock (Hrsg.), Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999, S. 448–496, zit. S. 492.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.12.2015
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag