E. Pugh: Architecture, Politics, & Identity in Divided Berlin

Cover
Titel
Architecture, Politics, & Identity in Divided Berlin.


Autor(en)
Pugh, Emily
Reihe
Culture, Politics, and the Built Environment
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 440 S., 87 SW-Abb.
Preis
$ 34.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Celina Kress, Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin

Wissenschaftliche Vergleiche haben auch in der Stadtforschung Konjunktur – kaum ein Projekt im Bereich der Urban Studies oder der Planungsgeschichte kommt inzwischen ohne die Bearbeitung topografisch-zeitlich vergleichender Perspektiven aus. In ihrem Buch „Architecture, Politics, & Identity in Divided Berlin“ vergleicht Emily Pugh zwei räumliche und politisch-gesellschaftliche Territorien, die eigentlich zusammengehören: Sie beschäftigt sich mit der deutsch-deutschen Teilungs- und Verflechtungsgeschichte am Beispiel der Stadt Berlin. Im Zentrum der Studie stehen die Formationen des gebauten Raums der Stadt zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Wiedervereinigung. Ausgangspunkt dafür ist die These, dass die mit der politischen und physischen Teilung verbundenen nationalen und individuellen Identitätskonstruktionen in beiden Teilen Deutschlands gerade auf dem Feld von Planung, Konstruktion und Rezeption der gebauten Umwelt besonders deutlich sichtbar und diskutierbar sind. Für die Wahl Berlins als Ort der Untersuchung sprechen mehrere Argumente: Zum einen stelle die Stadt durch ihre Lage und die räumliche Präsenz der Mauer den wohl sichtbarsten Ausdruck der Teilung Deutschlands dar. Zum anderen sei sie ein signifikanter Sonderfall, da ihre Rolle als Hauptstadt – die sie zum Träger nationaler Identitätskonstruktionen und -repräsentationen macht – auf nationaler Ebene immer auch in Frage stand.

Um Ursachen, Zusammenhänge und Ausprägungen nationaler und individueller Identitäten in den beiden deutschen Staaten zu untersuchen, greift die Autorin in ihrer Darstellung der urbanen Konstruktion Berlins bis zur Reichsgründung 1871 zurück. Sie skizziert wesentliche Aspekte Berlins als schnell wachsender Mietskasernenstadt um 1900 und als kulturelles Zentrum in der Zwischenkriegszeit. Im Entstehungsprozess der Großstadt Berlin sei es dabei – im Gegensatz zu Ländern wie Bayern oder Sachsen – nicht um die Ausprägung regionaler Identität gegangen, sondern eher um Konstruktionen und Dimensionen von „Modernität“ und „Heimat“. Im Spannungsfeld dieser beiden theoretischen Modelle werden im Folgenden politische, kulturelle und alltagsgeschichtliche Prozesse der nationalen Identitätsbildung in beiden deutschen Staaten diskutiert. Die als Vergleich von Entwicklungen in West- und Ost-Berlin konzipierte Studie gliedert die Zeit der Teilung klassisch in vier Phasen: (Wieder-)Aufbau (1950er-Jahre), materielle und kulturelle Festigung, beginnende Krise (1960er-/1970er-Jahre), Krisen, Protest, Rückkehr zur Einheit (1980er-Jahre), Nachwendezeit (ab 1990).

Allgemein bekannt sind auch die zum Vergleich ausgewählten signifikanten Bauprojekte auf beiden Seiten der Mauer: Für die Aufbauzeit stehen sich die Karl-Marx-Allee und das Hansaviertel gegenüber, für die Zeit der 1960er-/1970er-Jahre werden die Planung und Umsetzung des Palasts der Republik im Osten sowie die Staatsbibliothek im Westen in Beziehung gesetzt. Das strenge Schema des Bau-Vergleichs wird um weniger typologisch strenge Zugriffe erweitert. Im Hinblick auf Ost-Berlin beschäftigt sich die Autorin auch mit Strukturen und Konjunkturen des Großtafelwohnungsbaus seit den 1960er-Jahren. Für die 1980er-Jahre stehen die Wohnungsbauproduktion und -rezeption und Bemühungen um die 750-Jahr-Feier im Osten den Konzepten und Einzelprojekten der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1984/87 und dem Stadtjubiläum im Westen gegenüber. Für die Nachwendezeit ruft die Autorin vielfältige bauplanerische Ziele und Projekte auf; sie betont deren konzeptionelle Wurzeln in der Zeit vor der politischen Teilung. Pugh macht klar, dass in der durch westliche Planer-Eliten dominierten Baupraxis der Nachwendezeit, begleitet durch eine spezifische Rhetorik des Zusammenwachsens, die materiellen Spuren der ostdeutschen Identitätskonstruktionen im gebauten Raum der Stadt allmählich verloren gingen.

Eine besondere Leistung der Studie besteht in der zeitlich ausgreifenden Darstellung (städte)baulich-sozialer Entwicklungen in Berlin seit der Großstadtwerdung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Indem die vergleichende Betrachtung der geteilten Stadt und ihrer doppelten Identitätskonstruktionen in den Rahmen einer urbanen Gesamtgeschichte gestellt wird, gelingt es, spezifische Wandlungen der urbanen Identität Berlins nachzuzeichnen.[1] So wird die sich abzeichnende Entfremdung zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik vor dem Hintergrund anhaltender Probleme der beiden deutschen Staaten mit dem Hauptstadtstatus Berlins plausibler. Zugleich befand sich die Stadt in einer Doppelrolle als Repräsentationsraum zweier ideologischer Systeme, die sich im Kalten Krieg gegenüberstanden und sich im Stadtraum Berlins physisch berührten. Zusätzlich wäre hier jedoch der Hinweis auf die lange Tradition des Berliner Doppelzentrums erforderlich, dessen bauliches Symbol die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche seit ihrer Einweihung 1895 ist.[2]

Konkrete, hier untersuchte Bauvorhaben wurden zum sichtbaren Ausdruck der mit ihnen verknüpften nationalen Identitäten. Ziel von Pughs Arbeit ist aber nicht in erster Linie die Präsentation bauhistorischer Entwicklungen und Projekte. Sie kann dazu auf einschlägige, vorliegende Arbeiten verweisen.[3] Vielmehr diskutiert die Autorin mit ihrer Analyse von Planung, Realisation und Aneignung der verschiedenen Bauprojekte im Westen und Osten der Stadt unterschiedliche, im Zeitverlauf gewandelte Vorstellungen von „Modernität“ und „Heimat“ in den beiden Teilen der Stadt (und damit auch beider Teile Deutschlands), die für die entsprechende Zeit charakteristisch waren.

Die kontrastierende Darstellung kultureller Identitätsprägungen in der Nachkriegszeit am Beispiel des Aufbaus der Stalinallee in Ost-Berlin und des Hansaviertels in West-Berlin bringt wenig neue Erkenntnisse. Anhand der Stalinallee wird die durch Vorgaben aus der Sowjetunion bestimmte Architektur nach den 16 Grundsätzen des Städtebaus erläutert, während das Hansaviertel – errichtet nach den vom Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM) vermittelten stadträumlichen Prinzipien des Funktionalismus – als baulich-räumlicher Ausdruck der internationalen Architekturmoderne dargestellt wird. Durch Formen medialer Präsentation wurde das neue Wohnviertel zugleich zur Projektionsfläche für amerikanische Konsumkultur. Sollte der Rückgriff auf die Vergangenheit den Anspruch Ost-Berlins auf das Erbe des „wahren“ Deutschlands legitimieren, ging es in West-Berlin um die Ankurbelung des wirtschaftlichen Aufschwungs sowie um die Entwicklung einer neuen Konsumlust als Ausdruck der Nähe zu den USA. Dieses eher stereotype Bild wird nur an wenigen Stellen durch den Hinweis auf unrenovierte Altbaugebiete im Westteil der Stadt oder den Hinweis auf Bürgerproteste gegen den Abriss der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche relativiert. Eine nachholende Entwicklung der an westlichen Entwurfsstandards, vor allem am skandinavischen Design orientierten Architekturmoderne in Ost-Berlin Anfang der 1960er-Jahre wird auch angesichts der angesprochenen Prestigebauten an der Frankfurter Allee oder der Ausstellung „neues leben – neues wohnen“ von 1962 nicht diskutiert.

Dafür geht Pugh auf die frühe theoretische Kritik von DDR-Planern an der dominierenden Praxis des Plattenbaus ein. Sie kann hier zeigen, dass die Kritik am Städtebau der Moderne, die Jane Jacobs 1961 in ihrem Klassiker „The Death and Life of Great American Cities“ formulierte, besonders früh aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, um das Problem der Monotonie im industrialisierten ostdeutschen Massenwohnungsbau zu bekämpfen. Die auf psychologische, emotionale Wirkung und Gemeinschaftsbildung abzielenden Bemühungen von Ost-Architekten stellt Pugh in einen direkten Zusammenhang mit einflussreichen Filmproduktionen der späten 1950er-Jahre. Deren Darstellungen von Alltagskultur zwischen unsanierten Altbauten und modernen Typenwohnungen machten die Brüchigkeit der offiziell vermittelten Vorstellungen von „Heimat“ in der DDR sichtbar und verwiesen auf die im Vergleich zum Westteil der Stadt frühe Entdeckung der zentral gelegenen Altbaugebiete als räumlich-soziales Gegenkonzept zur staatlich vermittelten Glückseligkeit in standardisierten Großwohnsiedlungen am Rand der Städte. Die Besetzung alter Häuser in West-Berlin begann erst ab Ende der 1960er-Jahre, in direkter Reaktion auf geplante und durchgeführte „Kahlschlagsanierungen“. Insbesondere für die Phase der 1970er- und der frühen 1980er-Jahre entdeckt Pugh bisher wenig beleuchtete konzeptionelle Konvergenzen, wenn sie die Staatsbibliothek von Hans Scharoun und den von Heinz Graffunder entworfenen Palast der Republik in die Entwicklungslinie der Volkshäuser der Vorkriegszeit und ihrer Beziehungen zum Expressionismus in Deutschland stellt.

Leider ist das Buch etwas undeutlich strukturiert, und auch die eher vage formulierten Überschriften erleichtern die Orientierung kaum. Angesichts der komplexen Herangehensweise fehlt stellenweise der Mut zu klaren Schlussfolgerungen, und im Bemühen um wissenschaftliche Korrektheit werden allzu viele Positionen beleuchtet. So ist es insgesamt nicht ganz einfach, den roten Faden und das Ziel der Arbeit im Blick zu behalten. Gleichwohl liefert das anspruchsvolle Werk einen engagierten Überblick zu urbanen Identitätskonstruktionen, vielfältige Detailinformationen und neue Perspektiven im Feld der Berlinstudien.

Anmerkungen:
[1] Nicht ganz zu Recht behauptet die Autorin jedoch das Fehlen komplementärer (Gesamt-)Analysen und übersieht dabei auch wichtige Standardwerke. Vgl. etwa Leonie Glabau, Plätze in einem geteilten Land. Stadtplatzgestaltungen in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik von 1945 bis 1990, Frankfurt am Main 2010; Kristina Vagt, Politik durch die Blume, Gartenbauausstellungen in Hamburg und Erfurt im Kalten Krieg (1950–1974), München 2013(rezensiert von Arnd Bauerkämper, in: H-Soz-u-Kult, 28.01.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-066> [16.08.2014]); Stephanie Warnke, Stein gegen Stein. Architektur und Medien im geteilten Berlin 1950–1970, Frankfurt am Main 2009 (rezensiert von Georg Wagner-Kyora, in: H-Soz-u-Kult, 30.09.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-3-203> [16.08.2014]). Warnkes Buch ist zwar im Literaturverzeichnis aufgeführt, wird aber inhaltlich nicht herangezogen. Siehe außerdem Johann Friedrich Geist / Klaus Kürvers, Das Berliner Mietshaus, Bd. 3: 1945–1989, München 1989 (die wertvolle Materialsammlung zur Arbeit Hans Scharouns spiegelt die bis in die 1960er-Jahre anhaltenden gesamtstädtischen Bemühungen der Planer); Harald Bodenschatz u.a., Berlin und seine Bauten, Teil 1: Städtebau, Berlin 2009.
[2] Celina Kress, Anker oder Ärgernis. Die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zwischen Wiederaufbaustreit und Urban Icon, in: Georg Wagner-Kyora (Hrsg.), Wiederaufbau europäischer Städte / Rebuilding European Cities. Rekonstruktionen, die Moderne und die lokale Identitätspolitik seit 1945 / Reconstructions, Modernity and the Local Politics of Identity Construction since 1945, Stuttgart 2014, S. 349–366.
[3] Etwa Gabi Dolff-Bonekämper / Franziska Schmidt, Das Hansaviertel. Internationale Nachkriegsmoderne in Berlin, Berlin 1999; Anke Kuhrmann, Der Palast der Republik. Geschichte und Bedeutung des Ost-Berliner Parlaments- und Kulturhauses, Petersberg 2006; Moritz Holfelder, Palast der Republik. Aufstieg und Fall eines symbolischen Gebäudes, Berlin 2008. Die beiden letzteren Bände wurden rezensiert von Hanna Steinmetz, in: H-Soz-u-Kult, 08.04.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-019> (16.08.2014).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.09.2014
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