D. Schmiechen-Ackermann u.a. (Hrsg.): Hochschulen in Niedersachsen

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Titel
Hochschulen und Politik in Niedersachsen nach 1945.


Herausgeber
Schmiechen-Ackermann, Detlef; Otte, Hans; Brandes, Wolfgang
Reihe
Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 274
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
136 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffen Billich, Historische Bildungsforschung, Universität Kassel

Während die Forschung zur Geschichte der europäischen und deutschen Universitäten in den letzten Jahren besonders auf der Makroebene weiter vorangeschritten ist, stehen regionalgeschichtliche Studien im lokal-institutionellen Kontext der deutschen Hochschullandschaft, besonders für die Zeit nach 1945, vielfach noch aus. In diese Lücke drängt der Sammelband „Hochschulen und Politik in Niedersachsen nach 1945“, der von Detlef Schmiechen-Ackermann, Hans Otte und Wolfgang Brandes herausgegeben worden ist.

Der Inhalt des Bandes resultiert aus zwei Tagungen des Arbeitskreises für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Die Fachkonferenzen fanden zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 statt. Zur Motivation für die Herausgabe der Publikation heißt es in der Einleitung von Detlef Schmiechen-Ackermann: „Eine systematisch angelegte monographische Studie zur Entwicklung der Hochschulen und der Hochschulpolitik im Niedersachsen der 1950er und 1960er Jahre existiert bislang nicht.“ (S. 11) Während er sogleich einschränkt, diesen Mangel nicht beheben zu können, formuliert er als das Ziel der Herausgeber, „einen kompakten Zugriff auf relevante Aspekte des Themas zu ermöglichen“ (S. 12).

Die Einleitung leistet eine allgemeine Kontextualisierung und spannt den Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1970er-Jahre. Damit weist sie zugleich auf die chronologische Strukturierung des Sammelbandes hin. Nach der Beschreibung der entsprechenden politischen Konstellationen und den ‚niedersächsischen Besonderheiten‘ folgt ein konzentrierter und informativer Überblick zum Forschungsstand. Dabei offenbart sich ein Muster, welches sich konsequent auf die Thematik „Hochschulen und Politik in der Bundesrepublik“ übertragen ließe: Während die unmittelbare Nachkriegszeit gut dokumentiert ist, sind die Reformations- und Transformationsprozesse im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er- und 1970er-Jahre noch unzureichend aufgearbeitet. Im letzten Teil der Einleitung werden die einzelnen Beiträge in konzentrierter Form referiert. Aus diesem Grund und um Redundanzen mit zwei Tagungsberichten[1] zu vermeiden, soll in dieser Besprechung auf eine vollständige inhaltliche Zusammenfassung und Bewertung der einzelnen Beiträge verzichtet werden. Stattdessen wird der Versuch unternommen, die einzelnen Aufsätze anhand von vier Themenschwerpunkten zu ordnen.

Zwei Beiträge thematisieren den Umgang mit der NS-Vergangenheit beziehungsweise mit Vorgängen während der NS-Zeit und deren Aufarbeitung in der Nachkriegszeit (F. Steffens; K. Thieler). Für die Bewertung der Qualität des Beitrages von Frauke Steffens, der auf ihrer 2011 erschienenen Dissertation fußt, schließe ich mich der positiven Einschätzung Matthias Glasows an.[2] Kerstin Thieler beschreibt auf der Grundlage ihrer Dissertation am Beispiel der Entziehung von Doktortiteln an der Universität Göttingen während der NS-Zeit anschaulich den schwierigen Weg der Rehabilitierung von Betroffenen in der Zeit nach 1945. Den endgültigen Abschluss in dieser Angelegenheit bildet erst eine Erklärung des Göttinger Senats aus dem Jahre 2004. Einleitend setzt sie die Thematik in den Vergleich mit anderen Hochschulen und deren Strategien der Vergangenheitsbewältigung und zeigt, dass die ‚Vorgänge‘ in Göttingen keine Ausnahme in der Bundesrepublik Deutschland sind.

Zwei weitere Aufsätze beschäftigen sich mit Disziplingeschichte anhand des Architekturstudiums an der TU Braunschweig (A. Schmedding) und der Institutionalisierung der historischen Landesforschung in Niedersachsen (M. Martens). Die Kunsthistorikerin Schmedding, deren Monographie aus dem Jahr 2011 sich des Architekten Dieter Oesterlen annimmt, beschreibt die „Braunschweiger Schule“ unter dem Motto: „Bauen als wenn du schwebst“ (S. 51), als Kompromiss zwischen Tradition und Moderne und sieht darin auch den wichtigsten Unterschied zur zeitgleich aktiven „Karlsruher Schule“ um die Architekten Otto Haupt und Egon Eiermann. Mit der Konzentration auf die Akteure wählt Oesterlen einen interessanten wissenschaftsgeschichtlichen Ansatz, den sie leider nicht über die Emeritierung der ersten Professorengeneration hinaus weiterführt. Spannend scheint ebenfalls der Blick auf die Lehre und die studentische Kultur, die hinter den Beschreibungen der Lehrstuhlinhaber jedoch als Randnotiz zurücktritt. Der Erziehungswissenschaftler Matthias Martens erörtert differenziert die Institutionalisierung der historischen Landesforschung in Niedersachen. Die Landesgeschichte suchte sich nach den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft vom Charakter der Legitimationswissenschaft zu befreien und schwang sich trotz aller Schwierigkeiten nicht nur in Niedersachsen zur identitätsstiftenden geschichtswissenschaftlichen Forschungsinstitution auf, die heutzutage auf eine über fünfzigjährige Geschichte zurückblicken kann. Eine Veröffentlichung von Martens zu dieser Thematik ist 2008 als Band 15 der Göttinger Forschungen zur Landesgeschichte erschienen.[3]

Die Thematik der Hochschulneugründungen wurde ebenfalls mit zwei Beiträgen bedacht, wobei das Bundesland Niedersachsen hier über eine ganze Fülle von interessanten und überregional beachteten Reform- und Gründungsinitiativen verfügt, welche teilweise ebenfalls noch nicht oder nur unzureichend aufgearbeitet sind. Bis auf eine Dissertation aus den 1970er-Jahren „nahezu vergessen“ (S. 53) ist die Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshafen, der sich der Historiker Oliver Schael in seiner Untersuchung annimmt. Die auf jugendbewegte Traditionen sowie Reeducation fußende und vom niedersächsischen Kultusminister Adolf Grimme protegierte Gründung sollte ein Vorbild der Demokratisierung und des Neuanfangs in der deutschen Hochschullandschaft der Nachkriegszeit werden. Der anschließende Weg des Scheiterns bis zur Selbstdemontage wird von Schael anschaulich und quellengestützt nachgezeichnet, weshalb es verwundert, dass bis heute keine umfassendere Darstellung von ihm zu diesem Projekt erschienen ist.

Der nächste, am weitesten in die Gegenwart reichende Beitrag behandelt die lang andauernde, konfliktreiche Gründungsphase der Universität Bremen, die in der Phase der Bildungsexpansion in der BRD zum Menetekel für eine verfehlte Gründungsinitiative werden sollte. Birte Gräfing, Historikerin und Autorin einer Monographie zur 40jährigen Geschichte der Universität Bremen aus dem Jahre 2011, versucht die komplizierte Gründungsgeschichte anhand eines breiten Themenspektrums (historische Wurzeln, politischer Kontext, Hochschulgesetzgebung, Gründungsprofessuren, Stadtplanung und Architektur, Studienpraxis und Lehrerbildung) aufzuarbeiten, was ob der vielfältigen Anknüpfungspunkte und der Zeitspanne zwischen einer Lateinschule von 1528 und der Integration der Pädagogischen Hochschule in die Universität 1973/74 eigentlich nicht gelingen kann. Die Reduzierung auf einen bestimmten Schwerpunkt wie die ‚politische Konsenskultur‘ in Bremer Kneipen, oder die komplexe Frage der Integration der Lehrerbildung in die Universität, wäre im Rahmen eines Beitrages für einen Sammelband möglicherweise besser zu realisieren und quellengestützt abzusichern gewesen.

Nicht in die drei ‚Cluster‘ einzuordnen ist der Beitrag über „1968 in Hannover“ (S. 117), der im Jahr 2008 im Kontext des 40. ‚Jubiläums‘ entstanden ist, und sich wie die 2010 erschienene, ausgesprochen lesenswerte Monographie von Anne Rohstock[4] dem Ansatz der Dekonstruktion und der Entmythologisierung verschreibt. Die Historikerin Anna Berlit-Schwiegon, Autorin einer Arbeit über den Sozialdemokraten Robert Leinert aus dem Jahr 2011, beschreibt anhand der TU Hannover eine provinzielle, verspätete Entwicklung, wobei die Besonderheit des Artikels im Fokus auf die studentische Perspektive liegt.

Werfen wir abschließend noch einmal den Blick auf die in der Einleitung formulierte Intention der Veröffentlichung und schauen, was eingelöst wurde und wo Desiderate verbleiben. Der „Zugriff auf relevante Aspekte des Themas“ ist gelungen. Allein die hochschulpolitische Landesgeschichte nach 1945 erweist sich als umfangreiches, interdisziplinäres Forschungsfeld, in das der Sammelband einen konzentrierten Einblick bietet, welcher gar nicht erst den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Aufgrund der zeitlichen Differenz zwischen Tagungen und Veröffentlichung scheint aber die Frage nach neuen Forschungsergebnissen und Diskussionen berechtigt, auch wenn sie im Rahmen dieser Besprechung nicht beantwortet werden kann. Zuletzt fällt noch ein formaler Aspekt auf, der aber, da keine Zielgruppe explizit formuliert ist, den einzelnen Autoren nicht zum Nachteil ausgelegt werden soll. Hinweisen möchte ich darauf dennoch: Einige Autoren bedienen sich eines umfangreichen Fußnotenapparates, der mancherorts dreiviertel einer Seite beansprucht. Auch wenn die entsprechenden Erörterungen und Erläuterungen in den Fußnoten gute historisch-geisteswissenschaftliche Tradition sind, erschweren diese dem landeskundlich interessierten, aber nicht historisch vorgebildeten Leser oder der Leserin die Lektüre unnötig und hätten durch formale Vorgaben beschränkt werden können.

Anmerkungen:
[1] Tagungsberichte: Hochschulen und Politik in Niedersachsen nach 1945, 13.10.2007 Hannover, in: H-Soz-Kult, 14.02.2008, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1903> und Tagungsbericht: Kultur, Gesellschaft und Politik im Wandel – Niedersachsen in der Umbruchszeit 1965-1975, 16.02.2008 Hannover, in: H-Soz-Kult, 22.05.2008, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2109> (06.06.2016).
[2] Matthias Glasow: Rezension zu: Steffens, Frauke: „Innerlich gesund an der Schwelle einer neuen Zeit“. Die Technische Hochschule Hannover 1945-1956. Stuttgart 2011 , in: H-Soz-Kult, 04.01.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17068> (06.06.2016).
[3] Matthias Martens, Erfundene Traditionen? Die Gründung des Instituts für Historische Landesforschung an der Universität Göttingen, Göttingen 2008.
[4] Anne Rohstock, Von der „Ordinarienuniversität“ zur „Revolutionszentrale“? Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen, 1957–1976, München 2010.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.06.2016
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