S. Fischer: Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt

Cover
Titel
Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt. Jüdische Viehhändler in Mittelfranken 1919–1939


Autor(en)
Fischer, Stefanie
Reihe
Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden XLII
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim Schanetzky, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Weil er sich der rassistischen Ausgrenzung im NS-Staate bemerkenswert lange und mit erstaunlichem Erfolg widersetzen konnte, ist der jüdische Viehhandel ein interessanter Spezialfall. Systematisch erforscht war das Phänomen bis dato jedoch nicht, und es ist das besondere Verdienst der Berliner Dissertation von Stefanie Fischer, diese Forschungslücke geschlossen zu haben. Ihre Regionalstudie beschränkt sich auf den mittelfränkischen Raum, wo der jüdische Bevölkerungsanteil höher lag als im Durchschnitt des Reiches. Die regionalhistorische Herangehensweise hat den Vorzug, aus einem reichen Quellenfundus schöpfen zu können. Akribisch und mit großer Umsicht hat Fischer nicht nur das zeitgenössische Schrifttum und die staatliche Überlieferung, sondern daneben auch Entschädigungsakten ausgewertet und eine Vielzahl von Zeitzeugengesprächen geführt.

Wichtig ist zunächst die Entscheidung, nicht nur auf die Zeit des Dritten Reiches vor 1939 zu schauen, sondern die gesamte Zwischenkriegszeit in den Blick zu nehmen. Fischer gelingt es auf diese Weise, Funktion und Bedeutung des jüdischen Viehhandels ebenso zu rekonstruieren wie seine Alltagspraxis lebendig und anschaulich hervortreten zu lassen. Dass Fischer dabei bemüht ist, zu generalisierbaren Aussagen zu gelangen, zeigt bereits der erste Teil, in dem sie die Branchenstruktur näher betrachtet. Obwohl insgesamt deutlich weniger als die Hälfte aller mittelfränkischen Viehhändler Juden waren, beherrschten jüdische Betriebe doch bestimmte Segmente des Marktes. So verfügten sie besonders in den kleineren Landgemeinden und in Kleinstädten über eine dominierende Marktposition – besonders dann, wenn man auf die zukunftsfähigen Betriebe mit Anschluss an das Bahnnetz blickt. Hier handelte es sich um mittelständische Familienbetriebe, die sich vom Landjudentum schon deshalb abhoben, weil die Ehefrauen im Unternehmen nicht mitarbeiten mussten. Die Söhne durchliefen von frühester Kindheit an eine umfassende praktische Ausbildung, an die sich meist eine formale kaufmännische Ausbildung anschloss.

Im zweiten Teil rekonstruiert Fischer die konkrete Handelspraxis sowie deren von staatlicher Bürokratie und den Verwerfungen des Marktes bestimmte Bedingungen. Der Begriff des Vertrauens rückt hier ganz in den Mittelpunkt: Die mittelständischen Handelsbetriebe konnten sich auch in einem schwierigen Marktumfeld behaupten. So scheiterten staatlich subventionierte Viehverwertungsgenossenschaften beispielsweise daran, dass sich dort schlecht ausgebildete und aus Sicht der Bauern wenig vertrauenerweckende Einkäufer betätigten, denen die Behörden die Zulassung als freie Händler verwehrten. Generell blickt Fischer hier nicht nur auf die Schaffung von Vertrauen zwischen den Handelspartnern, sondern stellt dem gleichrangig Aspekte der „Vertrauenserosion“ gegenüber – dabei konnte es sich um gewöhnliche Handelskonflikte ebenso handeln wie um antisemitische Hetze oder rassistisch motivierte staatliche Regulierungen.

Mit der analytischen Kategorie des Vertrauens handelt sich die Studie allerdings auch ein argumentatives Problem ein. Entscheidend sind Aspekte, die auf „personales Vertrauen“ in Handelsbeziehungen zielten: So zeigt Fischer besonders anschaulich, welche Mittel die Viehhändler zur Vertrauensbildung einsetzten – von der Kleidung über bestimmte Gesten und die Bezahlpraktiken bis hin zum gemeinsamen Essen. Völlig zu Recht wird hier aber meist pauschal vom Viehhandel gesprochen, da sich jüdische Viehhändler bei der Anwendung dieser Praktiken nur wenig von nichtjüdischen Händlern unterschieden. Vor dem Hintergrund dieses Befundes stellt sich die Frage, wie weit der Vertrauensbegriff die Persistenz der Geschäftsbeziehungen zwischen jüdischen Viehhändlern und nichtjüdischer Kundschaft über das Jahr 1933 hinaus erklären kann.

Demgegenüber treten die ökonomischen Funktionen der Handelsbetriebe in der Analyse zu stark zurück, obwohl Fischer eindrucksvoll belegt, dass es offensichtlich gute wirtschaftliche Gründe gab, um auch im Dritten Reich weiter mit jüdischen Viehhändlern Geschäfte zu machen. Das galt selbst dann noch, als der antisemitische Druck schon so groß geworden war, dass man sich nur noch im Schutz der Dunkelheit handelseinig werden konnte, und es galt auch unabhängig davon, ob die Kundschaft antisemitisch gestimmt war oder fest an ihren „Führer“ glaubte. Anders gesagt: Praktischen Antisemitismus im Geschäftsleben musste man sich als Bauer finanziell leisten wollen und können. Der dritte Teil der Studie demonstriert denn auch, dass die Handelskontakte genau in dem Moment abrissen, als der NS-Staat die jüdischen Viehhändler im Juli 1938 mit einem Berufsverbot belegte und sie damit ihrer ökonomischen Funktion beraubte. Vertrauen als geschäftliche Ressource war nun ohne Belang; vielmehr wurden die jüdischen Händlerfamilien von ihren Nachbarn und früheren Geschäftspartnern ebenso ausgegrenzt, drangsaliert und ausgeplündert wie viele andere jüdische Gewerbetreibende.

Stefanie Fischer hat eine reflektierte Studie vorgelegt, die zu Recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden ist. Erstmals werden Struktur und Bedeutung des jüdischen Viehhandels für die ländliche Gesellschaft umfassend rekonstruiert. Weiterführend ist vor allem der erfahrungsgeschichtlich informierte und quellengestützte Blick auf die Alltagspraxis und die Wandlungsprozesse des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden in der Zwischenkriegszeit. Und doch vergibt das Buch auch eine Chance: Im vergangenen Jahrzehnt haben Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker ausgiebig darüber gestritten, welche Handlungsspielräume der NS-Staat der Privatwirtschaft zugebilligt habe. Wer dabei unterstellte, dass wichtige marktwirtschaftliche Institutionen auch in der Diktatur intakt blieben – namentlich Vertragsfreiheit und Privateigentum –, klammerte aus methodischen Gründen den gesamten Bereich der jüdischen Unternehmer und der „Arisierung“ von vornherein aus. Dem Erfahrungshintergrund der Zeitgenossen entsprach dies jedoch gerade nicht. Überraschenderweise zeigt sich Fischer an diesen Debatten gänzlich uninteressiert, obwohl ihr Thema fabelhaft dazu geeignet ist, herkömmliche Wahrnehmungsmuster der wirtschaftshistorischen Debatte zu durchbrechen und zwei künstlich voneinander getrennte Sphären wieder stärker aufeinander zu beziehen.