Titel
Der König von Asien. Alexander der Große erobert Persien


Autor(en)
Unger, Steffen
Erschienen
Anzahl Seiten
192 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
André Heller, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Alexander der Große gehört zu jenen Persönlichkeiten der Weltgeschichte, die nicht nur bei den unmittelbaren Zeitgenossen tiefen Eindruck hinterließen, sondern auch die Nachwelt faszinierten. Wenngleich kaum Quellen erhalten sind, die in der Zeit seines Lebens oder unmittelbar danach entstanden, so besitzen wir doch über die späteren Alexanderhistoriker ein sich auf diese verlorenen Autoren stützendes Bild des Makedonenkönigs und seines Feldzugs. Daneben vermittelt der „Alexanderroman“ in seinen Rezensionen in verschiedensten Sprachen einen Eindruck von Alexanders Wirkmächtigkeit durch die zahllosen Legenden, die sich um ihn rankten. Die Zahl moderner Abhandlungen zu Alexander hat ein unüberschaubares Maß erreicht, wozu noch Ausstellungen, Verfilmungen und Dokumentationen im Fernsehen treten. Vor diesem Hintergrund ist es eine gewaltige Aufgabe, ein Buch zu Alexander vorzulegen, das nicht nur die altbekannten Details nacherzählt, sondern darüber hinaus neue Interpretationen vorlegt. Jede neue Monographie provoziert damit automatisch die Frage nach Rechtfertigung und Zielpublikum.

Das hier zu rezensierende Buch des Germanisten und Historikers Steffen Unger will, so der Klappentext, „spannend und in journalistischer Manier“ den Alexanderfeldzug schildern. Überraschenderweise erläutert kein Vorwort das Konzept oder die intendierte Herangehensweise, stattdessen hebt die Erzählung mit dem Kapitel „Speergewonnenes Land“ (S. 7–12) an, das aus einer romanhaft verfassten Nacherzählung der Überquerung des Hellespont durch Alexander besteht, die durchaus Charme versprüht. Neben deutlich fiktiven Elementen (Dialoge) stützt sich Unger auf antike Autoren wie Arrian und Diodor[1], ohne dies explizit zu erwähnen, da dem Buch Anmerkungen fehlen – eine Unsitte, die längst zum Usus vieler Verlage gehört, aber hier der Intention des Buches geschuldet sein dürfte. Überhaupt hätte man sich eine kurze Einführung zur Quellenproblematik gewünscht, da der Leser immer wieder mit den Namen der antiken Autoren konfrontiert ist. Nimmt man als Zielgruppe des Buches den interessierten Laien an, dürfte dieser vor Begriffen wie „Vulgatatradition“ (S. 88 und 123) eher ratlos stehen. Eingestreut in die Kapitel finden sich grau unterlegte Abschnitte, die Sachfragen erläutern; vorgestellt werden etwa die Struktur des makedonischen Heeres (S. 50f.), die Geschichte Persiens (S. 66f.) oder Alexandrias (S. 106). Beschlossen wird das Buch durch das Kapitel „Die Diadochen – zerstrittene Erben“ (S. 161–182), worin auch Alexanders Nachleben kurz gestreift wird, und einen knappen „Schluss“ (S. 183f.). Daran schließen sich eine Zeittafel, eine hauptsächlich deutschsprachige, eher allgemein gehaltene thematische Bibliographie, die auch die Quellenausgaben anführt, und ein Register an.

In „Der Alexanderzug verändert die Welt“ (S. 13–22) gibt Unger einen historischen Überblick vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zur Eroberung Ägyptens durch Rom, während sich „Ein steiniger Weg – der Aufstieg Makedoniens“ (S. 23–68) minutiös der Regierung Philipps II. und der Jugend Alexanders widmet. Dass mit der Entführung Helenas die Perserkriege begonnen hätten (S. 15), entstammt Herodots Prooimion, wobei der Halikarnassier dies kritisch kommentiert.[2] Xenophon hält das Perserreich nicht für ‚verkommen‘ (S. 14), sondern sieht seine Schwäche in der ungeheuren Größe, hat aber durchaus auch lobende Worte für die Perser (etwa in der Kyrupädie), insbesondere für Kyros den Jüngeren übrig.[3]

„Der größte Feldzug“ (S. 68–159) schildert sodann in chronologischer Abfolge den Alexanderzug. In dieser Rezension sollen dazu nur einige kritische Anmerkungen gegeben werden: Die in den Quellen angeführte Größe der aufgebotenen persischen Truppen lehnt Unger argumentativ überzeugend als übertrieben ab. Zu Recht akzeptiert er, dass sich Alexander in indigene Traditionen stellte, bleibt jedoch skeptisch, ob er zum Pharao gekrönt wurde;[4] der Besuch in Siwa habe bei Alexander nicht dazu geführt, an seine göttliche Abstammung zu glauben, wohl aber seinen Intentionen entsprochen (S. 101–104). Der von Unger angeführte Verfall des Stufenturms von Babylon ist problematisch,[5] die ‚Hängenden Gärten‘ sind nicht Semiramis zuzuordnen.[6] Ob Babylonien wie auch Ägypten erst kurz vor Alexanders Eroberung vom Perserreich abgefallen war (S. 113), ist eher zweifelhaft.[7] Die Zerstörung des Marduk-Tempels Esagila durch Xerxes ist ein Konstrukt griechischer Historiker, wenngleich es damals Umwälzungen in Babylonien gegeben hat.[8] Diese Ungenauigkeiten sind zweifellos Details und Kleinigkeiten, zeigen aber die mangelnde Vertrautheit Ungers mit der aktuellen Forschung. Raum zur Auseinandersetzung mit den differierenden Aussagen der Quellen und modernen Interpretationen hätte beispielsweise die Motivation der Niederbrennung von Persepolis (S. 116f.) bieten können, wo Unger lediglich kurz Auffassungen referiert, ohne aber eine Präferenz erkennen zu lassen. So konnte die jüngere Forschung den Nachweis führen, dass Parmenions teils negatives Bild bei den Alexanderhistorikern, dem auch Unger folgt, durch dessen Ermordung im Jahr 330 beeinflusst wurde.[9] Hephaistion andererseits wurde von den Quellen als Alter Ego Alexanders aufgebaut, so dass an der engen Freundschaft der beiden (S. 53 und 77) Zweifel angebracht sind.[10] Bei der Philotasaffäre (S. 123f.) oder der so genannten Pagenverschwörung (S. 134f.), der Kallisthenes wegen der Verweigerung der Proskynese zum Opfer fiel, wäre eine Abwägung der Quellen (Arrian und Curtius Rufus) hilfreich. Andererseits sind die Ausführungen Ungers zur Proskynese als Kusshand (S. 134) völlig zutreffend. Richtig bemerkt er, dass beim Tod Alexanders die Mordtheorien absurd sind, sondern Strapazen und Blutverlust dafür ursächlich waren (S. 159). Weshalb aber wird in der Antike Aristoteles als Initiator des Mordkomplotts gegen Alexander angesehen, wieso Kassanders Bruder Iolaos als Überbringer des Giftes? Erklärungen bietet Unger seinen Lesern dafür nicht.

Cui bono? Obwohl nicht ausdrücklich erwähnt, dürften interessierte Laien das Zielpublikum sein. Jedoch wäre es auch für diesen Leserkreis geboten, Alexander „journalistisch“, also kritisch nachfragend, zu begleiten. Ungers Stil ist durchaus kurzweilig,[11] obschon Wendungen wie „Schnapsidee“ (S. 117) für den Brand von Persepolis, „Busenfreund“ (S. 155) für Hephaistion oder „im Sande verlaufen“ (S. 166) über den geplanten Arabienfeldzug befremdlich wirken oder wie „getauft“ (S. 97) für die Namenswahl Herakles für den Sohn Alexanders mit Barsine anachronistisch sind. Unger bietet nur eine solide Nacherzählung des Alexanderzugs[12], die jedoch nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung ist. Der Rezensent kommt daher leider nicht umhin zu vermuten, dass seitens des Verlages ein Buch auf den Markt gebracht werden sollte, das sich seines populären Themas wegen gut verkauft, aber der Erforschung des Makedonen keine neuen Impulse zu verleihen vermag. Auch angesichts des Preises von 24,95 Euro kann zu einer Anschaffung des unter 200 Seiten starken Buches, das – von einigen Karten abgesehen – keine Abbildungen enthält, kaum geraten werden. Zu Alexander dem Großen gibt es zahlreiche, preislich vergleichbare oder günstigere Monographien, die ähnliche Überblicke liefern und teilweise stärker auch die aktuelle Forschung verarbeiten.

Anmerkungen:
[1] Arr. an. 1,11,3–12,1; Diod. 17,17,1–18,1; vgl. zu S. 75ff. Hans Ulrich Instinsky, Alexander der Große am Hellespont, Godesberg 1949.
[2] Hdt. 1,1,1–5,3.
[3] Xen. an. 1,5,8; 1,9 (Aristie Kyros’ des Jüngeren).
[4] Vgl. Donata Schäfer, Alexander der Große. Pharao und Priester, in: Stefan Pfeiffer (Hrsg.), Ägypten unter fremden Herrschern zwischen persischer Satrapie und römischer Provinz, Frankfurt a. M. 2007, S. 54–74.
[5] Der Stufenturm Etemenanki könnte ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. nur eine sechs Meter hohe Plattform gewesen sein, so Wilfrid Allinger-Csollich, Die Ziqqurrat von Babylon nach dem archäologischen Befund: Auch ein Beitrag zu Herodots Babylonischem Logos, in: Robert Rollinger / Brigitte Truschnegg / Reinhold Bichler (Hrsg.), Herodot und das Persische Weltreich. Herodotus and the Persian Empire, Wiesbaden 2011, S. 531–556.
[6] Robert Rollinger, Babylon in der antiken Tradition – Herodot, Ktesias, Semiramis und die Hängenden Gärten, in: Joachim Marzahn / Günther Schauerte (Hrsg.), Babylon. Wahrheit, Berlin 2008, S. 487–504.
[7] Die Rückseite der „Königsliste aus Uruk“ nennt vor Dareios III. Nidin-Bēl. Da jedoch unter Dareios I. ein gleichnamiger Usurpator existierte, liegt vielleicht ein Versehen vor.
[8] Vgl. Karlheinz Kessler, Urukäische Familien versus babylonische Familien. Die Namengebung in Uruk, die Degradierung der Kulte von Eanna und der Aufstieg des Gottes Anu, in: Altorientalische Forschungen 31 (2004), S. 237–262. Zu Alexander in Babylon vgl. André Heller, Das Babylonien der Spätzeit (7.–4. Jh.) in den klassischen und keilschriftlichen Quellen, Berlin 2010, S. 355–391.
[9] Michael Zahrnt, Der zweifache Mord an Parmenion. Ein Beitrag zur Überlieferung über den Alexanderzug, in: Klio 93 (2011), S. 66–83.
[10] Sabine Müller, In Abhängigkeit von Alexander. Hephaistion bei den Alexanderhistoriographen, in: Gymnasium 118 (2011), S. 429–456; Ptolemaios und die Erinnerung an Hephaistion, in: Anabasis 3 (2012), S. 75–91.
[11] Immer wieder sind zudem gelehrte Verweise eingefügt, zu Tyros findet sich etwa der Hinweis auf die Gebeine Barbarossas (S. 99), im Rahmen des Ägyptenfeldzugs wird darauf verwiesen, dass Ammoniak sich vom Ammoneion herleite (S. 104).
[12] Bessos ist kein Brudermörder (S. 127), wie er an anderer Stelle richtig als Verwandter bezeichnet wird (S. 109). Alexanders Feldzug erleichterte nicht den Römern „die Einverleibung Südosteuropas“ (S. 174), sondern schwächte Makedonien am Beginn der hellenistischen Zeit, vgl. zu den Zahlen Albert B. Bosworth, The Legacy of Alexander. Politics, Warfare, and Propaganda under the Successors, Oxford 2002, S. 64–97. Die alte These, dass Alexander die Ausbreitung des Christentums begünstigt habe (S. 174), sollte nicht immer wieder ausgegraben werden.

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Veröffentlicht am
02.03.2015
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