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Titel
Johann Friedrich Cotta. Verleger – Entrepreneur – Politiker


Autor(en)
Fischer, Bernhard
Erschienen
Göttingen 2014: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
967 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iwan-Michelangelo D'Aprile, Institut für Germanistik, Universität Potsdam

Johann Friedrich Cotta steht am Anfang der großen Verlegerpersönlichkeiten unter modernen Marktverhältnissen, die für die deutsche Kulturgeschichte weit über die Literatur hinaus so prägend gewesen sind: von Friedrich Arnold Brockhaus über Samuel Fischer bis zu Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld. Cottas Verlagstätigkeit, die sich ziemlich genau zwischen den beiden Französischen Revolutionen von 1789 und 1830 entspannt, ist untrennbar verbunden mit den großen Umbrüchen dieser Zeit: dem Wandel der Öffentlichkeitsformen im Gefolge der politischen Revolutionen, der Entstehung einer international konkurrenzfähigen "klassischen" deutschen Literatur, der territorialen Umgestaltung und Integration der deutschen Fürstentümer in der napoleonischen Zeit und der Wiener Ordnung, und nicht zuletzt auch medialer und verkehrstechnischer industrieller Revolutionen.

Insbesondere wenn man die in der Geschichte grundlegende Frage stellt: „Wer hat es bezahlt?“, kommt man an Cotta nicht vorbei. Mit der zeitgeschichtlichen Berichterstattung über die Französische Revolution in den 1790er-Jahren in der Allgemeinen Zeitung und den Europäischen Annalen begründete er neue Formen des politischen Journalismus. Cotta war es auch, der weitestgehend das finanzierte, was später als "Deutsche Klassik" kanonisch wurde. Dem immer klammen und kranken Schiller bot er nicht nur fürstliche Honorare, sondern auch eine Hinterbliebenenrente für die Angehörigen im Fall von Schillers Tod. Noch besser traf es den vom Glück begünstigteren Goethe: Er erhielt von Cotta zwischen 1795 und 1832 rund 154.000 Thaler Lizenzgebühren, was einen Anteil von über 45% seines lebenslangen Gesamteinkommens ausmachte und damit deutlich mehr war als die auch schon üppigen Einkünfte aus seinen verschiedenen Tätigkeiten am Weimarer Hof und seiner Frankfurter Erbschaft.[1] Aus dem Gewinn mit Periodika und Klassikerausgaben, die Cotta 1821 zum Guldenmillionär werden ließen, finanzierte er später Großprojekte wie die Dampfschifffahrt oder die Anfänge des Rhein-Donau-Kanals, für die den einzelnen Landesregierungen Kapital und Strukturen fehlten und die wiederum die Basis für die ökonomische Integration der deutschen Fürstentümer darstellten. An der Gründungsgeschichte des deutschen Zollvereins, der zur Keimzelle des späteren Nationalstaats wurde, war Cotta 1829 mit der Vereinigung des bayerisch-württembergischen mit dem preußisch-hessischen Zollverein unmittelbar beteiligt. Zugespitzt ließe sich von Cotta aus gesehen der alte geistesgeschichtliche Mythos der kulturellen deutschen Nationsbildung vom Kopf auf seine ökonomischen Füße stellen: ohne die Klassikerausgaben der Werke Goethes, Schillers und Herders keine nationalstaatliche Integration.

Nach zahlreichen Forschungen und Erschließungen zu Teilaspekten[2] legt Bernhard Fischer mit seiner Cotta-Biographie eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung der einzelnen Tätigkeitsbereiche in ihren Wechselwirkungen innerhalb des Universums Cottas vor – nicht nur den Verleger, sondern auch den Politiker und Württembergischen Landtagsabgeordneten und den Unternehmer, Papierfabrikanten, Gutsbesitzer und Sparkassengründer. Notwendigerweise sprengt dies den Rahmen einer herkömmlichen Biographie. Hinzu kommt, dass im Falle Cottas autobiographische Zeugnisse oder Reflexionen des eigenen unternehmerischen Handelns weitestgehend fehlen – dies auch ein Ausdruck seiner notwendigen Vorsicht in gefährlichen Zeiten. Stattdessen lässt Fischer ausgiebig andere Quellen sprechen, die er aufgrund seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Cotta Archiv Marbach und als Leiter des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar wie kein anderer kennt. Auf der Basis von Verlagskorrespondenzen, Geschäftsbüchern, Verträgen, Inventaren, sowie umfangreich recherchierten Zeugnissen beteiligter Akteure rekonstruiert Fischer minutiös die Kontexte der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder und zieht am Ende jeder Lebensetappe zusammenfassend gleichsam betriebswirtschaftlich Bilanz über den erreichten Stand des Verlags.

Auf dieser Basis gelingt es Fischer, durch alle Kontexte hindurch ein Verleger- und Persönlichkeitsprofil Cottas erkennbar werden zu lassen. Auch wenn Cottas Karriere von Anfang an mit den revolutionären Umbrüchen seiner Zeit verbunden ist, war er kein Draufgänger oder Revolutionär – dies gilt, wie Monika Neugebauer-Wölk in ihrer Doppelbiographie gezeigt hat, eher für seinen Bruder Christoph Friedrich.[3] Auch bei den literarischen, medialen oder technischen Innovationen seiner Zeit war Cotta keineswegs der Erste: Schiller musste er Göschen abspenstig machen, die Papierschnellpresse hatten andere Verleger vor ihm eingeführt. Aber er war als Liberaler offen und neugierig genug für die zukunftsweisenden politischen und ökonomischen Tendenzen, für die er einen außerordentlichen Spürsinn zeigte. Diplomatisch höchst geschickt, pflegte er beste Kontakte in die Regierungen Württembergs, Badens, Bayerns und Preußens, aber auch Österreichs und Frankreichs. Zugleich lotete er als überzeugter südwestdeutscher Konstitutionalist die engen Grenzen der Wiener Ordnung aus und war einer der größten Förderer kritischer Journalisten und Literaten von Ernst Ludwig Posselt und Therese Huber bis zu Ludwig Börne, Georg Ludwig Lindner und Heinrich Heine, wovon nicht zuletzt die zahllosen Zensurprozesse, Verlagsumzüge und Berufsverbote gegen seine Redakteure zeugen. Noch am Ende seines Lebens im Umfeld der 1830er Juli-Revolution brachte ihm die Publikation von Heines "Parisischen Umrissen" wütende Attacken der Regierungen der Kongressmächte ein.

Vor allem erscheint Cotta als klug rechnender Mathematiker, der "das quantitative Kalkül" über das "Glauben und Meinen" stellte (S. 14) – nicht im Sinne einer Kindermathematik, die 'penny-wise, pound-foolish' nach dem schnellen Gewinn schielt, sondern mit ökonomischer Weit- und Umsicht. Immer wieder überraschte er Schriftsteller, die mit ihren Projekten an ihn herantraten, indem er ihre Forderungen von sich aus durch ein höheres Honorarangebot übertrumpfte. Cotta wusste, dass "die Literatur sich nur heben kann, wenn man sie wirklich achtet" (S. 662) und vor allem, dass dies letztlich dem Profit des Verlags zu Gute kommt. Bald war es unter Autorinnen und Autoren allgemein bekannt, dass man bei Cotta am besten verdient. Er stand auch dann noch zu seinen Autoren, wenn diese in den politischen Umbrüchen der Zeit unter die Räder gerieten: Seinen Redakteur Joseph Widemann, der für ihn in der napoleonischen Zeit die Kontakte nach Paris gepflegt hatte und nach 1813 der Verfolgung durch die Restauration ausgesetzt war, brachte er nach 1814 in der Bayerischen Pressepolitik unter. Ähnliches gilt für Karl Joseph Stegmann, an dem Cotta trotz aller Angriffe auf den vermeintlichen Napoleoniden in der Restaurationszeit als Redakteur der Allgemeinen Zeitung festhielt.

Nichts anfangen konnte Cotta dagegen mit vermeintlichen religiösen Schranken. In einer Zeit der Re-Christianisierungsversuche im Gefolge der sogenannten "Heiligen Allianz", aber auch des aufkommenden Antisemitismus der romantischen Nationalbewegung und des immer noch allgegenwärtigen zünftisch-kaufmännischen Antijudaismus, war es im wesentlichen Cotta, der 1828 das Württembergische Gesetz zur Verbesserung der staatsrechtlichen Verhältnisse der Juden beförderte. Tatsächlich hatte Cotta mit Ludwig Robert, Ludwig Börne, Eduard Gans und Heinrich Heine die herausragenden deutsch-jüdischen Intellektuellen seiner Zeit unter Vertrag.

Auch über regionale oder nationale Grenzen dachte Cotta von Anfang an hinaus. Seine Produktions- und Druckstätten organisierte er transregional, was es ihm erlaubte, seine Produkte über die Landesgrenzen rasch und kostengünstig zu vertreiben. Für seine Periodika baute er ein internationales Korrespondentennetz auf und gründete internationale Zeitschriften wie Das Ausland, mit dem sich deutsche Leserinnen und Leser einen Überblick über die zunehmend global verflochtenen Entwicklungen verschaffen konnten. Die zahlreichen deutsch-französischen joint ventures Cottas hat jetzt Annika Haß in einer eigenen Monographie untersucht.[4]

Für diejenigen, die sich von der Fülle des Materials nicht erschlagen lassen, bietet Fischers Biographie zahlreiche Inspirationen auf den expandierenden Forschungsgebieten der Verlags-, Unternehmens-, Medien- und Buchgeschichte. Ein Standardwerk aller künftigen Cotta-Forschung ist es ohnehin.

[1] Vera Hierholzer / Sandra Richter (Hrsg.), Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft, Frankfurt am Main 2012, S. 148.
[2] Genannt seien unter vielen anderen die Publikation von Cottas Verlagsbuch: Johann Friedrich Cotta, Das Cotta’sche “Verlagsbuch 1787–1806”, transkribiert und erläutert von Bernhard Fischer, Marbach am Neckar 2010, <https://www.dla-marbach.de/fileadmin/redaktion/Archiv/Cotta-Archiv/Downloads/cotta-verlagsbuch.pdf> (15.08.2015), sowie: Bernhard Fischer, Der Verleger Johann Friedrich Cotta. Chronologische Verlagsbibliographie 1787–1832, 3 Bände, München 2003.
[3] Monika Neugebauer-Wölk, Revolution und Constitution. Die Brüder Cotta. Eine biographische Studie zum Zeitalter der Französischen Revolution und des Vormärz, Berlin 1989.
[4] Annika Haß, Der Verleger Johann Friedrich Cotta (1764–1832) als Kulturvermittler zwischen Deutschland und Frankreich. Frankreichbezüge, Koeditionen und Übersetzungen, Frankfurt am Main 2015.