Titel
Der verbannte Stratege. Xenophon und der Tod des Thukydides


Autor(en)
Nickel, Rainer
Erschienen
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Mueller-Goldingen, Institut für Klassische Philologie, Technische Universität Dresden

Die Frage nach dem mehr oder weniger mysteriösen Tod des Historikers Thukydides beschäftigte bereits die Antike. Nickel geht dem Thema in einem interessanten Buch nach, in dem er Fiktion und Historizität verbindet. Er macht indirekt plausibel, dass Thukydides ermordet wurde. Kritias ist demnach der Hauptverdächtige.

Das Buch ist gelungen. Nickel vermeidet zu viel Spekulationen, er macht Möglichkeiten wahrscheinlich, zieht das zeitgenössische Geschehen in Athen ab 404 in voller Breite heran; die dominante Rolle, die Kritias in diesem Kontext spielt, wird sehr deutlich. Das Gleiche gilt für andere Beziehungsgeflechte, so die Freundschaft zwischen Xenophons Vater Gryllos und Thukydides. Da, wo in diesem Kontext Quellen lückenhaft sind, entwickelt Nickel romaneske Darstellungen, die einen sinnvollen, komplementären Zusammenhang ergeben. Quellenkritik und fiktive Elemente resultieren in einer gelungenen Synthese.

Zu dieser Kritik der Quellen ist zu sagen, dass sie philologisch und historisch korrekt ist; dies gilt für die Schriften Xenophons und das Werk des Thukydides. Allerdings sehe ich den Melier-Dialog anders. Es geht in ihm nicht so sehr um den relativ harmlosen und wertneutralen Gedanken des richtigen Maßes, sondern um pure Macht und den damit verknüpften Zynismus der Athener. Gut ist die Auswertung der Anabasis, die zu Recht auf dem richtungsweisenden Kommentar von Otto Lendle[1] basiert.

Nickels Buch hebt sich wohltuend von vergleichbaren historisierenden und fiktiven Darstellungen ab, in denen es entweder zu sehr um eine romanhafte Ausschmückung oder um eine zu buchstäbliche Interpretation der Quellen geht. Der Autor findet einen plausiblen und vernünftigen Mittelweg.

Um noch einmal zu den historischen Quellen zurück zu kommen: eine zentrale Quelle sind Xenophons Hellenika. Sie sind für die Jahre 411 bis 362 nahezu konkurrenzlos. Sie fungieren als das wichtigste Dokument besonders für die ersten Jahre nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges. Da scheint es so zu sein, dass Nickel teilweise den subjektiven Charakter der Hellenika unterschätzt. Xenophon überzeichnet, wenn er zum Beispiel Kritias beschreibt oder wenn er die Rollen darstellt, die Theramenes spielt.

Nickels Buch, eine Mischung von Historizität und Fiktion, verläuft auf der Grenzlinie von Dichtung und Historiographie. Indem der Autor zeigt, wie es hätte sein können, nähert er sich, so würde Aristoteles (Poetik c. 9) sagen, der Dichtung. Indem er zeigt, wie es gewesen ist, rückt er sein Buch in die Nähe der Historiographie.

Die 300 Anmerkungen in Nickels Buch sind hilfreich, sie enthalten nicht nur Quellenangaben, sondern auch weiterführende Hinweise zur späteren und früheren antiken Literatur. Das Literaturverzeichnis beinhaltet eine Auswahl an Standard-Literatur der letzten 60 Jahre.

Nickels Buch ist flüssig geschrieben, der Autor versteht es, dem Thema entsprechend, Spannung zu erzeugen. Vieles bleibt jedoch in der Schwebe, dies macht den eigenen Reiz aus.

Anmerkung:
[1] Otto Landle, Kommentar zu Xenophons Anabasis (Bücher 1–7), Darmstadt 1995.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.09.2015
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension