Cover
Titel
Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931


Autor(en)
Tooze, Adam
Erschienen
München 2015: Siedler Verlag
Anzahl Seiten
719 S.
Preis
€ 34,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Hoeres, Institut für Geschichte, Universität Würzburg

Nachdem im letzten Jahr eine Fülle von Synthesen den Weg in den Ersten Weltkrieg und den Großen Krieg selbst bilanziert haben, widmet sich das neue Buch von Adam Tooze der Nach- und Folgegeschichte des Krieges. Er beginnt mit Carl Schmitt und dessen ebenso scharfinniger wie polemischer Analyse des Versailler Regimes. Die USA seien, so Schmitt, bei offizieller Abwesenheit in Europa effektiv anwesend.[1] Eben diese effektive Anwesenheit steigert Tooze nun zum Fluchtpunkt seiner Darstellung. Das vordergründige Scheitern von Wilsons Plänen in Gestalt der Nicht-Ratifikation des Versailler Vertrages durch den US-Senat habe letztendlich genau Wilsons Zielvorstellungen erfüllt: die USA nahmen die Rolle einer ökonomischen und politischen Übermacht mit Schiedsrichterfunktion ohne formelle Verpflichtungen ein. Das Ziel, die ungebundene Rolle des „ultimate arbiter“ zu spielen, ging einher mit der Maxime der „Open Door“. Diese sei nicht mit Freihandel zu verwechseln, sondern sollte, gestützt auf eine mehr potentielle denn real existierende Seestreitmacht und eine große Gläubigerschar in Übersee, den amerikanischen Waren- und Kapitalexport sicherstellen. Nicht eine siegreiche Allianz habe Wilson also mit dem beharrlich verweigerten Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg schmieden wollen; stattdessen ging es ihm darum, die USA als Garanten der neuen Ordnung zu etablieren. Die Politisierung und Moralisierung der internationalen Beziehungen – auch hier folgt Tooze Schmitt – habe einzig diesem Ziel gedient. Wilson war in Toozes Optik kein weltfremder Idealist, sondern ein triumphierender Nationalist.[2]

Der Preis der neuen Weltordnung war die Zerstörung des Ius Publicum Europaeum, das Schmitt als den Krieg anerkennende und damit diesen hegende Ordnung so stark idealisierte. Was an dessen Stelle gesetzt wurde, war eine Pax Americana, welche noch 1928 von Trotzki ebenso wie von Hitler für äußerst erfolgreich und stabil gehalten wurde. Erst die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen, die Tooze für historiographisch unterschätzt hält, änderten dies. Die nun entfesselten Insurgenten gegen die Pax Americana, die Nationalsozialisten, die Sowjets und die imperialistischen Japaner, mobilisierten unglaubliche Ressourcen, um gegen diese Ordnung anzurüsten, wie Tooze mit Vergleichsstatistiken zur dagegen gering wirkenden Vorkriegsrüstung im Jahr 1913 eindrücklich demonstriert. Der Abkehr der Briten vom Goldstandard und Freihandel 1931 markierte eine Zäsur, ein Zerfallen der internationalen Ordnung. Die USA folgten; deren eigentliche isolationistische Phase begann nun mit Franklin D. Roosevelt und seinem New Deal. In Japan befeuerte die Abkehr vom Goldstandard die Militärs, eine massive Aufrüstung anzugehen. Der bremsende Finanzminister Takahashi Korekijo wurde bei einem Putschversuch 1935 ermordet.

Tooze arbeitet immer wieder die Interessensdivergenzen zwischen den USA einerseits und den Entente-Mächten andererseits heraus. Von einer Phalanx der Demokratien kann keine Rede sein, vielmehr waren Briten und Franzosen von der fehlenden Loyalität der Amerikaner schockiert und diese weigerten sich beharrlich, fest an die Seite der Entente zu treten. Noch mehr unter Schock standen Paris und London jedoch aufgrund der neuen Weltfinanzordnung, in der die Amerikaner abgesehen von einem unilateral verkündeten zweijährigen Zins-Moratorium 1918 unnachgiebig auf die Bedienung der horrenden interalliierten Schulden beharrten und eine Kopplung mit den Reparationen ablehnten. Statt London oder Paris war nun eben die Wall Street zum Weltfinanzzentrum aufgestiegen und Tooze zeigt eindringlich, wie bereits die alliierten Kriegsanstrengungen aufgrund des politischen Drucks Wilsons auf die Hauptkreditgeberbank J. P. Morgan 1916 beinahe ausgetrocknet wären.

Der Akzent auf die Probleme und Schwierigkeiten der europäischen Siegermächte, die in die Rolle der Verlierer der neuen Ordnung zu geraten drohten, verdeckt bei Tooze etwas den politischen, ökomischen und sozialen Problemstau, dem sich die deutsche Wirtschaft und Politik nach Kriegsende gegenübersah. So werden die deutschen Angebote für den Reparationsdienst so geschildert, als habe man diese in einer prosperierenden stabilen Republik frei gestalten können. Das Deutsche Reich war nach der Niederlage eben nicht so souverän und vor allem ebenbürtig, wie es bei Tooze scheint. Aber während Brest-Litowsk für ihn ein brutaler Frieden ist, erscheint Versailles eher in französischer Perspektive zunächst als zu zahm, an anderer Stelle als zu zahm und zu grausam zugleich, ein paar Seiten weiter wird bemerkt, der Vertrag habe Deutschland (nur) die „nackte Souveränität“ (S. 355) gelassen, was für die neue Zeit zu wenig gewesen sei. Souverän war das Deutsche Reich aber weder in der Annahme des Vertrages gewesen noch unter den folgenden Reparations- und Besatzungsregimen. Vor allem wurde mit der Moralisierung und Politisierung des Völkerrechts eine Diskriminierung der Unterlegenen, der Have-Nots institutionalisiert, was einen Bruch mit dem überkommenen, auf Ebenbürtigkeit der Großmächte basierenden Völkerrecht darstellte. Dies sieht auch Tooze; ebenso, etwas unscharf formuliert, die Tatsache, dass das Auslieferungsbegehren für den Kaiser und andere deutsche „Kriegsverbrecher“ einen fundamentalen Verstoß gegen das Prinzip der Staatenindemnität und des Rechtsgrundsatzes „par in parem non habet jurisdictionem“ sowie des Rückwirkungsverbotes („nullum crimen, nulla poena sine lege“) darstellte. Auch wenn Wilhelm II. nach seiner unrühmlichen Flucht bei den meisten Deutschen nicht mehr beliebt war, so wurde dessen einseitige Ächtung doch als Siegerrecht empfunden. Der Krieg wurde somit nicht klar beendet, die Feinderklärungen in den Frieden und den Völkerbund (dessen Satzung explizit die Monroe-Doktrin garantierte) überführt. Von hier aus ergibt sich die berechtigte Kontrastperspektive zum Wiener Kongress mit Talleyrand am Verhandlungstisch, die Tooze als unstatthaft deklariert. In der ansonsten überzeugenden Analyse der amerikanischen Nachkriegsdominanz und der englischen und französischen ökonomischen Abhängigkeit wird die völkerrechtliche Diskriminierung der Verliererstaaten im Kontrast zu Wilsons Proklamation eines Friedens ohne Sieg, die zu den bekannten, aber deswegen ja nicht zu vernachlässigenden Belastungen der deutschen Republik gehörte, untergewichtet.

Auch der Briand-Kellogg-Pakt wird von Tooze zu naiv behandelt, seine Problematik und Ambivalenz gerät nicht in den Blick. Der Pakt ächtete realiter nicht den Krieg, sondern steigerte nur dessen Legitimationsbedürfnis und leistete damit seiner zumindest moralischen Entgrenzung Vorschub. Kurzum: Trotz der häufigen Referenzen zu Schmitt wird deutlich, dass das Völkerrecht nicht die eigentliche Stärke von Tooze ist. Diese liegt zweifelsfrei in der luziden Analyse der ökomischen Verflechtung, des Schulden-Reparationskreislaufes, des ökonomisch motivierten Marine-Regimes und der Rüstungspolitik.

Vieles, ja scheinbar alles erscheint Tooze in der von ihm behandelten Periode neu oder revolutionär. Nicht immer wird dies argumentativ unterstützt, nicht immer sind seine Erkenntnisse und Thesen auch so neu wie prätendiert. Die Einbeziehung der dramatischen Verwerfungen in Japan und China in die globalökonomische Analyse der Pax Americana ist beeindruckend. Die Kritik am Bild Wilsons als eines gescheiterten Idealisten überzeugt. Die Betonung des nicht-isolationistischen Charakters der US-Politik der 1920er-Jahre – viele der Republikaner, welche die Ratifikation des Versailler Vertrages verweigerten, waren keine Isolationisten – überzeugt ebenso, auch wenn sie inzwischen offene Türen einrennt. Wie bei manchen globalhistorischen Synthesen drängt sich aber bisweilen der Eindruck des Assoziativen, Beliebigen auf, ein Eindruck, der sich durch die Zeit- und Raumsprünge verfestigt, die mit bisweilen seltsamen Urteilen am Rande in der Darstellung einhergehen.[3] Gleichwohl bietet das Buch eine inspirierende Lektüre, anregend von der ersten bis zur letzten Seite.

Mit den Opera Magna von Adam Tooze, Christopher Clark und Brendan Simms stammen die großen Fach- und Publikumserfolge der letzten beiden Jahre nun allesamt aus den angelsächsischen Ländern. Diese Bücher handeln von Staaten, Nationen, Kriegen, (Geo-)Politik und Ökonomie in unkonventionell gesetzten Zäsuren, in summa von einer modern konzipierten Geschichte der internationalen Beziehungen.[4] Der deutschen Geschichtswissenschaft sollte daran gelegen sein, hier nicht den Anschluss zu verpassen.

Anmerkung der Redaktion: Eine Übersicht über das Review-Symposium zu Adam Tooze: Sintflut finden Sie hier: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2859>.

Anmerkungen:
[1] Die von Tooze nur verkürzt zitierte Passage bei Schmitt lautet vollständig: „Die Vereinigten Staaten blieben also in aller Form und damit anscheinend in einer besonders entschiedenen Weise von Genf abwesend. Aber sie waren, wie bei anderen europäischen Fragen, auf eine mittelbare, aber darum nicht weniger effektive und intensive Weise doch auch wieder anwesend. So ergab sich eine eigenartige Mischung von offizieller Abwesenheit und effektiver Anwesenheit, die das Verhältnis der Vereinigten Staaten von Amerika zur Genfer Liga und zu Europa kennzeichnete und die wir hier einen Augenblick betrachten müssen, um die Raum-Unordnung dieses Zeitabschnittes von 1919 bis 1939 richtig zu verstehen.“ Carl Schmitt, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, 4. Auflage Berlin 1997 (zuerst 1950), S. 224f.
[2] Damit unterschied er sich laut Tooze auch nicht von den republikanischen Nachfolgern: „Triumphierender Nationalismus ist eine ebenso treffende Umschreibung für die Politik der republikanischen Regierungen in den 1920er Jahren wie für Wilsons eigene Regierung. Triumphierender Nationalismus war weder nach innen gekehrt noch isolationistisch. Er richtete sich per definitionem an die Außenwelt, aber er äußerte sich in Bedingungen, die einseitig und einzigartig waren.“ (S. 433)
[3] Zwei Beispiele: Ganz entgegen der Perspektive Christopher Clarks spricht Tooze von Beweisen für eine „deutsche Mittäterschaft“ (S. 387) am österreichischen Ultimatum an Serbien, so als habe es sich um ein Attentat gehandelt. Und bei einem Schlenker zur zweiten Nachkriegszeit äußert Tooze unvermittelt über die Vertreibung der Ostdeutschen: „Die genauen Opferzahlen lassen sich immer noch nicht bestimmen, aber verbitterte Nationalisten behaupten, eine Million deutsche Zivilisten hätten den Exodus nicht überlebt.“ (S. 340) Überhaupt wird das Signum „Nationalist“ als begriffliche Allzweckwaffe ohne größeren explanatorischen Wert bei Tooze etwas zu häufig eingesetzt.
[4] Vgl. programmatisch Brendan Simms, The Return of the Primacy of Foreign Policy, in: German History 21 (2003), S. 275-291.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2015
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