Cover
Titel
Ich Germanicus. Feldherr – Priester – Superstar


Herausgeber
Burmeister, Stefan; Rottmann,Joseph
Erschienen
Darmstadt 2015: Theiss Verlag
Anzahl Seiten
112 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Altmeppen, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der die gleichnamige Ausstellung begleitende Sammelband betrachtet die historische Persönlichkeit des Nero Claudius Germanicus aus den verschiedenen Blickwinkeln der Alten Geschichte und der Archäologie. Dabei geht es weniger um die Klärung von Fragen der Forschung als deren Vorstellung und angemessen ausführliche Erörterung für ein breites Publikum.

Behandelt werden im Wesentlichen drei Schauplätze aus dem Leben und Wirken des Germanicus: Der Norden des Reiches mit ihm als Feldherr (was hier mit neun der 14 Beiträge klar im Zentrum steht), der Osten des Reiches mit seiner diplomatischen Tätigkeit und die Reichshauptstadt Rom mit dem Ränkespiel der julisch-claudischen Dynastie. Alle Bereiche sind stark mit zeitgenössischen und modernen Darstellungsarten des Germanicus verknüpft.

Während die frühe römische Kaiserzeit allgemein (Stichwort Augustus) und speziell ihre Spuren in Germanien (Stichwort Varusschlacht) in den letzten Jahren ein hohes Maß an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit erfuhr, fehlt eine auf Germanicus zentrierte Darstellung. Insofern wird im Kontrast zwischen der antiken Beliebtheit des Germanicus und seiner marginalen Rolle in der heutigen Forschung ein mögliches Desiderat aufgezeigt. Dies gilt umso mehr, als sich die Lebens- und Wirkungszeit des Germanicus in Ausstellung und Begleitband als eine Epoche darstellt, die durch eine insgesamt hohe Quellendichte mit einer relativen Vielzahl sensationeller Einzelquellen (Tabula Siarensis, Fundplatz Kalkriese, Gemma Augustea etc.) und hochinteressanten Fragestellungen geprägt ist. Dies ermöglicht gute Einblicke in die komplexe politische Situation der römischen Weltmacht und die persönlichen Konstellationen ihrer Leitung um die Zeitenwende.

Die Abfolge der Beiträge ist zwar nicht chronologisch geordnet, die Komposition folgt aber einem klarem Aufbau. So beleuchten drei einführende Beiträge (zweimal S. Burmeister sowie W. Eck) die Situation am Rhein vor dem Auftritt des Germanicus und erläutern dabei die Bedingungen seiner Tätigkeit dort, während zwei abschließende (B. Weisser und wiederum S. Burmeister) einen Ausblick auf die Nachwirkung von Germanicus’ Leben bieten. Letzterer zeigt, dass die Bedeutung des Germanicus zwar in seiner Beliebtheit zu Lebzeiten begründet liegt, ihm aber eigentlich erst von der Nachwelt beigemessen wurde, wie die Instrumentalisierung der Verwandtschaft mit ihm durch spätere Kaiser des ersten Jahrhunderts demonstriert. Auch ist die Masse der auf ihn bezogenen Denkmäler durch sein Ableben inspiriert. Mehr über die Person Germanicus selbst, die Stationen seines Lebens, seine Familie und seinen Charakter (über den sich wenig Sicheres sagen lässt), wird tatsächlich erst nach der ersten Hälfte des Bandes und im Verhältnis zu den viel und ausführlich thematisierten quellenkritischen Problemen des germanischen Schauplatzes summarisch behandelt (S. Burmeister und P. Kehne) (insofern verwundert auch der Titel „Ich Germanicus“, da dessen eigene Perspektive quasi gar nicht eingenommen werden kann).

Obwohl es sich um einen Begleitband zu einer Ausstellung handelt und die etwas reißerische Aufmachung durch die provokante Farbgebung und den Titel auch keinen Hehl daraus macht, dass es sich um ein populärwissenschaftliches Werk handelt, zeichnet sich die Mehrzahl der Beiträge durch fachwissenschaftliche Tiefe und Differenziertheit aus. Die altertumswissenschaftliche Arbeitsweise mit detaillierten Analysen und (vor allem) kritischen Betrachtungen aller zur Lösung eines Forschungsproblems zur Verfügung stehenden Quellen zieht sich wie ein roter Faden durch den Band. Das Eingeständnis der Grenzen der Forschung, die trotz der Vielzahl der möglichen Herangehensweisen an die gestellten Fragen nur selten in der Lage ist, diese befriedigend zu beantworten, ist Kennzeichen eines ehrlichen wissenschaftlichen Umgangs mit der Thematik, der die Forschung nicht zugunsten der Publikumswirksamkeit opfert. Insofern handelt es sich um eine sehr anspruchsvolle Lektüre für Laien, keineswegs jedoch um eine Überforderung, da die behandelten Probleme trotz der notwendigen Verkürzung nachvollziehbar bleiben und durch qualitätsvolle Abbildungen und Kartierungen anschaulich gemacht werden. Fachleute, die die neuesten Forschungsergebnisse der letzten Jahre berücksichtigt haben, werden nichts Unbekanntes finden, ein solcher Beitrag zur Forschung ist aber auch nicht beabsichtigt. Eine Ausnahme hierzu bildet der Beitrag von S. Burmeister und R. Kaestner (Oberst a.D.). Sie unternehmen den Versuch, sich den Motiven der römischen Militäroperationen in Germanien auf andere, neue Weise zu nähern, nämlich anhand der militärischen Lagebeurteilung, wie sie in den Generalstäben der Welt üblich sei: Wie kann eine gegebene Armee mit ihren Möglichkeiten unter den gegebenen Umständen operieren? Auch wenn damit zweifelsohne neue Perspektiven und Ansätze für die Interpretation der römischen Feldzüge geboten werden, bleibt hier die gleiche Schwachstelle bestehen wie bei nahezu allen Theoriemodellen der Moderne, die man für die Erforschung antiker Zustände nutzen möchte: ohne eine drastische Vergrößerung der belastbaren Daten und Fakten wird jedes Modell unbeweisbar bleiben. Neben dieser Anregung zum Beschreiten neuer Wege können Fachleute auch von der prägnanten Darstellung der Zusammenhänge und der für die Vermittlung guten Formulierung der anderen Beiträge profitieren. Sowohl interessierte Laien (vielleicht ursprünglich Besucher der Ausstellung) als auch Wissenschaftler haben trotz fehlendem Anmerkungsapparat (der in diesem Format auch nicht unbedingt nötig ist) die Möglichkeit zur Vertiefung des Gelesenen. Häufigere Quellenzitate mit entsprechender Stellenangabe wären allerdings für die Überprüfung des Zusammenhangs wünschenswert gewesen (beispielsweise für die Nutzung durch Studenten oder an der Lektüre der antiken Quellen Interessierte).

Auf die Publikumswirksamkeit wird aber auch nicht verzichtet: Ältere (teils noch aus der Antike stammende) Stereotypen und Bilder des Germanicus (aufstrebender, strahlender Liebling des Volkes in Konkurrenz zu den despotischen, düsteren Kaisern Augustus und Tiberius) werden aufgegriffen und mit dem modernen Vergleich des „Superstars“ überspitzt (der Begriff taucht nur im Titel, nicht in den Beiträgen auf). Dabei wird die moderne Begrifflichkeit zur Erläuterung antiker Phänomene bisweilen überdehnt: Der Begriff der „Patchworkfamilie“ (S. 79) mag zwar zur ersten assoziativen Einordnung hilfreich sein, wenn man mit dem sozio-politisch komplexen römischen Familienbegriff nicht vertraut ist, wird dem beschriebenen Gegenstand der kaiserlichen „Familie“ der julisch-claudischen Dynastie aber nicht gerecht. Ansonsten meistert Ch. Kunst allerdings die schwierige Aufgabe, die sie sich gestellt hat: die Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnisse im Kaiserhaus mit all den persönlichen Animositäten und Intrigen nachvollziehbar zu erläutern und zu demonstrieren, wie unzertrennlich persönliche Beziehungen und politische Macht verbunden waren. Der Vergleich der „Trauerhysterie“ (W. Eck), die Rom bei der Nachricht des Todes des Germanicus erfasste, mit der Reaktionen nicht nur der englischen Bevölkerung auf den Tod von Prinzessin Diana 1997 ist einleuchtend, umso mehr, als die Emotionen angesichts der Mittelmäßigkeit der Person unverständlich erscheinen. Auch die Orientreise des Germanicus lässt sich mit dem Vergleich der PR- oder „Werbetour“ (S. 71) eines Prominenten gut umschreiben (S. Burmeister und P. Kehne).

Insgesamt ist der vorliegende Band eine Sammlung plastischer und ansprechender Präsentationen von Spannungsfeldern: Zwischen Personen (Germanicus und Tiberius bzw. auch zwischen allen Mitgliedern des julisch-claudischen Kaiserhauses untereinander), zwischen Forschern (Kontroverse um die Örtlichkeit der Varusschlacht), zwischen Quellengattungen (literarische Überlieferung gegenüber archäologischen Befunden und Funden), zwischen Propaganda und Realität (Eroberungsrhetorik in Germanien gegenüber dem Ausbleiben durchschlagender Erfolge), zwischen Wissen und Nicht-Wissen (trotz all der Fortschritte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der letzten Jahre bleiben immer noch klaffende Lücken in unserem Wissen von Roms Präsenz in Germanien und der Person Germanicus), letztlich zwischen Erfolg und Versagen bei der (Re-)Konstruktion des Bildes eines „Superstars“ der Antike.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.05.2016
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