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Titel
Die männliche Disziplin. Zur Vergeschlechtlichung der deutschen Geschichtswissenschaft 1780–1900


Autor(en)
Schnicke, Falko
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
636 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Reusch, Forschungsstelle Ludwigsburg, Universität Stuttgart

„Das hiesige Archiv ist noch ganz eine Jungfer. Mich verlangt nach dem Moment, wo ich bei ihr Zutritt habe, um ihr meine Liebeserklärung zu machen [...].“[1] Diese Worte schrieb Leopold Ranke im Jahr 1836 in Erwartung der Einsicht in die Reichsakten in Frankfurt in einem Brief. Die hier formulierte Sexualisierung historischer Forschung und das damit einhergehende männlich-heterosexuelle Selbstverständnis des Historikers waren keineswegs singulär in der Phase der Entstehung und Professionalisierung der modernen Geschichtswissenschaft. Ganz im Gegenteil entwickelte sich die Historiografie analog zu ihrer disziplinären Etablierung zu einem männlichen Aktionsraum und einer männlich gedeuteten Wissenschaft. Diese These, seit den 1970er-Jahren von feministischen Historikerinnen entwickelt und geäußert, gehört mittlerweile zum Standardwissen einer geschlechtergeschichtlich interessierten Historiografiegeschichte, wurde allerdings bisher nur in Ansätzen empirisch untersucht. Hier setzt Falko Schnicke mit seiner Dissertation an, mit der er die These der Vermännlichung der historischen Disziplin in großen Teilen bestätigen und zugleich differenzieren kann, indem er die genauen „Mechanismen der Vergeschlechtlichung des Fachs“ (S. 12) auf den Ebenen von Wissen, Praxis, Strukturen und Einzelpersonen untersucht: Wie und auf welchen Ebenen vollzog sich die Vermännlichung der Geschichtswissenschaft? Welche Formen von Männlichkeit wurden konstruiert? Welche Bedeutung hatte Weiblichkeit für die Herstellung disziplinärer Männlichkeit? Und welche Rolle kam dem Körper im Prozess der disziplinären Vermännlichung zu?

Der Untersuchungszeitraum von 1780 bis 1900 entspricht dabei einer Periode, in der die Geschichtsforschung sich als Disziplin etablierte und in welcher die Grundlagen des disziplinären Selbstverständnis des Fachs gelegt wurden, die in Teilen bis heute nachwirken. Zugleich handelt es sich um einen Zeitraum, in dem das Wissen über Körper und Geschlecht nicht nur beständig wuchs, sondern in Gestalt bürgerlicher Körper- und Geschlechternormen auch zentral für das Selbstverständnis westlicher moderner Gesellschaften wurde. Die wichtige Bedeutung dieser Normen für das wissenschaftliche und gesellschaftliche Leben des langen 19. Jahrhunderts durchzieht die gesamte Analyse. Schnicke macht gleichzeitig deutlich, dass Geschlechter- und Körpernormen keineswegs stabil waren, sondern sich in beständiger Verhandlung befanden, brüchig waren und der Legitimation bedurften. So können die Mechanismen der Vermännlichung gerade als Anzeichen für die Prekarität einer disziplinären Männlichkeit gelesen werden, die beständig erneuert und legitimiert werden musste.

Als Quellen der Analyse dienen einerseits schriftliche Selbstbeschreibungen der Disziplin, die von theoretischen Essays und Programmschriften über Nachrufe bis hin zu Briefen reichen – also die klassischen Quellen der Historiografiegeschichte. Darüber hinaus nutzt Schnicke Porträts von Historikern und Frontispize historiografischer Werke und bringt damit Bildquellen in die bisher sehr textfixierte Historiografiegeschichte ein. Bilder bergen dabei Möglichkeiten, sich der Vergeschlechtlichung und Verkörperung der Disziplin zu nähern, die allein über schriftliche Quellen nicht möglich sind: Vor allem der Körper des Historikers, in Schnickes Analyse ein zentrales Moment disziplinärer Vergeschlechtlichung, ist über Texte in der Regel nicht unmittelbar zugänglich, während er in Bildquellen in den Mittelpunkt rückt und „visuell inszeniert“ (S. 30) wird. Die Grenze der Quellenauswahl liegt darin, dass letztlich alle Quellen in mehr oder weniger repräsentativen Kontexten entstanden, in denen Historiker selbst, Porträtmaler oder Verlage ein ideales Bild der Wissenschaft und des Wissenschaftlers zeichneten. Durch diesen Umstand, der dem Autor durchaus bewusst ist, können die diskursiven und ikonographischen Normen und Imaginationen der Vergeschlechtlichung anhand der Quellenauswahl sehr gut gefasst werden, die vielen praktischen Brüche des Projekts der Vermännlichung jedoch finden nur wenig Beachtung – so etwa der durchaus vorhandene Anteil der Ehefrauen und Töchter von Historikern an der Forschung[2] oder die vielen Historiker, die nicht oder nur teilweise dem Männlichkeitsideal entsprachen. Daher wäre eine stärkere Integration weniger kanonisierter Historiker in das Quellenkorpus wünschenswert gewesen und hätte jenseits der dominanten Stimmen womöglich auch andere Perspektiven aufzeigen können.

Der Autor gliedert seine Analyse in vier Kapitel, die zugleich die vier Ebenen repräsentieren, auf welchen disziplinäre Vermännlichung untersucht wird: Anthropologie, Konzeption, Methoden und Institutionen. Die Ebene der Anthropologie beschäftigt sich mit der Konstruktion des Individualkörpers des Historikers wie auch des disziplinären Kollektivkörpers und verdeutlicht die Konzeption des idealen Historikers als männlich, weiß, heterosexuell, protestantisch und deutsch. Eine Analyse der Porträts Leopold von Rankes, Johann Gustav Droysens und Theodor Mommsens, die in der deutschen Nationalgalerie ausgestellt waren, zeigt die männliche Attribuierung von Wissenschaft im Bild und veranschaulicht vergleichend die Verkörperung unterschiedlicher Typen disziplinärer Männlichkeit. Das Kapitel über Konzeptionen behandelt das Verständnis von Wissenschaft als Arbeit und analysiert anhand von Johann Gustav Droysens Historik, Frontispizen historiografischer Werke und Briefen verschiedener Historiker den Konnex von Wissenschaft, Arbeit, Männlichkeit und Körperlichkeit. Die Verbindung von Männlichkeit und Methodengebrauch wird im dritten Analysekapitel diskutiert, das deutlich aufzeigt, wie eng der Dualismus wissenschaftlich/unwissenschaftlich mit Geschlechterdichotomien verknüpft war, etwa durch die direkte Verbindung von Objektivität mit Männlichkeit. Die letzte Analyseebene betrifft schließlich die institutionelle Infrastruktur historischen Arbeitens. Schnicke arbeitet heraus, wie die Universität und das historische Seminar als männliche Räume konzipiert wurden, deren identitätsstiftende Einheit homosozialer männlicher Kameradschaft und akademischer Lebensführung durch ein Eindringen von Frauen infrage gestellt werden konnte.

In den einzelnen Kapiteln wird jeweils mit mehreren Fallbeispielen aus unterschiedlichen Phasen des Untersuchungszeitraums gearbeitet. Auf diese Weise veranschaulicht Schnicke trotz der thematischen Strukturierung des Buches zugleich die chronologische Entwicklung der Geschichtswissenschaft und ihren Prozess der Professionalisierung, Institutionalisierung und Disziplinwerdung. Die Strukturierung des Forschungsgegenstands in vier Ebenen der Vergeschlechtlichung ist sehr plausibel, führt allerdings stellenweise zu Redundanzen, da hinter den einzelnen Phänomenen oftmals die gleichen Prinzipien der Vermännlichung stehen. So hätte dem über 600 Seiten starken Buch etwas mehr Straffung gut getan, wenn auch die ausführlichen und detailreichen empirischen Analysen im Einzelnen äußerst informativ sind und ihre Lektüre Freude bereitet. Durchweg gelungen ist die theoretisch sehr versierte Verknüpfung der empirischen Forschung mit kulturwissenschaftlichen und geschlechtertheoretischen Konzepten, die in der Einleitung knapp vorgestellt werden.

Ein hervorzuhebendes Verdienst des Bandes ist die Einbeziehung des Körpers als Kategorie der Historiografie- und Wissenschaftsgeschichte. Zentral ist hierbei der Widerspruch zwischen einer derartigen Präsenz des Körpers einerseits, dass Fachwissen und Geschlechter- und Körperwissen „weitgehend zusammenfielen“ (S. 11), und andererseits dem Ideal körperloser Wissenschaft, das dem Körper „keine reflektierte Größe“ (S. 11) in der Fachwissenschaft einräumte. Hier können die Überlegungen des Autors als Anregungen für weitere Forschung dienen: So ist etwa die These, die Relevanz des Körpers im Forschungsprozess der Geschichtswissenschaft stehe im Gegensatz zur „Zurückdrängung des Körpers“ (S. 515) in den Naturwissenschaften, eine kritische Überprüfung wert.

Zusammenfassend liefert das Buch einen überzeugenden Beitrag zur Historiografiegeschichte, die im Allgemeinen noch weitgehend geschlechterblind ist. Die von Schnicke herausgearbeitete zentrale Stellung von Geschlecht und Körper für die Entwicklung der historischen Fachwissenschaft verleiht der Historiografiegeschichte somit wichtige neue Impulse. Von Relevanz für die Geschlechtergeschichte ist vor allem die detaillierte empirische Arbeit, mit der Schnicke die These der Vermännlichung der Geschichtswissenschaft untermauern kann. Hervorzuheben ist außerdem die Erweiterung des traditionell textbasierten Quellenkorpus der Historiografiegeschichte um Bildquellen, die als wichtige Inspiration für weitere Forschung dienen kann. So liefert Schnicke sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene einen äußerst lesenswerten Beitrag zur Erforschung der Vergeschlechtlichung und Disziplinwerdung der Geschichtswissenschaft.

Anmerkungen:
[1] Hans Herzfeld (Hrsg.), Leopold von Ranke, Neue Briefe. Bearb. v. Bernhard Hoeft, Hamburg 1949, S. 230. Zitiert hier auf S. 9.
[2] Sylvia Paletschek, Die Geschichte der Historikerinnen. Zum Verhältnis von Historiografiegeschichte und Geschlecht, in: Freiburger Frauenstudien 20 (2007), S. 27–49, hier S. 30.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.03.2016
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