Cover
Titel
Geschichtskultur im Strukturwandel. Öffentliche Geschichte in Katowice nach 1989


Autor(en)
Tomann, Juliane
Reihe
Europas Osten im 20. Jahrhundert 6
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 437 S.; 49 Abb.
Preis
49,95 €; $ 70.00; £ 37.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Hackmann, Department of History and International Relations, University of Szczecin

Katowice sei eine komplizierte Lektüre – so beginnt Juliane Tomann ihre Studie über öffentliche Geschichtskultur in Kattowitz. In der Tat unterscheidet sich diese Arbeit von den Monographien zu benachbarten ostmitteleuropäischen Großstädten, wie sie etwa zu Breslau, Danzig und Stettin[1] vorgelegt wurden. Diese Unterschiede seien kurz skizziert, da sich so der Gegenstand Kattowitz[2] und seine Betrachtung durch die Verfasserin deutlicher konturieren lässt. Im Gegensatz zu den vorgenannten Arbeiten fokussiert sich Tomann nur auf die Zeit seit 1989, was insofern gerechtfertigt ist, da das Ende des Zweiten Weltkriegs in Kattowitz keine ähnlich einschneidende Zäsur darstellt. Zugleich haben angesichts der kurzen Stadtgeschichte die historischen Diskurse einen geringeren Tiefgang, reichen sie doch nur 150 Jahre, nicht aber 1.000 Jahre zurück, denn Kattowitz entstand erst 1865 im Zuge der Erschließung des oberschlesischen Bergbaureviers. Die Studie hebt sich aber vor allem in konzeptioneller Hinsicht ab: Sie ist keine rein geschichtswissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne, sondern berücksichtigt ausführlich geschichtsdidaktische und kulturanthropologische Fragestellungen.

Es mag dieser vergleichsweise kurzen Stadtgeschichte geschuldet sein, dass die Stadt erst nach einem guten Viertel des Buches in den Vordergrund der Betrachtung tritt. Tatsächlich stellt Tomann eine ausführliche und gleichsam erweiterte Einleitung zur „public history“ bzw. „angewandten Geschichte“ voran. Dieser Schwerpunkt spiegelt sich auch in der Anlage des Buches: Die ersten vier von sechs Abschnitten haben den Begriff „öffentliche Geschichte“ im Titel. Die theoretische Einleitung greift auf Jörn Rüsens Leitbegriffe Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein zurück und zeichnet recht detailliert die bundesdeutschen Debatten um diese Begriffe vor 1989 nach. Mit Blick auf die in der jüngeren Vergangenheit dominierenden Debatten über Gedächtnis- und Erinnerungskultur spricht Tomann zunächst von einem abweichenden Ansatz, versucht dann aber, diese in das Konzept von Geschichtskultur zu integrieren, zu dem keine prinzipiellen Unterschiede bestünden. In ihrer methodologischen Ausrichtung fokussiert sie sich dann vor allem auf geschichtsdidaktische Analysen zum Geschichtsbewusstsein. Ins Zentrum rückt dabei die Analyse der Triftigkeit historischer Narrationen mit Blick auf die Präsentation städtischer Geschichte in Museen und in Imagekampagnen der Stadtverwaltung.

An diesem Punkt kommt nun Kattowitz ins Blickfeld. Juliane Tomanns erklärtes Ziel ist die Dekonstruktion historischer Narrationen in öffentlichen Geschichtsdarstellungen. Die Quellen, die sie analysiert, sind vor allem Texte und Interviews, daneben gibt es auch ein kurzes Kapitel, in dem der „Stadtraum“ als Quelle betrachtet wird. Als Endpunkt der Betrachtung wurde das Jahr 2012 gewählt, das Jahr nach dem Scheitern der Bewerbung von Kattowitz um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2016. Ob das auch in der Retrospektion tatsächlich ein zentraler Einschnitt ist, erscheint zumindest fraglich, zumal es in den analysierten Museen in den letzten Jahren zu signifikanten Änderungen gekommen ist. In dieser Periodisierung spiegelt sich der Fokus auf die Stadtverwaltung als Produzent von Imagekonzepten, die den Strukturwandel als postindustrielle Neuerfindung der Stadt präsentieren. Auch wenn die Zukunftsorientierung in den historischen Narrationen Gegenstand der Analyse ist, so scheint es doch, dass die Perspektive der politischen Akteure unmittelbar in die Fragestellung eingeflossen ist.

Die Abschnitte zu Kattowitz beginnen mit einem Abriss der Stadtgeschichte als Grundlage der folgenden Plausibilitätsanalysen, dabei behandelt Tomann ausführlich die Konflikte in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg. Zudem legt sie einen Akzent auf die architektonische und urbanistische Entwicklung sowie die Denkmaltopographie und geht auch transnationalen Bezügen nach. Hierbei handele es sich um „im städtischen Raum angelegte Erzählstränge“ (S. 118), die den Ausgangspunkt der folgenden Detailanalysen bilden. Ihrer Ansicht nach sind diese Erzählstränge der einzelnen Teilepochen gleichrangig, da es kaum räumliche Überlagerungen gegeben habe. Der Befund einer deutsch-polnischen Polarisierung des städtischen Raumes, die dazwischenliegende Aspekte, sei es die jüdische Bevölkerung oder die Frage nach regionaler Identität, ausblendet, ließe sich jedoch auch anderswo feststellen.

Im Folgenden präsentiert Juliane Tomann drei Hauptanalysen, die sich mit der Dauerausstellung des stadtgeschichtlichen Museums, der Präsentation von Kattowitz als Gartenstadt im Zuge der Bewerbung um die Kulturhauptstadt sowie öffentlichen, aber nicht offiziellen Identitätsdiskursen befassen. Die Beschreibung der – in dieser Form nicht mehr bestehenden – stadtgeschichtlichen Ausstellung fällt sehr detailliert aus und kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen erklärter Intention und realisierter Darstellung ein Widerspruch klafft. Trotz eines positivistischen Objektivitätsanspruchs werde hier vor allem die polnische Kontinuität der Stadtgeschichte untermauert. Hier, wie auch in der deutlich kürzeren Analyse des Schlesischen Museums, unterscheidet Tomann zwischen inhaltlichen Aspekten der Narration und äußeren Formen der Präsentation, die sie – etwas missverständlich – als innere und äußere Quellenkritik bezeichnet. Die Analyse des Gartenstadt-Bildes fokussiert sich auf die Siedlung Gieschewald (poln. Giszowiec) und das Geschichtsbewusstsein der Narrateure, die von dieser Siedlung ausgehend die gesamte Stadt als Gartenstadt präsentieren. Hier kommt Tomann zunächst zu dem dekonstruktivistischen Ergebnis, dass die Bezüge auf das britische Modell der Gartenstadt im Sinne von Howard unzutreffend sind, und dann zu der Feststellung, dass die Siedlung dennoch durchaus Ausgangspunkt für eine alternative Erzählung städtischer Entwicklung in eine postindustrielle Zukunft hätte sein können. Positiver ist dagegen das Ergebnis ihrer Analyse der „Route der Moderne“ als Imagekampagne. Ob die Bezüge etwa zu Chicago tatsächlich plausibler sind, sei jedoch dahingestellt.

In ihrem Fazit hält Juliane Tomann die divergierenden Befunde fest: Im Stadtmuseum dominierte ein – letztlich nicht realisierter – Objektivitätsanspruch, bei den Imagekampagnen ging es dagegen weniger um ein triftiges Bild der Vergangenheit als um Zukunftsvisionen, für die die historische Rückbindung nachrangig ist. Ob eine „creatio ex nihilo“ (eine Schöpfung aus dem Nichts), wie Tomann als Schlussthese formuliert, allerdings eine überzeugendere Strategie zur Begründung eines den Strukturwandel begleitenden Identitätsdiskurses sein könnte, erscheint zumindest zweifelhaft.

Die umfangreiche Präsentation interessanter stadtgeschichtlicher Aspekte und der ambitionierte Versuch einer theoretisch stringenten Begründung von „angewandter Geschichte“ lassen vier Probleme hervortreten: Zunächst lässt die Dekonstruktion der historischen Narrationen, an denen aus geschichtswissenschaftlicher Sicht wenig auszusetzen ist, noch kein Urteil über den Erfolg ihrer politischen oder öffentlichen Anwendung zu. Die detailreiche Betrachtung macht allerdings deutlich, wo eine historisch plausible „angewandte Geschichte“ im lokalen Raum anzusetzen hätte, wenn sie denn politisch gewollt ist. Des Weiteren kennzeichnet Juliane Tomanns Argumentation eine Zukunftsorientierung, wie sie in den analysierten Imagekonzepten anzutreffen ist. Wenn sie feststellt, Kattowitz sei eine Stadt im Aufbruch, so scheint hier die Strategie des Stadtmarketings durch, wohingegen „Umbruch“ hier der geschichtswissenschaftlich exaktere Begriff wäre. Außerdem erschiene es lohnend, neben den Kategorien von empirisch zutreffend und unzutreffend für die öffentliche Anwendung auch die Kategorie der Hybridität heranzuziehen. Schließlich hätten vergleichende Seitenblicke auf ähnliche Entwicklungen in anderen polnischen Städten die Argumente der Verfasserin stärken können. Lodz etwa taucht nur am Rande auf, es hätte aber vor dem Hintergrund einer ähnlich kurzen Stadtgeschichte wie auch seiner plurikulturellen Prägungen und des städtischen Wandels nach 1989 ein spannendes Vergleichsobjekt sein können, um die Besonderheiten von Kattowitz herauszuarbeiten. Ähnliches gilt für die Betrachtung der anderen polnischen Bewerbungen als Kulturhauptstadt, denn möglicherweise war die Plausibilität der historischen Bezüge dort insgesamt von nachrangiger Bedeutung. Mit Blick auf Imagekonzepte, die weg von Bergbau und Schwerindustrie führen, hätte sich auch ein vergleichender Blick auf das Ruhrgebiet angeboten. Bedauerlich ist, das sei am Rande erwähnt, dass das Buch nur ein Sachregister von einer halben Seite Umfang enthält, auf das man in dieser Form verzichten kann.

Diese kritischen Überlegungen, das sei hier ausdrücklich betont, resultieren aus dem scharfen Blick der Verfasserin auf die Entwicklungen in Kattowitz, die der Stadt einen zentralen Platz in dreifacher Hinsicht zuweisen: sowohl im deutsch-polnischen Kontaktbereich als auch mit Blick auf die nicht nur historische oder diachrone Multiethnizität im ostmitteleuropäischen Kontext und schließlich durch den post-industriellen Umbruch auch im breiteren europäischen Kontext.

Anmerkungen:
[1] Gregor Thum, Die fremde Stadt. Breslau 1945, Berlin 2003; Peter Oliver Loew, Danzig und seine Vergangenheit 1793-1997. Die Geschichtskultur einer Stadt zwischen Deutschland und Polen, Osnabrück 2003; Jan Musekamp, Zwischen Stettin und Szczecin. Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005, Wiesbaden 2010.
[2] Juliane Tomann verwendet konsequent die polnische Namensform und weicht damit meines Erachtens unnötigerweise von dem, wie sie selbst konstatiert, mittlerweile „unverkrampften“ Umgang (S. 18) ab, obwohl in den unterschiedlichen Namensformen keine abweichende Semantik erkennbar ist.