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Titel
Der Boxeraufstand in China 1900/1901 als deutscher und französischer Erinnerungsort. Ein Vergleich anhand ausgewählter Quellengruppen


Autor(en)
Wendorff, Jean-Jaques
Erschienen
Frankfurt am Main 2016: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
240 S., 26 s/w Abb., 9 Tab.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thoralf Klein, Department of Politics and International Studies, Loughborough University

In der Forschung über den Boxerkrieg, der multinationalen Militärintervention in China in den Jahren 1900/01, ist die französische Seite immer ein wenig unterbelichtet geblieben. Und obwohl der internationale Charakter des Ereignisses reichlich Material für komparatistische Untersuchungen bietet, sind solche bislang Mangelware. Die bislang bedeutendste Studie zur Erinnerung an den Boxerkrieg, Paul Cohens History in Three Keys, beschränkt sich typischerweise auf die angloamerikanische und chinesische Perspektive[1]. Es ist daher zunächst uneingeschränkt zu begrüßen, dass sich Jean-Jacques Wendorff in seiner vergleichenden Untersuchung dem Boxerkrieg als deutschem bzw. französischem Erinnerungsort zuwendet.

Bei dem mit knapp 160 Textseiten eher schmalen Band handelt es sich um eine auszugsweise Veröffentlichung von Wendorffs 2014 an der Fernuniversität Hagen eingereichten Dissertation, deren Gesamttext im Internet öffentlich zugänglich ist.[2] Zum Abdruck gelangen das Schlusskapitel, das in der Arbeit eher den Charakter eines Anhangs hat, sowie zwei in die Methode und Thematik einführende Abschnitte. Einleitend legt Wendorff die seiner Studie zugrundeliegende, vergleichende Methode mit Rückgriff auf die Arbeiten Hartmut Kaelbles, ausführlich dar; für das Konzept des Erinnerungsortes greift er auf die Standardwerke von Nora sowie François und Schulze sowie deren Übertragung auf den kolonialen Kontext durch Jürgen Zimmerer[3] zurück. Ähnlich detailliert fällt sein Überblick über die Ursachen, den Verlauf und die Folgen des Boxerkrieges (den er ebenso problematisch wie durchgängig als „Boxeraufstand“ bezeichnet) aus, wobei er freilich auf die brutalen Strafexpeditionen vom Herbst 1900 bis zum Frühjahr 1901 nur am Rande eingeht. Das Programm des Hauptteils umfasst vier Gruppen von Materialien: veröffentlichte Texte, Straßennamen, Denkmäler und Schulbücher, wobei die beiden ersten nur quantitativ, die letzten beiden sowohl qualitativ als auch quantitativ untersucht werden sollen (S. 43).

Wendorffs Hauptthese, wonach der Boxerkrieg in Deutschland einen Erinnerungsort eigenen Ranges darstellt, in Frankreich jedoch eher im Kontext weiterer kolonialer Militärexpeditionen und daher als weniger bedeutsam betrachtet wird, kann man unschwer zustimmen. Allerdings fallen die Analysen, aus denen er diese These ableitet, hinsichtlich ihrer Überzeugungskraft sehr unterschiedlich aus. Am Beginn steht eine knappe Sichtung von Veröffentlichungen in beiden Ländern, aufgeschlüsselt nach Textsorten (Tagebücher, militärische Veröffentlichungen, Forschungsliteratur und Belletristik) sowie Erscheinungsperioden; die Titel sind sämtlich in einem ausführlichen Anhang aufgelistet. Die quantitative Auswertung lässt ein deutliches Übergewicht deutscher Veröffentlichungen erkennen. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Straßennahmen; allerdings stellt Wendorff zu Recht fest, dass etliche Namen nicht eindeutig dem Boxerkrieg zugeordnet werden können. Dies wirft die Frage auf, wie aussagekräftig diese Materialgruppe überhaupt ist.

Den Abschnitt über Denkmäler kann man unter dem Strich nicht anders als unbefriedigend bezeichnen: Im Gegensatz zu Wendorffs einleitender Erklärung findet nämlich kaum eine qualitative Analyse statt. Vielmehr beschränkt er sich auf die Feststellung, dass die deutschen Steindenkmäler für gefallene Soldaten ausdrücklich dem Boxerkrieg gewidmet sind, während die französischen dieses Ereignisses in einem breiteren Kontext militärischer Auseinandersetzungen außerhalb Europas gedenken. Hingegen fehlt eine Interpretation der Ikonographie ebenso wie eine Textanalyse von Inschriften etc. Auch die Nichtberücksichtigung archivalischen Materials wirkt sich hier negativ aus. So greift Wendorff bei seiner (knappen) Diskussion des Ketteler-Denkmals in Münster lediglich auf eine Webseite zurück und weiß daher weder etwas über die ursprüngliche Konzeption und Ikonographie des Denkmals zu sagen, noch ist ihm bewusst, dass das Denkmal infolge Kriegszerstörung nicht in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten ist. Wendorffs abschließende These, wonach die Denkmäler in Deutschland keinen Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur an den Boxerkrieg darstellen, da im Gegensatz zu Frankreich keine nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurden (wogegen Denkmäler in Frankreich wie andere Materialgruppen die Intervention in China in einen breiteren kolonialen Kontext einbetten), vermag letztlich nicht zu überzeugen.

Das weitaus längste Kapitel ist der Darstellung des Boxerkrieges in französischen und deutschen Schulbüchern gewidmet, die der Autor im Georg-Eckert-Institut in Braunschweig eingesehen hat. Zwei Unterkapitel untersuchen die Einbeziehung von Primärquellen in Schulbuchtexte, jeweils separat für Schriftquellen und Bilder. Zunächst stellt Wendorff anhand einer quantitativen Auswertung des Materials fest, dass der Boxerkrieg in deutschen Schulbüchern häufiger sowie über einen längeren Zeitraum behandelt wurde und die deutschen Schulbuchtexte nicht nur im Durchschnitt länger sind, sondern auch häufiger Text- und Bildquellen einschließen. Die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Material wirkt sich insbesondere in dem Teil über die französischen Textbücher durchaus positiv aus. Hier arbeitet der Autor ein klares Grundmuster bei der Darstellung des Boxerkrieges heraus (S. 107). Allerdings wird Wendorffs Ausgangsthese, die eine Stabilität dieses Musters vom frühen 20. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre nahelegt, durch seine eigene Darstellung von Variationen während des Untersuchungszeitraums in Frage gestellt. Obwohl Erklärungen für Veränderungen oftmals naheliegen (etwa der Kontext des Kalten Krieges für die Betonung der russischen Expansion in den Jahren nach 1945), werden sie nicht angeboten. Das einzig konsistente, aber auf Dauer nicht befriedigende Erklärungsmuster für Variationen in der Darstellung besteht im Hinweis auf Lehrplanänderungen. Das gleiche Problem tritt bei der insgesamt schwächer ausgefallenen Untersuchung west- und ostdeutscher Schulbücher auf; hier werden Veränderungen in der Darstellungsweise konstatiert, aber nicht benannt, geschweige denn kontextualisiert. So bleibt die im Vergleich zu früheren Perioden imperialismuskritischere Haltung westdeutscher Schulbuchautoren in den 1970er-Jahren letztlich unverständlich. Es wird auch nicht recht deutlich, weshalb deutsche Schulbücher die „Hunnenrede“ Wilhelms II. zitieren. Dass zwei der behandelten chinesischen Bildquellen (S. 156 und 159) überhaupt nicht aus dem Kontext des Boxeraufstandes stammen – die Boxer verwendeten höchst unterschiedliche Medien für ihre Propaganda, darunter waren aber kaum Bilder –, ist Wendorff so wenig bewusst wie den Schulbuchautoren und -verlagen.

Insgesamt hinterlässt Wendorffs Studie einen zwiespältigen Eindruck: Auf der einen Seite bietet er eine mit Akribie und Findigkeit zusammengestellte Materialsammlung, die der zukünftigen Forschung gute Dienste leisten kann. Auf der anderen Seite bleibt die Interpretation dieses Materials in der Regel an der Oberfläche. Die häufigen langen Quellenzitate sollen offenbar für sich sprechen, wo Wendorff eigentlich analysieren und kontextualisieren müsste. So stellt sich die Frage, ob der Autor gut beraten war, ausgerechnet diesen Teil seiner Doktorarbeit zu veröffentlichen. Die Dissertation bietet in Teilen eine gründlichere und aufschlussreichere Analyse des politischen Prozesses wie der zeitgenössischen Medienreaktionen in Deutschland und Frankreich und wartet in Einzelfragen mit interessanten Thesen auf – etwa der, dass die Aufstellung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps ohne gesetzliche Grundlage erfolgte. Wer sich für diese Themen interessiert und seiner Kenntnis des bisherigen Forschungsstandes neue Facetten hinzufügen möchte, greift daher besser zur ungedruckten Fassung. Eine auch nur in Ansätzen befriedigende, wirklich transnationale Geschichte der Erinnerungskultur zum Boxerkrieg bleibt hingegen weiterhin ein Desiderat.

Anmerkungen:
[1] Paul Cohen, History in Three Keys. The Boxers as Event, Experience, and Myth, New York 1997, S. 211–288. Cohen benutzt den Begriff “myth” anstelle von Erinnerung. Vgl. auch James Hevia, English Cultures. The Pedagogy of Imperialism in Nineteenth-Century China, Durham, NC 2003, S. 282–345.
[2] Jean-Jacques Wendorff, Der Einsatz der deutschen und französischen Expeditionskorps in China während des Boxeraufstandes 1900–1901. Eine vergleichende Studie deutscher und französischer Akteure und Wahrnehmungen, Diss. phil. Fernuniversität Hagen 2014, https://d-nb.info/1060847949/34 (26.07.2018).
[3] Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux de mémoire, 3 Bde. Paris 1997; Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde. München 2001; Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt am Main u.a. 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.09.2018
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