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Titel
Leitfaden Referendariat im Fach Geschichte.


Autor(en)
Bongertmann, Ulrich; Erbar, Ralph; Lamprecht, Niko; Frank, Schweppenstette; Semmet, Sylvia
Erschienen
Schwalbach/Ts. 2017: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
276 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Raths, Universität Paderborn; Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Detmold

Mit ihrem „Leitfaden Referendariat im Fach Geschichte“ haben Ulrich Bongertmann, Ralph Erbar, Niko Lamprecht, Frank Schweppenstette und Sylvia Semmet ein Handbuch vorgelegt, das nicht den Anspruch einer Didaktik erhebt, vielmehr soll es auf Basis fachdidaktischer Theorien konkrete Hilfestellungen bieten, um die Herausforderungen der Schulpraxis im Rahmen des Vorbereitungsdienstes besser meistern zu können. Entsprechend dieses Anspruches sollte man in einem solchen Handbuch erstens einen Überblick über aktuelle fachdidaktische Konzepte, zweitens Tipps für deren Umsetzung in der Praxis und drittens konkrete Beispiele aus der Praxis erwarten können. Diesem Anspruch – so viel sei vorweggenommen – wird der Leitfaden in weiten Teilen gerecht.

Als Gesamtkonstrukt leistet das Handbuch einen Gesamtüberblick über die Ausbildungsinhalte, mit denen sich Referendarinnen und Referendare auseinandersetzen müssen. Hierbei legen die Verfasser des Leitfadens, allesamt Gymnasiallehrkräfte und mit einer Ausnahme mit Fachseminarleitungen betraut, Schwerpunkte auf Ziele und Prinzipien sowie die Planung von Geschichtsunterricht. Ein großer Stellenwert wird auch „Materialien und Medien“ eingeräumt. Die einzelnen Kapitel zeichnen sich durch eine verständliche Sprache sowie abschließende Literaturhinweise aus – letzteren hätten ergänzende Kommentare gutgetan. Hilfreich sind auch die zahlreichen Praxistipps in kompakter Form als Kästchen, die dem Großteil der Kapitel beigegeben wurden – ein Konzept, welches sich bereits im Rahmen der Veröffentlichung von Jutta Maria Berger und Christian Schmidtmann finden lässt, die zuletzt einen Leitfaden für das Referendariat im Fach Geschichte vorgelegt haben, wenn auch mit weit weniger Umfang und Inhalt.[1] Im Anhang des hier besprochenen Kompendiums finden sich Kopiervorlagen beispielsweise zu Unterrichtsrastern, Jahresplanungen, Hospitationsbögen sowie Checklisten zu Unterrichtsmethoden oder Lehrerverhalten, die sicherlich Berufsanfängerinnen und -anfängern Hilfestellung bieten können. Der Leitfaden schließt mit einem strukturierten und ausführlichen Literaturverzeichnis.

Das Werk beginnt mit einem kurzen Kapitel, in welchem vorherrschende Ängste von Berufsanfängern aufgegriffen und basale Tipps für den Start an der Ausbildungsschule gegeben werden. So banal die Hinweise klingen mögen, hilfreich sind sie auf jeden Fall, da der Sprung von der Universität ins Kollegium einer Schule nicht von allen Referendarinnen und Referendaren auf Anhieb gemeistert wird.

Den Kern des zweiten Kapitels bildet die Kurzplanung einer Geschichtsstunde, wobei die Autoren des Handbuches davon ausgehen, dass Referendarinnen und Referendare lediglich mithilfe der angeführten „4-Schritt-Notfall-Methode“ und des Lehrbuches eine problemorientierte Geschichtsstunde in zehn Minuten zusammenstellen können – eine Aufgabe, die Berufsanfänger wohl nur schwer zu leisten imstande sind. Wesentlich ergiebiger mutet da der weitere Gang des Kapitels an, in dem kurz-, mittel- und langfristige Unterrichtsplanungen sowie der Umgang mit Lehrwerken eine Rolle spielen, jeweils ergänzt durch passende Durchführungsbeispiele und hilfreiche Hinweise zur Selbstorganisation moderner Lehrkräfte.

Anschließend widmet sich der Leitfaden vergleichsweise umfangreich Zielen und Prinzipien des Geschichtsunterrichts, deren Auswahl diskutabel, aber nachvollziehbar ist. Die Schwerpunkte dieses Kapitels liegen auf den Aspekten „Ausbildung eines Geschichtsbewusstseins“ sowie „Werteorientierung, Werteerziehung und historischer Urteilsbildung“. Positiv anzumerken ist die verständliche Art der Darstellung, die im Allgemeinen den gebotenen Tiefgang aufweist, aber sich entsprechend der Zielsetzung des Leitfadens nicht zu sehr in der Theorie verliert. Überflüssig erscheint hingegen die Darstellung der zeitlichen Entwicklung einzelner Prinzipien des Geschichtsunterrichts, die für die praktische Umsetzung keinerlei Mehrwert bieten. Dies hätten im Gegensatz dazu aber konkrete Hinweise zur methodischen Umsetzung oder Praxisbeispiele leisten können, auf die im Rahmen dieses Kapitels leider weitgehend verzichtet wird.

Im nachfolgenden Kapitel stellen die Autoren im ersten Abschnitt unterschiedliche Lehr-Lernkonzepte einander gegenüber, wobei die gehaltvollen und praxisbezogenen Ausführungen zum „erarbeitenden Geschichtsunterricht“ entsprechend seiner Bedeutung in Ausbildung und Praxis den größten Raum einnehmen und mithilfe eines Praxisbeispiels veranschaulicht werden. Daneben werden aber auch die weiteren gängigen Modelle umrissen, ehe in einem zweiten Teil des Kapitels kurz grundlegende Überlegungen zur Aufgabenkultur im Geschichtsunterricht ausgeführt werden. In diesem Zusammenhang wäre sicherlich eine verstärkte Darstellung unterschiedlicher Diagnoseaufgaben für den Geschichtsunterricht hilfreich gewesen, diese Vernachlässigung geht mit einem Desinteresse an Konzepten der Binnendifferenzierung im Geschichtsunterricht einher, zu der im Rahmen des Handbuches lediglich am Rande Hinweise gegeben werden.

Unter der Überschrift „Geschichte als Konstrukt“ werden im fünften Kapitel elementare Konzepte der modernen Fachdidaktik wie ‚Narrativität‘, ‚Re-Konstruktion‘ und ‚De-Konstruktion‘ verkürzt dargestellt. Deutlich tiefgehender wird im Folgenden der Charakter der Geschichte als gedeutete Vergangenheit anhand dreier gut gewählter Beispiele aus der Schulpraxis verdeutlicht – die Erziehung der Spartaner, das Hambacher Fest und das „Dritte Reich“.

Gelungen sind die naturgemäß umfangreichen Ausführungen zu „Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht“. Dezidiert, klar, praxisbezogen und mit teilweise basalen, aber sehr hilfreichen Tipps angereichert stellen die Autoren hierbei die einzelnen Planungsschritte von Geschichtsstunden und Geschichtsreihen dar. Letztgenannte bieten Berufsanfängern insbesondere deswegen Orientierung, da sie im Rahmen der Fachdidaktik bisher kaum thematisiert worden sind. Etwas mehr Bedeutung hätte aber der Sachanalyse im Rahmen der Planung von Geschichtsunterricht beigemessen werden können. Auch die Überlegungen zur Reflexion von Unterricht fallen zu knapp aus, in diesem Zusammenhang wären zumindest kurze Hinweise auf mögliche Strukturierungsmöglichkeiten derselben wünschenswert gewesen.

An die dargelegten Überlegungen zur Planung und Durchführung schließen sich Ausführungen zu „Materialien und Medien“ im Geschichtsunterricht an, die wegen ihrer grundlegenden Bedeutung für historisches Lernen breiten Raum einnehmen. Hierbei liegt der Fokus entsprechend ihrer Tragweite und vermehrten Nutzung im Unterricht auf Texten und Bildern, zu denen die Verfasser auch jeweils Beispiele und Hinweise auf den Umgang mit diesen anführen. Bedauerlicherweise gestaltet sich in diesem Zusammenhang die Gewichtung zwischen Quellen und Fachtexten sehr unterschiedlich – ein Umstand, der sich auch innerhalb der aktuellen fachdidaktischen Forschung wiederfinden lässt. Zumindest der fachliche Umgang mit Fachtexten und die Unterscheidung unterschiedlicher Arten derselben hätten den Ausführungen der Verfasser gutgetan. Im Gegensatz zu Texten und Bildern fallen die Erläuterungen zu Filmen, Monumenten und Zeitzeugen verständlicherweise recht knapp aus, während die Ausführungen zu digitalen Medien aufgrund ihrer wachsenden Bedeutung vor dem Hintergrund der voranschreitenden Digitalisierung im Unterricht dezidierter sind, aber leider nur wenig Hinweise auf ihre praktische Anwendung enthalten.

Die anschließenden Überlegungen zur „Unterrichtsdiagnose“ muten im Gegensatz zum bisher Dargestellten fachunspezifisch an. Hier wäre ein stärkerer Einbezug aktueller fachdidaktischer Forschungsinhalte zur Evaluation, Diagnose und Leistungsmessung wünschenswert gewesen.

Das vorletzte Kapitel des Handbuches bilden Hinweise für eine „gelungene Examensstunde“. Verkürzte Wiederholungen zur Unterrichtsplanung werden durch ein gelungenes und ein misslungenes Beispiel einer Examensstunde veranschaulicht, wobei das durch die Verfasser des Leitfadens als gelungen bezeichnetes Beispiel auch Defizite zumindest im Bereich der Schüleraktivierung aufweist.

Den Abschluss des Leitfadens bilden Hinweise zu schriftlichen Lernkontrollen und Klausuren. Hierbei wird den Klausuren in der Oberstufe deutlich mehr Raum gewidmet, leider zu Lasten der Erläuterungen über schriftliche Lernkontrollen in der der Sekundarstufe I. Sehr hilfreich für Berufseinsteiger sind die zahlreichen Beispiele von Klausuren, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Referendarinnen und Referendaren oftmals bereits sehr früh das selbstständige Stellen von Oberstufenklausuren abverlangt wird.

Der „Leitfaden Referendariat im Fach Geschichte“ bietet zusammenfassend einen der Zielsetzung des Handbuches auch in der Schwerpunktsetzung angemessenen Überblick über aktuelle fachdidaktische Konzepte, der nicht nur Referendarinnen und Referendaren bei der Konzeption und dem Nachdenken über modernen Geschichtsunterricht wertvolle Hilfestellung bieten kann. Die Auswahl der Inhalte ist an der aktuellen Lehrerausbildung ausgerichtet und bis auf wenige Lücken – wie beispielsweise fehlende Ausführungen zum Umgang mit Individualisierung und der zurzeit omnipräsenten Inklusion im Geschichtsunterricht – der Intention des Handbuches entsprechend. Bei Bedarf bieten die weiterführende Literaturhinweise Anhaltspunkte für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit einzelnen Inhalten. Größtenteils gelingt es den Verfassern des Leitfadens, die theoretischen Überlegungen mit konkreten Handlungsmöglichkeiten und praxisnahen Beispielen zu veranschaulichen, die insbesondere Berufsanfängern durchaus helfen können, „die Herausforderungen täglichen Unterrichts dauerhaft“, also auch über das Staatsexamen hinaus, zu meistern.

Anmerkung:
[1] Jutta Berger / Christian Schmidtmann, Referendariat Geschichte. Kompaktwissen für Berufseinstieg und Examensvorbereitung, Berlin 2014.

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Veröffentlicht am
20.07.2018
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