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Titel
Forschendes Lernen in Majdanek. Erfahrungen aus der Projektarbeit


Herausgeber
Karthaus, Gabriele; Weber, Berthold; Zubala, Jens
Reihe
Geschichte unterrichten
Erschienen
Schwalbach am Taunus 2016: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
206 S.
Preis
€ 22,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jochen Kirchhoff, Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik, Universität Erfurt

Im Jahr 2015 hat die 1961 gegründete Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kreis Recklinghausen e.V. ihren Dr.-Selig-Auerbach-Preis an die innovative Gesamtschule Waltrop (Nordrhein-Westfalen) verliehen. Damit wird die Institutionalisierung einer langjährigen Projektarbeit zur Holocaust Education im Schulprogramm gewürdigt, bei der sich die Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrer mit christlich-jüdischen Themen beschäftigen. Diese Ehrung gab den Anlass für die Publikation eines Sammelbandes im darauffolgenden Jahr 2016 mit Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben“. Der Band Forschendes Lernen in Majdanek. Erfahrungen aus der Projektarbeit lässt im Titel vermuten, dass hier die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in einer offenen Lernform erfolgt, die didaktisch durch minimal guidance gekennzeichnet ist. Die Besprechung fokussiert diesen Sammelband deswegen unter der fachdidaktischen Frage, wie das forschende Lernen in diesem schulischen Projekt zur Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Lublin/Majdanek umgesetzt wird, und versucht, den im Sammelband dokumentierten Projektertrag einzuschätzen.

Die Auseinandersetzung mit der Ermordung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs fordert Lernende und Lehrende besonders heraus. Die Erinnerung an das vergangene Menschheitsverbrechen ist „difficult knowledge“.[1] Diese psychoanalytisch begründbare, auf Deborah P. Britzman[2] zurückgehende Charakterisierung zielt darauf ab, dass Lernende ihre gewohnten lebensweltlichen Verstehensweisen in der Regel nicht anwenden können, wenn sie mit schwersten Menschenrechtsverletzungen konfrontiert werden.[3] Yariv Lapid, der die pädagogische Konzeption der KZ–Gedenkstätte Mauthausen entwickelt hat, formuliert die auf dieses „schwierige“ historische Thema bezogene (fach-)didaktische Frage folgendermaßen: „Wie können wir begreifen, dass Menschen inmitten der Zivilbevölkerung gefoltert und ermordet wurden?“[4] Die historischen Zeugnisse aus den ehemaligen Konzentrationslagern lenken den Blick auf dieses extreme, ambivalente Nebeneinander von brutalem Mord und bürgerlicher Moral. Geschichtslehrer, Pädagogen an Gedenkstätten und Experten für Holocaust Education können regelmäßig erleben, wie schwer es jugendlichen Schülern fällt, dies zu begreifen.[5] Insbesondere die affektiven Reaktionen in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust können sehr verschieden ausfallen und unvorhersehbar auftreten. Die Bandbreite an Emotionen und Gedanken, die die verstörende Erfahrung mit dem Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte hervorrufen kann, reicht je nach Vorwissen und Überzeugung von Ungläubigkeit, Gelächter, Fassungslosigkeit, Leugnung, Gedankenlosigkeit[6], Nachdenklichkeit, Verstimmung, Verärgerung[7] bis zur vereinfachenden Verarbeitung durch stereotype Exkulpierung, etwa in dem Sinne 'die Täter mussten so handeln, sonst wären sie selbst getötet worden'.[8] Viele Reaktionen weichen also von der sozial erwünschten Rezeptionshaltung trauernden Gedenkens ab, die an vielen Lernorten zur Geschichte des Holocaust angebahnt wird. Der dort vermittelte, implizite „Trauerimperativ“[9] zur Erinnerung an die Opfer verfehlt viele Jugendliche – sicher nicht alle – in deren authentischem Erleben. Viele Schülerinnen und Schüler in der Gegenwart, die die vierte Generation nach dem Holocaust bilden, mögen zwar äußerlich den normierten Konventionen des Verhaltens und Empfindens entsprechen, den viele Lernarrangements an ehemaligen Täterorten nahelegen. Die Lernenden empfinden und denken aber tatsächlich anders – oft auch contre cœur. Lässt sich ein solcher Widerspruch zwischen Lernziel und Lernerfolg durch eine ergebnisoffenere Gestaltung von Lernwegen auflösen, ohne dabei Gefahr zu laufen, den Fortbestand oberflächlicher und moralisch fragwürdiger Fehlkonzepte bei den Lernenden zuzulassen? Kämen dafür (fach-)didaktische und pädagogische Lernwege in Frage, die höhere Freiheitsgrade in der Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema einräumen?

Der Band berichtet aus verschiedenen Blickwinkeln über eine seit vielen Jahren etablierte, aufwändige Bildungsarbeit an der Städtischen Gesamtschule Waltrop bei Dortmund in der Holocaust Education in einem Projekt mit dem Titel „Erinnern – nicht vergessen“. Die Herausgeber unterrichten bzw. unterrichteten in Waltrop als erfahrene Geschichtslehrer. Seit über zwanzig Jahren führt die Schule im Rahmen des Projekts jährlich eine zehntägige Schüler-Exkursion nach Polen zu der außerschulischen Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek in Lublin durch. Die Fahrt ist verbunden mit einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung mit Oberstufenschülern einer Partnerschule in Lublin. Organisatorischer Kern des Projekts ist ein knapp zweiwöchiges Fachpraktikum. Der nordrhein-westfälische Lehrplan verlangt dies von den Abiturienten in der Oberstufe im ersten Jahr der Qualifikationsphase (was in anderen Bundesländern der Jahrgangsstufe 12 entspricht). Das Fachpraktikum ist in der Gesamtschule Waltrop an einen fachlichen Leistungsschwerpunkt in Geschichte, Kunst oder Sozialwissenschaften gebunden, den die Schüler wählen. Es dient einem Kennenlernen der Arbeitswelt und wird hier insbesondere genutzt für die historisch-politische Bildung, für das Kennenlernen von deutschen und polnischen Jugendlichen im Rahmen einer Schulpartnerschaft mit der Gesamtschule 4 in Lublin, an deren Stadtgrenze die KZ-Gedenkstätte Majdanek liegt, und für einen Einblick in die dortige Gedenkstättenarbeit. Der schulische Bezug des Fachpraktikums drückt sich zudem in der Anfertigung einer Facharbeit aus, die Voraussetzung für die Zulassung zur Abiturprüfung ist. Dieser formale Rahmen stellt die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler vor implizite Leistungserwartungen. Selbstständig müssen sie eine wissenschaftspropädeutische Facharbeit anfertigen, mit der einerseits eine prinzipielle Offenheit einhergeht, die dem forschend-entdeckenden Lernen eignet. Andererseits wird diese eigenständige Auseinandersetzung thematisch und methodisch kanalisiert, wie an der Vorbereitung und Begleitung des Fachpraktikums vor Ort erkennbar ist. Wie frei oder wie gelenkt läuft das Fachpraktikum ab? Der Sammelband enthält insgesamt 22 kürzere Beiträge zur Organisation, Zielstellung, Didaktik und Wirkung einer vertieften Auseinandersetzung nordrhein-westfälischer Oberstufenschüler mit der Shoa an einer polnischen Gedenkstätte. Die Autoren der Einzelbeiträge lassen sich nach der Rolle ihrer Beteiligung am Waltroper Fachpraktikum in die Lehrer, die teilnehmenden Schüler und die unterstützenden Gedenkstättenpädagogen ordnen.

Die erste Autorengruppe, die Lehrer, gehören als Herausgeber der durchführenden Schule an: Gabriele Karthaus war Oberstufenkoordinatorin und hat die Projektarbeit 1998 begonnen; der (inzwischen pensionierte) Waltroper Geschichtslehrer Berthold Weber leitete viele Jahre die Organisation der Exkursion; Jens Zubala unterrichtet als Leistungskursfachlehrer das Fach Geschichte und begleitet die Schüler während der Exkursion. Von diesen drei Waltroper Lehrkräften stammt die Hälfte aller Beiträge im Sammelband. Als Projektverantwortliche erläutern sie die Konzeption des Fachpraktikums, die Vorbereitung der Exkursion nach Polen und ihren Ablauf. Zudem zeigen sie detailliert auf, wie ihre schulische Projektarbeit im Laufe der zwei Jahrzehnte in die Schulkultur der Waltroper Gesamtschule integriert wurde, etwa durch einen festen Ausstellungstermin zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar oder durch jahrgangsübergreifende Präsentationen der Abiturienten über die Ergebnisse ihrer Projektarbeit für Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe.

Die zweite Autorengruppe bilden vier Experten und Praktiker der Gedenkstättenpädagogik, darunter der Leiter der Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Majdanek, Tomasz Kranz, sowie der Leiter der dortigen Bildungsabteilung, Wieslaw Wysok, die das Kooperationsprojekt mit der Schule von Anfang an mit aufgebaut haben. Sie schildern den Ort und die erhaltenen Überreste des Konzentrationslagers und geben einen detaillierten Einblick in die Informationsangebote auf dem Gelände. Beide stellen die Erklärungsbedürftigkeit der ausgestellten Objekte sowie des Lagergeländes heraus und unterstreichen die entscheidende Rolle, die die Vermittlung von fachlichem Vorwissen in jeder Auseinandersetzung mit den verstörenden Geschichten des Holocaust spielt. Aus fachdidaktischer Sicht ist dabei das Repertoire der Aneignungsmöglichkeiten von besonderem Interesse, die Wieslaw Wysok in seinem Beitrag erläutert: Videographien mit Zeitzeugenberichten, die eine biographische Annäherung ermöglichen, Peer Guiding, eintägige angeleitete thematische Recherchen im Archiv und der Bibliothek, kreative fotografische Auseinandersetzungen mit dem Ort und den ausgestellten Objekten, angeleitete Lektüren zur Täterperspektive, handlungsorientierte Mithilfe der Besucher bei der Erhaltung der Gedenkstätte sowie weitere Arbeitsformen. Die differenzierten und begleiteten Erschließungswege werden im Fachpraktikum der Gesamtschule Waltrop genutzt, wobei die Oberstufenschüler durch die Mitarbeiter der Gedenkstätte eine methodische Anleitung bei der Konzipierung ihrer Facharbeiten erhalten und die Archivare zusätzliche fachliche Unterstützung bieten, indem sie themenspezifische, auf das Interesse der Abiturienten abgestimmte Quellen vorab auswählen und bereitstellen. Das museumspädagogische Personal moderiert zudem die begleitende deutsch-polnische Schülerbegegnung.

In der dritten Gruppe der Sammelbandautoren präsentieren sieben ausgewählte Absolventen der Waltroper Gesamtschule ihre Facharbeiten. Diese stellen exemplarisch ein schriftliches Ergebnis der schulischen Projektarbeit dar. Die Facharbeiten greifen umfassendere Themen auf, zum Beispiel die sogenannte „Germanisierung“, der Einfluss der NS-Ideologie auf die Medizin sowie auf das Schulbuch, die Kriegsgefangenen als Opfergruppe oder die Familienpolitik im Nationalsozialismus. Alle Facharbeiten zeigen an Zeugnissen aus der Gedenkstätte Majdanek exemplarisch Bezüge des erarbeiteten Themas zur Gedenkstätte auf. Die Rezension will und kann die abgedruckten Facharbeiten fachlich nicht kritisieren. Sie waren nicht als originäre Forschungsbeiträge intendiert, sondern sind wissenschaftspropädeutische Übungen mit einem – ausdrücklich erwünschten – persönlichen Ausdruck der Oberstufenschülerinnen und -schüler über ihre Erfahrungen und erinnerten Erlebnisse während der Exkursion. Interessant erscheinen die abgedruckten Facharbeiten in der hier verfolgten fachdidaktischen Perspektive für die Frage, ob die Facharbeiten im Ergebnis den (selbst) gestellten Erwartungen gerecht werden und an ihnen der Prozess des forschenden Lernens bzw. ein Ertrag des historischen Lernens ablesbar ist. Dies wäre dann der Fall, wenn die Schülerinnen und Schüler über eine Veränderung ihrer historischen Sichtweise berichten, also z.B. ihre Vorannahmen berichtigen oder epistemisch reflektieren.[10] Alle sieben abgedruckten Facharbeiten enthalten in einem eigenen Schlusskapitel solche Passagen, die in verschiedenen Graden der Elaboration als gelungene Beispiele für eine reflektierte „Geschichtsbewusstheit“ (Karl-Ernst Jeismann) in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust gelesen werden können. Wünschenswert wäre eine systematisch-kritische Würdigung dieser self-reports der Schülerinnen und Schüler aus fachdidaktischer Perspektive in dem Sammelband gewesen. Einige Abiturienten lassen nämlich deutlich werden, wie ihr historischer Erkenntnisprozess wesentlich durch die vielfältigen fachlichen Angebote während der Projektphase unterstützt worden war.

Anders als es der Buchtitelanfang „Forschendes Lernen“ dem pädagogisch interessierten Publikum vielleicht suggerieren mag, wird die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in diesem Projekt nicht durch ein forschend-entdeckendes Lernen mit wenig Begleitung bzw. einem hohem Freiheitsgrad an Lernerautonomie angeregt.[11] Stattdessen ebnet das pädagogische und didaktische Fachpersonal mit dichten historischen Kontexterklärungen und vielfachen methodischen Anleitungen den Lernenden einen Weg zum Thema Holocaust. Der Band dokumentiert damit nicht ein vorwiegend selbstgesteuertes Geschichtslernen am historischen Ort eines ehemaligen Konzentrationslagers im heutigen Polen. Im Gegenteil: die Beiträge bilden in der Summe ein gelungenes Beispiel für guided instruction, in der die Rolle eines Geschichtslehrers von Projektbeginn an nicht als zurückgenommener facilitator charakterisiert werden kann. Die beteiligten Geschichtslehrer stellen ein fachdidaktisch auf die Lerninteressen der Schüler abgestimmtes und kooperativ in einem multiprofessionellen Team organisiertes, zielgerichtetes Lernangebot zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust in einer zeitlich ausgedehnten, intensiven Projektarbeit bereit. Das schließt die eigene, interessengeleitete Themenwahl der teilnehmenden Oberstufenschüler keineswegs aus. Allerdings formulieren sie ihre eigene historische Fragestellung erst, nachdem sie fachlich und methodisch differenziert dargebotene „Beratungsschritte“ zur „Hilfe bei der Themenfindung“ wahrgenommen haben (Jens Zubala, S. 77–79). Auch hier zeigt sich, wie die Lehrenden im Projekt die Lernenden keineswegs in einer offenen Lernsituation weitgehend sich selbst überlassen, sondern dass aus fachdidaktisch guten Gründen erhebliche Anstrengungen unternommen werden, den Lernweg zu unterstützen. Der Band enthält, wie oben erwähnt, zahlreiche Beispiele für geschichtsdidaktisch zweckmäßig entwickelte scaffolds[12], aber der Titel des Bandes erlaubt die irreführende Annahme, dass in diesem Projekt das forschend-entdeckende Lernen mit minimal guidance als Königsweg für das historische Lernen vorgeführt werde.[13] Gerade die Holocaust Education lehnt freilich jede unbegleitete, selbstgesteuerte oder gar unvorbereitete Begegnung mit der Geschichte des Holocaust ab, um unerwünschten aversiven Haltungen, die oft in Kombination mit verkürzendem, oberflächlichem Wissen oder glatten Fehlverständnissen einhergehen, vorbeugen zu können. Der Band dokumentiert eindrucksvoll, wie für eine Auseinandersetzung mit der Shoa mehr als eine Woche Zeit eingeplant werden kann und dabei viele informative Lerngelegenheiten und ein kooperativer Rahmen für diskursive Reflexionen gegeben sind. In dieser Hinsicht setzt das Projekt die Empfehlungen aus der Holocaust Education ebenso wie aus der Gedenkstättenpädagogik geradezu vorbildlich um.[14]

Einen blinden Fleck weist der Band allerdings auf: die kulturelle Diversität der Schülerschaft als eine entscheidende Lernvoraussetzung bleibt ohne Berücksichtigung.[15] Wenn die Lernenden zu etwa einem Viertel Migrationserfahrungen haben und durch z.B. türkische, polnische und griechische Familienerinnerungen auch mit einer anderen Geschichtsbewusstheit in die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und dem Holocaust treten, dann wird zumindest die erwartbare Bandbreite an möglichen Reaktionen, wie sie eingangs angesprochen worden war, noch vielfältiger ausfallen. Eine „Erziehung nach Auschwitz“ im Sinne von Theodor W. Adorno, dessen Auftrag sich die Herausgeber verpflichtet fühlen (S. 9), wird daher nicht nur in eine nachhaltig wirksame Gedenk- und Erinnerungshaltung münden, die das ausgezeichnete Projekt „Erinnern – nicht vergessen“ pflegt und dessen geschichtskulturelles Narrativ auch im Sammelband ablesbar ist, wenn an verschiedenen Stellen lyrische Texte eingefügt sind (z.B. „Totenmesse“, S. 63, „Gestreifte Lagerkluft“, S. 202) und daneben einschlägige künstlerisch-ästhetische, produktive Auseinandersetzungen von Schülerinnen und Schüler mit diesen Texten abgedruckt sind. Ob der auf diese Weise in der schulischen Projektarbeit deutlich erkennbare „Trauerimperativ“ (Marion Klein, siehe Anm. 9) dem tatsächlichen Erleben der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler mit Migrationserfahrung gerecht wird, stellt der Band nicht in Frage.

Der Nutzen der Publikation über dieses verdienstvolle Projekt mit seinem anspruchsvollen und eindrucksvollen Programm zum zeitintensiven, außerschulischen historischen Lernen ist nicht zuletzt für die Akteure eine Rückschau auf Erreichtes. Die enge Kooperation zwischen Schule und Gedenkstätte kann darüber hinaus als erfolgreiches Praxisbeispiel für die Gedenkstättenpädagogik gelten. Die geschichtsdidaktische Forschung könnte den Projektbericht – vor dem Hintergrund einer wachsenden Besorgnis über die Ursachen eines anhaltenden Antisemitismus in Deutschland – auch als Anregung aufgreifen, aus kognitionswissenschaftlicher, sozialpsychologischer, museumspädagogischer und geschichtsdidaktischer Perspektive die wirkungsvolle Gestaltung von Lerngelegenheiten in außerschulischen Projekten zur Geschichte des Holocaust systematisch und empirisch zu untersuchen.

Anmerkungen:
[1] Sara A. Levy / Maia Sheppard, Difficult Knowledge and the Holocaust in History Education, in: Scott Alan Metzger / Lauren McArthur Harris (Hrsg.), The Wiley International Handbook of History Teaching and Learning, Hoboken (New Jersey) 2018, S. 365–387.
[2] Deborah P. Britzman, Lost Subjects, Contested Objects. Toward a Psychoanalytic Inquiry of Learning, Albany 1998. Britzman setzt sich darin u.a. mit der Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank auseinander.
[3] Paula Cowan / Henry Maitles, Understanding and Teaching Holocaust Education, London 2017, bes. S. 86–99.
[4] Yarif Lapid, Was hat es mit mir zu tun. Gedenkstättenpädagogik und Empowerment, in: Musée national de la Résistance (Hrsg.), Questions sur l’avenir du travail de mémoire. Colloque international à Esch-sur-Alzette (…), Luxemburg 2017, S. 88–108, hier S. 90.
[5] Marta Simó / Doyle Stevick / Magdalena H. Gross, Students Learning about the Holocaust, in: Monique Eckmann / Doyle Stevick / Jolanta Ambrosewicz-Jacobs (Hrsg.), Research in Teaching and Learning about the Holocaust. A Dialogue Beyond Borders. International Holocaust Remembrance Alliance Series, Band 3, Berlin 2017, S. 223–245.
[6] Helmut Rock, Der Ort allein wirkt nicht. Erfahrungen aus der Gedenkstättenpraxis, in: Klaus Ahlheim u.a. (Hrsg.), Gedenkstättenfahrten. Handreichung für Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen, Schwalbach/Taunus 2004, S. 110–114, bes. S. 111.
[7] Reinhold Boschki / Bettina Reichmann / Wilhelm Schwendemann, Education after and about Auschwitz in Germany. Towards a theory of remembrance in the European context, in: Prospects. Comparative Journal of Curriculum, Learning, and Assessment 40 (2010), Heft 1, S. 133–152.
[8] Meik Zülsdorf-Kersting, Vorstellen und Verstehen. Jugendliche betrachten den Holocaust, in: Saskia Handro / Bernd Schönemann (Hrsg.), Visualität und Geschichte. Geschichtskultur und historisches Lernen, Band 1, Berlin 2011, S. 55–67, bes. S. 63–65.
[9] Marion Klein, Trauerimperativ. Jugendliche und ihr Umgang mit dem Holocaust(-Denkmal), in: Aus Politik und Zeitgeschichte 63 (2013), Heft 42–43, S. 41–46. Ausführliche Darstellung: Marion Klein, Schülerinnen und Schüler am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Eine empirisch-rekonstruktive Studie, Wiesbaden 2012.
[10] Martin Nitsche, Handelnde zur Zeit der NS-Verbrechen im Geschichtsunterricht thematisieren. Virtuelle Impulse für den Conceptual Change nutzen, in: Geschichte für heute 10 (2017), Heft 1, S. 26–39.
[11] Der Paradefall für die projektgebundene, offene Form des forschenden Lernens im Fach Geschichte ist der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, administriert durch die Körber-Stiftung; vgl. Bodo von Borries, Forschendes Lernen in geschichtsdidaktischer Perspektive, in: Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten / Ernst Klett Schulbuchverlag (Hrsg.), Forschendes Lernen im Geschichtsunterricht, Stuttgart 1992, S. 67–101, sowie Heike Wolter, Forschend-entdeckendes Lernen, in: Geschichte lernen 32 (2019), Heft 189, S. 2–9.
[12] David Wood / Jerome S. Bruner / Gail Ross, The Role of Tutoring in Problem Solving, in: Journal of Child Psychology and Psychiatry and Allied Disciplines 17 (1976), S. 89–100.
[13] Das Missverständnis ist unter Geschichtslehrern weit verbreitet, dass die Vermittlung der domänenspezifischen Epistemologie einer Fachwissenschaft auch die fachlich angemessene, ideal geeignete Pädagogik darstelle; vgl. Michiel Voet / Bram De Wever, History teachers' conceptions of inquiry-based learning beliefs about the nature of history and their relation to the classroom context, in: Teaching and Teacher Education 55 (2016), S. 57–67. Doch das forschend-entdeckende Lernen mit minimal guidance ist nicht geeignet, alltagsförmige kognitive Schemata zu beeinflussen, und vermittelt gerade nicht die dafür benötigten Kompetenzen, sodass im Regelfall Vorurteile einfach stabilisiert bleiben; vgl. Paul A. Kirschner / John Sweller / Richard E. Clark, Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work. An Analysis for the Failure of Constructivist Discovery Problem-Based Experiential and Inquiry-Based Teaching, in: Educational Psychologist 41 (2006), Heft 2, S. 75–86.
[14] Samuel Totten / Stephen Feinberg, Teaching and Studying the Holocaust. Curricular Issues Teaching Strategies and Learning Activities, in: Samuel Totten / Stephen Feinberg (Hrsg.), Essentials of Holocaust Education. Fundamental Issues and Approaches, New York 2016, S. 48–75, bes. S. 51.
[15] Vgl. Viola B. Georgi / Rainer Ohliger (Hrsg.), Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009.

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14.06.2021
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