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Titel
Vertrauen. Eine Ressource im politischen System der römischen Republik


Autor(en)
Timmer, Jan
Reihe
Campus Historische Studien 74
Erschienen
Frankfurt a.M. 2017: Campus Verlag
Anzahl Seiten
317 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fabian Knopf, Institut für Geschichtswissenschaft, Technische Universität Braunschweig

Vertrauen gilt gemeinhin als eine bedeutende Ressource, ja als eine Art sozialer Klebstoff, der ein gelungenes menschliches Zusammenleben mit ermöglicht. Dessen Wichtigkeit hat auch Angela Merkel erkannt, als sie auf dem Evangelischen Kirchentag im Juni 2019 in einer Rede ihre Überzeugung von der Notwendigkeit von Vertrauen in internationalen Beziehungen unterstrich.[1] Dass Vertrauen überhaupt auf der Tagungsordnung stand und dass die Kanzlerin dann dezidiert über Vertrauen in der internationalen Politik sprach, dürfte auch auf das in den letzten Jahren stark abgekühlte transatlantische Verhältnis zurückzuführen sein. Angesichts dessen schien es der Kanzlerin offensichtlich notwendig, einmal öffentlichkeitswirksam über Vertrauen zu sprechen. Man darf dies durchaus als Ausweis einer tagesaktuellen Vertrauenskrise werten. Denn Vertrauen wird dann thematisiert, wenn es erschüttert wurde.

Nun brauchte es keine konkrete Erschütterung für Jan Timmer, sich des Themas aus althistorischer Perspektive anzunehmen und die Bedeutung von Vertrauen im spätrepublikanischen System zu untersuchen. Angesichts der vielen Studien zum Vertrauen in den Sozial- und Geisteswissenschaften scheint eine Untersuchung im althistorischen Kontext nur konsequent. Bei aller Relevanz von Vertrauen spricht Timmer selbst ein wesentliches Problem an (S. 23); nämlich, dass Vertrauen in sozialen Beziehung selten explizit wird, man es oftmals vermuten, aber nicht sehen kann und dass eine ausdrückliche Bezugnahme auf Vertrauen häufig erst, wie bei der angesprochenen Rede der Kanzlerin, in einer Vertrauenskrise geschieht. Umso schwieriger wird die Sichtbarmachung von Vertrauen im Kontext eines Gemeinwesens, dessen Akme 2000 Jahre zurückliegt.

Timmer versucht diesem nicht unerheblichen Problem dadurch beizukommen, dass er der Untersuchung der theoretischen Grundlagen von Vertrauen sehr viel Platz einräumt und einen systemtheoretischen Zugang zum Thema wählt.[2] Nachdem er sich direkt mit Vertrauen im politischen System der späten Republik befasst (Kapitel 2), widmet er sich eben jenen Grundlagen (Kapitel 3) in allen Facetten, um zuletzt noch die spannende Frage von Vertrauenserosion zu erörtern (Kapitel 4). Der Autor verzichtet dabei auf den klassischen Ansatz einer Begriffsgeschichte des lateinischen Terminus fides, was allerdings nicht heißt, dass er dem Begriff überhaupt keine Aufmerksamkeit schenken würde (S. 86ff.). Obwohl „einschlägige Arbeiten (…) ausreichend“ (S. 87) vorliegen, wäre eine Untersuchung der fides in Relation zu anderen Wertbegriffen aufschlussreich gewesen. Wenn Timmer exemplarisch auf die Verbindung von Unsicherheit und Misstrauen hinweist (S. 260f.), in welchem Verhältnis standen dann fides und beispielsweise securitas? Auch eine Untersuchung des Begriffes innerhalb spezieller gesellschaftlicher oder wissenschaftlicher Felder (Philosophie, Geldwesen, Recht, Politik usf.) hätte womöglich interessante mentale Dispositionen zu Tage gefördert. Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass Timmer generell derartige Sachfragen aussparen würde. Es bleibt aber zu fragen, ob nicht doch ein systematischerer begriffsgeschichtlicher Ansatz neue Einsichten geliefert hätte.

Als wesentliche Erkenntnis zur Rolle von Vertrauen im spätrepublikanischen System darf die Beobachtung gelten, dass Vertrauen Macht erzeugte, welche sich besonders im Verhältnis zu beherrschten Plebs niederschlug. Diese Komponente von Vertrauen sei seit caesarischer Zeit gar höher zu bewerten als die Funktion eines „Schmiermittel[s] in Verhandlungen unter Aristokraten“ (S. 99). Abgesehen vielleicht von Kapitel 4.2 findet sich hier die konkreteste Untersuchung von Vertrauen im republikanischen System. Fortan stehen abstraktere Überlegungen im Fokus. Die „Grundlagen von Vertrauen“ (Kapitel 3) bilden dabei – auch quantitativ – den Hauptschwerpunkt. Dieser Teil untersucht unter anderem die sozial-strukturellen Voraussetzungen von Vertrauen, indem die relative soziale Abgeschlossenheit der römischen Elite betont wird, aus welcher wiederum eine generelle Vertrauenswürdigkeit der anderen Gruppenmitglieder abgeleitet werden konnte (Kapitel 3.1.1). Der Autor untersucht mit Überlegungen zur Sozialisation der Elite, zur individuellen Zuverlässigkeit oder auch zu Offenheit und Transparenz weitere Faktoren, die die inneraristokratische Ausbildung von Vertrauen begünstigten bzw. gar voraussetzten. Timmer lässt ein Kapitel (3.2) zu Vertrauen in Gruppen mit den Schwerpunkten Zugehörigkeit, Konstitution und Interaktion folgen.

Nachdem er die vertrauensfördernden Faktoren beleuchtet hat, widmet sich der Autor dann sinnvoller- und konsequenterweise dem Phänomen des Misstrauens (3.4). An dieser Stelle wird Misstrauen vor allem von einer Systemebene aus betrachtet, wobei sowohl institutionalisierte Mittel wie Intercession oder sakrale Obstruktion zur Entscheidungsverhinderung als auch die Entwicklung des Rechts als Mechanismus zur Stabilisierung von Beziehungen, die auf Vertrauen angewiesen waren, betrachtet werden. Dieses Hauptkapitel wird mit der Analyse vom „aktiven Vertrauen“ beschlossen. Hier werden Modi untersucht, die den Aufbau einer Vertrauensbeziehung kennzeichnen.

Zuletzt widmet sich Timmer nochmals Fragen nach Vertrauenserosion und Misstrauen (Kapitel 4). Zum einen untersucht er hier die Grundlagen von Misstrauen und Möglichkeiten, Misstrauen einzuhegen. Das letztere Unterkapitel wirkt dabei wie eine kurze Zusammenfassung der in Kapitel 3 behandelten Sachverhalte. In Kapitel 4.2 betrachtet Timmer spannenderweise das Ende der klassischen Republik aus dem Blickwinkel des Misstrauens, wodurch eine neue Perspektive auf diese bewegte Phase erschlossen wird. Hier wird deutlich, dass das Misstrauen innerhalb der ehemals so (trotz einiger Erschütterungen freilich) vertrauensvoll agierenden Elite allseits um sich gegriffen hatte, dass die Krise der Römischen Republik letztlich ebenso eine Vertrauenskrise war.

Insgesamt ist Timmer‘s Buch eine hoch anspruchsvolle und vor theoretischer Gelehrsamkeit strotzende Studie zu einem Thema, dass alle Gesellschaften zu allen Zeiten gleichermaßen betrifft. Dies wird nicht zuletzt durch die Podiumsdiskussion mit der Bundeskanzlerin zum Evangelischen Kirchentag 2019 deutlich. Um dieses besonders unter Quellenarmut leidende Thema umfangreich zu bearbeiten, entscheidet sich Timmer für eine abstrakte und eher technische Herangehensweise an das Thema. Dies geht ein wenig zu Ungunsten der Empirie, was nicht damit gleichzusetzen ist, dass gar keine Quellen zur Sprache kämen. Aber aufgrund des deduktiven Zugriffs bzw. des Ausgehens von allgemeinen Begrifflichkeiten kommt der althistorischen Materie eine vorrangig exemplifizierende Stellung zu. Der Fakt, dass die Auseinandersetzung mit Vertrauen im spätrepublikanischen System im ersten Kapitel vorangestellt ist, verstärkt diesen Eindruck. Eine ergänzende begriffsgeschichtliche oder diskuranalytische Herangehensweise hätte den Eindruck der Exemplifikation in Hinblick auf den Quelleneinsatz sicherlich stärker ausgehebelt. Wirklich bedauerlich ist, dass vollständig auf Indices verzichtet wurde. Gerade ein Sachindex, welcher die ganzen Begrifflichkeiten aufnimmt, hätte das Buch zu einem noch effektiveren Arbeitswerkzeug gemacht.

Auf der anderen Seite wird durch den stark sozialtheoretischen Ansatz eine größere Anschlussfähigkeit an andere Fachbereiche hergestellt. Das Buch sei also nicht nur Althistoriker/innen angeraten, sondern allgemein allen Fachkolleg/innen, die mit Vertrauen mehr über eines der größten sozialen Schmiermittel in Gesellschaften erfahren möchten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/aktuelles/rede-von-bundeskanzlerin-merkel-beim-37-deutschen-evangelischen-kirchentag-am-22-juni-2019-in-dortmund-1640026 (14. 08. 2019).
[2] Wichtige Grundlage ist insbesondere Niklas Luhmann, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, 5. Aufl., München u.a. 2014 (1. Aufl. Stuttgart 1968).

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Veröffentlicht am
13.01.2020
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