Polnische Nationalgeschichte (de)konstruieren

Kleinmann, Yvonne; Heyde, Jürgen; Hüchtker, Dietlind; Kałwa, Dobrochna; Nalewajko-Kulikov, Joanna; Steffen, Katrin; Wiślicz, Tomasz (Hrsg.): Imaginations and Configurations of Polish Society. From the Middle Ages through the Twentieth Century. Göttingen  2017. ISBN 978-3-8353-1904-2

Kleinmann, Yvonne; Stach, Stephan; Wilson, Tracie L. (Hrsg.): Religion in the Mirror of Law. Eastern European Perspectives from the Early Modern Period to 1939. Frankfurt am Main  2016. ISBN 978-3-465-04181-8

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kolja Lichy, Historisches Institut, Osteuropäische Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen

„Ihr wolltet Polen, na da habt ihr es!“[1], rief der sechshundertjährige polnische König Ladislaus Ellenlang im Jahr 1936, bevor er sich enttäuscht wieder in seine Höhle zurückzog. So jedenfalls ließ der Dichter Konstanty Ildefons Gałczyński den mittelalterlichen Herrscher in einer Satire auf die politischen Verhältnisse in der Republik Polen der Zwischenkriegszeit auftreten. Er griff damit einen klassischen Topos der polnischen Historiografie des 19. Jahrhunderts auf, die Ladislaus Ellenlang (Władysław Łokietek) als Wiedervereiniger des polnischen Staates im beginnenden 14. Jahrhundert gefeiert und damit zum Vorbild für zeitgenössische nationale Einigungsbestrebungen gemacht hatte.

Dass es sich bei den Kategorien Nation und Nationalstaat um spezifisch moderne Muster handelt, die dem Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts entstammen und sich nicht ohne weiteres in die Vormoderne übertragen lassen, ist inzwischen eine banale Einsicht. Welche analytischen und narrativen Konsequenzen diese jedoch für die stets und immer noch nationalgeschichtlich gerahmten historischen Gesamtdarstellungen nach sich zieht, bleibt diskutabel. Für die polnische Geschichte versucht sich schon seit mehreren Jahren ein Handbuch-Projekt zumindest an deren Europäisierung.[2] Vor diesem Hintergrund muss ein Sammelband auf Interesse stoßen, der es sich auf die Fahnen schreibt, „Imaginationen und Konfigurationen der polnischen Gesellschaft“ vom Mittelalter bis in die Gegenwart auszuloten. Einen ähnlichen, tendenziell ergänzenden Anspruch formuliert ein weiterer Sammelband, der Rechts- und Religionsgeschichte von der Frühen Neuzeit bis 1939 zusammenbindet. Obgleich letzterer mit dem Untertitel „Eastern European Perspectives“ einen räumlich deutlich breiteren Zugriff ankündigt, konzentriert auch er sich auf Polen-Litauen beziehungsweise auf die nach den Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts imperial aufgesogenen Territorien dieser vergangenen Staatlichkeit. Die Herausgeber/innen und Beiträger/innen beider Bände entstammen mehrheitlich dem Umkreis der Leipziger und Hallenser Forschungslandschaft, der im Fall der „Imaginationen und Konfigurationen“ um Mitarbeiter/innen des Historischen Instituts der Polnischen Akademie der Wissenschaften ergänzt wird.

Nationalgeschichte zu erzählen, war nicht nur im 19. und 20. Jahrhundert stets mit politischen Ambitionen verbunden, sondern ist es auch heute. Diesen Punkt hebt Moshe Rosman in seinem programmatischen Auftaktessay zu den „Imaginations and Configurations“ hervor. Seine Antwort auf die Frage „How Polish is Polish History?“ fällt dabei erwartungsgemäß zurückhaltend aus. Folglich lässt Rosman seine Überlegungen auf die Präsentation zweier möglicher Optionen von Nationalgeschichte zulaufen, die er anhand des Museums der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau und des Museums des Warschauer Aufstandes illustriert. In diesem Sinne ist Nationalgeschichte für ihn entweder die Erzählung eines multiethnischen und multireligiösen Zusammenlebens oder eine exkludierende, (katholisch-)nationalpolnisch homogenisierende Narration.

Der Herausforderung, einen dekonstruierenden Zugriff auf Nationalgeschichte mit einer diachronen Perspektive vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert zusammenzubringen, stellt sich Yvonne Kleinmann mit dem Konzept der „Konfigurationen“ polnischer Gesellschaft. Dabei sollen die Kategorien „Nation“ und „Staat“ überhaupt in den Hintergrund treten (S. XIII). In Anschluss an Michel Foucault und Norbert Elias geht es ihr vielmehr um die Dynamiken und Gesellschaftskonstruktionen kleinerer Einheiten wie lokaler Gemeinschaften und ethnisch-religiöser Gruppen, von Netzwerken, temporären oder generationellen Gemeinschaftsbildungen. Zusätzlich greift Kleinmann den Ansatz der Anderson‘schen „imagined communities“ auf, um der Frage nachzugehen, „how various social groups within the ‚Polish‘ realm imagined their world“ (S. XIV). Da der Sammelband keine synthetisch-narrativen Ambitionen verfolgt, mag es legitim sein, dass der im Sinne Moshe Rosmans durchaus politische Anspruch, der mit einer solchen dekonstruktivistischen Absicht nolens volens einhergeht, hier nicht offen als solcher benannt wird.

Im Anschluss an diese programmatischen Auftaktbeiträge ist der Band in klassische epochale Abschnitte vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit und das 19. Jahrhundert bis in das 20. Jahrhundert unterteilt. Alle epochalen Kapitel umfassen drei bis vier Aufsätze und sind jeweils mit einer kurzen Einleitung von Mitgliedern des umfangreichen Herausgeber/innengremiums versehen. Der Schwerpunkt liegt dabei stets auf einem knappen Überblick über die Entwicklung des Forschungsstands vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dies ist für Leserinnen und Leser, die mit der polnischen Historiografie wenig vertraut sind, sicherlich ein wichtiges und informatives Unterfangen. An einigen Stellen fällt es zwar schwer, sich dem optimistischen Urteil über die aktuelle Forschungslage in vollem Umfang anzuschließen. Nichtsdestoweniger ist es verdienstvoll, einem deutschen und internationalen Publikum die Anschlussfähigkeit der historischen Forschung zur polnischen Geschichte zu demonstrieren.

Die einzelnen Beiträge decken eine große Bandbreite von inhaltlichen Schwerpunkten ab. Die Ausrichtung der Texte reicht von lokalgeschichtlichen Zugriffen (Sowina, Sereda) über regionale Ansätze mit einem Fokus auf Grenzregionen (Zazuliak, Holste, Górny, Linkiewicz), bestimmte soziale Gruppen beziehungsweise einzelne Akteure (Friedrich, Hüchtker, Chu) bis hin zu Reflexionen im übergeordneten territorialen Maßstab (Rosik, Grześkowiak-Krwawicz, Heyde, Szady). Von Religions- über Verfassungs-, Rechts-, Religions-, Politik-, Sozial- bis hin zu Erinnerungsgeschichte werden viele denkbare und sich überschneidende Facetten historischer Forschung vorgestellt. In der Vielfalt der präsentierten Themen und Ansätze, die sich in ihren jeweiligen Entwürfen durchaus mit den zu Anfang aufgeworfenen Grundfragen nach „polnischer“ Geschichte beschäftigen, liegt sicherlich eine der Stärken des Bandes. Da er in der Summe keinen Anspruch auf einen in sich stimmigen Großentwurf einer etwaigen polnischen Geschichte erhebt, lässt er sich als analytisch anregendes Kaleidoskop lesen. Die Gretchenfrage, ob und wenn ja, wie sich eine synthetische Nationalgeschichte anhand einzelner „Imaginationen und Konfigurationen“ erzählen lässt, bleibt angesichts dessen verständlicherweise offen.

Streckenweise hätten noch deutlichere und systematischere Bezüge zur europäischen oder auch globalen Geschichte über die gesamte longue durée diese Perspektive weiter bereichern können. Für die Beiträge zum 19. Jahrhundert, die sich allesamt auf imperiale Kontexte und Preußen beziehen, ist dieser Fokus ex officio präsent. Berücksichtigung finden solche Bezüge darüber hinaus vor allem in den Analysen Karin Friedrichs, die nach der Logik territorial übergreifenden adlig-familiären Handelns in der Frühen Neuzeit fragt. Ähnliches gilt für die zeithistorischen Beiträge, etwa Kornelia Kończals vergleichende Ausführungen über den polnischen und tschechischen Umgang mit ehemals „deutschem“ Eigentum nach 1945, Winson Chus komplexe Verflechtungsgeschichte der deutschen und polnischen Erinnerung an Stalingrad am Beispiel von Karl Dedecius sowie Dietlind Hüchtkers Beitrag zur Verortung populärer Jugendkulturen zwischen globalen Dimensionen und spezifisch polnischen Kontexten.

In der Gesamtschau fällt auf, dass die litauische Hälfte der für Jahrhunderte polnischer Geschichte prägenden polnisch-litauischen Union in dem ersten besprochenen Band nur am Rande in Erscheinung tritt, und dies erwartbarerweise vor allem in den frühneuzeitlichen Beiträgen, namentlich bei Karin Friedrich. Gerade in einer diachronen Perspektive könnte es allerdings von Interesse sein, die Entflechtung ebenso wie die Überschneidungen polnischer und litauischer Imaginationen von Nation auch über das 19. bis in das beginnende 20. Jahrhundert zu verfolgen. Da dies ähnlich aber auch für Belarus, die Ukraine oder auch Schlesien diskutierbar wäre, hätte ein solcher Ansatz die Konzeption des Bandes zugegebenermaßen leicht sprengen können. Ohnehin stellt sich die Frage nach der potentiellen Leserschaft des Buches, das in dieser Form vor allem zum Blättern und punktuellen Lesen einlädt. Den gesamten Band einer Lektüre zu unterziehen, dürfte außer Rezensent/innen wahrscheinlich nur wenigen Leser/innen vorbehalten bleiben.

Der von Yvonne Kleinmann gemeinsam mit Stephan Stach und Tracy L. Wilson herausgegebene Band „Religion in the Mirror of Law“ legt demgegenüber ein merklich anderes Verständnis von polnischer Geschichte und ihrer geographischen, sozialen, kulturellen und imaginären Reichweite nahe. Dass hier dem Untertitel gemäß „osteuropäische Perspektiven“ im Mittelpunkt stehen sollen, verleiht der behandelten Geschichte von der Frühen Neuzeit bis in die 1930er-Jahre eine eigene interpretative Wendung. Der geographisch-territoriale Maßstab der Beiträge beschränkt sich weitestgehend auf diejenigen Gebiete Polen-Litauens, die nach den Teilungen an Habsburg und das Russländische Reich fielen. Ausnahmen bilden die auf zentrale Organisationsformen von Staatlichkeit konzentrierten Beiträge von Jürgen Heyde und Stephan Stach.

Methodisch scheint sich diese auffällige geographische Konzentration zum einen aus der Logik der international dominanten Imperienforschung abzuleiten, in der Russländisches und Habsburgerreich beliebte Integrationsanker der osteuropäischen Geschichte bilden. Preußen entfällt hier in der Regel, sodass die Ausblendung des preußischen Teilungsgebiets als Konsequenz dieser Forschungslogik gedeutet werden kann. Zum anderen mag dieser Zuschnitt mittelbar auf die weithin akzeptierte Deutung des frühneuzeitlichen Polen-Litauen als multiethnischen, multikulturellen und multikonfessionellen Gebildes zurückzuführen sein, die auch die konzeptionellen Überlegungen der „Imaginations and Configurations of Polish Society“ durchzieht (siehe dort etwa Kleinmann/Wiślicz, S. 113). Dieses Narrativ beansprucht in modifizierter Form auch für die imperialen Konfigurationen polnischer Geschichte des 19. Jahrhunderts Geltung (Kleinmann/Stach/Wilson, S. XXIV–XXVII). Forschungsgeschichtlich gesehen ging sein Aufstieg in den 1990er-Jahren mit der Abwendung von der bis in die 1980er-Jahre vorherrschenden Konzentration auf Protestant/innen und Deutsche als „Minderheiten“ einher. Mit Blick auf die geschichtsregionale Verortung der polnischen Geschichte jedenfalls bezieht der vorliegende zweite Sammelband deutlich Position zugunsten einer im deutschen Sinne „osteuropäischen“ Geschichte.

In der Konsequenz bieten die durchweg lesenswerten Beiträge ein kohärentes Panorama zur jüdischen Geschichte und zur Geschichte der Unierten Kirche in dem ausgewählten Raum. Die Schwerpunkte reichen hier von Analysen vorwiegend städtischer Konstellationen (Wilson, Kozińska-Witt, Vaturi, Kleinmann, Cieśla) bis hin zu ländlich-kleinstädtischen Kontexten (Leskiv, Avrutin). Durch alle Studien zieht sich dabei in unterschiedlichen Facetten die Frage nach der Definitionshoheit religiöser und politischer Logiken beziehungsweise deren Verflechtung. Der lang angelegte Betrachtungszeitraum bietet einen geeigneten Rahmen, die Konstituierung rechtlicher und religiöser Gruppen über politische Regimewechsel hinweg nachzuzeichnen. Der Kohärenz des Bandes kommt es darüber hinaus zugute, dass die einzelnen Beiträge nicht chronologisch, sondern entlang von vier Feldern systematisch geordnet sind. Dabei liegt der konzeptionelle Schwerpunkt der Herausgeber/innen offenkundig auf der Rechtsgeschichte. Man hätte sich freilich gewünscht, dass die differenzierte Methodendiskussion zu Recht und Rechtsgeschichte in der Einleitung durch analytische Reflexionen auch zum Religionsbegriff ergänzt worden wäre.[3] Angesichts der in dem Band eingenommenen longue durée-Perspektive drängt sich hier das Stichwort Säkularisierung als eines der prominentesten Forschungsthemen auf. Tatsächlich wird dieses Problem dann auch in zahlreichen Beiträgen explizit reflektiert (Juraschek, Kozińska-Witt, Levin, Rustemeyer, Stach, Segev, Wilson).

Beide besprochenen Bände vereint die Prämisse, dass man verschiedene Versionen einer polnischen Nationalgeschichte konzipieren und historisch erzählen kann. Dass es sich dabei natürlich nicht um eine neue Erkenntnis handelt, betont auch Moshe Rosman in seinem Essay, indem er ein geflügeltes Wort zitiert, das dem herausragenden polnischen Historiker und Freiheitskämpfer Joachim Lelewel (1786–1861) zugeschrieben wird: „Polen? Ja! Aber welches?“ Man könnte genauso an dessen Zeitgenossen, den Dichter Juliusz Słowacki, erinnern. Angesichts einer nach „Polen! Polen!“, „Gott!“ und „Vaterland!“ schreienden Menge ließ er Gott aus dem brennenden Dornbusch fragen, welches Vaterland die Polen denn nun haben wollten.[4] Offensichtlich treiben diese Fragen des 19. Jahrhunderts auch die Gegenwart immer noch um. Die Nation ist nach wie vor (und heute vielleicht wieder mehr als zuvor) eine narrative Kategorie, mit der sich die Geschichtswissenschaften auseinandersetzen müssen. Angesichts dessen zeichnen beide Bände jeweils ein Bild polnischer Geschichte, das auch über die Kreise von Polen-Expert/innen hinaus kritisch und vergleichend diskutiert zu werden lohnt. Welche Stellung solche dekonstruktivistischen Ansätze im derzeitigen geschichtspolitischen Kontext zu verteidigen oder weiter zu gewinnen vermögen, steht auf einem anderen Blatt.

Anmerkungen:
[1] „Chcieliście Polski, no to ją macie!“ – Konstanty Ildefons Gałczyński, Skumbrie w tomacie (1936), in: ders., Wybór poezji, hrsg. v. Marta Wyka, Wrocław u.a. 2003, S. 100–102, hier S. 102.
[2] Michael G. Müller u.a. (Hrsg.), Polen in der europäischen Geschichte. Ein Handbuch in vier Bänden, Stuttgart, erscheint seit 2011 in einzelnen Lieferungen.
[3] An dieser Stelle sei auf die umfangreichen Diskussionen der Religionssoziologie verwiesen, lediglich im deutschen Kontext neben den Arbeiten von Niklas Luhmann unter anderem die Überlegungen von Detlef Pollack sowie aus historischer Perspektive allein in Bezug auf das 19. und 20. Jahrhundert die Arbeiten von Friedrich Wilhelm Graf, Lucian Hölscher, Manuel Borutta oder Olaf Blaschke.
[4] Juliusz Słowacki, Przypowieści i epigrammaty XXXV, in: Dzieła Juliusza Słowackiego. Tom I. Lwów 1909, https://pl.wikisource.org/wiki/Przypowie%C5%9Bci_i_epigrammaty/XXXV (25.09.2019).