Cover
Titel
Heiligkeit aushandeln. Katholische Reform und lokale Glaubenspraxis in der Eidgenossenschaft (1560–1790)


Autor(en)
Sidler, Daniel
Reihe
Campus historische Studien 75
Erschienen
Frankfurt am Main 2017: Campus Verlag
Anzahl Seiten
593 S.
Preis
€ 58,00
Dominik Sieber, Zürich

Daniel Sidler zoomt aus weiter Ferne in die Nähe des frühneuzeitlichen Alltags, aus dem nachreformatorischen Himmel zu heiligmässig verehrten Männern und Frauen in der Eidgenossenschaft, und von diesen wieder zurück in die neue Himmelsordnung, die im 17. und 18. Jahrhundert in der katholischen Welt entsteht: Selig- und Heiligsprechungsverfahren sind der Brennpunkt dieser Dissertation, die an der Universität Bern entstanden ist. Der Autor rekonstruiert darin material- und kenntnisreich die Mittel, mit denen Akteure in der deutschsprachigen Schweiz und in Rom ihre „Heiligen“ in Szene setzten. Das ist konfessionsgeschichtlich aufschlussreich – aber noch mehr: Das Aushandeln von Heiligkeit entsprach nämlich in vielen Punkten dem Verhandlungssystem, das in der Eidgenossenschaft generell, etwa beim Abschluss von Soldverträgen, zum Tragen kam – es verlief ähnlich patronagegetrieben und ähnlich ressourcenintensiv. Das macht das Buch auch für Fragen zum politischen Handeln in der frühneuzeitlichen Schweiz wichtig.

Sidler situiert seine Untersuchung innerhalb der Konfessionalisierungsforschung, wobei Konfessionalisierung nicht als „von oben gesteuerter Vorgang, sondern als Interaktionsverhältnis zwischen den unterschiedlichen an der Reform partizipierenden Akteuren“ (S. 17) verstanden wird. Gleichzeitig finden methodische Anleihen bei der Verflechtungsgeschichte und der neuen Raumforschung statt, um der (translokalen) Bedeutung von Gnadenorten und Gnadenlandschaften auf die Spur zu kommen. Das alles geschieht auf einer beeindruckenden Quellenbasis: Historisches Material liefern schweizerische Pfarr- und Staatsarchive, das Archiv der römischen Ritenkongregation, die wenig bekannte Votivgaben-Inventarisierung durch Ernst Baumann, die von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde aufbewahrt wird, die Ordensarchive der Jesuiten und Kapuziner in Rom und Luzern, frühneuzeitliche Mirakel- und Predigtliteratur sowie päpstliche Erlasse.

Gegliedert ist das Werk in drei Teile. Das 1. Kapitel „Wie im Himmel Roms, so auf eidgenössischen Erden? Heiligenhimmel und Gnadenlandschaften“ rekonstruiert, wie die Kurie nach dem Konzil von Trient auf eine klare Unterscheidung von heiligen, seligen oder „nur“ frommen Männern und Frauen drängt, um die Laienverehrung in ordentliche Bahnen zu lenken. Vor allem Papst Urban VIII. macht sich als Kanonisierungspolizist einen Namen: Heiligsprechungsverfahren werden unter ihm aufwändiger, es braucht überzeugendere Wunderbeweise, zudem wird 1629 bestimmt, dass nur noch drei Fälle pro Jahr dem Papst vorgelegt werden dürfen. In der Eidgenossenschaft entwickelt sich in der Folge der Begriff der Viel- oder Höchstseligen als gewinnendes Label für die „im Ruf der Heiligkeit stehenden […], aber weder beatifizierten noch kanonisierten Figuren“ (S. 72). Dazu gehören der Bruder Klaus (Niklaus von Flüe) in Sachseln, der Eremit Hans Wagner in Hergiswald, der Jesuit Petrus Canisius, Idda von Toggenburg oder Burkard von Beinwil. Sidler zeigt an diesen Vielseligen, dass sie bessere Chancen auf eine Heiligsprechung besassen, wenn man sie an einem Ort verehrte, an dem schon approbierte Heilige einen Platz hatten: So profitierte Bruder Klaus in einem Patron-Klient-Verhältnis vom Heiligen Carlo Borromeo, der in Sachseln ebenfalls verehrt wurde. Allerdings drohte auch das Gegenteil: Dem Eremiten Hans Wagner in Hergiswald wurde gerade die Nähe zum Katakombenheiligen Felix, der im 17. Jahrhundert in Hergiswald „einzog“, zum Verhängnis – Wagners Kult wurde durch Felix verdrängt in einem Prozess der „Integration durch Marginalisierung“ (S. 178), wie er auch ausserhalb der Schweiz für Vielselige zu beobachten ist.

Das 2. Kapitel „Hand in Hand mit den Heiligen: Zum Erfahren und Vermitteln von Gnade“ geht auf die Wundertätigkeit ein. Gnadenbezeugungen der verehrten Frauen und Männer wurden in vielen Mirakelbüchern massenhaft dokumentiert, freilich inhaltlich oft unspezifisch. Auf eine Statistik oder ein Sozialprofil der eidgenössischen Wundersuchenden muss Sidler deshalb verzichten. Seine Quellen belegen aber eindrücklich die Bedeutung, die Wundern für das Aushandeln von Heiligkeit zukam. Eine wundersame Heilung jenseits medizinischer Erklärbarkeit, entstanden dank der Verehrung von Bildern oder Reliquien oder dank des Kontakts mit Sakramentalien (Medaillen, Rosenkränze, Öl, Wasser), musste das heilige Potential der Vielseligen hieb- und stichfest dokumentieren. Bei der Propagierung dieser Wunder spielten neben den Reformorden der Kapuziner und Jesuiten vor allem eidgenössische Bruderschaften eine entscheidende Rolle, die, wie der Autor zu Recht betont, eine stärkere Erforschung verdienen.

Im 3. und letzten Kapitel „Von eidgenössischen Erden in den Himmel Roms? Selig- und Heiligsprechungen“ widmet sich Sidler dem Heiligsprechungsprozedere im Detail, hauptsächlich am Beispiel von Bruder Klaus. Verlangt waren für eine erfolgreiche Kanonisation neben dem Wundernachweis geschickte „Pressure Groups“, die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt, vor allem aber ausreichende (finanzielle) Ressourcen. So wurde Niklaus von Flüe zunächst durch Nid- und Obwaldner Eliteangehörige und mittels aufsehenerregender Grabvisiten von Nuntien, Bischöfen und spanisch-mailändischen Gesandten als Protektor für die ganze katholische Schweiz aufgebaut. Gleichzeitig engagierten sich Einzelpersonen in Rom für einen heiligen Bruder Klaus. Wichtige Vermittler waren hier die Offiziere der Schweizergarde, Kapuziner, welche die Ordenszentrale aufsuchten und auf diesem Weg gleich noch kostengünstig für Bruder Klaus Fürsprache einlegen konnten, sowie weitere – bezahlte oder unbezahlte – Fürsprecher. Das alles verlief wenig koordiniert, in Gelegenheitsdiplomatie, so dass es erst 1649 zur Seligsprechung von Bruder Klaus kam. Für das lange Prozedere war aber nicht nur die schlechte Kommunikation ausschlaggebend: Hinderlich waren auch der allgemeine Rückgang von Heiligsprechungen im 17. Jahrhundert, die formell immer aufwändigeren Verfahren, die fehlende Unterstützung der knausrigen Eidgenossen und ein neues Heiligenideal, das einen kämpferischen Typus einem Asketen wie Bruder Klaus vorzog. Für dessen Verehrung in der Schweiz tat dies aber keinen Abbruch: Für die meisten Gläubigen reichte schon der Start eines Kanonisierungsprozesses als Hinweis, dass ein Vielseliger wie Bruder Klaus kirchlich bald akzeptiert sein würde – man könnte hier von einer erfolgreichen Integration in die Gnadenlandschaft allein schon durch kirchlich-mediale Aufmerksamkeit sprechen.

Das Buch von Daniel Sidler beeindruckt in vielerlei Hinsicht: Durch eine überzeugende und konsequent umgesetzte Fragestellung, die reiche Quellenauswertung und die umfassende Berücksichtigung der (internationalen) Forschungsliteratur. Es ist trotz aller heiligmässigen Fachbegriffe (die römische Kurie war semantisch immer innovativ) sehr klar und leserfreundlich geschrieben. Und es zeichnet sich, wenn auch nicht explizit, durch eine mikrogeschichtliche Perspektive aus, die nicht einzelne Heilige und Gnadenorte, sondern das Aushandeln von Heiligkeit bei einzelnen Personen und in einzelnen Gnadenorten untersucht – das umgeht biographisch-hagiographische Fallstricke und kann die weitere Forschung befruchten, über den Raum der Schweiz hinaus.

Der Anhang mit Karten, einem Katalog der eidgenössischen Gnadenorte sowie einem Orts- und Namenregister rundet das Buch ab. Wünschenswert wäre ein Sachregister für die in den Quellen inhaltlich genauer beschriebenen Wunderfälle gewesen – oder deren typologische Aufstellung. Formal gewöhnungsbedürftig ist bei den zitierten Archivalien die Erwähnung des Archivstandorts vor der inhaltlichen Beschreibung, was zu semantischen Doppelspurigkeiten führen kann (etwa S. 375, Anm. 63). Genauere Kapiteltitel wären mitunter hilfreich gewesen, so im Fall des dritten Kapitels, wo die Kanonisation von Bruder Klaus untergeht. Didaktisch gewinnbringend wäre es schliesslich gewesen, am Beispiel eines Vielseligen einen Kanonisierungsprozess einmal von Anfang bis Ende im Überblick darzustellen, um das komplexe Prozedere verständlicher zu machen statt es in drei Kapitel aufzuteilen.

Die Kritikpunkte sind Petitessen. Der Autor überzeugt die Leserin und den Leser immer wieder mit seinen Antworten auf die kanonisch gewordene Frage des Historikers Peter Burke „Wie wird man ein Heiliger der Gegenreformation?“, die er gewitzt zur Frage „Wie wird man ein Vielseliger des frühneuzeitlichen Katholizismus?“ umformuliert. Indem Daniel Sidler Heiligkeit auf den Prüfstand stellt, lässt er jenseits frommer Verehrung auch das „profane“ Geschäft eidgenössischer Politik erkennen: Das ist ein weiterer Gewinn dieser sehr anregenden und lesenswerten Studie.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2019
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag