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Titel
Die Zähringer. Rang und Herrschaft um 1200


Herausgeber
Dendorfer, Jürgen; Heinz Krieg, R. Johanna Regnath
Erschienen
Ostfildern 2018: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
544 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Schaarschmidt, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz

Wenn sich 800 Jahre nach dem Aussterben eines Adelsgeschlechtes eine Veröffentlichung der interdisziplinären Bilanz seiner Erforschung annimmt, so lässt sich daran ablesen, dass dieses nicht in erster Linie unter dem Aspekt des Scheiterns wahrgenommen wird, sondern vielmehr positiver, identitätsstiftender Bezugspunkt ist. Als Ergebnis einer Tagung vom 15.–17. September 2016 im Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald möchte der Sammelband in diesem Sinne die vergangene und gegenwärtige Relevanz der Zähringer aufzeigen. Erstmalig legt er dabei einen Schwerpunkt auf die Herrschaft Herzog Bertholds V. von Zähringen (1186–1218) und damit zugleich auf den Endpunkt dynastischer Vormachtstellung in der Region.

So nimmt sich der erste Abschnitt mit einem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz dem Wandel des Zähringerbildes von der mittelalterlichen Geschichtsschreibung bis hin zur jüngeren Forschung an. Während, wie Heinz Krieg herausstellt, das Adelsgeschlecht zumeist nur beiläufig und oft ablehnend in der Historiographie des 12. und 13. Jahrhunderts vorkommt, wobei die mehrheitlich zähringerfeindliche Geschichtsschreibung aus der Zeit Friedrich Barbarossas das Bild erfolglos agierender Herzöge nachhaltig geprägt habe, zeigt Clemens Joos, dass die Zähringer im 15. und 16. Jahrhundert vermehrt zum positiv erinnerten Bezugspunkt einer von den Städten getragenen dynastischen Geschichtsschreibung wurden. Wie daran anknüpfend Claudius Sieber-Lehmann akzentuiert, sind die Zähringer, nicht zuletzt aufgrund ihres frühen Aussterbens 1218 in Kontrast zu den als ‚böse‘ charakterisierten Habsburgern überaus positiv in das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Schweizer Geschichtsbild eingegangen.

Die Historiker des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigten sich dann, so Thomas Zotz, primär unter dynastischen Vorzeichen mit dem Adelsgeschlecht und versuchten hierbei das hohe Alter des Hauses Baden nachzuweisen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts habe schließlich Theodor Mayer[1] – wenngleich nicht ohne ideologischen Überbau – neue grundlegende Forschungsfragen etabliert. Die schließlich 1986 abgehaltene Zähringerausstellung habe nach Casimir Bumiller eine Ergänzung zur Staufer-Ausstellung von 1977 bedeutet und stand im Spannungsfeld zwischen landes- und stadtpolitischen Ansprüchen sowie wissenschaftlichem Darstellungsinteresse. Möglichkeiten für eine museale Darstellung seien im Rahmen eines „Hauses-der-Zähringer“ existent und wünschenswert, scheiterten oft aber an den notwendigen Finanzmitteln.

Der zweite Themenkomplex analysiert die räumlichen und personellen Grundlagen der Zähringerherrschaft. So zeigt Tobie Walther den Einfluss der zähringischen Herrschaftsbildung auf konkret nachweisbare regionale Adelsfamilien, der in Verdrängung, im gemeinsamen Aufstieg oder in dem Versuch einer Emanzipation gipfeln konnte. Daran anschließend betont Petra Skoda, dass am Hof der Zähringer zunächst Adelsfamilien und schließlich im 12. Jahrhundert Ministeriale immer größere Bedeutung gewannen. Mit äußerstem Eifer und nicht wenig Erfolg hätten diese ihre Besitzungen vermehrt, wodurch sie auch den Einfluss der Herzöge ausgeweitet hätten. Die Formierung der Zähringer als Adelsgeschlecht bzw. -haus charakterisiert Gerhard Lubich als eine prozesshafte Entwicklung und lehnt dabei die Prämisse innerdynastischer Vererbbarkeit von spezifischen Handlungsmustern und Eigenschaften ab. Oftmals sei vielmehr ein „Primat eigener Bedürfnisse vor einer ‚Hausmachtpolitik‘“ (123) leitend gewesen.

Dass der in der älteren Stadtplanforschung durchaus übliche Schluss von einem bestimmten Grundriss auf einen Gründer methodisch nicht zu halten sei, postuliert Armand Baeriswyl. Den Einfluss der Adelsfamilie auf komplexe stadttopographische Entwicklungen der ‚Zähringerstädte‘ ermessen zu wollen, könne daher kaum geleistet werden. Durch eine Gegenüberstellung beider Adelshäuser kann Martina Stercken zeigen, dass Zähringer in der städtischen Historiographie dennoch oft als Stadtgründer und die Habsburger vermehrt als Stadtherren erscheinen. Clemens Regenbogen indessen unterstreicht die Relevanz der burgundischen Besitzungen, die nach zahlreichen Aushandlungsprozessen um 1200 ein wichtiges zweites Herrschaftszentrum für die Zähringer gebildet hätten.

Konkret die letzten dreißig Jahren der Zähringerherrschaft unter Berthold V. stehen in den nachfolgenden beiden Abschnitten im Fokus. So widmet sich die dritte Aufsatzsektion dem Rang des Zähringers im reichspolitischen Kontext. Jörg Peltzer konstatiert, dass sich dieser nicht durch spezifische Herrschaftspraktiken, als vielmehr durch „locus“, „nomen“ und „gloria“ und deren entsprechende Repräsentation manifestiere. Im Speziellen beinhalte das die Hervorhebung von Herzogs- und Rektorentitel von Burgund, den Gebrauch eines entsprechenden Siegels sowie Bautätigkeit. Dass die Königskandidatur Bertholds V. im Jahr 1198 gescheitert sei, läge Robert Gramsch-Stehfests netzwerkanalytischen Erörterungen zufolge in einer historisch gewachsenen, isolierten Stellung in der Heiratspolitik sowie im mit seiner schlechten personellen Basis verbundenen Risiko begründet. Während nach Tobias Weller im 11. Jahrhundert vor allem die Gegnerschaft zum salischen Königtum und damit der Zusammenhalt der antisalischen Opposition für die heiratspolitischen Erwägungen bestimmend gewesen seien, hätten während des 12. Jahrhunderts territorialpolitische Interessen dominiert. Dass am Hof der Zähringer auch ein für ihren fürstlichen Rang typischer Literaturbetrieb herrschte, kann Rudolf Denk anhand des von den Zähringern in Auftrag gegebenen Alexanderepos‘ Bertolds von Herbolzheim und der Margaretenlegende nachweisen.

Den Blick auf das propagierte Selbstbild ermöglichen indessen Siegel und Münzen. Wie Michael Matzke nachweist, hätten sich die Zähringer auf den Siegeln im Rahmen der typisch herzoglichen Ikonographie als Reiter mit Fahnenlanze gezeigt und auch auf den Münzen durch Darstellung von Schwert und Fahnenlanze konsequent entsprechend ihrer Würde abgebildet. Wenngleich das zeitgenössische Erscheinungsbild von Zähringerburgen zuweilen nur teilweise rekonstruierbar ist, stellten diese ebenso, wie Alfons Zettler betont, als Symbole für Macht und Mittel der Memoria einen Teil fürstlicher Repräsentationskultur dar. Den Willen zur Rangdarstellung kann Hans W. Hubert des Weiteren anhand des Freiburger Münsters, das als Stiftskirche und zugleich Grablege für Berthold V. intendiert war, durch umfangreiche kunsthistorische und baugeschichtliche Einordnung nachweisen. Mit dem im Münster befindlichen monumentalen ‚silbernen Böcklingskreuz‘ widmen sich schließlich die beiden Beiträge von Katharina Christa Schüppel und Sebastian Bock einem seiner zentralen Ausstattungstücke. Durch eine Stilanalyse kann Schüppel zeigen, dass es sich nicht – wie in der Vergangenheit angenommen – um eine Stiftung Bertholds V. handele. Wie darüber hinaus Bock betont, entbehre es jeglichen Nachweises, dass sich das Objekt bereits vor dem 16. Jahrhundert im Besitz der Freiburger Kirche befunden habe.

Der vierte Komplex nimmt das Jahr 1218 als Ende der Zähringerherrschaft und den daraus erwachsenden Handlungsspielraum für regionale und überregionale Akteure in den Blick. Hier warnt Jürgen Dendorfer vor den impliziten Vorannahmen der älteren Forschung über eine scharfe Unterteilung des zähringischen Besitzes in Eigengut und Lehen. Der Erbfall habe vielmehr einen dynamischen Prozess befördert, während dem mehrere Akteure ihre Rechtsansprüche aushandelten. Dass dabei Friedrich II. alle Fäden in der Hand gehalten habe, sei ebenso unzutreffend wie Territorialpolitik als übergeordnetes königliches Handlungsmotiv. Für Freiburg im Breisgau betont Mathias Kälbke, dass eine selbstbewusste und gut organisierte Stadtbürgerschaft Träger der Entscheidung gewesen sei, sich nach dem Tod des Zähringers nicht dem römisch-deutschen Reich zu unterstellen. Diese habe ein nicht absehbares Risiko königlichen Einflusses abwenden wollen. Michael Kolinski beleuchtet den Handlungsspielraum der vormaligen Zähringerministerialen und demonstriert, wie es den Grafen von Urach und Kyborg nach dem Erbfall gelang, auch Ministeriale für sich zu gewinnen. Mit der Bedeutung des Zähringererbes für den hier bereits thematisierten Graf Egino V. beschäftigt sich eingehender Eva-Maria Butz. Sie zeigt, dass dessen Söhne schon für Berthold V. hohe Relevanz besaßen und durch den Erbfall Handlungsspielraum, aber auch Handlungszwänge erlangten. Der abschließende Beitrag von Knut Görich problematisiert den Rückschluss von Fakten auf Motive und demzufolge die Rekonstruierbarkeit herrscherlicher Pläne, wie eben jenen Friedrichs II. im Jahr 1218 in Bezug auf das Zähringererbe. Er plädiert dafür die grundsätzliche Offenheit einer historischen Situation und den Handlungsspielraum königlicher Herrschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Friedrich II. habe demnach nicht systematisch auf das Zähringererbe hingearbeitet.

Der Band vereint damit Historiographiegeschichte und Erkenntnisse zu den Grundlagen von Fürstenherrschaft sowie der Frage nach ihrer Repräsentation mit einer Neubewertung ereignisgeschichtlicher Abläufe um das Jahr 1218. Es ist den Herausgebern dabei durchaus gelungen, anhand eines bereits eingehend landesgeschichtlich erforschten Gebietes, lohnende Perspektiven aber auch methodische Herausforderungen aufzuzeigen, denen sich die Zähringerforschung im 21. Jahrhundert zu stellen hat. An einigen Stellen hätten diese zukünftigen Forschungsperspektiven unter Umstände über das Bilanzieren hinaus noch etwas stärker herausgearbeitet werden können. Das tut aber dem grundsätzlichen Verdienst des umfangreichen Bandes und der einzelnen Beiträge, nämlich sich dem Thema mit einem über die unmittelbaren Fachgrenzen hinausgehendem Erkenntnisinteresse genähert zu haben, keinen Abbruch. Dabei gibt die Publikation – was nicht immer selbstverständlich ist – auch Rezipienten fernab des Zähringerspezialistenkreises einen gewinnbringenden und verständlichen Zugang zur aktuellsten Forschung. Die kommende wissenschaftliche Beschäftigung mit den Zähringern wird ohne Zweifel von den Anregungen profitieren.

Anmerkung:
[1] Vgl. bes. Theodor Mayer, Der Staat der Herzöge von Zähringen (Freiburger Universitätsreden 20) Freiburg 1935.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.10.2019
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