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Titel
Das Königsberger Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945-1990. Mit einer analytischen Betrachtung des Kaliningrader Gebiets in der Politik Russlands 1991-2000


Autor(en)
Frobarth, Volker
Erschienen
Anzahl Seiten
297 S.
Preis
€ 34,78
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Per Brodersen, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Kaliningrad ist in aller Munde: Die Ost-Erweiterung von Europäischer Union und NATO haben diese Region an der Ostsee zum Gegenstand der aktuellen Politik werden lassen. Erst zehn Jahre sind vergangen, seit Kaliningrad auch offiziell von westlichen Besucher betreten werden darf. Das nach Kriegsende von sowjetischer Seite verhängte „Informationsvakuum“ hatte das frühere Königsberg zu einer „terra incognita“ in der Mitte Europas werden lassen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges waren die Erwartungen groß, dass nun endlich auch zur Nachkriegszeit dieser Region mehr bekannt würde – zumal die Gebietsöffnung zeitlich mit der Öffnung der sowjetischen Archive zusammenfiel.

Heute fällt die Bilanz von zehn Jahren Kaliningrad-Forschung eher ernüchternd aus: Kaum eine Publikation zu diesem Thema konnte bislang jene Hoffnungen erfüllen, die vor einem Jahrzehnt enthusiastisch geäußert worden waren. Auch die neueste Erscheinung zu Kaliningrad bleibt weit hinter den Erwartungen zurück.

Volker Frobarths Buch „Das Königsberger Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945 – 1990“, eine überarbeitete Fassung seiner an der Kieler Christian-Albrechts-Universität 1999 eingereichten Dissertation, widmet sich dem Status Kaliningrads als „militärisches Sperrgebiet“ in der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis kurz vor Auflösung der UdSSR. Frobarth fragt nach den Spezifika der Entwicklung Kaliningrads: Er möchte untersuchen, inwiefern dieser Vorgang von Bedeutung für die sowjetische Führung war und welchen Schwankungen er unterlag.
Methodisch stützt sich Frobarth auf die „klassischen Theorien zur Zielsetzung der Außenpolitik der Sowjetunion“ (S. 16) – die zu Beginn der 1970er Jahre, unter den Bedingungen der Ost-West-Konfrontation formuliert wurden. Die Entwicklungen der Forschung zur Geschichte der UdSSR in den letzten dreißig Jahren finden hingegen keine Berücksichtigung – was sich auch im häufig anzutreffenden, nirgends kritisch beleuchteten Gebrauch des Adjektivs „totalitär“ wiederspiegelt, dem er an keiner Stelle eine Überlegung zur Durchschlagskraft von Direktiven der Zentrale an der äußersten Peripherie gegenüberstellt.

Als Quellen nutzt Frobarth zu einem Großteil unveröffentlichtes Material aus Kaliningrader und Moskauer Archiven, zu dessen Erschließung er teilweise Arbeitsaufträge vergab. Allerdings hat er - die Forschung zum Verhältnis zwischen Zentrum und Regionen in der Sowjetunion ignorierend - die bisherige Kaliningrad-Forschung (insbesondere jene ab 1991) kaum ausgewertet. Eine Berücksichtigung der wichtigsten Veröffentlichungen zu Kaliningrad - etwa des von Eckhard Matthes herausgegebenen Werkes zur sowjetischen Neubesiedlung [1] oder Bert Hoppes Buch über Wiederaufbau der Stadt nach 1945 [2] – wäre für diese Ausgabe nicht nur wünschenswert, sondern notwendig gewesen.

Frobarth vertritt die These, Kaliningrad durchlaufe im Vergleich mit anderen Gebieten der Sowjetunion nach 1945 eine Sonderentwicklung (S. 15). Er fragt nach dessen Bedeutung für die sowjetische Führung und den Konjunkturen, denen die Betrachtung Kaliningrads durch Moskau unterlag. In direktem Zusammenhang damit sieht Frobarth die Frage, warum dieses Gebiet überhaupt der Sowjetunion eingegliedert werden sollte. Er geht davon aus, dass sich diese Motive Moskaus direkt auf die Entwicklung Kaliningrads nach 1945 niederschlugen und möchte die Konsequenzen dieses Prozesses aufzeigen.
Dazu widmet sich Frobarth nach einer kurzen Zusammenfassung von 700 Jahren ostpreußischer Geschichte zunächst Königsberg als Verhandlungsgegenstand auf den Konferenzen der Alliierten - entgegen seiner Absicht, die Rolle des Kaliningrader Gebietes in der Politik der Sowjetunion nach 1945 zu untersuchen. Hier geht Frobarth extensiv auf Teheran und Potsdam einschließlich deren rechtlicher und politischer Bewertung ein – eine Beschäftigung, die angesichts der unzähligen Arbeiten zu diesem Thema nichts wirklich Neues bringt. An Hand der Theorien Boris Meissners von 1970 [3] sowjetische Motive für die Eingliederung Kaliningrads herauszuarbeiten, ist für den heutigen Leser ebenfalls von nur geringem Wert (S. 58 ff.).
Der Nachkriegsgeschichte Kaliningrads widmet sich Frobarth in zwei einzelnen Abschnitten: Umfangreich behandelt er zunächst die Zeit zwischen 1945 und 1948. In diesem knapp hundert Seiten langen Abschnitt wird die Lage in Königsberg während und direkt nach der Eroberung geschildert, außerdem der Aufbau administrativer und wirtschaftlicher Strukturen in militärischer und ziviler Sphäre dargestellt. Leider erliegt Frobarth hier offenkundig der Faszination seiner Archivfunde: So gibt er auf dreizehn (!) aufeinander folgenden Seiten zwei Quellen zum wirtschaftlichen Aufbau des Gebietes wieder – eine Einordnung und Deutung sucht der Leser vergebens (S. 119 ff.). Eine dieser beiden Quellen ist seit über zwanzig Jahren in wesentlichen Teilen publiziert [4] - erneut ein Indiz für die mangelhafte Literaturrecherche Frobarths.

Die Zeit danach will Frobarth im Abschnitt „Signifikante Bereiche der Entwicklung des Kaliningrader Gebietes nach 1948“ darstellen. Mittels zahlreicher, teilweise ganzseitiger Statistiktabellen versucht er, Hauptlinien der Nachkriegsentwicklung Kaliningrads nachzuzeichnen (S. 165 ff.). Obwohl der Aussagewert dieser Quellen nach Frobarth „generell gering ist“ (S. 18), werden sie dem Leser unverhältnismäßig umfangreich und unkommentiert präsentiert.
Im Zuge der Eingliederung Kaliningrads in die Sowjetunion gab es verschiedene Kampagnen und Initiativen, das Gebiet mit sowjetischen Bürgern neu zu besiedeln. Einerseits wurden gezielt Neusiedler v. a. in Zentralrussland für Kaliningrads Landwirtschaft geworben; andererseits zogen viele Siedler auch auf eigene Faust in diese Region - besonders Litauer zogen in die Städte. Hier vertritt Frobarth die These, die 1946 begonnenen Siedlungsprogramme für die Landwirtschaft seien „auch nach 1950 energisch weitergeführt“ worden (S. 164). Die in diesem Zusammenhang aufgeführten (und bezeichnender Weise nicht erläuterten) Tabellen sprechen hingegen eine ganz andere Sprache: Hier wird deutlich, dass das Gros der Neusiedler bereits zu Beginn der 1950er Jahre im Gebiet eingetroffen und der Höhepunkt der Neubesiedlung eindeutig überschritten war.
Eine wesentliche Einschränkung erfuhr die Neubesiedlung des Kaliningrader Gebietes durch die Landflucht der neuen Bewohner – sowohl in die Städte, aber auch zurück in die ursprüngliche Heimat. Waren Tausende von Familien unter beträchtlichem Aufwand in das Gebiet gelangt, verließen sie es jetzt wieder in Scharen – der volkswirtschaftliche Schaden war beträchtlich. Frobarth schreibt, „zwischen 1955 und 1965 verließen allein vom Lande 245 Tausend Personen das Kaliningrader Gebiet“ (S. 169) - eine Entwicklung, die sich dem Leser offenbar aus den zahlreichen Tabellen erschließen soll. Ihm entgeht, dass die ab 1954 neu eingeführten Erhebungsmodi der Statistikverwaltung zwar die Landflucht erfassten, nicht jedoch, ob diese die Bevölkerung in Gebiete und Städte innerhalb oder außerhalb des Kaliningrader Gebietes führte. Damit ist seine Quantifizierung dieses Vorganges wesentlich problematischer, als es zunächst den Anschein hat.
Noch gravierender ist eine andere Fehleinschätzung Frobarths: Er vertritt die These, ab 1956/57 sei ein großer Teil der Neubesiedlung durch Bevölkerungswanderung innerhalb des Gebietes getragen worden, wobei „unter anderem ‚Werbeaktionen’ in den bisherigen Herkunftsgebieten der Umsiedler durchgeführt“ worden seien (S. 168). Er vermischt hier zwei wesentliche Aspekte der Neubesiedlung: Wie der russische Terminus „vnutrioblastnoe pereselenie“ besagt, handelt es sich hierbei um eine „gebietsinterne Bevölkerungswanderung“ - sie konnte expressis verbis in keiner Weise etwas mit den Herkunftsgebieten der neuen Bewohner und Anwerbungen zu tun haben. Zudem war der hier geschilderte Prozess kein „von oben“ dekretierter Vorgang, sondern entsprang den Gegebenheiten vor Ort. Nur schwer kann man sich dem Eindruck entziehen, Frobarth sei der von ihm in Auftrag gegebenen Arbeit zu statistischem Material nicht mit dem notwendigen Abstand begegnet.

Im Anschluss an die Untersuchung der Bevölkerungsentwicklung widmet sich Frobarth auf sechs Seiten der „wirtschaftlichen Entwicklung und Innovationen“ zwischen 1948 und 1990 – wobei die Darstellung bereits 1971 endet (s. 176 ff.). Auch der Abschnitt „Militär“ gleicht eher einer deskriptiven „tour de force“ als einer analytischen Untersuchung der Zeit nach 1948, die auf wenigen Sekundärquellen beruht und den selbst gestellten Ansprüchen nicht genügen kann.

Auch der Anhang des Buches mit seinen knapp achtzig Seiten enttäuscht: Der Zusammenhang zum Hauptteil des Buches vermittelt sich dem Leser nicht. Hier verwundert die detaillierte Auflistung biografischer Angaben zu den Partei- und Verwaltungsspitzen im Gebiet (ebenfalls eine Auftragsarbeit), deren Sinn angesichts der immer wieder betonten Hegemonie Moskaus über Kaliningrad nicht deutlich wird (vgl. S. 163).

Demgegenüber marginal erweisen sich Unstimmigkeiten in der handwerklichen Umsetzung: So mag es vertretbar sein, aus der englischen Ausgabe der in Moskau herausgegeben Dokumentenbände zu den Alliiertenkonferenzen zu zitieren – doch Stalin (der keine westliche Sprache beherrschte) auch im Fließtext auf Englisch wiederzugeben, mutet ein wenig abenteuerlich an (S. 51). Dass wiederholt Fundstellen russischen Archivmaterials mit „delo fonda“ angegeben werden, ist nicht nachvollziehbar ( S. 94 f.) – eine solche Signatur existiert nicht in russischen Archiven. Ärgerlich sind auch die teils wortgenauen Wiederholungen – besonders, wenn man Textstellen das dritte Mal begegnet (vgl. S. 103, 251 u. 269).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Anspruch dieser von der Friedrich-Naumann-Stiftung geförderten Arbeit nicht befriedigend eingelöst wird: Die Beschäftigung mit Motiven und Konsequenzen der Eingliederung Kaliningrads in die UdSSR bleibt zu unscharf. Der Status „militärisches Sperrgebiet“ wird nirgends definiert, geschweige denn hinterfragt – man muss bezweifeln, ob eine konsistente Fragestellung in dieser Richtung überhaupt vorhanden ist. Die eigentliche Frage nach der Rolle des Kaliningrader Gebietes in der Politik der Sowjetunion 1945 – 1990 kann weder im Verlauf der Argumentation, noch in der knappen Zusammenfassung überzeugend beantwortet werden. Auch durch das angeführte Material werden die Thesen nicht belegt
Der wesentliche Schwachpunkt der Arbeit aber ist vor allem in einem Ansatz zu sehen, der vollkommen einer Zentrumsperspektive verhaftet ist. Frobarth konzentriert sich voll und ganz auf eine Betrachtung Kaliningrads aus Moskauer Sicht. Die eigentlich interessanten Fragestellungen, nämlich nach der Praxis dieses Verhältnisses, werden nicht einmal berührt: Welcher Natur war das Verhältnis von Kaliningrader Peripherie und Moskauer Zentrum? Wie reagierte Kaliningrad auf die Anweisungen aus Moskau? Und welche Versuche Kaliningrads gab es, sich von dem vorgefertigten Bild in Moskau abzusetzen?

Hier gilt nicht zuletzt bei der offensichtlich fehlenden Berücksichtigung des heutigen Forschungsstandes zu Kaliningrad: Diese Arbeit möchte Fragen beantworten, die heute keiner mehr stellt.

Anmerkungen:
[1] Eckhard Matthes (Hg.): Als Russe in Ostpreußen. Sowjetische Umsiedler über ihren Neubeginn in Königsberg/Kaliningrad nach 1945, Ostfildern 1999
[2] Bert Hoppe: Auf den Trümmern von Königsberg. Kaliningrad 1946 – 1970, München 2000 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 80.)
[3] B. Meissner/G. Rohde (Hgg): Grundfragen sowjetischer Außenpolitik, Stuttgart 1970
[4] V. S. Isupov et al. (Hgg.): Samaja Zapadnaja. Sbornik dokumentov i materialov o stanovlenii i razvitii Kaliningradskoj oblasti (Bd. 1), Kaliningrad 1980; S. 55 ff.

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01.02.2002
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