J. Preiser-Kapeller: Globale Verflechtung in der langen Spätantike

Cover
Titel
Jenseits von Rom und Karl dem Großen. Aspekte der globalen Verflechtung in der langen Spätantike, 300–800 n. Chr.


Autor(en)
Preiser-Kapeller, Johannes
Reihe
Expansion – Interaktion – Akkulturation. Globalhistorische Skizzen 32
Erschienen
Anzahl Seiten
292 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Esders, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Unter den mit dem Zeitraum zwischen 300 und 800 n. Chr. befassten Disziplinen ist wohl kaum eine mehr dazu berufen, eine Globalgeschichte zu schreiben, als die Byzantinistik.[1] Die vielfältigen Verbindungen des Mittelmeerraumes mit der arabischen Halbinsel und Afrika sowie entlang der Seidenstraße und über den Indischen Ozean mit dem Fernen Osten vermag am ehesten im Blick zu behalten, wer sie als zur Peripherie des (ost-)römischen Reiches gehörend betrachtet. Das wird durch das vorliegende Buch, welches lediglich bestimmte Aspekte der globalen Verflechtung darstellt, in vorbildlicher Weise geleistet. Es nötigt schon einige Bewunderung ab, wie es Johannes Preiser-Kapeller, der durch zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des byzantinischen Reiches und seiner Grenzgebiete bestens dafür ausgewiesen ist, gelungen ist, auf gerade einmal 250 Textseiten eine solche Vielzahl an Informationen strukturiert und in lesbarer Form aufzubereiten. Wiederholt und nicht ohne berechtigten Stolz verweist er dabei auf bedeutende Texte und Relikte, die sich heute in den Sammlungen Wiens befinden, und überhaupt scheint die in Methodenvielfalt und Themenbreite einzigartige Byzantinistik der Metropole des einstigen Habsburgerreiches für eine derart aufgeschlossene Sicht der Dinge geradezu prädestiniert.[2] Zudem kommt dem ebenfalls in Wien ansässigen Mandelbaum-Verlag, bei dem die Darstellung erschienen ist, das große Verdienst zu, in profilbildender Weise globalgeschichtliche Perspektiven auf ältere Epochen einem breiteren Publikum nähergebracht zu haben.[3]

Das, was der Verfasser unter dem „Westen“ versteht, hat im vorliegenden Buch, wie schon sein Titel andeutet, einen schweren Stand und vielleicht ist diesem Umstand die Entscheidung der H-Soz-Kult-Redaktion geschuldet, das Buch auch von einem Historiker des westlichen Frühmittelalters mit Interesse an Beziehungen zum Osten besprechen zu lassen. Mit einigem Amusement nimmt der „gewestete“ Leser denn auch gleich zu Beginn auf, wie Preiser-Kapeller den monumentalen Bauprojekten des byzantinischen Kaisers Konstantins V. (741–775), des Abbasidenkalifen al-Mansūr (767–775) und des chinesischen Beamten Wei Jian (742/743) jenes ambitionierte, Rhein, Main und Donau verbindende Kanalbauprojekt Karls des Großen gegenüberstellt, welches die offenbar überforderte fränkische Ingenieurskunst kläglich im Schlamm der Altmühl vor Wetter und Klima kapitulieren ließ. Ungeachtet dessen markierte diese sogenannte fossa Carolina den Auftakt zum höchst erfolgreichen karolingischen Awarenkrieg, der das Frankenreich schließlich in die direkte Konfrontation mit Konstantinopel brachte und zur Vorgeschichte der fränkischen Anmaßung des Kaisertitels im Jahr 800 gehörte.[4] Nicht ohne Genugtuung vermerkt der Autor am Ende seines chronologischen Abrisses, wie im 9. und 10. Jahrhundert die Großreiche der Franken und des Abbasidenkalifats, des Khanats der Uiguren sowie Koreas, Tibets und Chinas innerlich zerbrachen, während allein das arg geschrumpfte byzantinische Reich sich im Schatten der geschwächten anderen Mächte zu konsolidieren schien – doch erblickt er in der allenthalben zu beobachtenden politischen Fragmentierung „das Ende der Weltordnung der langen Spätantike“ (S. 62).

Man darf und sollte das Buch auch als „Westler“ mit großem Vergnügen lesen, zumal sein Verfasser neben einem feinsinnigen Gespür für Ironie auch die Gabe besitzt, seine Leserschaft an der eigenen Neugier auf anschaulichste Weise teilhaben zu lassen. Das Buch beruht zudem auf einer äußerst breiten, ganz ungewöhnlichen Kenntnis der englischsprachigen Forschungsliteratur zu den verschiedenen Regionen und öffnet allein schon dadurch viele neue Horizonte. Ich jedenfalls kann mir niemanden vorstellen, der es nicht mit immensem Gewinn lesen wird. Dennoch verlangt die Lektüre seinen Leserinnen und Lesern einiges ab, nötigt an zahlreichen Stellen dazu, wieder zu früheren Kapiteln zurückzugehen und so weiter; angesichts einer solchen Vielfalt an dargebotenen Informationen wäre ein Register zweifellos nützlich gewesen.

Thematisch dominieren, wie bei einer globalgeschichtlichen Themenstellung zu erwarten[5], weiträumige Konnektivität, Kommunikation und Mobilität in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Religion etc., und damit verbunden die Frage nach Objekten, aber auch Akteuren und Trägern dieses Austauschs, also Gesandten, Händlern und Pilgern, aber auch religiösen Gruppen wie etwa Manichäern und Nestorianern. Doch verdichtet Preiser-Kapeller in seiner Erzählung auch bestimmte „Rhythmen imperialer Formationen“ zu „globalen Momenten“, in denen das politische Geschehen, welches sich in weit entfernten Zentren ereignete, in direkte Wechselwirkung miteinander trat: etwa im früheren 7. Jahrhundert, als die Kriege Ostroms mit den Persern und Arabern globale Dimensionen annahmen und Konstantinopel einen entscheidenden Verbündeten in den nordkaukasischen Köktürken fand, deren Verbindungen sich entlang der Seidenstraße bis hin zur chinesischen Tang-Dynastie erstreckten (S. 38, 231–233); auch für die Mitte des 8. Jahrhunderts ergeben sich mit den erfolgreichen Putschversuchen der Abbasiden im Kalifat, der Karolinger im Frankenreich und der Umayyaden in Spanien sowie dem gescheiterten Aufbegehren gegen die Tangdynastie in China und politischen Unruhen in Tibet in ihrer Zeitgleichheit global anmutende Konstellationen politischen Umbruchs, die zur Schaffung neuer Allianzen führten und auch große Auswirkungen auf den Fernhandel haben sollten. Das macht auf das grundsätzliche Problem globalgeschichtlicher Betrachtungsweisen aufmerksam, politische Prozesse zu erklären und sie nach langfristigen strukturellen und interaktiven Rahmenbedingungen sowie kurzfristig wirksamen Auslösern zu differenzieren. Preiser-Kapeller sucht dabei, die Erkenntnisse der Klimageographie und Krankheitsgeschichte zur Erklärung globaler historischer Kausalität heranzuziehen. In der Tat ist die Bedeutung der justinianischen Pest, auf die der Kaiser mit Maßnahmen reagierte[6], in ihrer grenzüberschreitenden Fatalität unbestritten (S. 217–219) und gerne sieht man in Thesen wie derjenigen einer „kleinen spätantiken Eiszeit“ (536 bis ca. 660) eine Bereicherung unseres Wissens bereits bekannter Entwicklungen, die man jetzt in Teilen besser und anders zu verstehen lernt. Preiser-Kapeller versucht immer wieder (S. 35, 58, 232f.), solche Zusammenhänge in ihrem Veränderungspotential sichtbar zu machen. Doch erscheinen Schlussfolgerungen wie diejenige, dass das Perserreich und das osttürkische Khanat „zu den Opfern der ‚Spätantiken Kleinen Eiszeit‘ gerechnet werden“ müssten (S. 233), wenigstens als verfrüht, lösen zumindest beim Rezensenten ein gewisses Unbehagen aus.[7] Denn wie wichtig waren die globalen Verflechtungen wirklich, wie sehr beeinflussten sie die Entscheidungen von Akteuren auf regionaler Ebene tatsächlich? Globalen Austausch von Luxusgütern etwa wird es wohl zu allen Zeiten gegeben haben, aber die ökonomische Bedeutung dieser Form von Fernhandel war nicht selten, wie Preiser-Kapeller einräumt (S. 190), äußerst gering.[8] Häufig waren es eher Verschiebungen innerhalb kleinräumigerer Geflechte, die ausgreifende Auswirkungen zeitigten und mit anderen Phänomenen in Wechselwirkung traten. Die Schwierigkeit besteht darin, die Potentialität globaler Faktoren, von ihnen betroffene Veränderungen sowie deren Einfluss auf Entscheidungen zu skalieren und, was selten genug geschieht, ihren Einfluss in Relation zu anderen, nicht-globalen Faktoren einzuschätzen. Welche Auswirkungen etwa hatte im 7. Jahrhundert die mit dem Verlust des Nahen Ostens und insbesondere Ägyptens verbundene exorbitante Ressourcenverminderung für das oströmische Reich? Welche Rolle spielten die – aus Sicht des edelmetallarmen Westens unvorstellbar hohen – Zahlungen von Goldtributen an Feinde wie die Araber, die in der Kriegsökonomie verbrannt oder zum Aufbau neuer Hofkulturen verwendet wurden?

Geographisch dominiert das, was dem Verfasser als „Afro-Eurasien“ vorschwebt: Neben dem östlichen Mittelmeerraum sind dies Persien, Indien, China, Japan, Korea und Tibet, aber auch beidseits des Roten Meeres Himyar, Aksum, Nubien und Ägypten. Nicht nur das Frankenreich, welches Gallien, Germanien und schließlich auch Oberitalien umfasste, bleibt in dieser Sicht weitgehend außen vor, sondern auch die iberische Halbinsel mit dem – bis zu seinem Fall immer wieder eng mit Konstantinopel verbandelten[9] – Westgotenreich und dem umayyadischen Emirat von Cordoba, erstaunlicherweise aber auch das südliche Italien, das ja weiterhin zum oströmischen Reich gehörte, seine griechische Prägung behielt und zahlreiche Beziehungen nach Ägypten und Nordafrika unterhielt. Man gewinnt den Eindruck, als habe Preiser-Kapeller sich in seiner Darstellung von manchen westlichen Gebieten des römischen Imperiums etwas vorzeitig verabschiedet, jedenfalls lange bevor diese tatsächlich unter fremde Herrschaft gerieten. Im Fall Afrikas beispielsweise, das nur punktuell gewürdigt wird (etwa S. 51, 170), muss der Preis, der im Buch für den Ausschluss des Westens bezahlt wurde, als unverhältnismäßig hoch erscheinen: Das lateinische Nordafrika gehörte mit seinen zahlreichen Verbindungen ins Innere und in die griechischsprachigen Teile des Kontinents noch bis kurz vor 700 politisch zum oströmischen Reich, während es kirchlich, wie die Lateransynode von 649[10], und im Fernhandel, wie die Ausgrabungen in der Crypta Balbi zeigen[11], im 7. Jahrhundert vor allem nach Rom blickte. Rom gehörte zu dieser Zeit zwar auch zum oströmischen Reich, aber der von Preiser-Kapeller mit Recht stark gemachte Punkt (S. 102–140, 141–192), dass Netzwerke religiöser und wirtschaftlicher Verflechtung nicht unbedingt mit den übergreifenden politischen Konstellationen kongruieren müssen, gilt selbstverständlich auch hier. Und er trifft auch für spätere Zeiten zu. Von den unter muslimischer Herrschaft lebenden Christen interessierten Karl den Großen, wie Einhard berichtet, nicht nur diejenigen in Jerusalem und Alexandria, sondern ebenso auch jene in Karthago[12], die er – wohl mit dem im erfolgreichen Awarenkrieg erbeuteten Gold – finanziell unterstützte. Zwar ist uns aus Afrika kein Verwaltungsdokument vergleichbar dem auf das Heilige Land bezogenen Basler Rotulus[13] erhalten, doch ist anzunehmen, dass der von Preiser-Kapeller mitunter belächelte imperiale Anspruch Karls des Großen auch hier in eine universal verstandene Politik gemündet war, die man in Konstantinopel selbstverständlich niemals gutzuheißen geschweige denn anzuerkennen sich bereitfinden konnte. Zu dieser Politik gehörte seit Konstantin, dass ein christlicher Kaiser sich auch für Christen jenseits seines direkten Herrschaftsgebietes zuständig fühlte. Ob dieses Gebiet um 800 nun früher zum west- oder oströmischen Imperium gehört hatte, scheint den Frankenherrscher dabei weniger interessiert zu haben. Seine vom Kalifat in Bagdad unterstützten, im Inneren Palästinas, Ägyptens und Nordafrikas intervenierenden Aktivitäten fanden jedenfalls hinter dem Rücken des oströmischen Kaisers statt und sie waren Bestandteil der gemeinsamen politischen Gegnerschaft zum Umayyaden-Emirat in Cordoba: Mochten sich vielleicht auch in Konstantinopel die Kaiser des dezimierten römischen Imperium nach 800 wenig für den fernen Westen interessieren, so hatten doch die Abbasidenkalifen in Bagdad allen Grund dies zu tun, und diese Sache war ihnen weitaus mehr wert als nur einen Elefanten.

Dies macht auf den unvermeidlichen inneren Widerspruch aufmerksam, einerseits eine globalgeschichtliche Perspektive einzunehmen, aber andererseits aus dieser zugleich bestimmte Gebiete als vermeintlich „peripher“ ausschließen zu wollen. Die im Titel des Buches verkündete Exklusion Westeuropas wird vor allem damit begründet, dieses habe „eben nur als westlichste Peripherie und nicht im Zentrum“ (S. 10) an den beschriebenen Austausch- und Verflechtungsprozessen teilgehabt. Das überrascht zumindest insofern, als doch gerade eine fast definitorisch zu nennende Besonderheit von Imperien wie dem römischen beziehungsweise byzantinischen[14] darin zu liegen scheint, dass sie ihr Herrschaftsgebiet nicht nur vom Zentrum aus, sondern auch von der Peripherie her denken und sich auch weiterhin für das politische Geschehen in solchen Gebieten interessieren, die viel früher einmal zum Imperium gehört hatten. Überdies stellt sich die Frage, welche Rolle Italien in einem solchen Gesamtbild zukommt, dessen Verbindungen nach Afrika ja bemerkenswert waren, während die oströmischen Besitzungen in Italien im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zusammenschrumpften. Zudem beraubt man sich der gerade aus byzantinistischer Sicht doch eigentlich faszinierenden Perspektive, dass im späteren 7. Jahrhundert sich sogar das angelsächsische England plötzlich griechischen Einflüssen zu öffnen begann[15], was die Frage, wo eigentlich die Mitte liegt und wo der Rand, keineswegs so einfach beantwortbar macht, wie es simplifizierende Ost-West-Modelle von Zentrum und Peripherie nahezulegen scheinen; für die wirtschaftlichen Austauschbeziehungen und den vom Verfasser mit Recht hervorgehobenen globalen Sklavenhandel, der ja zu wesentlichen Teilen über die Nordsee abgewickelt wurde, gilt Gleiches (S. 165f., 186–190). Die Herausbildung neuer Zentren an der Peripherie dessen, was einmal das römische Imperium umfasst hatte, gehört, wie Preiser-Kapeller betont, zu den bedeutsamsten Prozessen dieser Übergangsepoche. Und so hätte sich selbstverständlich die Geschichte dieses Buches problemlos auch unter Einschluss des gesamten Westens inklusive der britischen Inseln erzählen lassen.

Eine zweite Bemerkung, die hieran anschließen kann, betrifft die Auswahl an Gegenständen weiträumigen Austausches. Der im Buch dargebotene Katalog an verarbeiteten Gütern wie Textilien und an exotischen Gewürzen, Tieren, Edelsteinen, Nahrungsmitteln etc. ist imposant und ergänzt die bemerkenswerten Befunde jüngerer Studien von Michael McCormick und Jörg Drauschke.[16] Auch auf weiträumige Reliquientransfers wurde in diesem Zusammenhang bereits von vielen Forschern hingewiesen[17], aber ein besonders wichtiges Tauschgut wird in Preiser-Kapellers Darstellung leider selten eigens thematisiert: Texte.[18] Texte sind ja nicht nur, wie es zumeist im vorliegenden Buch geschieht, als Informationsquelle für bestimmte Kommunitäten oder Güter heranzuziehen, sondern waren häufig genug selbst ein wichtiger Gegenstand weiträumiger Austauschbeziehungen. Ideentransfer über große Distanzen hinweg involvierte die Übermittlung und das Abschreiben von Texten und, wo diese nicht nur für die transkulturellen Akteure selbst beziehungsweise ihre Gruppen bestimmt waren, häufig auch deren Übersetzung. Weil den hier behandelten Zeitraum, welcher durch zunehmende politische und religiöse Fragmentierung und den Aufstieg neuer Zentren bestimmt war, gerade die Vervielfältigung der Schriftsprachen (vom Syrischen, Armenischen, Georgischen, Koptischen und Arabischen über die sich formierenden slawischen, germanischen und romanischen Schriftsprachen) kennzeichnet, fassen wir in der Übersetzung von Texten und textbezogenen Inhalten einen hochkomplexen Vorgang von außerordentlichen geographischen Dimensionen, der mir wenigstens so wichtig erscheint, dass er geradezu als „epochemachendes“ Signum der Zeit zwischen 300 und 900 angesehen werden kann.[19] Gerade Texte und Übersetzungen sind es, welche die Geschichte der globalhistorischen Verflechtungen während dieses Zeitraumes als Verbindung von Wissensressourcen mit deren Veränderungspotential verstehen lehren, und selbst ein so ephemerer Vorgang wie die sogenannte „karolingische Renaissance“ ließe sich auf diese Weise noch mit einfangen.[20]

Die vorangehenden Überlegungen sind keineswegs als fundamentale Kritik an diesem außergewöhnlichen Buch zu verstehen, sondern eher als Hinweis auf Einzelprobleme einer globalgeschichtlichen Perspektivierung des fraglichen Zeitraumes. Dass der Westen auch aus oströmischer Sicht immer wieder eine wichtige Rolle spielte, ist ein Faktum, welches nur die Relevanz der eingangs hervorgehobenen byzantinistischen Forschungsperspektive auf globalhistorische Vorgänge unterstreicht. Für Historikerinnen und Historiker, deren Arbeitsschwerpunkt im „frühmittelalterlichen Westen“ liegt, stellt dies eine Herausforderung dar, da es allzu bequem und verführerisch anmutet, das ebenso unvermeidlich wie trostlos scheinende Narrativ einer „Trennung der Wege zwischen Ost und West“ zu übernehmen, sich dafür womöglich noch auf die Pirenne-These zu berufen und fortan ganz auf den Westen zu fokussieren, was fehlende Sprachkenntnisse, vor allem im Griechischen, sodann zementieren. Diese Betrachtungsweise ändert sich gerade, indem die spätantiken Kulturen und ihre Nachfolger nicht nur miteinander verglichen werden[21], sondern im Sinne einer Verflechtungsgeschichte vermehrt nach den wechselseitigen wirtschaftlichen, politischen, religiösen und kulturellen Kontakten, Wahrnehmungen und Beeinflussungen gefragt wird.[22] Insofern ist es etwas zu bedauern, dass das vorliegende, wirklich ausgezeichnete Buch mit seinem etwas bemüht wirkenden Ausschluss des vermeintlich peripheren Westens in dieselbe Richtung zu argumentieren scheint wie jenes antiquierte Ost-West-Modell, welches zu überwinden allerdings vordringlich eine Aufgabe der Forschung zum westlichen Frühmittelalter darstellt.[23]

Anmerkungen:
[1] Vgl. bereits Peter Frankopan, Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt, Berlin 2016, S. 23–203.
[2] Vgl. dazu demnächst die Akten des von Ewald Kislinger, Andreas Külzer und Andreas Rhoby 2014 veranstalteten „Symposion Herbert Hunger. Akademiepräsident und Begründer der Wiener Byzantinistik“.
[3] Vgl. Angela Schottenhammer / Peter Feldbauer (Hrsg.), Die Welt 1000–1250, Wien 2011; Thomas Ertl / Michael Limberger (Hrsg.), Die Welt 1250–1500, Wien 2009, beide erschienen in der „Globalgeschichte Die Welt 1000–2000“.
[4] Evangelos K. Chrysos, Das Ereignis von 799 aus byzantinischer Sicht, in: Christoph Stiegemann / Matthias Wemhoff (Hrsg.), 799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Bd. 3, Mainz 1999, S. 7–12.
[5] Vgl. etwa Sebastian Conrad, Globalgeschichte. Eine Einführung, München 2013, S. 193–247.
[6] Vgl. Mischa Meier, Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen 2003, S. 373–387 u. ö.
[7] Neuerdings versucht Kyle Harper in seinem umstrittenen Buch, mit naturwissenschaftlichen Methoden die alten welthistorischen Fragen nach dem Untergang von Imperien zu beantworten, vgl. Kyle Harper, The Fate of Rome. Climate, Disease, and the End of an Empire, Princeton 2017. Vgl. dazu jedoch die umfassende Kritik bei John Haldon u. a., Plagues, climate change, and the end of an empire. A response to Kyle Harper's The Fate of Rome (1): Climate, in: History Compass 16/12 (2018), https://doi.org/10.1111/hic3.12508; dies., Plagues, climate change, and the end of an empire. A response to Kyle Harper's The Fate of Rome (2): Plagues and a crisis of empire, in: ebd., https://doi.org/10.1111/hic3.12506; dies., Plagues, climate change, and the end of an empire. A response to Kyle Harper's The Fate of Rome (3): Disease, agency, and collapse, in: ebd., https://doi.org/10.1111/hic3.12507.
[8] In diesem Sinne auch Chris Wickham, Framing the Early Middle Ages. Europe and the Mediterranean 400–800, Oxford 2005, S. 701, der die Produktivität lokaler und regionaler Ökonomien für weitaus wichtiger hält.
[9] Margerita Vallejo Girvés, Hispania y Bizancio. Una relación desconocida, Madrid 2012.
[10] Phil Booth, Crisis of Empire. Doctrine and Dissent at the End of Late Antiquity, Berkeley 2013.
[11] Lucia Saguì, Roma, I centri privilegati e la lunga durata della tarda antichità. Dati archeologici dal deposito di VII secolo nell’esedra della Crypta Balbi, in: Archeologia medievale 29 (2002) S. 7–43. Vgl. auch Wickham, Framing the Early Middle Ages, S. 720–728.
[12] Einhard, Vita Karoli Magni 27. – Der für das Jahr 828 berichtete Seeangriff einer fränkischen Flottille, die in Nordafrika landete und dort kämpfte (Astronomus, Vita Hludowici 42), hat dagegen andere Hintergründe.
[13] Michael McCormick, Charlemagne’s Survey of the Holy Land. Wealth, Personnel, and Buildings of a Mediterranean Church between Antiquity and the Middle Ages, Washington, D.C. 2011.
[14] Evangelos K. Chrysos, Das Byzantinische Reich. Ein Imperium par excellence, in: Michael Gehler / Robert Rollinger (Hrsg.), Imperien und Reiche in der Weltgeschichte. Epochenübergreifende und globalhistorische Vergleiche, Bd. 1, Wiesbaden 2014, S. 621–634.
[15] Michael Lapidge (Hrsg.), Archbishop Theodore. Commemorative Studies on his Life and Influence, Cambridge 1995; Jane Stevenson, The ‘Laterculus Malalianus’ and the School of Archbishop Theodore, Cambridge 2007.
[16] Michael McCormick, Origins of the European Economy. Communications and Commerce, 300–900, Cambridge 2001, S. 281–387; Jörg Drauschke, Zwischen Handel und Geschenk. Studien zur Distribution von Objekten aus dem Orient, aus Byzanz und Mitteleuropa im östlichen Merowingerreich, Rahden 2011.
[17] Eugen Ewig, Die Verehrung orientalischer Heiliger im spätrömischen Gallien und im Merowingerreich (1964), in: Ders., Spätantikes und fränkisches Gallien. Gesammelte Schriften (1952–1973), Bd. 2, München 1979, S. 393–410; McCormick, Origins of the European Economy, S. 283–318; Jonathan B. Conant, Europe and the African Cult of Saints, ca. 350–900. An Essay in Mediterranean Communications, in: Speculum 85 (2010), S. 1–46.
[18] Vgl. etwa Ignaz Siegmund, Die Überlieferung der griechischen christlichen Literatur in der lateinischen Kirche bis zum 12. Jahrhundert, München 1949; exemplarisch z. B. Claudia Rapp, Hagiography and Monastic Literature between Greek East and Latin West in Late Antiquity, in: Fondazione Centro Italiano di Studi sull'Alto Medioevo (Hrsg.), Cristianità d’Occidente e cristianità d’Oriente, Spoleto 2004, Bd. 2, S. 1221–1282.
[19] Ähnliches dürfte auch für den mir weniger nah stehenden Fernen Osten anzunehmen sein, vgl. etwa Samuel N. C. Lieu, Manichaeism in the Later Roman Empire and Medieval China, Tübingen 1992 oder das Berliner Turfan-Projekt, http://turfan.bbaw.de/ (13.03.2019).
[20] Zur Rezeption syrischer Texte im Westen vgl. etwa David Ganz, Knowledge of Ephraim’s Writings in the Merovingian and Carolingian Age, in: Hugoye. Journal of Syriac Studies 2/1 (1999), S. 37–46; Sebastian Brock, The changing faces of St Ephrem as read in the West, in: John Behr / Andrew Louth / Dimitri Conomos (Hrsg.), Abba. The tradition of Orthodoxy in the West. Festschrift for Bishop Kallistos (Ware) of Diokleia, Crestwood 2003, S. 65–80.
[21] Vgl. etwa Wolfram Drews, Die Karolinger und die Abbasiden von Bagdad. Legitimationsstrategien frühmittelalterlicher Herrscherdynastien im transkulturellen Vergleich, Berlin 2009; Jenny Rahel Oesterle, Kalifat und Königtum. Herrschaftsrepräsentation der Fatimiden, Ottonen und frühen Salier an religiösen Hochfesten, Darmstadt 2009; Almut Höfert, Kaisertum und Kalifat. Der imperiale Monotheismus im Früh- und Hochmittelalter, Frankfurt am Main 2015.
[22] McCormick, Origins of the European Economy; Daniel König, Arabic-Islamic Views of the Latin West. Tracing the Emergence of Medieval Europe, Oxford 2015.
[23] Vgl. Stefan Esders u. a. (Hrsg.), East and West in the Early Middle Ages. The Merovingian Kingdoms in Mediterranean Perspective, Cambridge 2019.

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Veröffentlicht am
05.04.2019
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