K. von Greyerz u.a. (Hrsg.): Soldgeschäfte, Klientelismus, Korruption in der Frühen Neuzeit

Cover
Titel
Soldgeschäfte, Klientelismus, Korruption in der Frühen Neuzeit. Zum Soldunternehmertum der Familie Zurlauben im schweizerischen und europäischen Kontext


Herausgeber
von Greyerz, Kaspar; Holenstein, André; Würgler, Andreas
Reihe
Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit
Erschienen
Göttingen 2018: V&R unipress
Preis
€ 45,00
Hillard von Thiessen, Universität Rostock

Das Verhältnis von Patronage zu Korruption hat in der jüngeren Frühneuzeitforschung besondere Aufmerksamkeit gefunden. Die frühneuzeitliche Schweiz rückte dabei als Untersuchungsregion vor allem aus zwei Gründen in den Fokus: Zum einen war zumindest ihr katholischer Teil ein der Außenverflechtung über Solddienstverträge und Pensionen offener Raum; Patronagebeziehungen zwischen auswärtigen Fürsten und Solddienstunternehmern sorgten für einen erheblichen Ressourcenfluss, stabilisierten die Stellung der Eliten in den eidgenössischen Orten und ermöglichten eine Staatsbildung ohne Steuern und stehendes Heer, wie Christian Windler bereits 2005 betont hat.[1] Zum anderen ist die Quellenlage sehr gut und ihre Auswertung wird vom Schweizerischen Nationalfonds mit langem Atem gefördert.

Der Band markiert eine wichtige Etappe dieser Förderung: Er dokumentiert eine Tagung, die im Oktober 2016 in Aarau aus Anlass des Abschlusses der 40-jährigen Editionsarbeit der Acta Helvetica stattfand, eines umfangreichen Bestandes, der aus dem Archiv der Zuger Familie Zurlauben stammt. Deren vom späten Mittelalter bis ins frühe 18. Jahrhundert führende Stellung im Ort war auf ihre Solddienstgeschäfte und die damit verbundenen Patronagebeziehungen zurückzuführen. Der Band hat zwei Anliegen: Zum einen unterstreicht er den herausragenden Quellenwert der Zurlaubiana, zum andern führt er die Schweizer Forschungslandschaft mit der europäisch-vergleichenden Perspektive auf Patronage, Korruption und die Entwicklung des Militärs in der Frühen Neuzeit zusammen.

Entsprechend ist der Band gegliedert: In der Einleitung stellen die Herausgeber zunächst das Solddienstwesen und die Außenverflechtung der darin aktiven Familien vor, um dann auf die Stellung der Zurlauben in diesem System einzugehen. Urspeter Schelbert und Ruth Wüst stellen in einem gesonderten Beitrag das Editionsprojekt und die Ordnung des großen Bestandes vor, dessen 32.000 Regesten samt Registern nunmehr in Open Access verfügbar sind. Der zweite Teil des Bandes enthält Aufsätze zu Patronage und Korruption in europäischer Perspektive, während der dritte Abschnitt diese Thematik anhand der Eidgenossenschaft behandelt. Der vierte Teil schließlich beschäftigt sich mit dem Soldgeschäft in der Frühen Neuzeit. Dabei stehen die Zurlauben im Fokus der meisten Beiträge der letzten beiden Teile.

Die europäische Perspektive der Patronageforschung ist mit drei Beiträgen vertreten. Lothar Schilling betrachtet Patronage als ein „ubiquitäres Phänomen“ im frühneuzeitlichen Frankreich, das in vielfältigen Beziehungsformen vorkam und auch als Herrschaftsmittel der Krone dienlich war, nicht zuletzt auch in Form grenzüberschreitender Beziehungen zu Familien, die im Solddienst aktiv waren. Birgit Emich vertritt die römische Patronageforschung und befasst sich mit dem Wechselspiel von Formalisierung und Informalität. Einerseits sei Patronage am Hof des Papstes regelrecht institutionalisiert und damit formalisiert worden, andererseits sei Formalisierung aber nicht ohne ein Wachstum an Informalität, die überhaupt erst das Funktionieren formaler Strukturen ermöglichte, zu haben gewesen. Robert Bernsees Beitrag schließlich befasst sich mit dem Wandel des Korruptionsverständnisses in der Sattelzeit am bayrischen und preußischen Beispiel. Nach einer Intensivierung von Korruptionsdebatten in den 1780er-Jahren seien um 1800 in vielen Ländern Kontinentaleuropas Konzepte von Verfassung und Verwaltung zum Durchbruch gelangt, die soziale Beziehungsformen wie Patronage und Ämterkauf grundsätzlich nicht mehr akzeptierten. Eine neue, reformorientierte Generation habe diese Ideen in die Praxis umgesetzt und damit den Handlungsspielraum und die Rollenbilder von Amtspersonen deutlich verändert.

Den Teil zu eidgenössischen Patronagepraktiken läutet ein Aufsatz von Andreas Affolter ein, der die Beziehungen der in Solothurn residierenden Ambassadoren der französischen Krone zu verschiedenen Akteuren in der Eidgenossenschaft untersucht. Die Botschafter traten dabei als Makler vielfältiger Ressourcen auf, mittels derer eine Reihe von Familien und Orten langfristig an den Herrscher des westlichen Nachbarlandes gebunden werden konnten. Konkrete politische Ziele der französischen Seite, die über die Erleichterung und Verstetigung von Solddienstgeschäften hinausgingen, seien über derartige Beziehungen allerdings nur selten durchgesetzt worden. Diese Bilanz führte auf Seiten französischer Akteure mitunter zu Zweifeln an der Effektivität ihrer Patronage. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt auch Daniel Schläppi in seinem Artikel über die Wirkung auswärtiger Gaben an Akteure in Zug. Zumeist seien die lokalen Netzwerke und Ereignisse für die Akteure viel entscheidender gewesen als die Erwartungen eines auswärtigen Patrons: „Die Unwägbarkeiten der lokalen Politik lassen sich also so zusammenfassen: Ohne Geld ging nichts, aber nicht alles ging mit Geld!“ (S. 133) Von Korruption könne in Zug in diesem Zusammenhang kaum die Rede sein, da auswärtige Gelder ganz im Gegenteil nach einem relativ transparenten System verteilt wurden und zum Teil in gemeinwohlfördernde Projekte flossen. Detailliert befassen sich Cécile Huber und Katrin Keller mit dieser Verteilungspraxis, die durchaus nicht den Vorstellungen des französischen Patrons entsprochen habe. Sie zu reformieren sei aber zu riskant gewesen, fürchtete man doch, die Empfänger in die Hände konkurrierender Mächte zu treiben. Die besondere Machtstellung der Zurlauben in diesem System habe darin bestanden, dass sie bis in die 1720er-Jahre als Verbindungspersonen zwischen Ambassador und Zuger Rat fungiert hätten und damit auch über erheblichen Einfluss auf die Pensionenverteilung verfügten.

Der vierte Hauptteil des Bandes schließlich bündelt Beiträge zu Praktiken des Soldgeschäfts in der Eidgenossenschaft und im europäischen Vergleich. Nathalie Büsser rückt das Bild des bestimmenden pater familias in Soldunternehmerfamilien zurecht und stellt Familienverbände als koordiniert handelnde Gruppen mit ergänzender Rollenverteilung dar. Philippe Rogger konzentriert sich in seinem Beitrag wieder stärker auf die Zurlauben und analysiert die Praxis der Kompaniewirtschaft. Sie habe ein hochkomplexes Unterfangen dargestellt, das vielfältiger Kommunikationskanäle zur Einhegung der Risiken des Krieges und der oft mangelhaften Zahlungsmoral des Kriegsherrn bedurfte. Basis der so konstituierten Netzwerke, so betont auch Rogger, war der Solidar- und Interessensverband Familie. Was geistliche Mitglieder der Familie dazu beizutragen hatten, ist Thema der Ausführungen von Dominik Sieber. Er charakterisiert die dem Klerus angehörenden Verwandten als „geistliche Etappe“, die mithin ihrer sozialen Position entsprechende Beiträge zur Familienökonomie geleistet hätten. Abschließend weitet Marian Füssel den Blick wieder auf eine europäische Perspektive, indem er die Rekrutierungspraktiken in Europa von 1648 bis 1789 vergleicht. Dabei warnt er vor einer zu ausgeprägten Modernisierungsperspektive: Weder könne die aufkommende Kompaniewirtschaft als Verstaatlichung des Militärs betrachtet werden – denn die Regimentschefs konnten ihre Reservatrechte gegenüber den Fürsten wahren –, noch stelle das im 18. Jahrhundert aufkommende Kantonssystem einen Vorläufer der allgemeinen Wehrpflicht dar. Heere in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit könnten als „stehende Söldnerheere“ bezeichnet werden – womit den Soldunternehmern auch noch im 18. Jahrhundert ein einträgliches, wenn auch zunehmend reguliertes Betätigungsfeld erhalten blieb.

Der Band stellt überzeugend die Bedeutung der Zurlauben-Akten für die Forschung unter Beweis. Seine besondere Leistung liegt in der Einbettung des eidgenössischen Solddienstwesens in den Forschungsstand der europäisch-vergleichenden Patronageforschung und der Neuen Militärgeschichte, wenn auch einige Aufsätze zu den Zurlauben in Teil III (mit Ausnahme des Beitrags von Andreas Affolter) Anregungen aus der europäischen Forschungslandschaft stärker hätten berücksichtigen können. Die im Titel genannte Kategorie der Korruption bleibt in den die Eidgenossenschaft betreffenden Aufsätzen vergleichsweise blass, von den anregenden Ausführungen Daniel Schläppis einmal abgesehen. Nichtsdestoweniger ist der Band ausgesprochen lesenswert und dürfte seine praxeologische Perspektive auf die Solddienste auch über den Spezialfall der Zurlauben hinaus ausstrahlen – und vielleicht auch zu der im Band als Desiderat bezeichneten Gesamtdarstellung der Geschichte des Soldwesens in der alten Eidgenossenschaft beitragen.

Anmerkung:
[1] Christian Windler, „Ohne Geld keine Schweizer“. Pensionen und Söldnerrekrutierung auf den eidgenössischen Patronagemärkten, in: Hillard von Thiessen / ders. (Hrsg.), Nähe in der Ferne. Personale Verflechtung in den Außenbeziehungen der Frühen Neuzeit (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 36), Berlin 2005, S. 105–133.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.02.2020
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/