Cover
Titel
Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt


Autor(en)
Conze, Eckart
Erschienen
Frankfurt am Main 2018: Siedler Verlag
Anzahl Seiten
558 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörn Retterath, Historisches Kolleg, Stiftung zur Förderung der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Historischen Kollegs

Der einhundertste Jahrestag des Kriegsendes 1918 hat in Medien und Öffentlichkeit ein starkes Interesse für die geschichtlichen Ereignisse hervorgerufen. Auch mehrere renommierte Historiker haben Bücher zu den aus dem Krieg resultierenden Umwälzungen vorgelegt. Ähnlich wie das fast zeitgleich erschienene Opus Magnum von Jörn Leonhard[1] beschäftigt sich das Werk von Eckart Conze mit dem Versailler Vertrag und seinen weltweiten Folgen. In drei Hauptkapiteln präsentiert der Marburger Neuzeithistoriker auf gut 550 Seiten die während des Ersten Weltkriegs kursierenden Überlegungen für die Ausgestaltung eines Friedens, die 1918/19 schließlich beschrittenen Wege zu den Pariser Friedensverträgen sowie deren Nachwirkungen. Wenn er auch die globale Dimension betont, so liegt sein Hauptaugenmerk doch auf der Konferenz von Versailles und auf dem Vertrag mit dem Deutschen Reich. Zugleich möchte Conze aufzeigen, was die Pariser Friedensordnung „uns […] nach hundert Jahren noch – oder wieder – zu sagen“ (S. 36) habe. Seine Studie richtet sich nicht nur an die Fachwissenschaft, sondern auch an eine geschichtlich interessierte Öffentlichkeit. Conzes mit Fotos sowie Karten illustriertes Buch ist pointiert geschrieben und gut lesbar. Die – wohl aufgrund der sachthematischen Untergliederung an einigen Stellen als notwendig erachteten – inhaltlichen Redundanzen schmälern den Lektüregenuss kaum.

Nach einem Einleitungskapitel, das konzise und pointiert die Entstehungs-, Problem- und Rezeptionsgeschichte der Versailler Friedensordnung umreißt, widmet sich Conze im ersten Hauptteil seines Werks den „Wegen aus dem großen Krieg 1916–1918“. Ausgehend von den unterschiedlichen Kriegszielen und Friedenvorstellungen der verschiedenen Mächte (insbesondere Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs) beschäftigt er sich mit der Position und dem Kriegseintritt der USA, dem deutsch-russischen Friedensschluss von Brest-Litowsk vom März 1918 sowie dem deutschen Zusammenbruch und dem Waffenstillstand.

Im zweiten – und mit Abstand umfangreichsten – Hauptkapitel des Buches beschreibt Conze zunächst die Entwicklungen, Vorstellungen und Stimmungen in der Phase zwischen Abschluss des Waffenstillstands und Beginn der Friedenskonferenz. Auf große Hoffnungen folgten alsbald ebensolche Enttäuschungen, sowohl bei den Verlierer- als auch bei den Siegermächten. Zu verschieden waren die medial geweckten Erwartungen an die Friedenskonferenz und an eine auf Wilsons „Vierzehn Punkten“ basierende Neuordnung der Welt. Der ursprüngliche Plan der Siegermächte, zunächst einen Präliminarfrieden zu schließen, wurde, wie Conze deutlich macht, im Frühjahr 1919 aufgegeben, da ein solcher Vertrag der zeitraubenden Zustimmung des US-Senats bedurft hätte. Die Folge war, dass die alliierten und assoziierten Mächte Friedensbedingungen festschrieben und diese den Verliererstaaten zur Unterschrift vorlegten. Bei den Mittelmächten rief diese Behandlung – ebenso wie die Vertragsinhalte – Enttäuschung und Verbitterung hervor. Unzufriedenheit über die Ergebnisse der Konferenz herrschte aber auch bei vielen Siegermächten und deren Bevölkerungen – den einen ging die Bestrafung der Mittelmächte nicht weit genug, die anderen hatten sich einen moderateren Umgang mit den Verlierern und dadurch eine stabilere Nachkriegsordnung erhofft. Darüber hinaus desillusionierte „Paris“ die Vertreter der kolonialen Völker: Das erhoffte Selbstbestimmungsrecht blieb ihnen weiterhin verwehrt. Die Errichtung von durch die Siegermächte verwalteten Mandatsgebieten in den ehemaligen deutschen Kolonien und den nicht türkischen Territorien des Osmanischen Reichs war letztlich nichts anderes als die Fortsetzung der imperialistischen Politik des 19. Jahrhunderts. Wie Conze herausarbeitet, kam in Wilsons Friedenskonzeption dem Völkerbund eine zentrale Rolle zu. Umso erstaunlicher ist es, dass der US-Präsident allenfalls vage Vorstellungen davon hatte, wie dieser ausgestaltet werden könne. Insgesamt, so stellt Conze immer wieder heraus, herrschte zwischen den Hauptsiegermächten Frankreich, Großbritannien, Italien und den USA bei den allermeisten in Paris zu behandelnden Themen kein Konsens, weshalb nach Kompromissen gesucht werden musste. Mitunter wurden Probleme an den Völkerbund verschoben beziehungsweise blieben gänzlich ungelöst. Während in Territorialfragen oftmals Großbritannien und die USA an einem Strang zogen und weitreichendere Forderungen Frankreichs abblockten, setzten sich bei der Reparationsfrage Frankreich und Großbritannien gegen die USA durch. Zu schweren Spannungen zwischen den Siegermächten führten auch die chinesisch-japanischen Auseinandersetzungen über die chinesische Provinz Shandong sowie die italienischen Ansprüche auf Fiume. Breiten Raum widmet Conze in seiner Darstellung den Friedensbedingungen gegenüber Deutschland und den dramatischen, von Notenwechseln und Abstimmungen begleiteten Tagen vor der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919. Auch behandelt er die Normen zur strafrechtlichen Ahndung von seitens der Mittelmächte begangenen Kriegsverbrechen sowie deren Folgen und Bedeutung für das Völkerrecht ausführlich. In einem größeren Kapitel beschäftigt sich Conze zudem mit der Situation in Ost(mittel)europa und im Nahen Osten – mit Regionen, in denen der Krieg nicht im November 1918 endete. Der Erste Weltkrieg ging hier nach dem Zerfall des Habsburger und des Osmanischen Reichs häufig nahtlos in einen Bürger- beziehungsweise Staatsbildungskrieg über. Die Grenzverschiebungen der Pariser Vorortverträge schufen viele nationale Minderheiten in den (neu entstandenen) Staaten – mithin Konflikte und Instabilitäten.

Die Nachwirkungen der Pariser Friedensverträge skizziert Conze im abschließenden knappen dritten Hauptkapitel. Die Ablehnung des Versailler Vertrags einte in Deutschland vordergründig die verschiedenen politischen Lager, letztlich nutzte sie aber vor allem den Rechten und deren Ziel, die Demokratie zu überwinden. Unter dem Deckmantel einer Revisionspolitik konnten die Nationalsozialisten ihre Bestrebungen nach einer aggressiven territorialen Expansion tarnen. Sie profitierten davon, dass der Versailler Vertrag ab den 1920er-Jahren auch außerhalb Deutschlands immer häufiger als zu hart empfunden wurde. Die britische und französische Appeasementpolitik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland hatte eine Ursache in dieser Wahrnehmung.

Für Conze steht fest: Die großen Erwartungen an einen Frieden nach dem Ersten Weltkrieg konnte „Versailles“ nur enttäuschen – zu komplex waren die zu lösenden Probleme, zu hoch der mediale Druck, zu stark die öffentliche Emotionalisierung und zu unterschiedliche die Interessen der Siegermächte. Viele mit den Friedensverhandlungen verbundenen Hoffnungen und Vorstellungen – sowohl der Sieger- als auch der Verlierermächte – erfüllten sich nicht. „Paris“ erwies sich als „der Ort der großen Illusion“ (S. 32). In seinem Epilog stellt Conze die in der Konferenz zum Ausdruck kommende „globale Konnektivität“ (S. 495) heraus, die zur „Überforderung“ der Versammlung sowie zu „Inkohärenz und Widersprüchlichkeit ihrer Beschlüsse“ (S. 496) maßgeblich beigetragen habe. Zudem blickt er knapp auf die bis in die Gegenwart reichenden Nachwirkungen der Pariser Entscheidungen – etwa in Bezug auf den arabisch-israelischen Konflikt, das politische Bewusstsein Chinas, die Situation auf dem Balkan sowie die Grenzdiskussionen in der Türkei. Unübersehbare Parallelen zwischen der Gegenwart und der Welt nach 1919 sieht er im „Wiederaufstieg von Nationalismus, Populismus und Autoritarismus“ (S. 503).

Verlauf und Folgen der Pariser Friedenskonferenz sind in der Wissenschaft wohlbekannt, insofern wird Conzes Buch den Experten kaum neue Erkenntnisse in der Sache bringen. Gleichwohl lohnt es sich, das Werk zu lesen: Anschaulich und pointiert schildert der Autor die schwierige Friedenssuche im und nach dem Ersten Weltkrieg, die Probleme der Pariser Friedensordnung sowie deren teils bis heute virulenten Auswirkungen. Immer wieder weitet er den Blick und schaut historiografisch-differenzierend auf die mit „Paris 1919“ direkt oder indirekt zusammenhängenden nachfolgenden Entwicklungen. All diejenigen, die sich mit dem fragilen Frieden nach dem Ersten Weltkrieg in globaler Perspektive beschäftigen und sich für die Vorgeschichte der krisengeschüttelten Gegenwart interessieren, werden in Conzes glänzend geschriebenem Buch fündig werden.

Anmerkung:
[1] Jörn Leonhard, Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923, 2. Aufl., München 2019 (1. Aufl. 2018).