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Titel
Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte


Autor(en)
Wildt, Michael
Reihe
suhrkamp taschenbuch wissenschaft
Erschienen
Berlin 2019: Suhrkamp Verlag
Anzahl Seiten
423 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Rass, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück

Mit „Die Ambivalenz des Volkes“ hat Michael Wildt eine Anthologie vorgelegt, deren Beiträge, wie es im Untertitel heißt, um den „Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte“ kreisen. 17 Aufsätze sind diesem Band zusammengeführt, erschienen über einen Zeitraum von 22 Jahren und herausgegriffen aus dem umfangreichen und immer wieder richtungweisenden Œuvre eines streitbaren, für die Forschung zum „Dritten Reich“ zentralen deutschen Zeithistorikers. Bis auf zwei Beiträge, die der Autor eigens für den Band verfasst hat, sind die Texte unter Fachleuten bekannt, rezipiert und diskutiert. Viele dieser Texte gehören zum Kanon, der in den Anmerkungsapparaten thematisch einschlägiger Schriften immer wieder durchgearbeitet wird. Eine Durchsicht der nun vorliegenden Sammlung kann sich daher der Frage widmen, welche Aussagen sich aus Zusammenstellung, Sortierung und Kommentierung dieser 17 Stücke herauslesen lassen. Ich möchte dazu drei Perspektiven wählen: den Blick (1) auf die Anlage des Bandes, (2) auf die in den fünf großen Abschnitten des Buches erarbeiteten Befunde und schließlich (3) auf die chronologische Reihung der Beiträge entlang der wissenschaftlichen Biographie des Autors selbst.

(1) Im Aufbau des Bandes orientiert sich Wildt an den Eckpfeilern seines gesellschaftsgeschichtlichen Programms: Die Betrachtungen kreisen um den Begriff des „Volkes“ bzw. der „Volksgemeinschaft“ und stellen so auf ein Schlüsselkonzept scharf, das er zu Aspekten von Ungleichheit und Ausschluss („Antisemitismus als Alltagspraxis“), Ökonomie („Arbeit und Lager“) sowie Sinnstiftung und Herrschaft („Politische Theorie des Nationalsozialismus“) befragt. Durch die Texte zieht sich Wildts Auffassung der „Volksgemeinschaft“ als soziale Praxis und folgerichtig die Auseinandersetzung auch mit Akteuren – immer wieder unterschiedlich akzentuiert. Schließlich umfasst diese systematische Annäherung an den Gegenstand die Beobachtung juristischer Aufarbeitung, geschichtswissenschaftlicher Erklärung und philosophischer Analyse von Denken und Handeln der Praktiker – Täter – des Versuchs, eine Gesellschaft in eine „Volksgemeinschaft“ zu transformieren, in ihren inneren und äußeren Rahmungen.

Wildts Kernaussagen gewinnen durch die Art ihrer Komposition und Verbindung in einem Sammelband auch für Leser/innen aus der Geschichtswissenschaft neue Prägnanz. Historiker/innen, die sich mit einem durch die Praxeologie weiterentwickelten klassisch strukturalistischen gesellschaftsgeschichtlichen Zugriff identifizieren, werden Wildts Überlegungen und Ansätzen folgen können und diese – wie Wildt selbst – als weiterführend anschlussfähig an eine Kultur- bzw. Politikgeschichte des Nationalsozialismus verstehen. Wer bisher alternative Zugänge favorisiert, hat bei der Lektüre Gelegenheit, sich nicht allein von der Herleitung des analytischen Modells und den Erträgen seiner Anwendung überzeugen zu lassen, sondern auch von der differenzierten Auseinandersetzung, die Wildt in steter Reflexion der eigenen Herangehensweise mit ähnlichen (Detlev Peukert) oder anders akzentuierten Positionen (Ian Kershaw) leistet.

(2) Die Logik des Buches geht davon aus (Kapitel „Volksgemeinschaft“), dass sich eine Gesellschaft stets durch die wechselseitige Strukturation von Denken und Handeln – ambivalent – und also mit dem Potential zu inklusiver Solidarität oder exkludierender Ab- und Ausgrenzung zwischen Ethnos und Demos bewegt. Rückt dabei die Identitätsproduktion als „Volk“ in den Mittelpunkt, drohen Homogenitätsparadigmen die Oberhand zu gewinnen. Idee und Praxis der „Volksgemeinschaft“ als Modell nationalsozialistischer Vergemeinschaftung, in deren Zentrum die Produktion von Ungleichheit entlang rassistischer Konstrukte steht, wird damit zu einem Schlüsselkonzept für das Verständnis des Nationalsozialismus. Dabei geht es (Kapitel „Antisemitismus als Alltagspraxis“) um die Produktion von Zugehörigkeit und die Aushandlung des eigenen Platzes in dieser „Volksgemeinschaft“ durch die Praxis der Ausgrenzung Anderer, der „Gemeinschaftsfremden“, bis hin zum Genozid. Bei der Herstellung einer solchen Wirklichkeit bildeten Nützlichkeit und Leistungsfähigkeit (Kapitel „Arbeit und Lager“) sowohl für Hierarchisierung von Zugehörigkeit als auch von Ausschluss ein zentrales Diskurs- bzw. Handlungsfeld. Insofern blieb die Verheißung der Gleichheit derjenigen, denen diese Zugehörigkeit eingeräumt wurde, immer Illusion gegenüber einer Wirklichkeit, in der „Volksgenossen“ um ihren Platz in einer brutalen Hierarchie kämpften und sich über die Ausgrenzung Dritter ihrer selbst versicherten. Die Akte dieser Ausgrenzung, das zeigen die Beiträge auf sehr unterschiedliche Art und Weise, sickerten subtil in den Alltag ein, gewannen Autorität, aber auch Normalität und ließen gar den Massenmord als Teil solcher Normalität Anerkennung finden.

Die wechselseitige Strukturierung von Denken und Handeln, in der Vordenker einer „Volksgemeinschaft“ Ideen anboten, in der sich die soziale Praxis der „Volksgemeinschaft“ herausbildete und schließlich deren Abstraktion in Institutionen und Normen erfolgte, die wiederum auf die sich stets weiter ausformenden sozialen Praktiken wirkten (Kapitel „Politische Theorie des Nationalsozialismus“), unterstreicht dabei nicht allein die Reichweite dieser Transformation, sondern ihre potentielle Persistenz – ohne dass die so oder so erdachte „Volksgemeinschaft“ je Wirklichkeit werden musste. Denn Residuen dieser Strukturierung überdauerten den NS-Staat. Die von Wildt schließlich geleistete Beobachtung zweiter Ordnung (Kapitel „Nach 1945“) durch die Betrachtung anderer Akteure und seiner selbst bei der Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ zählt zu den eindringlichsten Abschnitten des Buches: von Ernst Fraenkels Bereitschaft, zur Rekonstruktion einer Gesellschaft in Deutschland beizutragen, über das Entstehen der grundlegenden Forschungsperspektiven auf die Shoah mit Blick auf Täter, Opfer und Gesellschaft durch die Arbeiten von Raul Hilberg und später Saul Friedländer bis zur eigenen Konfrontation des Autors mit dem Holocaust am Vernichtungsort Sobibór.

(3) Es ist dieser letzte Beitrag des Buches aus dem Jahr 2019, der auch zu einer chronologischen Lesart der Aufsätze anregt, die Wildt über mehr als zwei Jahrzehnte vom Ende der 1990er-Jahre bis zum Erscheinungsjahr verfasst und publiziert hat. So repräsentieren die ältesten Texte aus den Jahren 1997 und 2000 einen Abschnitt in seinem Werk, in dem die empirische Befassung mit den Tätern und ihren Praktiken, auch und gerade auf einer lokalen und sehr konkreten Ebene, parallel zu methodischen Überlegungen, seine Arbeit an der „Generation des Unbedingten“ begleiteten.[1] Noch während Wildts Zeit am Hamburger Institut für Sozialforschung (1997–2009) wurde dann um 2003 das Konzept der „Volksgemeinschaft“ zu (s)einem zentralen Topos. In der Tat ist seitdem kein Jahr vergangen, in dem Wildt, seit 2009 Professor für „Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, nicht dezidiert zur „Volksgemeinschaft“ publiziert hat. Insofern spiegelt der nun vorliegende Band auch den Weg von der Entdeckung eines historiographischen Problems und der Identifikation eines Schlüsselbegriffs zu einer methodischen Erfassung, Eingrenzung sowie kritischen Diskussion, die in der analytischen Operationalisierung einer praxeologischen Gesellschaftsgeschichte mündete. Die daran anschließenden Überlegungen binden den Gegenstand nicht nur in weiten Bögen zurück an vorlaufende oder flankierende kultur-, ideen- und geistesgeschichtliche Entwicklungslinien. In den jüngeren Texten arbeitet Wildt auch an der größeren Frage des Selbstverständnisses von Gesellschaften und der Konsequenzen ihrer unterschiedlichen Ausprägungen – stets mit Blick auf Akteure, Praktiken und Ideen, die für jene fortwährende und prinzipiell offene Transformation sorgen. An dieser Stelle trifft Geschichte auf Gegenwart, und Wildt kann überzeugend argumentieren, dass sich der Zustand einer Gesellschaft an der Antwort auf die Frage ablesen lässt, wie sie Zugehörigkeit auffasst und hervorbringt. Damit nimmt der Autor, wie in anderen aktuellen Texten auch, nicht zuletzt Stellung zum völkischen Populismus im frühen 21. Jahrhundert.[2]

Gerade diese weiterführende Reflexion dessen, was „Volk“ und „Volksgemeinschaft“ als Idee und Praxis in unserer Geschichte und Gegenwart angerichtet haben, macht das Buch zu einer wichtigen Lektüre – nicht nur für ein an der Geschichte des „Dritten Reiches“ unmittelbar interessiertes Lesepublikum. So kann jedes Nachdenken über „Migrationsgesellschaften“ bzw. mobilitätsbedingt wachsende gesellschaftliche Diversität und die sie begleitenden Neuaushandlungen in hohem Maß profitieren von den in diesem Buch bilanzierten langen Linien eines Denkens über Gemeinschaft anstelle von Gesellschaft und der unmittelbaren wie langfristigen Folgen derjenigen sozialen Praktiken, die bewusst oder unbewusst aus der Idee einer „Volksgemeinschaft“ hervorgegangen sind. In gleicher Weise ist jede Betrachtung der neuen alten Rechten und ihrer Parolen gut beraten, diese – mit ihren Ideen, ihrer Rhetorik und ihren Praktiken der Selbstvergewisserung – vor dem Hintergrund der in dem Buch dargelegten Befunde zu lesen. Während ebenjene Akteure das „Volk“ hervorholen, ist der von Michael Wildt mit Blick auf die Gegenwart durch die Analyse ihrer Geschichte formulierten Forderung, dieses Konzept endlich aufzugeben und sich stattdessen auf die Solidarität unter Menschen zu besinnen, zuzustimmen. Folgt man der Beobachtung, dass Gesellschaft durch ihre soziale Praxis hervorgebracht wird, ist die Aufgabe klar.

Anmerkungen:
[1] Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002, 3. Aufl. 2015.
[2] Siehe etwa ders., Volk, Volksgemeinschaft, AfD, Hamburg 2017.