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Titel
Albert Speer. Aufstieg und Fall eines Mythos


Autor(en)
Schroeter, Wolfgang
Erschienen
Paderborn 2019: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
IX, 413 S., 17 s/w Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katrin Hammerstein, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

„Das Ende der Mythen um Albert Speer“ lautete am 1. Juni 2017 eine Überschrift im Rezensionsteil der „Süddeutschen Zeitung“. Gegenstand der Buchbesprechung war die neu erschienene Speer-Biografie von Magnus Brechtken, die, so der Rezensent, Speers Lügengebäude dekonstruiere und die über ihn kursierenden Legenden entlarve.[1] Im selben Jahr zeigte das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg die mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin erarbeitete Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“. Sie fragte danach, warum Speers Geschichtsdeutungen, die seine eigene Rolle verharmlosten, so lange und so weitreichende Wirkmächtigkeit entfalteten. „Mit unkritischer Bereitwilligkeit“, so der Ankündigungstext, „folgten Historiker, Publizisten, aber auch die deutsche Öffentlichkeit der Erinnerungsmanipulation des ‚guten Nazis‘ – nicht zuletzt, weil er eine Entlastung für jene bot, die sich selbst im Nationalsozialismus engagiert hatten.“[2]

Mit der Veröffentlichung seiner Dissertation hat Wolfgang Schroeter nun eine Monografie zu diesem Komplex vorgelegt. Dreh- und Angelpunkt der Studie ist der von Speer selbst geprägte Mythos des „guten Nazis“, dessen Konstruktion, gesellschaftliche Rezeption und schließliche Entzauberung hier untersucht wird. Anders als Magnus Brechtken oder auch Martin Kitchen, dem es mit seinem 2015 veröffentlichten Buch „Speer. Hitler's Architect“[3] ebenfalls um die Dekonstruktion des „Mythos Speer“ ging, hat Schroeter sein Buch explizit nicht als Biografie angelegt, sondern verortet es in der Erinnerungsgeschichte. Denn die „Frage nach der Rezeption der Mythen Albert Speers vor dem Hintergrund des Umgangs mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland“ sei „bislang weitgehend unerforscht […]“ (S. 2). Von Isabell Trommer, die bereits 2016 die Rezeptionsgeschichte Speers in ihrer Studie „Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik Deutschland“[4] analysiert hat, grenzt er sich über seinen methodischen Zugriff ab: „den Generationenansatz, der diese [Rezeptionsgeschichte] erst erklärt“ (S. 3).

Dem generationellen Zugang liegen dabei gängige Unterscheidungen und Begriffsprägungen von Norbert Frei, Michael Wildt („Generation des Unbedingten“) und anderen zugrunde (vgl. S. 5f.), anhand derer auch die Kapitel zur Mythenrezeption strukturiert werden. In insgesamt drei Kapiteln stellt Schroeter dar, wie erstens die Täter- und Flakhelfergeneration, zweitens die „68er“ bzw. die „68er“ und „Post-68er“ und drittens die Enkelgenerationen wie die „Generation Golf“ und die „Generation 89“ mit Speer und seiner Geschichts- bzw. Selbstdeutung umgingen. Vorgeschaltet sind diesem Teil des Buches neben der nicht allzu ausführlichen Einleitung zwei Kapitel darüber, wie Speer seine Mythologisierung betrieb und wie und durch wen er dabei unterstützt wurde. Schroeter beschreibt hier unter anderem Speers Verteidigungsstrategie während der Nürnberger Prozesse und die Argumentationslinien von dessen Veröffentlichungen wie den „Erinnerungen“[5], der „intelligenteste[n] und anschlussfähigste[n] Apologie eines führenden Nationalsozialisten und verurteilten Kriegsverbrechers“ (S. 52), an der der Historiker und spätere Speer-Biograf Joachim Fest tatkräftig mitgewirkt hat.

Als „Merkmale der typischen Speer-Apologie“ identifiziert Schroeter „[i]n reale, konkrete Ereignisse eingefügte, aber verklausulierte, negative Schuldbetrachtungen, die seine Schuld als Möglichkeit in den Raum stellen, sie jedoch im Entscheidenden für seine Person leugnen, aber durch das Eingeständnis des Marginalen plausibel machen“ (S. 249). Weiterhin macht er sieben Teilmythen aus, die den „Mythos Speer“ begründen: den Mythos des apolitischen Künstlers und Technokraten, den Mythos des von Speer geschaffenen „Rüstungswunders“, den Mythos seiner Bedeutung für die Modernisierung Deutschlands, den Mythos seiner Position als „Zweiter Mann im Staat“, den Mythos seiner persönlichen Integrität und der Unwissenheit vom Holocaust, den Mythos seiner angeblichen Gegnerschaft zu Himmler und der Schutzstaffel (SS) und den Mythos seines Widerstandes gegen Hitler (vgl. S. 62f.). Profitierend von der umfangreichen Forschungsliteratur, nicht zuletzt der für die Entmythologisierung Speers einschlägigen Dissertation von Martin Schmidt aus dem Jahr 1982[6], legt Schroeter dar, dass diese Mythen und Behauptungen nicht der historischen Realität entsprechen und Speer sehr wohl um NS-Verbrechen wusste und auch am Konzentrationslagersystem und der Ausbeutung von KZ-Häftlingen aktiv beteiligt war (vgl. z.B. S. 123).

Die geschichtswissenschaftliche Forschungsliteratur ist eine der zentralen Quellen, anhand derer Schroeter die Rezeptionsgeschichte der Speer‘schen Mythen und deren Dekonstruktion umfassend untersucht. Die Einordnung und Wertung der einzelnen Werke zeugen von einer mit Sorgfalt und Sprachgefühl vorgenommenen kritischen Prüfung, wobei die Buchinhalte teils sehr detailliert referiert werden. Neben diesem historiografischen Schwerpunkt werden auch Beiträge aus dem Bereich der Publizistik und des Journalismus einbezogen, außerdem, vor allem im letzten Kapitel, Romane wie „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell oder „Er ist wieder da“ von Timur Vermes, Filmproduktionen von „Speer und Er“ und „Der Untergang“ bis hin zu „Inglourious Bastards“, in dem Speer allerdings gar nicht vorkommt (vgl. S. 334f.). Auch Ausstellungen werden thematisiert, teils allerdings nur recht kurz (vgl. S. 329f.).

Sehr ausführlich hingegen ist die erinnerungsgeschichtliche Kontextualisierung, also die Schilderung des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und die Deutung der NS-Zeit durch die einzelnen Generationen, mit der die Kapitel zur Rezeption jeweils beginnen. Mit Blick auf den Erkenntnisgewinn des Buches hätte man dies auch anders gewichten können, zumal sich Schroeter hier auf dem Stand der Forschung bewegt und nicht darüber hinausgeht. In diesen Abschnitten vermischt sich der für seine Studie gewählte Generationenansatz mit einer chronologischen Darstellung – wobei er sich von dem generationellen Zugriff verspricht, dass damit „Geschehnisse, Faktoren und Akteure analytisch getrennt und nacheinander dargestellt [werden], die gleichzeitig oder sogar vorher stattfanden“, und so „gegenüber einem rein chronologischen Vorgehen vor allem Parallelitäten, Kontinuitäten und Brüche in der Rezeption erklärt werden“ können (S. 350).

Dadurch ergeben sich auch Zeitsprünge und teils unerwartete Zuordnungen, wenn etwa der „Historikerstreit“ von 1986 im Kapitel der „Enkelgenerationen“ besprochen wird; denn dieser wurde, wie Schroeter selbst feststellt, vor allem von Angehörigen der „Flakhelfergeneration“ geführt (vgl. S. 306f.). In den 1980er- und 1990er-Jahren erschienene Bücher über Speer werden wiederum – konsequenterweise und dem Generationenansatz entsprechend – in den Kapiteln zu denjenigen Generationen thematisiert, welchen die Autor/innen jeweils angehören. Nicht immer trennscharf ist die Verwendung der Quellen: Von Schroeter zu Recht als apologetisch identifizierte Bücher wie Gitta Serenys „Ringen mit der Wahrheit“[7] oder Speers „Erinnerungen“ benutzt er beispielsweise auch als Quelle für die Lebensgeschichte Albert Speers – ohne dies weiter zu problematisieren. Dies spiegelt sich auch im Literaturverzeichnis, in dem die analysierten Werke allesamt und gemeinsam mit der Sekundärliteratur als „Literatur“ gefasst werden und nicht als „Quellen“, wo nur Archivbestände genannt werden.

Insgesamt bietet das Buch aber einen umfassenden und gut lesbaren Überblick über den „Mythos Speer“, seine Entstehung und seine Wandlungen. Gerade mit seinen Ausführungen zur heutigen Zeit und zur Populärkultur regt es dazu an, dieses Thema im Blick zu behalten. Denn auch wenn der Mythos widerlegt und entzaubert ist, ist Speer nicht gänzlich verschwunden, sondern ist zum Beispiel auch Thema in den sozialen Medien. Die eingangs genannte Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände wird derzeit übrigens in Mannheim – Speers Geburtsstadt – gezeigt.[8]

Anmerkungen:
[1] Robert Probst, Das Ende der Mythen um Albert Speer, in: Süddeutsche Zeitung, 01.06.2017; Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, München 2017; vgl.: Kim Christian Priemel, Rezension zu: Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, München 2017, in: H-Soz-Kult, 08.12.2017, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-24537 (09.02.2020).
[2] Ankündigungstext zur Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“ (27.04.2017 – 06.01.2018) des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, https://museen.nuernberg.de/dokuzentrum/kalender-details/albert-speer-in-der-brd-1195/ (09.02.2020).
[3] Martin Kitchen, Speer. Hitler’s Architect, New Haven 2015, vgl.: Kim Christian Priemel, Rezension zu: Martin Kitchen, Speer. Hitler's Architect, New Haven 2015, in: H-Soz-Kult, 18.05.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-23623 (09.02.2020).
[4] Isabell Trommer, Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 2016, vgl.: Heinrich Schwendemann, Rezension zu: Isabell Trommer, Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 2016, in: H-Soz-Kult, 30.11.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-24302 (09.02.2020).
[5] Albert Speer, Erinnerungen, Berlin 1969.
[6] Matthias Schmidt, Albert Speer: Das Ende eines Mythos. Speers wahre Rolle im Dritten Reich, München 1982. Wolfgang Schroeter und Matthias Schmidt wurden beide an der Freien Universität Berlin promoviert.
[7] Gitta Sereny, Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma, München 1995.
[8] Marchivum Mannheim, 13.02.–31.05.2020, vgl.: https://www.marchivum.de/de/albert-speer-in-der-bundesrepublik-vom-umgang-mit-deutscher-vergangenheit (09.02.2020).

Redaktion
Veröffentlicht am
02.03.2020
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