Th. Heebøll-Holm u.a. (Hrsg.): Merchants, Pirates, and Smugglers

Cover
Titel
Merchants, Pirates, and Smugglers. Criminalization, Economics, and the Transformation of the Maritime World (1200–1600)


Herausgeber
Heebøll-Holm, Thomas; Höhn, Philipp; Rohmann, Gregor
Reihe
Discourses of Weakness and Resource Regimes 6
Erschienen
Frankfurt am Main 2019: Campus Verlag
Anzahl Seiten
431 S.
Preis
€ 43,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulla Kypta, Departement Geschichte, Allgemeine Geschichte des Mittelalters, Universität Basel

Dieser Sammelband beschäftigt sich mit den Menschen, die im späten Mittelalter auf den Meeren Europas Gewalt ausübten – und mit der Frage, wie diese Gewalt beurteilt wurde. Dabei nimmt der Band zwei Rollen der Gewalttäter auf den Meeren in den Blick: Zum ersten handelten sie als politische Akteure, als Kriegsunternehmer, wie der Beitrag von Heebøll-Holm am englischen Beispiel ausführt. Zum zweiten traten sie als ökonomische Akteure auf, denn sobald sie ihrem Gegner etwas wegnahmen, verteilten sie Güter um.

Auch wenn die politische und die ökonomische Rolle der maritimen Gewalttäter zusammenhingen, lassen sie sich doch aus analytischen Gründen trennen, um die beiden Transformationsprozesse zu unterscheiden, um die sich der Band dreht: Sowohl politische als auch ökonomische Handlungen wurden in rechtlichen Kategorien gefasst und damit legitimiert bzw. delegitimiert, wie Dartmann schreibt (S. 265). Diese Veränderungen im Umgang mit Gewalt auf den Meeren analysieren die Autor/innen als transformative Kräfte in den maritimen Gesellschaften des späten Mittelalters. Die erste – politische – Transformation lässt sich unter dem Schlagwort Staatsbildung fassen: Die Unterscheidung zwischen legaler und illegaler Gewaltausübung diente dem Staat dazu, sein Gewaltmonopol im Inneren zu etablieren. In der zweiten – ökonomischen – Transformation versuchte dieser Staat, sich als wirtschaftlicher Hegemon, als Handelszentrum zu etablieren. Dazu markierte er die wirtschaftlichen Aktivitäten möglicher Konkurrenten als illegal.

Der Band demonstriert überzeugend, dass sich beide Transformationen besser verstehen lassen, wenn man die Geschichte des Umgangs mit Gewalt auf See in den Blick nimmt, und wie umgekehrt dieser Blick zu einem besseren Verständnis von Staatsbildung und ökonomischer Hegemonie beiträgt. Die Beurteilung von Gewalt auf See als legal oder illegal bietet ein hervorragendes Beispiel für die diskursive Ebene von Staatsbildungsprozessen. Ob jemand auf See legal oder illegal Gewalt ausübte – also ein „Korsar“ oder ein „Pirat“ war – lässt sich von keinem überzeitlichen Standpunkt aus beurteilen, das zeigt etwa Krey am Beispiel des dänischen Adligen Henning II. Putbus, der von den Hansestädten mal als legitimer Verwalter ihrer Festungen eingesetzt, mal als Pirat gebrandmarkt wurde. Zwei englische Kriegsunternehmer, deren Rolle Heebøll-Holm analysiert, tauchen als Korsaren wie als Piraten in den Quellen auf. Die komplexe Interessens- und Motivationslage der Akteure auf See zeigen Mozejko am Beispiel des Danziger Schiffskommandeurs und Diplomaten Berndt Pawest und Meichsner für den Verwalter auf der Insel Gotland. Pirat zu werden, war keine Berufsentscheidung für die Illegalität, sondern eine Entscheidung dafür, als Kriegsunternehmer tätig zu sein, die vom Staat als illegale Aktion gewertet wurde.

Der Umgang mit Piraten zeigt zugleich, dass die Unterscheidung zwischen Legalität und Illegalität den politischen Prozess noch nicht abschloss. Vielmehr konnte auch mit Illegalität wiederum auf verschiedene Arten umgegangen werden. Die Krone von Aragon verbot zwar den Handel mit Muslimen, hatte aber kein Interesse daran, ihn völlig zu unterbinden, weil sie von den Strafzahlungen, den „Schmuggelsteuern“ profitierte, wie Kelleher darlegt. Das päpstliche Embargo gegen den Handel mit „Ungläubigen“ offensiv zu unterbinden, konnte aber auch politisches Kapital in Form der Unterstützung des Papstes erbringen, so zeigt Carr für die Herrscher von Rhodos, Chios und Zypern. Vognsen schildert ein routinisiertes Verfahren, wie Schädigende und Geschädigte in Dänemark zu einer Einigung kamen.

Die Unterscheidungskompetenz zwischen legalen und illegalen Handlungen versuchten die Staaten aber nicht nur gegenüber einzelnen Akteuren durchzusetzen, um ihr Gewaltmonopol zu festigen, sondern sie wendeten sie auch gegenüber anderen Staaten an, die um ökonomischen Einfluss konkurrierten. Hier binden die Beiträge die Forschungen zur Piraterie in die Konzepte der Weltsystemtheorie ein, die Immanuel Wallerstein in den 1970er-Jahren entwickelt hat. Auf der europäischen Bühne setzte sich keiner der hier geschilderten Machtkämpfer auf ganzer Linie durch: Venedig und Genua konnten sich nicht als alleinige Zentren der Adria bzw. Liguriens etablieren, wie Tai zeigt, da sich die Küstenstädte mit gewaltsamen Übergriffen gegen ihre Hegemonialbestrebungen wehrten. Hamburg etablierte sich zwar als Handelszentrum an der Elbe, konnte dabei aber auch nicht alle Konkurrenten ausschalten, wie Rohmann beschreibt. Kompromisse auch mit denen einzugehen, die man als illegal disqualifizierte, lohnte sich zum Beispiel für Venedig, wie Christ schildert, denn so sparte man die Kosten eines stehenden Heeres und verließ sich auf die Küstenwache. Die Unterwerfung eines Gegners musste im Friedensvertrag nicht unbedingt als solche bezeichnet werden, so zeigt Dartmann anhand der Auseinandersetzung von Genua mit Phocaea und Chios: Vielmehr musste die unterlegene Seite die genuesische Version der Zuweisung von Legalität und Illegalität akzeptieren. Außerhalb Europas kam die Kompromissbereitschaft offenbar an ihre Grenzen: Die Auseinandersetzung zwischen der portugiesischen Krone mit ihren französischen und englischen Konkurrenten im Atlantikhandel des 16. Jahrhunderts schildern Miranda und Barros als gnadenlosen Kampf, für den die portugiesische Krone Flotten und Kanonen bereitstellte.

Die Beiträge nehmen damit eine Perspektive ein, die in einer institutionengeschichtlichen Herangehensweise als „social conflict view“ beschrieben würde:[1] Wirtschaftlicher Austausch war keineswegs immer effizient organisiert in dem Sinne, dass er die größtmögliche Wohlfahrt produzierte. Vielmehr bestimmten die politisch einflussreichen Akteure die Austauschstrukturen zu ihren Gunsten. Höhn schildert eindrücklich, wie Lübeck anderen Orten in Holstein und Mecklenburg vorwarf, „Piratennester“ zu sein, um den Handel über diese Orte zu delegitimieren und die eigene Position zu stärken.

Darin zeigt sich ein Grunddilemma in der Geschichte des Handels: Märkte können nicht funktionieren, ohne dass jemand sie reguliert und überwacht, denn wenn die Gefahr zu groß wurde, dass man auf dem Weg zum Markt überfallen wurde, besuchte man diesen Markt irgendwann nicht mehr. Dieser Gefahr versuchten sowohl der Papst (siehe Beitrag von Daniels) als auch die Städte in den burgundischen Niederlanden (so der Beitrag von Lambert) mit ihrem Vorgehen gegen Piraterie zu begegnen. Die zuständige Regulierungsmacht konnte dann aber dazu neigen, ihre eigenen Interessen neben oder anstelle der Interessen der Allgemeinheit durchzusetzen. Wo hier die Grenze zu ziehen sei, wurde heiß diskutiert: Christ schildert dazu das Beispiel das venezianischen Küstenwache, die sich selbst auf die Fahnen schrieb, für sicheren Austausch zu sorgen, von anderen Städten an der adriatischen Küste hingegen als venezianisches Machtinstrument verschrien wurde.

Die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Handlungen nutzte der Staat während des späten Mittelalters also dazu, seine politische wie ökonomische Machtposition nach innen und außen durchzusetzen: Zu diesen beiden Transformationsbeschreibungen positionieren sich alle Beiträge explizit, sie geben den unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema einen klaren roten Faden. Damit gewinnt der Band eine Kohärenz, die man bei Sammelbänden selten antrifft. Dass die Bezeichnung als Pirat in allen drei maritimen Regionen in Europa delegitimierend wirkte, in Nord- und Ostsee, Mittelmeer und Atlantik, unterstreicht seine diskursive Macht. Der Band eignet sich hervorragend, um einen Überblick über die lebendige und facettenreiche Forschung zur Gewalt auf den Meeren zu gewinnen und sie in die großen Narrative zur Staatsbildung einzuordnen.

Gerade an diesen großen Narrativen sollte die Forschung weiterdenken. Der Staat erscheint insbesodere in der Einleitung als Entität, die einem simplen Ziel folgt: ihre Macht auszubauen. Alle anderen Begründungen, wie etwa die Sorge um das bonum commune, werden entsprechend in der Einleitung als lediglich vorgeschoben, als „Schleier“ (S. 19) beurteilt, der die nackte Machtpolitik bedecken sollte. Wann und warum dieser Staat eigentlich entstand, wer ihn ausmachte und wer eigentlich seine Ziele definierte, bleibt ungeklärt. Nur wenn man verschiedene Staaten als monolithische Einheiten konzipiert, lässt sich aber wohl das Bild von einzelnen Playern zeichnen, die nur an Macht gewinnen, wenn ihr Konkurrent verliert. Nicht umsonst hat die Weltsystemtheorie, deren Kategorien diese Deutung strukturieren, ihre Wurzeln im 20. Jahrhundert. Die Beiträge von Christ, Rohmann und Tai deuten aber gerade darauf hin, dass die wirtschaftlichen Beziehungen von Venedig, Hamburg und Genua auch deshalb prosperierten, weil sie sich mit ihren Konkurrenten einigten. Damit ist auf eine weitere offene Frage verwiesen: Wozu erstrebte der Staat überhaupt die politische oder wirtschaftliche Macht über andere? Was wollte er damit tun, wem sollte sie nützen?

Die Fragestellung des Bandes bietet aber meines Erachtens schon selbst den Ansatzpunkt, hier zu einem differenzierteren Blick zu gelangen. Der Staat setzte ja nicht nur mit Hilfe der Unterscheidung zwischen Legalität und Illegalität seine Macht durch, sondern die Unterscheidung legal – illegal konstituierte auch erst den Staat. Die Analyse des Umgangs mit Gewalt auf See, wie sie der Band aus vielfältigen Perspektiven überzeugend darbietet, ließe sich so nicht nur als Geschichte ökonomischer und politischer Kontrolle erzählen, sondern zugleich als Geschichte, wie sich die Kategorien überhaupt herausbildeten, in denen wir heute unsere Narrative des Kampfs um ökonomische und politische Kontrolle erfassen.

Anmerkung:
[1] Daren Acemoglu u. a., Institutions as a Fundamental Cause of Long-Run Economic Growth, in: Philippe Aghion / Steven N. Durlauf, Handbook of Economic Growth, Amsterdam 2005, S. 385–472, hier S. 427f. Eine berühmte Verfechterin des social conflict view ist Sheilagh Ogilvie, z. B. in: The Use and Abuse of Trust. Social Capital and its Deployment by Early Modern Guilds, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1 (2005), S. 15–52.