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Titel
Fieldwork of Empire, 1840-1900. Intercultural Dynamics in the Production of British Expeditionary Literature


Autor(en)
Wisnicki, Adrian S.
Erschienen
London 2019: Routledge
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
£ 115,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Greiner, Department of History and Civilization, European University Institute, Florenz

Adrian S. Wisnicki gilt als ausgewiesener Kenner der Geschichte europäischer Forschungsreisen im Afrika des 19. Jahrhunderts. Als Leiter der Internet-Datenbank „Livingstone Online“[1] hat er einen großen Anteil an der digitalen Erschließung des Nachlasses des schottische Missionars und Forschers David Livingstone. Das Digitalisierungsprojekt umfasst derzeit rund 15.000 Faksimiles seiner in Süd- und Zentralafrika entstandenen Tagebücher und Briefe (1866–1873), die allerdings erst in Teilen online zugänglich sind. Parallel zu dieser Erschließungsarbeit hat sich Wisnicki seit 2008 in einer Reihe von Aufsätzen auch theoretisch mit der europäischen Erforschung des afrikanischen Erdteils befasst. Fieldwork of Empire bildet nun die monographische Synthese dieser Arbeiten, die für die Neuveröffentlichung ergänzt und aktualisiert wurden.

In jedem der fünf inhaltlichen Kapitel konzentriert sich Wisnicki auf eine bestimmte Region, oder auch nur einen Ort, im zentralen bzw. östlichen Afrika des 19. Jahrhunderts und untersucht den Textkorpus, den europäische Reisende über diese Gegenden zusammentrugen. Im Zentrum steht die Frage nach dem „impact of non-western cultural, political, and social forces and agencies on the production of British expeditionary literature“ (S. XV). Mit diesem “project of recovery” (S. 1) reiht sich das Buch in eine Reihe jüngerer Forschungsarbeiten ein, die den Anteil nicht-europäischer Akteure an der europäischen Erforschung und Erschließung Afrikas betonen. Wie die Studien von Dane Kennedy, Stephen Rockel und anderen zeigen, waren arabische Händler und lokale politische Eliten als Vermittler („intermediaries“) ebenso unverzichtbar für europäische Forschungsreisen wie afrikanische Lastenträger und Dolmetscher.[2] Wisnicki gibt einerseits einen sehr guten Überblick über den Stand dieser Forschung, plädiert andererseits jedoch für eine Erweiterung der gegenwärtigen Forschungsfragen: Fieldwork of Empire widmet sich weniger der Praxis und dem Verlauf von Expeditionsreisen; vielmehr gilt das Interesse des Literaturwissenschaftlers dem Einfluss nicht-europäischer Akteure auf die Diskursproduktion. Fieldwork of Empire zeigt auf, in welchem Maße sich diese Akteure selbst in europäische Reiseberichte einschrieben und so den Diskurs prägten.

Das erste Kapitel rückt zunächst die britische Repräsentation Afrikas ins Zentrum und erörtert, wie David Livingstone mit seinem Reisebericht Missionary Travels and Researches in South Africa (1857) den britischen Kolonialdiskurs prägte. Wisnicki versteht Livingstones ersten Bestseller dabei als ein textbasiertes kartographisches Projekt, das Afrika als Raum diskursiv produzierte. Den Kern des zweiten Kapitels bildet eine vergleichende Analyse der verschiedenen Karten, die im Rahmen einer Expedition der beiden Briten Richard Francis Burton und John Henning Speke (1856–1859) produziert wurden. In einer sehr gelungenen Analyse kontrastiert Wisnicki die Informationsbeschaffung der beiden Forscher mit der späteren visuelle Konstruktion ihrer publizierten Karten: Ihre Expedition hatte sich auf etablierten Karawanenhandelswegen bewegt; gleichzeitig waren sie auf das Wissen arabischer und afrikanischer Informanten angewiesen, um ihre Karten vermittels Berichten zu komplettieren (S. 52). Diese Einflüsse, so zeigt Wisnicki, wurden im Zuge des Übertragungsprozesses von der Feldaufzeichnung zur gedruckten Karte gestrichen. Europäische Kartographen, resümiert der Autor, „place[d] the story of British exploration in Africa […] over existing Arab-African trading routes“ (S. 65) und verbargen so den Anteil nicht-europäischer Akteure an der Kartierung Ostafrikas.

Kapitel 3 und die beiden nachfolgenden Kapitel widmen sich dann ausführlicher der von Wisnicki aufgeworfenen Frage nach dem Einfluss nicht-europäischer Kräfte auf die Diskursproduktion. Zunächst betrachtet der Autor die verfügbaren Quellen zu Samuel White Baker, der zwischen 1863 und 1865 den Sudan und das nördliche Uganda bereiste. Die Untersuchung fußt dabei auf der komplementären Lektüre von Bakers veröffentlichtem Bericht und seiner Feldtagebücher. Andererseits geht Wisnickis Analyse über den unmittelbaren Kontext der Expedition hinaus. Wie schon im vorherigen Kapitel weiß Wisnicki handwerklich zu überzeugen, indem er sich einer Mixtur verschiedener Forschungsrichtungen – unter anderem historische Geographie, Anthropologie und Oral History – bedient, um die vorkoloniale Geschichte der Bunyoro, einer Gruppe im heutigen Uganda, nachzuzeichnen. Mit diesem umfassenden Zugang gelingt es Wisnicki, die historischen Prozesse aufzuzeigen, mit denen sich Baker konfrontiert sah. Auf diese Weise macht er sichtbar, wie sehr Bakers Aufzeichnungen und die Topoi seines späteren Reiseberichts von externen Faktoren bestimmt waren: von der erlebten Feindseligkeit und fehlenden Hilfsbereitschaft der Bunyoro ebenso wie von den zu dieser Zeit stattfindenden regionalen Kriegen (S. 87).

Diese Ergebnisse aufgreifend, überprüft Wisnicki auch im vierten Kapitel, wie lokale Praktiken und Akteure die Diskursproduktion beeinflussten. Dazu wählt er die im späten 19. Jahrhundert geläufige Repräsentation Afrikas als „dunklen“ Erdteil und verortet die diskursive Grenze zwischen der vermeintlichen Dunkelheit des kontinentalen Inneren und der „bekannten“ Welt in Nyangwe, einem Dorf am Fluss Lualaba in der heutigen Demokratischen Republik Kongo (S. 113). Wieder bedient sich der Autor eines multi-disziplinären Ansatzes um zu zeigen, dass diese Grenzziehung ihre Ursache im Verhalten der ansässigen Bevölkerung hatte. Indem diese sich weigerten, europäische Expeditionen bei der Überfahrt über den Fluss zu unterstützen, nahmen die Erkundungsversuche vieler Europäer in Nyangwe ihr Ende (S. 118). Der Topos von Afrika als einem unbekannten, wilden und verschlossenen Ort, so der Autor, hatte seinen Ursprung damit nicht allein in Europas Schreibstuben und Verlagshäusern, sondern fußte ebenso auf den Erfahrungen europäischer Forschungsreisender vor Ort. Im sehr kurz gehaltenen fünften Kapitel erweitert Wisnicki diese Einsicht auf die fiktionale Literatur und die Narrative von Joseph Conrads Roman Heart of Darkness (1899).

Im Epilog des Buches kommt Wisnicki dann erstmals auf das Digitalisierungsprojekt „Livingstone Online“ zu sprechen. Die Digitalisierung der Bestände ermögliche mittels Bildbearbeitung (etwa Vergrößerung), bisher selten beachtete Aspekte und Details sichtbar zu machen (S. 149). Neben Umwelteinflüssen sind das insbesondere die verschiedenen Autoren, die an der Produktion von Livingstones Tagebüchern beteiligt waren. So weisen Livingstones Aufzeichnungen verschiedene Handschriften auf, etwa die seines Dieners Jacob Wainwright. Erst der Blick auf die Originalquellen, so Wisnicki, ermöglicht das zu finden, was in jeder Transkription verloren geht: die nicht-europäische Ko-Autorenschaft (S. 151). Das Potenzial einer digitalen Geschichtsschreibung liegt damit zuvorderst darin, Quellenbestände als Original weltweit zugänglich zu machen, wobei der Autor auch auf die Möglichkeit zukünftiger systematischer Analysen etwa vermittels Geoinformationssystemen hinweist (S. 149).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wisnicki mit Fieldwork of Empire einen wichtigen Beitrag zur Erforschung europäischer Expeditionen am Vorabend des Hochimperialismus liefert. Mit der vorgeschlagenen Erweiterung der Forschungsperspektive über die interkulturellen Begegnungen und Dynamiken vor Ort hinaus auf deren Wirkung auf die europäische Diskursproduktion, bietet der Autor wertvolle Impulse für eine noch junge Forschungsrichtung. Kritisch muss jedoch angemerkt werden, dass Kenner der jüngeren Forschung zur europäischen Explorationskultur im Buch auf viel Bekanntes stoßen werden. Angesichts der Fülle an in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten ist den Kapiteln anzumerken, dass ihre Erstveröffentlichung als Aufsatz mitunter zehn Jahre zurückliegt. Eine tatsächliche Neuartigkeit von Wisnickis Forschung liegt dagegen im von ihm angestoßenen Digitalisierungsprojekt. Digital Humanities, das kann Wisnicki auf den letzten Seiten überzeugend darstellen, „can complement analogue research to chart the impact of intercultural dynamics on the production of British expeditionary discourse and can reveal new areas for inquiry“ (S. 155). Es bleibt daher ein Wermutstropfen, dass Wisnicki erst am Ende seines Buches auf diese Potenziale für die Imperialismusforschung eingeht und digitale Methoden und Erkenntnisse nicht selbst viel stärker in die Untersuchung seines Buches einflicht.

Anmerkungen:
[1] Adrian S. Wisnicki u.a., Livingstone Online, https://www.livingstoneonline.org/ (15.09.2019).
[2] Siehe u.a. Dane Kennedy, The Last Blank Spaces. Exploring Africa and Australia, Cambridge, MA 2013; Stephen Rockel, Carriers of Culture. Labor on the Road in Nineteenth-Century East Africa, Portsmouth 2006; sowie Dane Kennedy (Hrsg.), Reinterpreting Exploration. The West in the World, Oxford 2015.

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10.10.2019
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