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H. Wegmann: Vom Kolonialkrieg zur Kolonialbewegung

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Titel
Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg. Der Offizier und badische Veteranenführer Max Knecht (1874–1954)


Autor(en)
Wegmann, Heiko
Reihe
Rombach Wissenschaften Alltag und Provinz 16
Erschienen
Freiburg i. Br. 2019: Rombach
Anzahl Seiten
580 S.
Preis
34,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Rösser, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt

Heiko Wegmann, Initiator von „Freiburg-Postkolonial“, legt eine umfangreiche Biographie des Offiziers und badischen Veteranenführers Max Knecht vor. Wegmann zeigt zunächst anhand von Knechts Leben, dass sein kurzer, zweijähriger Militärdienst in Deutsch-Ostafrika (DOA) identitätsstiftend wirkte. Entgegen althergebrachter Forschungsmeinungen illustriert Wegmann, dass Knechts „koloniale Identität“ gepaart mit einer militaristisch-rassistisch-nationalistisch-sozialdarwinistischen Überzeugung genügte, um lebenslang für den Kolonialismus zu agitieren – und zwar ohne den Gedanken, jemals wieder dauerhaft in eine deutsche Kolonie zurückkehren zu wollen. Sowohl der Militarismus als auch der Kolonialismus bildeten die zwei Grundpfeiler von Knechts Identität und stützten einander. Über die verschiedenen Epochen der deutschen Geschichte hinweg war Knecht pragmatisch genug, seine Grundüberzeugungen stets an lokale und gegenwärtige Realitäten anzupassen. Knecht handelte dabei utilitaristisch: (Militärische) Gewalt war für ihn legitimes Mittel zum Zweck. Gewaltexzesse um ihrer selbst willen hingegen vollzog Knecht selbst während eines Kolonialkrieges nicht. In Freiburg schloss er sich denjenigen Kräften an, die seinem Selbstverständnis nahestanden und trachtete in allen seinen lokalen Netzwerken danach, seine „Ideale“ zu verwirklichen. Knecht war aber auch bereit, sich eine neue „politische Heimat“ zu suchen, sofern diese seinen Grundüberzeugungen nicht entgegenstand und für das Erreichen seiner Ziele erfolgversprechender erschien. Dadurch gelang es ihm über Jahrzehnte, „den Kolonialgedanken“ in Freiburg im Breisgau aufrecht zu erhalten und weiter zu etablieren; lediglich im sozialdemokratischen Milieu war Knecht weniger erfolgreich.

Die Studie stützt sich auf Aktenmaterial aus Zentral- und Lokalarchiven, Knechts Tagebuch sowie zahlreiche Zeitungsberichte und Publikationen lokaler Verbände des Freiburger Raums. Dabei steht Knechts Tagebuch während seiner Zeit in Ostafrika im Vordergrund der Analyse. Für die Zeit nach seiner Rückkehr nach Deutschland dominieren zeitgenössische Publikationen; Knecht hatte das Tagebuchschreiben eingestellt.

Vom Kolonialkrieg gliedert sich neben Einleitung sowie Fazit und Ausblick in acht Hauptkapitel, die dem Leben Knechts chronologisch folgen. Die zwei einführenden Kapitel geben Auskunft über Knechts Herkunft und Berufslaufbahn sowie die generelle Geschichte DOAs und dessen Kolonialmilitär. Diese Kapitel sind mit jeweils ca. 20 Seiten im Vergleich zu den anderen Kapiteln (ca. 80 Seiten) knappgehalten und beleuchten Knechts Sozialisation in eine Militärfamilie und sein Aufwachsen im Elsass. Das Kapitel „Maji Maji Krieg“ beleuchtet die Kriegshandlungen Knechts. Als einer der wenigen deutschen Kolonialoffiziere fungierte er hierbei als bedeutender Akteur bei der Kriegsführung. Dabei vollzog Knecht neben vergleichsweise normalen Kriegspraktiken auch die „Taktik der verbrannten Erde“, um die Guerillataktik seiner Gegner unmöglich zu machen. Neben „Gefangenennahmen, Schnellurteilen und Hinrichtungen“ (S. 154), die Knecht selbst vollstreckte, war er auch Mitverursacher und Zeuge einer weitverbreiteten Hungersnot im Süden der Kolonie. Als direkte Folge der Vernichtung von Lebensmitteln durch das deutsche Kolonialmilitär verlor schätzungsweise bis zu einem Drittel der (Zivil-)Bevölkerung der südlichen Hälfte DOAs ihr Leben. In diesem Kapitel erschließt Wegmann weitgehend Neuland, da über die Kriegsführung in der Region Morogoro noch wenig bekannt war.

Im Kapitel „Ruanda“ untersucht Wegmann Knechts Tätigkeiten in Ruanda von 1906 bis 1907. Dort war er besonders für den Aufbau einer kolonialen Infrastruktur sowie dem diplomatischen Austausch mit Vertretern anderer europäischer Kolonialmächte und christlicher Missionen sowie den afrikanischen Würdenträgern verantwortlich. Trotz seines deutsch-chauvinistischen Überlegenheitsgefühls gegenüber seinen belgischen Kollegen sowie katholischen Missionaren und seiner rassistischen Verachtung aller Afrikaner rang Knecht sich einen gewissen Grad an Achtung gegenüber all jenen Menschen ab, die ihn im Ernstfall nicht behinderten oder stützten. Er fand auch ein gewisses Maß an Bewunderung für die Macht und Regierungsführung des ruandischen Königs Msinga, dessen Autorität sich Knecht bei einem offiziellen Besuch entgegen seines eigenen Herrschaftsanspruches unterwerfen musste.

Das Kapitel „Offizier und Milizführer in Freiburg (1908–1920)“ stellt Knechts Leben als Offizier im 5. Badischen Infanterie Regiment Nr. 113 in Freiburg dar. Typisch für ehemalige Kolonialoffiziere war der Beitritt zu kolonialen Organisationen wie der Deutschen Kolonialgesellschaft, deren Mitglied Knecht unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1908 wurde. Ehrenamtlich hielt er verschiedene Vorträge über seine Zeit in DOA und avancierte innerhalb des Dunstkreises von Freiburg zu einem der effektivsten Netzwerker, der sich insbesondere der „alltäglichen Kleinarbeit der Kolonialbewegung“ (S. 307) widmete. Parallel dazu nahm Knecht zwischen 1911 und 1914 eine leitende Funktion in der Jugendwehr Freiburgs ein und suchte mithilfe seiner Kolonialkriegserfahrung die Jugend für einen antizipierten Weltkrieg zu schulen. Grundsätzlich gilt, dass Knechts Prestige als hochdekorierter Kolonialoffizier im militaristischen Deutschen Reich ihm den „Weg in die Elite der städtischen Gesellschaft“ (S. 299) Freiburgs ebnete. Zugleich wurde Knecht in der Wahrnehmung Dritter nicht nur als ehemaliger Offizier mit Kolonialerfahrung wahrgenommen, sondern repräsentierte an sich „das Koloniale“ vor Ort, so Wegmann.

Der hochindustrialisierte Erste Weltkrieg, zu dem Knecht eingezogen wurde, unterschied sich gravierend von der Kriegsführung in Ostafrika und belastete ihn nach kurzer Zeit psychisch. War er in Kolonialkriegen stets ohne größere Verletzungen geblieben, so wurde er bereits im Oktober 1914 schwer verwundet und kriegsuntauglich. Nach dem Krieg arrangierte sich Knecht mit den neuen Realitäten der Weimarer Republik. Er schloss sich im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Offizieren keinem anti-demokratischen Freikorps an. Entsprechend dem vergleichsweise gemäßigten politischen Klima in Freiburg trat Knecht „einer bürgerlich-entschärften Variante von Freikorps“ bei, die sich dem „Primat der Erhaltung von ‚Ruhe und Ordnung‘“ (S. 332) verpflichtet fühlte. Beispielhaft für bürgerlich-liberalkonservative Kreise blieb Knecht jedoch stets nach der politischen Rechten offen: 1933 trat er in die DNVP ein, ehe er 1937 Mitglied der NSDAP und der SS wurde. Seinen größten Erfolg als Kolonialagitator konnte Knecht 1935 kurz vor der NS-„Gleichschaltung“ verbuchen. Es gelang ihm mithilfe seines lokalen Netzwerkes trotz schwieriger „politscher Großwetterlage“, die Reichskolonialtagung und die Kolonialausstellung nach Freiburg zu holen. Die Veranstaltungen standen „ganz im Zeichen der Annäherung von Kolonialbewegung und Nationalsozialismus“ (S. 441) und damit auch exemplarisch für Knecht selbst.

Das Kapitel „Badischer Kriegerbund – Veteranen, Nationalsozialismus und Kolonien (1930–1945)“ beleuchtet zunächst, wie zentral Militarismus und Soldatentum neben dem „Kolonialgedanken“ für Knechts Identität auch nach seiner aktiven Laufbahn als Offizier waren. Dieser „Gesinnungsmilitarismus“ (S. 469) fand in Knechts Fall in seinem Beitritt zum monarchistischen und paramilitärischen „Stahlhelm“ Ausdruck, der seiner politischen Heimat (DNVP) nahestand. Er zeigte sich aber auch in Knechts Mitgliedschaft in Freiburger (Kolonial-)Kriegerverbänden und in seiner aktiven Mitgliedschaft im überregional organisierten Kyffhäuser-Bund. Zwar gelang es Knecht in diesen Verbänden ebenfalls, den Kolonialrevisionismus einzuweben. Primär verfolgte er aber das Ziel, „soldatische Tugenden“ hochzuhalten. Wegmann ist überzeugt, dass ebendiese militaristische Mentalität Knechts eine Scharnierfunktion darstellte, die ihn dazu bewog, schlussendlich die DNVP zu verlassen und in die NSDAP und SS einzutreten. Bemerkenswert ist, dass sich Knecht privat und öffentlich „auffallend wenig“ (S. 512) antisemitisch äußerte und somit ein Kernelement des Nationalsozialismus durch den sonst politisch so umtriebigen ehemaligen „Schutztruppenoffizier“ unbesetzt blieb. 1939 kurz zum Zweiten Weltkrieg eingezogen, schied Knecht 69-jährig im Jahre 1943 aus dem Militärdienst aus. Nach dem Krieg wurde er von der französischen Militärverwaltung im Entnazifizierungsverfahren als „Minderbelasteter“ eingestuft, aber nur ein mildes Urteil gegen ihn verhängt. Dieses Urteil irritiert besonders, da es Knecht „bescheinigte […] kein Militarist gewesen zu sein“ (S. 527). Dies steht im krassen Gegensatz zu Knechts Leben und der Tatsache, dass er sich 1954 sogar in seiner Schutztruppenuniform beerdigen ließ.

Wegmann hat mit seiner Biographie über das Leben von Max Knecht eine ausgezeichnete und – im positiven Sinne – kleinteilig recherchierte Studie vorgelegt, die abseits der Lebensbeschreibungen eines deutschen Kolonialoffiziers äußerst wertvolle Einblicke sowohl in die Geschichte der formalen deutschen Kolonialzeit als auch in den (Freiburger) Kolonialrevisionismus sowie Nationalsozialismus liefert. Wegmann gelingt es mittels Knechts Biographie glaubhaft darzulegen, dass der Kolonialismus weder während der Weimarer Republik noch während der NS-Zeit ein Randphänomen der Freiburger – wenn nicht der deutschen – Gesellschaft war. Besonders hervorzuheben sind zudem Wegmanns Forschungsergebnisse über den Maji Maji-Krieg in der Region Morogoro, die er mithilfe von Knechts Tagebüchern nachzeichnet. Keinen Gefallen tut sich Wegmann allerdings damit, seine biographische Forschung mit nur wenigen Sätzen in ein globalgeschichtliches Narrativ einordnen zu wollen. Stattdessen wäre eine theoretisch fundiertere Herangehensweise an den Quellenkorpus der Selbstzeugnisse wünschenswert gewesen, da diese Gattung für Wegmanns Forschung unverzichtbar ist. Möglicherweise hätte dies aber den Rahmen der ohnehin umfangreichen Forschung gesprengt. Wegmanns Studie bleibt dennoch eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit, die im Rahmen des Themenkomplexes „Kolonialrevisionismus-Regionalgeschichte-Biographie“ das Potenzial besitzt, zu einem Standardwerk zu avancieren.