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Titel
Die Unterweisung des Blicks. Visuelle Erziehung und visuelle Kultur im langen 19. Jahrhundert


Autor(en)
Teutenberg, Tobias
Reihe
Image 133
Anzahl Seiten
348 S.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Jörg Sternagel, Institut für Theorie, Zürcher Hochschule der Künste

Lässt sich der menschliche Blick unterweisen? Diese Frage stellt sich dem Rezensenten im Lesen der kunsthistorischen und pädagogischen Studie von Tobias Teutenberg, die auf seiner Dissertation von 2016 basiert und sich mit visueller Erziehung und Kultur im 19. Jahrhundert beschäftigt, nicht nur in der Lektüre des entsprechenden Titels und des einführenden Prologs, sondern auch in den folgenden zwei Hauptteilen „Die Kunst der Anschauung“ und „Die Anschauung der Kunst“ sowie im abschließenden Epilog.

Teutenbergs Anliegen ist die Offenlegung der Ursprünge eines im deutschsprachigen Raum um 1800 entstandenen visuellen Regimes, das, so die These, die Sehgewohnheiten von Wissenschaftler/innen und Künstler/innen bis in die Moderne prägt. In insgesamt sieben, auf die vier Parts des Buchs verteilten, durchgängig illustrierten Unterkapiteln weist er das visuelle Regime, aber auch dessen Systematisierung detailliert nach, so detailliert, dass sich seine Studie als empfehlenswertes Nachschlagewerk eignet, mit dem sich ein reicher Fundus an Grundlagen zur Bildgeschichte und -wahrnehmung erschließen lässt. Teutenberg verortet die Ursprünge des visuellen Regimes, das den Blick unterweist, in der Anschauungs- und Zeichenpädagogik (etwa Johann Heinrich Pestalozzis), in der auf mathematischer Grundlage normative Methoden zu einer Systematisierung des Sehens entwickelt werden, die sich durch Adlaten und Veröffentlichungen als pädagogischer „Wahrnehmungsstil“ verbreiten und nicht nur in die Bildungssysteme der Zeit, sondern auch in der Kunstgeschichte, Psychologie und bildenden Kunst Eingang finden.

Zwar wird vorwiegend das 19. Jahrhundert als gewählter Schwerpunkt behandelt, doch wird dieses nicht für sich isoliert betrachtet, um auch Entwicklungen zu berücksichtigen, die in seiner Vorgeschichte liegen, wie im 18. Jahrhundert, in dem Teutenberg sich unter anderen mit Jean-Jacques Rousseau auseinandersetzt: „Sicher waren für Rousseau nur zwei Dinge: Jeder Mensch ist von Natur aus gut und darüber hinaus mit der ‚Fähigkeit, Fähigkeiten zu entwickeln’ (perfectibilité), begabt. Kraft dieses Vermögens – und angeleitet durch eine vernünftige Erziehung – war es daher jedem Zögling möglich, sich sukzessive zu vervollkommnen, ohne dabei einem vorherbestimmten Entwicklungsgang zu unterliegen“ (S. 49).[1] Teutenberg macht deutlich, dass es Rousseau darum geht, das Werden der Schüler/innen möglichst offen zu halten, weswegen Rousseau auch empfiehlt, die Erziehung zunächst auf die Verfeinerung der Sinne, der universell nützlichen „Werkzeuge des Geistes“ zu fokussieren. Darin liegt für Teutenberg eine Maßnahme, die er im Rahmen seiner Studie für die Geschichte der Anschauungspädagogik als bedeutsam erachtet, weil sie bereits in der Schule ansetzt und schon früh die Sinne schärft.

Es folgt von dort aus im ersten Hauptteil des Buchs eine ausgewählte Chronologisierung über die „Kunst der Anschauung“, die von Johann Bernhard Basedows „Schule der Menschenfreundschaft“ über Fragmente zur Kunst der Erziehung bei Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller bis zum „Sehen lehren“ bei unter anderen Pestalozzi und Johann Friedrich Herbart und zum „Sehen lernen“ mit beispielsweise Johann Joseph Schmid und Johannes Ramsauer verläuft.

Der zweite Hauptteil zur „Anschauung der Kunst“ widmet sich Betrachtungen und Beschreibungen von Phänomenen der Kunst und der Architektur, wie etwa der Baukunst bei Johann Joachim Winckelmann, die auf die nüchterne „Bezifferung von Maßen und Mengen wie auch der korrekten Bestimmung zentraler Bauformen und -elemente“ fokussieren (S. 142) oder in der Kunstlehre bei August Wilhelm Schlegel mit ihrer „Orientierung an natürlichen Gestaltungsprinzipien“ (S. 156). Und er setzt daran anschließend zum Beispiel mit den „Morphologien der Schönheit“ von Johann Ernst Kämmerer, einem Maler und Zeichenlehrer, zur Komposition des Bildes, Adolf Zeising, einem Mathematiker, über die Ästhetik der Mathematik und Robert von Zimmermann, einem Philosophen, über die Harmonie der Form bis zur Formpsychologie von Gustav Theodor Fechner, einem Psychophysiker, und Theodor Lipps, einem Kunstpsychologen, fort: Wirken zum Beispiel bestimmte Formen und Verhältnisse in der Kunst schöner auf die Betrachter/innen als andere? Inter- und transdisziplinär ergibt sich im Versuch der Beantwortung einer solchen Frage in Lehre und Forschung der aufgeführten Beteiligten das visuelle Regime, in dem sich normative Methoden zu einer Systematisierung des Sehens entwickeln, mit denen sich ein pädagogischer Wahrnehmungsstil verbreitet.

Die Liste der Namen und der Arbeiten hinter diesen Namen in Teutenbergs Chronologie ließe sich noch weiter vervollständigen. Sie ist jedoch im ausführlichen Bild-, Literatur- und Personenverzeichnis des Buches schnell nachschlagbar, was die Arbeit mit diesem Buch ungemein erleichtert.

Auffallend ist, dass Teutenberg sich in der Fülle seines Materials nicht verliert, was auch für die Leser/innen von Vorteil ist, denn es gilt, die vielfältigen Facetten des visuellen Regimes auf den Seiten nachzuvollziehen und mit zu entwickeln, die sich über den menschlichen Blick aufs Bild ausdifferenzieren. Der Autor bietet daher instruktive, in den Titeln der Unterkapitel so benannte „Augengeschichten“ und lässt uns durch sie mit ihm sehen lehren und sehen lernen, aber auch mit „formatierten Augen“ über das „Erkalten des Blicks“ und die „Hybris des Auges“ innehalten und nachdenken, nämlich immer dann, wenn vor lauter Berechenbarkeit und Formalisierung der Blick selbst aus dem Blick gerät und wir Gefahr laufen, ihn gänzlich aus den Augen zu verlieren: „Nichts ist schwerer zu wissen, als was wir eigentlich sehen“, bemerkt demgegenüber der von Teutenberg im Prolog einmal (zu) kurz angesprochene Maurice Merleau-Ponty, denn wenn zwischen Sehen und Wissen ein Spalt aufklafft, vermögen wir weder zu wissen, was wir sehen, noch zu sehen, was wir eigentlich wissen.[2]

In diesem Sinne kommt die am Anfang gestellte Frage wieder auf: Lässt sich der menschliche Blick wirklich unterweisen? Mitnichten, lässt sich, inspiriert von Teutenbergs präzisen Studie, antworten, denn immer wieder schweift der menschliche Blick auch umher, wird abgelenkt und, gegen Rousseau gewendet, unvernünftig oder ermüdet, lässt sich beunruhigen und gerät so aus der sorgfältig berechneten Blickrichtung, fällt aus dem Rahmen und verweigert sich auf seine Weise der von langer Hand geplanten, gezeichneten und gemalten Disziplinierung und Konditionierung. Wir geraten so über das von Teutenberg erkenntnisreich hergeleitete spezifische visuelle Regime im „langen“ 19. Jahrhundert zur allgemeinen menschlichen Praxis des Sehens, die sich zwar als berechenbar, formbar und konditionierbar erweisen kann, sich aber auch als offen für Anders-Sehen zu zeigen vermag und außerhalb des Regimes schaut.[3] Unser Blick wird damit produktiv, unser Sehen ein Sehendes. Diese andere Sichtweise wäre jedoch Thema einer anderen Studie, im Besonderen einer wahrnehmungsphilosophischen Studie.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jean-Jacques Rousseau, Emil oder Über die Erziehung (1762), 11. Aufl., Paderborn u.a. 1993.
[2] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, S. 82.
[3] Parallel zu Teutenberg empfiehlt sich die Lektüre von Sophia Prinz, Die Praxis des Sehens. Über das Zusammenspiel von Körpern, Artefakten und visueller Ordnung, Bielefeld 2014. Prinz begibt sich insbesondere mit Merleau-Ponty, Michel Foucault, Jacques Lacan und Pierre Bourdieu auf den Weg zu einer Geschichte des Sehens.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.07.2020
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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