M. Haarfeldt: Deutsche Propaganda im Rheinland 1918–1936

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Titel
Deutsche Propaganda im Rheinland 1918–1936.


Autor(en)
Haarfeldt, Mark
Erschienen
Anzahl Seiten
431 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uta Hinz, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Mark Haarfeldts Dissertation zu propagandistischen Kampagnen um das besetzte Rheinland schlägt zeitlich einen Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit 1918 bis zum Abzug der alliierten Truppen 1930 und bezieht in einem abschließenden Kapitel auch die Remilitarisierung des Rheinlands im März 1936 ein. Der Autor nutzt dabei verfügbare Aktenbestände regionaler wie zentraler Institutionen, der „Zentralstelle Rhein/Ruhr“ im Reichsministerium des Innern und dem Reichsministerium für die besetzten Gebiete, aber auch semi-staatlicher Vereinigungen, besonders der 1919–1930 sehr aktiven „Rheinischen Volkspflege“ (RVP). Ausgewertet werden zudem die zeitgenössische Publizistik zur Rheinlandthematik und ein (über)regionales Sample der Tagespresse.

Ausgangspunkt ist die These, Propaganda sei ein zwar interdisziplinär beforschter Gegenstand, werde als Begriff allerdings meist nicht-demokratischen Staaten zugeordnet und sei in der geschichtswissenschaftlichen Forschung lange auf NS-Propaganda konzentriert geblieben. Haarfeldt stellt dagegen Institutionen der Weimarer Republik ins Zentrum seiner Analyse. Einleitend formuliert er das Ziel, anhand der Rheinlandpropaganda das „bürokratische Entstehen“ (S. 14) von Propaganda als modernes Konzept politischer Öffentlichkeitsarbeit aufzuzeigen. Dieses sei in Deutschland nach 1918 in einem Prozess erfolgt, in dem theoretisch-konzeptionelle Diskussionen mit der Praxis eng verwoben waren. Die Thesen sind recht prononciert formuliert: Propaganda sei bereits vor 1933 ein zentraler Arbeitsbereich staatlicher Behörden gewesen, in Bezug auf die besetzten Westgebiete von 1918 bis 1930 für die Reichsregierung sogar ein „Hauptinstrument“ (S. 13), und die Rheinlandpropaganda sei „schlussendlich zu einem Prototyp für Propaganda in Deutschland geworden“ (S. 14). Nichts weniger als Inhalte und Praxis der Rheinlandpropaganda, theoretische und konzeptionelle Diskussionen um politische Kommunikation und die Entwicklung organisatorischer und methodischer Strukturen in einer Gesamtanalyse zu untersuchen, ist der Anspruch des Autors.

Bezüglich der eigenen methodisch-konzeptionellen Grundlagen bleibt die Studie einleitend allerdings zu ungenau. Nicht nur verzichtet Haarfeldt darauf, seine Vorgehensweise in die methodischen Diskussionen historischer Propagandaforschung einzuordnen. Insbesondere mangelt es an einer präzisen Definition des der Studie zugrunde gelegten Propagandabegriffs. Propaganda wird zwar als „explizit politische Öffentlichkeitsarbeit“ (S. 15) oder „Medienarbeit bzw. Beeinflussung bestimmter Zielgruppen“ (S. 13) eingeführt, dies wird aber weder konkretisiert noch zu den ausgewählten Untersuchungsbereichen und der methodischen Vorgehensweise in Beziehung gesetzt. Auch der durchgängig verwendete Begriff „deutscher Propaganda“, wird zwar in seiner zeitgenössischen Prägung durch Johann Plenge erläutert, nicht aber hinsichtlich seiner Funktion in der nachfolgenden Analyse. Diese begriffliche führt zu einer methodischen Unschärfe, die auch in der weiteren Darstellung nicht wirklich aufgelöst wird.

Historisch-thematisch deckt die Untersuchung ein äußerst breites Spektrum ab. Die Studie ist in fünf Kapitel zur theoretisch-methodischen Propagandadiskussion nach 1918, zu den organisatorischen Entwicklungen, den einzelnen Kampagnen der Rheinlandpropaganda bis 1930 sowie der NS-Propaganda gegliedert. Dieser Aufbau ordnet zwar die Untersuchungsbereiche, erschwert aber die Darstellung ihres Gesamtzusammenhangs. Zunächst zeichnet Haarfeldt in Kapitel 2 vor allem anhand der Arbeiten von Johann Plenge und Edgar Stern-Schubarth den theoretischen und methodischen Propagandadiskurs der Nachkriegszeit nach.[1] Er verweist auf die positive Umdeutung des Propagandabegriffs im Sinne einer legitimen und notwendigen politischen Öffentlichkeitsarbeit, zugleich auf dessen Verengung auf rein nationale Gesichtspunkte, die sich gerade im durch Plenge etablierten Begriff einer spezifischen „deutschen Propaganda“ als Kommunikationsform „praktischer Gesellschaftslehre“ (S. 54) zeigt. Einen direkten Bezug zur Praxis der Rheinlandpropaganda stellen in diesem ausführlichen Kapitel vor allem die Passagen zu den Publikationen von Paul Rühlmann her, dem langjährigen Leiter der RVP, sowie zu frühen konzeptionellen Überlegungen innerhalb der „Reichszentrale für Heimatdienst“.

In Kapitel 3, das die Entwicklung in die Rheinlandpropaganda involvierter staatlicher Institutionen bis 1930 äußerst kenntnisreich und detailliert darstellt, wird betont, dass ein Prozess der Zentralisierung erst 1923 mit dem „Ruhrkampf“ und der Bildung des Reichsministeriums für die besetzten Gebiete einsetzte. Deutlich wird in der Darstellung allerdings zugleich die Zersplitterung konkurrierender Stellen. Die (verdeckte) Kooperation von Regierungsstellen mit unabhängig auftretenden semi-staatlichen und privaten Vereinigungen (RVP und „Reichsverband der Rheinländer“) erinnert doch stark an Strukturen der Weltkriegszeit. Die eingangs postulierten neuen Propagandakonzepte kann Haarfeldt bei der staatlich finanzierten RVP sowie bei der „Zentralstelle Rhein/Ruhr“ ausmachen. Bei weiteren vorgestellten Institutionen, wie dem 1923 gegründeten Reichsministerium für die besetzten Gebiete, fehlt hingegen eine solche Fokussierung auf propagandaspezifische Diskussionen oder Strategien, sodass sich die Darstellung auf institutionelle Entwicklungen und Konflikte beschränkt.

Im umfangreichsten Kapitel 4 folgt die weitgehend chronologische Beschreibung einzelner Kampagnen, wobei die Beobachtung und Bekämpfung separatistischer Bewegungen ab 1919 den Ausgangspunkt bildet. Es folgen Kapitel über die „Schwarze Schmach“-Kampagne, den „Ruhrkampf“ 1923, die Bekämpfung französischer Kulturpropaganda, zur Jahrtausendfeier und Hindenburgreise 1925 und zu den „Befreiungsfeierlichkeiten“ 1930. Äußerst kenntnisreich und quellennah schildert Haarfeldt die einzelnen Kampagnen, ordnet sie zudem stets ausführlich in politische Kontexte ein. Sehr anschaulich belegt wird dabei ein System der Stimmungsbeobachtung im Rheinland, das über ein Netz von „Vertrauensleuten“ vor Ort funktionierte, die an Berliner Stellen berichteten. Deutlich wird auch, gerade an den Planungen zur Reise Hindenburgs an Rhein und Ruhr 1925, wie mit dem außenpolitischen Kurswechsel 1924/25 insbesondere das Auswärtige Amt aktiv eingriff, um revanchistische Töne in der Rheinlandpropaganda möglichst zu unterbinden.

Überzeugend kann Haarfeldt herausarbeiten, dass die transportierten politischen Inhalte durchweg auf dem national(istisch)en Kernelement einer „untrennbaren Schicksalsgemeinschaft“ (S. 62) fußten und bis 1930 eine offensive propagandistische Verbindung mit außenpolitischen Erfolgen der Republik eher vermieden wurde. Organisatorische oder konzeptionelle Grundlagen und Hintergründe einzelner Kampagnen spielen dagegen eine deutlich untergeordnete Rolle. Eine Ausnahme ist der Abschnitt zur „Schwarze Schmach“-Kampagne ab 1920, in der die eng mit der RVP verzahnte und durch Regierungsstellen unterstützte „Rheinische Frauenliga“ federführend war. Hier werden politische Zielsetzungen, organisatorische Vernetzungen und methodische Vorgehensweisen der Kampagne offengelegt. Dies gilt genauso für das ausführliche Unterkapitel zur propagandistischen Praxis im „Ruhrkampf“ 1923. Bei den anderen Kampagnen findet diese, für die Kernthese des Autors eigentlich wichtige Syntheseleistung kaum statt. Die Darstellung bleibt dort auf die Kampagneninhalte in ihrem spezifischen Zeitkontext fokussiert, ohne sie an die zeitgenössisch diskutierten propagandistischen Konzepte oder die organisatorischen Hintergründe rückzubinden. Der Fokus auf die Inhalte zeigt sich besonders deutlich am methodischen Umgang mit propagandistischer Publizistik zur Rheinlandbesetzung. Nur im Ausnahmefall – genannt sei etwa der Hinweis, dass sich hinter verschiedenen pseudonymisierten Schriften der Leiter der RVP Paul Rühlmann verbarg – wird sie im Hinblick auf deren Verfasser und mögliche personelle oder finanzielle Beziehungen zu staatlichen oder semi-staatlichen Institutionen hin analysiert. Es gelingt daher nur partiell, den eingangs formulierten Anspruch einzulösen, die Entwicklung organisatorisch bzw. konzeptionell neuer Formen politischer Öffentlichkeitsarbeit nach 1918 an den Quellen herauszuarbeiten. Vielmehr entsteht über die einzelnen Kapitel hinweg der Eindruck eines recht heterogenen Feldes von Akteuren und politischen Zielsetzungen. Dies wird zum Beispiel deutlich, wenn trotz des außenpolitischen Kurswechsels der Reichsregierung zentrale Akteure wie die RVP an ihrem aggressiven Propagandakonzept gegen Frankreich aus Überzeugung festhielten und dieses durch das Auswärtige Amt immer wieder abgedämpft werden musste. Auch der Befund, dass es republikanischen Institutionen ab 1925 erfolgreich gelang, außenpolitisch kontraproduktive nationalistische Stimmungsausbrüche zu verhindern, belegt noch nicht, dass diesen Bemühungen ein fundiertes Konzept politischer Öffentlichkeitsarbeit zugrunde lag.

Den Anspruch, die Rheinlandpropaganda als „Prototyp“ moderner politischer Öffentlichkeitsarbeit darzustellen, kann Haarfeldt somit nicht systematisch einlösen – wie er im Fazit auch selbst anmerkt. Zweifellos ist die Studie aber eine historisch profunde, quellen- und facettenreiche Darstellung zur inhaltlichen Entwicklung der Rheinlandpropaganda, vor dem Hintergrund sich wandelnder außenpolitischer Zielsetzungen in der ersten deutschen Republik.

Anmerkung:
[1] Johann Plenge, Deutsche Propaganda. Die Lehre von der Propaganda als praktische Gesellschaftslehre, Bremen 1922; Edgar Stern-Rubarth, Die Propaganda als politisches Instrument, Berlin 1921.