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Titel
Der junge Gustav Schmoller. Sozialwissenschaft und Liberalkonservatismus im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Herold, Jens
Reihe
Bürgertum. Neue Folge. Studien zur Zivilgesellschaft
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
336 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friedrich Lenger, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Der „junge“ Schmoller, dessen Biographie Jens Herold mit seiner Berliner Dissertation vorlegt, ist weniger über gängige Kriterien wie Alter, Berufseintritt oder Eheschließung vom „alten“ oder „reifen“ Schmoller unterschieden als über eine einzige Differenz: Er hat noch nicht den Status des Berliner Großordinarius erreicht. Dass damit (später) ein tiefer Einschnitt markiert werden wird, ist unmittelbar einleuchtend, und wer nur ein wenig mit Schmollers Publikationsfreudigkeit und dem Überlieferungsreichtum zu verschiedenen seiner Tätigkeitsfelder vertraut ist, wird Verständnis für die Entscheidung des Verfassers gegen eine die gesamte Lebensspanne umfassende Biographie haben. Probleme sind mit ihr gleichwohl verbunden, denn Aussagen über den formativen Charakter der „Jugendzeit“ lassen sich in Absehung von der Reifezeit streng genommen nicht treffen. „Es genügt ein kurzer Blick in Schmollers früheste Veröffentlichungen von 1860–1862 und seine privaten Notizbücher, um festzustellen, dass die Grundzüge des Programms, das noch der alte Berliner Ordinarius personifizierte, bereits ausformuliert vorlagen, noch ehe sich Schmoller überhaupt endgültig für einen wissenschaftlichen Lebensweg entschieden hatte.“ (S. 27) Ein solcher Blick reicht letzten Endes eben nicht, und das gilt analog für die Behauptung einer „von der frühen Jugendzeit bis ins höchste Alter durchgehende[n] Kontinuität der politischen Einstellung [...] in der liberalkonservativen Mitte“ (S. 14), die ohne eine Analyse und sorgfältige Kontextualisierung des politischen Wirkens des Berliner Ordinarius seit den 1880er-Jahren schlechterdings nicht hinreichend zu belegen ist. Es wäre indessen ganz falsch darauf herumzureiten, dass hier gelegentlich anregende Kontinuitätshypothesen vorschnell als gesicherte Ergebnisse ausgewiesen werden. Denn was die gut geschriebene Studie für die Zeit bis zu Schmollers Berufung nach Berlin bietet, ist verdienstvoll genug.

Herold, der „jede Biographie [als] ein zähes Aushandlungsprodukt zwischen den Fragen des Autors und den mehr oder weniger versteckten Angeboten des Quellenkorpus“ (S. 23) begreift, interessiert sich vor allem für Sozialwissenschaft und Politik, und dazu passt es gut, dass niemand mehr Platz in seinem Literaturverzeichnis beansprucht als Rüdiger vom Bruch. Der Verfasser stellt zunächst seinen Protagonisten als Sohn und Enkel von Kameralbeamten vor, eine Tradition, an die der junge Gustav nach dem Abitur sowohl mit einem einjährigen Praktikum im väterlichen Kameralamt als auch mit dem Studium an der Staatswirthschaftlichen Fakultät der Tübinger Universität anschloss. Das Heilbronner Elternhaus blieb zwar während des Studiums sein Lebensmittelpunkt, doch war mittel- und langfristig das Hineinwachsen in einen als „Preußen-Netzwerk“ gefassten Freundeskreis wichtiger, den nicht zuletzt eine im Württemberg der späten 1850er- und frühen 1860er-Jahre minoritäre, propreußische Haltung verband. Diesem Netzwerk schreibt Herold auch einige Bedeutung für die 1864 erfolgende Berufung des 1838 geborenen Heilbronners nach Halle zu. Als Wissenschaftler ist Schmoller zu diesem Zeitpunkt noch wenig ausgewiesen, doch gelingt es Herold, präzise die Einflüsse zu rekonstruieren, unter denen er sein Verständnis einer in enger „Verbindung mit der Gesellschaftslehre“ (S. 39) stehenden Nationalökonomie entwickelt, das dem Mainstream der historischen Schule nahe bleibt. Instruktiv ist in diesem Zusammenhang die anschauliche Schilderung des Schmoller‘schen Wirkens im Dienste der Württembergischen Statistik, an das sein bis heute bekanntes Werk Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert anknüpft. Bei dessen Erscheinen 1870 ist Schmoller indessen schon einige Jahre Ordinarius in Halle und wird bereits als Kandidat für eine Berliner Professur gehandelt. Für die Berufung nach Halle war dagegen ein anderes Buch ausschlaggebend gewesen, das 1862 anonym erschienen war: Der französische Handelsvertrag und seine Gegner, ein starker Beleg für die vom Verfasser herausgearbeitete Zentralität des Preußen-Netzwerks für die Karriere des jungen Schmollers.

Nur für seine frühen Hallenser Jahre tritt die Lebenswelt des zunächst noch unverheirateten Professors etwas schärfer ins Profil. Von daher ist es naheliegend und konsequent, dass die Gliederung danach weniger streng chronologischen und immer stärker sachlich-thematischen Gesichtspunkten folgt. So zeichnet Herold etwa die gegen Mitte der 1860er-Jahre – gleichsam nach vorläufiger Klärung der nationalen Frage – erfolgende Hinwendung zur sozialen Frage sorgfältig nach und erkennt in Schmollers Position ein Anknüpfen an die altliberale „Zweifrontenstellung gegen Linksliberalismus und Konservatismus“ (S. 116), das ihm auch die betonte Abgrenzung gegenüber Sozialkonservativen bei gleichzeitiger relativer Offenheit gegenüber sozialistischen Deutungsmustern erklärt. Dabei ist er seinem Protagonisten gegenüber nie unkritisch und macht etwa sehr deutlich, dass der „Kampf gegen das Manchestertum“ einem Gegner galt, der an deutschen Universitäten bedeutungslos war, weshalb dieser Kampf eher dem Ausbau einer ohnehin hegemonialen Stellung zu einer Monopolposition diente. Herolds waches Bewusstsein von der Vermachtung von Wissenschaft und Universität lässt ihn aber keineswegs übersehen, was die in den frühen 1870er-Jahren in stattlicher Zahl auf Professuren berufenen Kathedersozialisten darüberhinaus positiv verband, wie zum Beispiel die enge Verbindung zur Arbeit des Statistischen Büros. Es liegt an der mittlerweile recht prominenten Position des jungen Schmollers, dass sein Biograph für das letzte von ihm behandelte Jahrzehnt, also die Straßburger Jahre seines Protagonisten, häufiger Themen behandeln muss, zu denen es längst eine umfangreiche Literatur gibt. Gleichwohl bleibt seine eigenständige Argumentation stets anregend und überzeugend. Das gilt für die Analyse des Bruchs mit Treitschke und den übrigen Herausgebern der Preußischen Jahrbücher im Anschluss auf Schmollers Replik auf Der Socialismus und seine Gönner ebenso wie für seine sehr kritisch gesehene Position im Methodenstreit mit Carl Menger oder seine Rolle im Gründungsprozess des Vereins für Sozialpolitik, dessen Vorsitz der „alte“ Schmoller zwei Jahrzehnte lang innehaben sollte. Das kann hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden, ist aber stets lesenswert und weiterführend. Und das ist dann auch in weit stärkerem Maße als das eingangs angesprochene Problem empirisch nicht detailliert belegter Kontinuitätsbehauptungen der Grund, dass man sich als Leser am Ende der Lektüre einen zweiten Band wünscht, der den „alten Schmoller“ ähnlich überzeugend portraitieren würde wie der vorliegende den „jungen“.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.01.2020
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