Cover
Titel
The "Spectral Turn". Jewish Ghosts in the Polish Post-Holocaust Imaginaire


Herausgeber
Dziuban, Zuzanna
Reihe
Erinnerungskulturen 6
Anzahl Seiten
265 S.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Skriebeleit, Gedenkstätte Flossenbürg

Es geht um Geister, so der Untertitel eines Sammelbandes, der 2019 im stets erfrischend kulturkritischen transcript-Verlag erschienen ist. Genauer gesagt um „Jewish Ghosts“ im polnischen Post-Holocaust-Bildgedächtnis. Die Kulturwissenschaftlerin Zuzanna Dziuban versammelt in dem auf Englisch erschienenen Band Beiträge acht polnischer Autorinnen und Autoren, die sich aus unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit geisterhaften Figuren und Narrativen von Heimsuchungen in der polnischen Erinnerungskultur auseinandersetzen. Das klingt unheimlich, und das ist dieser Forschungsansatz in gewisser Weise auch.

Doch hat nicht auch der deutsche Bundespräsident bei seiner vielbeachteten Rede in Yad Vashem anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz den Terminus und das Bild von Geistern verwendet? „Manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart. Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand.“[1] Und hat nicht die Shoa-Überlebende Ruth Klüger die Schwierigkeit des Schreibens über die Shoa ebenfalls mit einem Geister-Imaginaire unterstrichen? „Wenn ich frei erfundene Geschichte zum Thema der jüdischen Katastrophe schreiben würde, so würde ich keinen realistischen Rahmen wählen, ich würde eine Gespenstergeschichte erzählen. Ein Gespenst ist etwas Ungelöstes, besonders ein verletztes Tabu, ein unverarbeitetes Verbrechen.“[2]

Die Gespenster sind also unter uns, und diesen Geistern versuchen Zuzanna Dzuiban und ihre Beiträger/innen mit kulturtheoretischem Instrumentarium auf den sphärischen Leib zu rücken. Mit dem Nachwirken des Holocausts widmen sich alle Autor/innen einem Thema, das in Polen nicht erst seit Jan Tomasz Gross‘ „Neighbors“[3] Gegenstand kontroverser Debatten in Geschichtspolitik wie Geschichtswissenschaft ist. Das erklärte Konzept des Buches ist es, die scheinbar „wachsende Prominenz Jüdischer Geister" (S. 9) als Objekt kritischer Studien, wenn schon nicht einzufangen, so doch zumindest in all ihrer Komplexität zu deuten: gegenständlich, affektiv und politisch, wie Dziuban in der Beschreibung ihres eigenen theoretischen Zugangs konkretisiert (S. 10). Mit dem Begriff des Spektralen soll der Versuch unternommen werden, die Vielstimmigkeit der „Heimsuchungen“, so ließe sich der im Band ubiquitär verwendete Terminus „haunting“ etwas ungelenk übersetzen, zu fassen. Indem „Jüdische Geister“ in Bezug zu anderen polnischen und jüdischen „ghostologies“, so der Klappentext, gesetzt werden, soll das Potential gespenstischer Metaphern am polnischen Fall diskutiert werden.

Analytisch bedient sich Dziuban bei Jacques Derrida, der Anfang der 1990er-Jahre mit „Specters of Marx“ ein gesellschaftsanalytisches Denkmodell über die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Machtstrukturen vorlegte.[4] Vom Bezug auf Marx ist Dziuban weit entfernt, von der Kritik an politischen Ordnungen, Machtverhältnissen und Hegemonien keineswegs. Es geht Dziuban in ihren Arbeiten und auch im Konzept des Sammelbandes selbsterklärtermaßen nicht allein um die semantische Beschreibung von Trauma und Erinnerung, sondern um eine Repolitisierung des Erinnerungsdiskurses selbst. Es geht ihr um „Ordnungen, Macht und Hegemonie“ (S. 16). So bedient sie sich auch bei Judith Butler, der ein eigenes Unterkapitel der Einleitung gewidmet ist, die aber – anders als Derrida – nicht mit Gespenster- und Heimsuchungsmetaphern, sondern mit Gewalttheoremen und Trauerterminologien operiert.

Die ambitionierte Einleitung lässt den durchaus geneigten Rezensenten auf theoretischer Ebene etwas ratlos zurück, zu eklektizistisch schwebt das Gespenstische durch den kritischen Diskurs, hinterlässt seine Spuren mehr oder weniger sichtbar und entfleucht kaum greifbar in luftige Sphären. Dabei ist der Ansatz von Dziuban und den Autorinnen und Autoren bemerkenswert, weil er sich dem Unkonkreten konkret und phänomenologisch nähert. Überzeugend beschreibt die Herausgeberin die literarischen und politischen Phänomene, die in Polen in den letzten Jahrzehnten auftauchten, als Spuren „Jüdischer Geister“. Das „fantastische Narrativ“, so Dziuban, eigne sich besser als alle pseudo-authentischen Erzählmuster oder super-naturalistischen Codes, um die Realität der dauerhaften Nachwirkungen des Terrors bzw. die Unvorstellbarkeit des Bösen auszudrücken (S. 17). Die Spektralisierung des Verlustes sei ein reales Phänomen, das, so der Befund aller Autor/innen, in Polen in besonderer Weise beheimatet sei.

Dziuban bezieht sich in ihrer Argumentation vor allem auf Beispiele aus Literatur und Film, so auch in ihrer eigenen Fallstudie über „Polnische Dybbuks“. Zudem greift sie auf ihre frühere Studie zu „Post-Holocaust landscapes“ zurück, in der sie eine neue Uneindeutigkeit, eine Polyphonie, der zu Gedenkstätten gewordenen historischen Relikte diagnostiziert hat.[5] Die überzeugendste Verschränkung von Hauntology und Area Studies gelingt Roma Sendyka. Die Autorin beschreibt und analysiert in ihrem Artikel „Sites that haunt: Affects and Non-sites of Memory“ die spektrale Präsenz zehntausendfachen Todes an zwei Orten: im Warschauer Stadtteils Muranów, dem früheren Warschauer Ghetto, sowie im Krakauer Vorort Płaszów, dem Ort des ehemaligen Konzentrationslager Plaszow. Der Aufsatz wurde bereits 2016 in der Zeitschrift „East European Politics and Societies“ abgedruckt[6] und wird hier dankenswerterweise erneut zugänglich gemacht.

Sendyka und Dziuban sind die beiden zentralen Exponentinnen eines „Spectral Turns“, der die Kulturwissenschaften bislang allerdings noch nicht erfasst hat. Die Frage nach der Präsenz von Geistern kann aber durchaus als Diskursraum angesehen werden, der in Polen eine besondere Ausprägung hat. In diesem ist auch die Literaturwissenschaftlerin Aleksandra Ubertowska zu verorten, die im vorliegenden Band versucht, Derridas Gespenstern am Beispiel polnischer Gegenwartsliteratur habhaft zu werden. Auch Magdalena Waligórska beschreibt in überzeugender Weise die literarische Konstruktion eines spezifischen „polnischen Traumas“, das sich vom Trauma der jüdischen Überlebenden und ihrer Nachkommen fundamental unterscheide. Konrad Matyjaszek beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Not Your House, not Your Flat. Jewish Ghosts in Poland and Stolen Jewish Properties“ mit nationaler Identitätspolitik seit 1989 und der Funktion körperloser Holocaust-Erinnerung. Im abschließenden Beitrag „Philosemitic Violence“ dekonstruieren Elżbieta Janicka und Tomasz Żukowski am Beispiel des 2008 veröffentlichten Films „Po-lin. Okruchy Pamięci“ (Po-lin: Scraps of Memory) die Harmonisierung von Narrativen einer polnisch-jüdischen Vergangenheit. Mittels eines detail- und kenntnisreichen Close Readings gelingt beiden eine überzeugende Beschreibung gegenwärtiger polnischer Geschichtskonstruktion, wie sie sich auch im gleichnamigen Museum der Geschichte der Polnischen Juden POLIN in Warschau wiederfinde.

Nicht alle Aufsätze des Sammelbandes haben die gleiche theoretische Fundierung, was nicht per se ein Problem ist. Der Bezug auf das Gespenstische wirkt bisweilen allerdings arg konstruiert, manchmal gar beliebig. Obwohl die Herausgeberin in der Einleitung offensiv einen weiteren Turn – „from Post-Traumatic to Post-Holocaust“ (S. 29) – proklamiert, wird der Mehrwert des Spektral-Begriffs gegenüber jenem des „Traumas“, den alle Autor/innen ebenfalls verwenden, selten jedoch analytisch kontextualisieren, nicht restlos deutlich. Der „Spectral Turn“ erscheint eher als eine „Spectral Niche“. Dennoch wäre eine Weiterentwicklung und Durchdringung des Konzeptes wünschenswert, denn seine Stärke entwickelt der Ansatz in der verschränkenden Analyse von geschichts- und identitätspolitischen Strategien mit individual- und gruppenpsychologischen Phänomenen. Zudem eröffnet das Denkmodell des Spektralen jenseits der uns zyklisch ereilenden kulturtheoretischen Innovationsbemühungen neues interpretatives Potenzial, da es die bisherigen erinnerungskulturellen Theoreme zu erweitern vermag: Mit dem Denkmodell eines „haunted place“ lassen sich Vergangenheitsdiskurse in ihrer Abhängigkeit von gegenwärtigen Geschichts- und Identitätspolitiken neu beschreiben und analytisch rahmen – auch von Orten wie etwa der heutigen Wohnsiedlung am Vogelherd, dem ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg.

Anmerkungen:
[1] Rede von Bundespräsident Steinmeier in Yad Vashem, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2020, S. 3.
[2] Ruth Klüger, Dichten über die Shoa, in: Gertrud Hardtmann (Hrsg.), Spuren der Verfolgung. Seelische Auswirkungen des Holocaust auf die Opfer und ihre Kinder, Gerlingen 1992, S. 203–221, hier S. 220.
[3] Jan T. Gross, Neighbors. The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland, Princeton 2001.
[4] Jacques Derrida, The Specters of Marx, New York 1994.
[5] Zuzanna Dziuban, Spatialized Trauma. The Holocaust and the Architecture of Postmemory, in: Roman Fröhlich u.a. (Hrsg.), Zentrum und Peripherie. Die Wahrnehmung der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Berlin 2013, S. 136–151.
[6] Roma Sendyka, Sites that haunt. Affects and Non-sites of Memory, in: East European Politics and Societies 30 (2016) 4, S. 687–702.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2020
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