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Titel
Das brandenburgische Stadtbürgertum als Mitgestalter der Moderne. Die kommunale Selbstverwaltung und die politische Kultur des Gemeindeliberalismus


Autor(en)
Meier, Brigitte
Erschienen
Anzahl Seiten
350 S.
Preis
DM 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
PD Dr. Ralf Pröve, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften

Ostelbische Städte gehören trotz einer seit vielen Jahren florierenden Bürgertumsforschung immer noch zu den hermeneutischen Stiefkindern. Ob nun wegen der vermeintlich staatlichen Allmacht in Preußen, die nur ein politisch und ökonomisch schwaches Bürgertum zugelassen habe oder ob nun wegen der vielen zahlenmäßig nur kleineren Städte, die den an Metropolen und Residenzen gewohnten Stadthistoriker zu der irrigen Annahme verleitet haben mag, hier sei wenig historisch relevantes geschehen: um die Städte und das Stadtbürgertum in Brandenburg hatte man bisher einen weiten Bogen gemacht.

Erst seit wenigen Jahren deutet sich ein Umschwung an [1]. Mit der Habilitationsschrift von Brigitte Meier, die selbst in den letzten Jahren eine Reihe von Veröffentlichungen zum brandenburgischen Städtewesen vorgelegt hat [2], wird ein weiterer Sektor auf dem großen weißen Fleck gefüllt. Dezidiert wendet sie sich dagegen, das brandenburgische Stadtbürgertum als “Hemmschuh des Fortschritts” (S. 15) zu charakterisieren. Vielmehr hätten die Bürger “aktiv den Weg in die bürgerliche Gesellschaft” mitgestaltet (S. 18): “Demnach verhielt sich der brandenburgische Stadtbürger durchaus nicht passiv, devot, fortschrittsfeindlich und unpolitisch, sondern er nahm im Rahmen seiner Handlungsmöglichkeiten aktiv an der Gestaltung der Moderne teil”.

Um ihre Thesen zu stützen hat sich Meier ihrem Untersuchungsobjekt von den Anfängen des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gewidmet. Im ersten Hauptteil, der sich auf das 18. Jahrhundert konzentriert, werden Kommunikationsnetze und die Verbreitung aufgeklärten Gedankenguts beleuchtet. Ausführlich werden die besondere Rolle und Funktion der Stadtpfarrer diskutiert und deren Rolle als opinion leader von Kultur und Bildung beschrieben. Über eine sorgfältige Analyse werden öffentliche Räume in den Städten aufgedeckt, die sich in Gesellschaften und Vereinen ebenso konstituierten wie auch an privaten Orten. Eine wichtige Trägerwelle für die Vermittlung von politischer Bildung, wie man wohl heute sagen würde, stellen die Volksbildungsbestrebungen im Gewand des brandenburgischen Pietismus dar. Der zweite Abschnitt dieses Hauptkapitels fokussiert auf die Bedingungen städtischer Verwaltung unter den Zwängen einer absolutistischen Regierung. Detailliert werden staatliche Verwaltungsreformbemühungen sowie Möglichkeiten und Grenzen einer kommunalen Bewegung ausgelotet. In ihrem Zwischenresümee verweist Meier auf die dichte Kommunikation in den Städten, die, angesichts der Häufung von Rechtsstreitigkeiten oder von Vorschlägen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, auf ein politisch aktives Klima deutet. Offensichtlich vermochte es der Staat im Verlaufe des 18. Jahrhunderts nicht, die städtische Verwaltung vollständig in die staatliche Administration zu integrieren. Vielmehr konnten die Städte alte Rechte, Privilegien und Gewohnheiten bewahren.

Der zweite Hauptteil ist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewidmet und baut auf diese erarbeitete Plattform von 1800 auf. Ausgiebig wird die durch die Steinsche Städteordnung ausgelöste partielle Modernisierung beschrieben. Dabei legt Meier den Fokus zunächst auf die näheren Umstände der Einführung der Ordnung, analysiert dann das Wahlverhalten der Stadtbewohner, um schließlich die alltägliche Arbeit der Stadtverordneten und des Magistrats zu beleuchten. Der Forschungsblick mündet schließlich in die Beschreibung einer besonderen politischen Kultur des Gemeindeliberalismus, die auch die soziokulturellen Aktivitäten der Bürger mit einschließt. Große Bedeutung erlangte das Gemeinwohl als Handlungskonzept, das Meier im Spiegel einiger lokaler Periodika untersucht.

Das kürzere Schlußkapitel ist mit dem Vormärz und der Revolution von 1848 der letzten Phase der Untersuchung gewidmet, in der die Politisierung der Stadtbürger ihre Nagelprobe erfährt. Meier kann denn auch deutlich machen, dass sich die politischen Aktivitäten der Stadtbürger in ihrer Vielfalt und Vehemenz sich kaum von denen in anderen Regionen unterscheiden.

In ihrem Resümee kommt sie zu dem Schluß, dass die “Fähigkeiten und die Aktivitäten der Stadtbürger besonders nach der Einführung der Steinschen Städtereform unübersehbar” wurden (S. 286). Diese politische Profilierung habe sich vor allem in der kommunalen Verwaltung manifestiert. Insgesamt sei es gelungen, das frühliberale Klima vieler brandenburgischer Städte nachzuweisen. Vorliegende Arbeit ist an der Schnittstelle von Verwaltungs-, Alltags- und Kulturgeschichte angesiedelt. Meier hat eine breite empirische Basis geschaffen und dabei nicht nur den Schriftverkehr der staatlichen, mittleren und lokalen Verwaltungsebene erfaßt, sondern auch die Protokolle der Stadtverordnetenversammlungen und die Wahlen zu diesem Gremium ausgewertet. Als Referenzgruppe für die Stadtverordnetenversammlungen hat Meier mit Berlin, Potsdam, Frankfurt/Oder und Neuruppin vier jeweils unterschiedliche Stadttypen gewählt. Außerdem wurden die Berichte der Pfarrer und der Inspektoren herangezogen, um Aufschluß über das lokale Schul- und Kirchenwesen zu erhalten. Schließlich wurden zudem lokale Zeitschriften ausgewertet.

Die Arbeit von Meier überzeugt. Sie dürfte die weitere Erforschung brandenburgischer Städte im 18. und 19. Jahrhundert anregen und dazu beitragen, das ostelbische Stadtbürgertum in neuem Lichte zu sehen. Vielleicht hätte man bei der Referenzauswahl auch dezidiert die große Gruppe der kleinen und Kleinststädte berücksichtigen sollen, da die vier herangezogenen Orte jeweils mit Sonderfunktionen ausgestattet waren, was die Ergebnisse vorstrukturiert hat. Ein anderes Problem stellt die Betonung der gemeindeliberalen Tendenzen dar, da dieses Phänomen - aus gutem Grund bisher für die südwestdeutsche Region beschrieben - stark auf die modernliberalen Ideen des 19. Jahrhunderts fußt. Der Stadtrepublikanismus hingegen, der sich als frühneuzeitliches Konglomerat politischer Ideen und Traditionen begreift und gerade in den kleinen und mittleren Städten gewirkt hat, wäre wohl intensiver zu diskutieren gewesen.
Diese Einwände fallen freilich nicht sonderlich ins Gewicht und können den guten Gesamteindruck keinesfalls trüben.

Anmerkungen:
[1] Mit starkem brandenburgischen Bezug ist nahezu parallel erschienen Ralf Pröve, Stadtgemeindlicher Republikanismus und die “Macht des Volkes”. Civile Ordnungsformationen und kommunale Leitbilder politischer Partizipation in deutschen Staaten vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (=Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 159), Göttingen 2000.
[2] Vgl. etwa Brigitte Meier, Neuruppin 1700 bis 1830. Sozialgeschichte einer kurmärkischen Handwerker- und Garnisonstadt, Berlin 1993 oder Brigitte Meier, Helga Schultz (Hg.), Die Wiederkehr des Stadtbürgers. Städtereformen im europäischen Vergleich 1750-1850, Berlin 1994.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.01.2002
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