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Titel
Der Student als Führer?. Handlungsmöglichkeiten eines jungakademischen Funktionärskorps am Beispiel der Universität Kiel (1927–1945)


Autor(en)
Göllnitz, Martin
Reihe
Kieler Historische Studien 44
Erschienen
Ostfildern 2018: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
670 S.
Preis
€ 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gunnar Bengt Zimmermann, Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte, Universität Hamburg

Methodisch reflektierten Untersuchungen zur deutschen Wissenschafts- und Universitätsgeschichte ist seit rund zwei Dekaden auch jenseits der weiterhin als Impulsgeber wichtigen Hochschuljubiläen eine erfreuliche Konjunktur zu attestieren. Dabei sind früher übliche Ansätze wie die Fixierung auf professorale Ahnenreihen oder ein stark positivistisches bzw. auf epistemologische Aspekte verengtes Wissenschaftsverständnis vielfach einer Herangehensweise gewichen, in der Wissenschaft mit ihren Protagonisten und Institutionen als Teilsegment von Staat und Gesellschaft verstanden und im Kontext ihrer entsprechenden Umweltbeziehungen untersucht werden. Am skizzierten Aufschwung hat aber die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Studierenden – mithin die mit Abstand größte und heterogenste Statusgruppe an Universitäten – bislang nur unzureichend partizipiert.

Mit der hier zu besprechenden Buchfassung der 2017 an der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) angenommenen Dissertation zeigt Martin Göllnitz hingegen in einer in mehrfacher Hinsicht beispielhaften Art, wie erkenntnisfördernd Forschung in diesem Feld sein kann. Nach den bereits länger zurückliegenden Standardwerken zur Geschichte von Studierenden im „Dritten Reich“ von Geoffrey J. Giles (1985) und von Michael Grüttner (1995)[1] liegt damit wieder eine konzise gearbeitete, überzeugend argumentierende sowie gut lesbare Detailstudie vor, die als Diskursangebot zu weiterer Forschung anregt.

Mit Fokus auf das im Untersuchungszeitraum von 1927 bis 1945 insgesamt 39 Personen umfassende Funktionärskorps der Kieler Studentenschaft (KSt), der Hochschulgruppe des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) und der für Kiel zuständigen NS-Gaustudentenführung fragt Martin Göllnitz dabei primär nach den Möglichkeiten und Grenzen für die NS-geprägten Akteure, im Sinne ihrer ideologisch-weltanschaulichen Präferenzen und Ziele auf die Entwicklung der CAU Einfluss zu nehmen. Zudem sind die teils volatilen postuniversitären Karrierewege der Funktionäre innerhalb des NS-Systems und ihr berufliches Fortkommen nach 1945 Gegenstand der Untersuchung. Für das Analyseraster werden die Feld- und Habituskonzepte Pierre Bourdieus, der durch Mitchell G. Ash ausdifferenzierte Blick auf Ressourcenkonstellationen und die im Kontext von NS-Themen (orientiert an Ulrich Herbert) inzwischen etablierte Einordnung von Protagonisten in generationelle Kontexte kombiniert. Dadurch entsteht ein flexibler Rahmen, der sowohl die Identifizierung von Motivlagen, Zielsetzungen und Handlungsfeldern der einzelnen NS-Funktionäre ermöglicht als auch den Blick für die oft strukturell bedingten Grenzen ihres Agierens schärft.

Im Anschluss an eine kenntnisreiche und Desiderate aufzeigende Diskussion des Forschungsstandes sowie die Vorstellung des Analyserasters entwickelt Martin Göllnitz seine Untersuchung in fünf inhaltlichen Kapiteln, die keinem stringent chronologischen Plot folgen, sondern vor allem die Handlungsmöglichkeiten des Kieler Funktionärskorps in den Blick nehmen. Kapitel 2 behandelt dabei die Entwicklung des sich als reichsweite Avantgarde verstehenden Kieler NSDStB bis 1933 sowie dessen Kampf um die Macht in der KSt und gegen die Vertreter der Weimarer Demokratie inner- und außerhalb der CAU. Hervorzuheben ist hier die geschickte Vernetzung der NS-Studierenden mit anderen Akteuren der NS-Bewegung und die letztendliche – auch durch insgeheime Sympathie verursachte – Unfähigkeit der Universitätsleitung, dem Treiben der verschiedenen reaktionären Studentengruppen Einhalt zu gebieten.

In Kapitel 3 präsentiert Martin Göllnitz für die Weimarer Jahre eine Sozialgeschichte der Kieler Studierenden, um damit Gruppen und dazugehörige Milieus zu identifizieren, die für die Ziele des NSDStB empfänglich waren bzw. diesem mit Ablehnung begegneten. Dieser Abschnitt ist auch über das Fallbeispiel hinaus von Bedeutung, da entsprechend differenzierte Analysen nach wie vor für viele Hochschulen fehlen.

Es folgt das umfangreichste Kapitel, in dem die Entwicklung in den Friedensjahren des „Dritten Reichs“ im Fokus steht. Es zeigt die NS-Studierenden – wie an anderen Universitäten – als revolutionären Stoßtrupp bei der personellen Säuberung an der CAU sowie als Akteure, denen eine umfassende Erneuerung der Universitäten im Sinne der NS-Bewegung ein ernsthaftes Anliegen war. Martin Göllnitz kann dabei überzeugend herausarbeiten, dass fast alle Vorhaben, die über die eigene studentische Statusgruppe hinausgingen, am Widerstand der Universitätsleitung und der Ministerialbürokratie scheiterten. Aber auch den weitreichenden Plänen zur Schaffung eines neuen, NS-affinen Studententypus war – trotz zwischenzeitlicher Etappensiege – letztlich wenig Erfolg beschieden, da das lange währende Kompetenzgerangel zwischen NSDStB und Deutscher Studentenschaft (DSt) auf Reichsebene die Arbeit behinderte und zugleich die Mehrzahl der Studierenden auf die Versuche zur Indoktrination und Politisierung gleichgültig bis ablehnend reagierte. Diese für das Kieler Funktionärskorps unbefriedigende Situation verschärfte sich während des Zweiten Weltkriegs noch, wie in Kapitel 5 nachzuvollziehen ist.

Nach dieser instruktiven Vermessung studentischer Handlungsmöglichkeiten an der CAU wendet sich das abschließende Kapitel 6 den Laufbahnen der Funktionäre im NS-System und nach 1945 zu. Dabei kann Martin Göllnitz herausarbeiten, dass die führenden Kieler NS-Studierenden einen hohen Graduierungsgrad mit zahlreichen Promotionen vorweisen konnten, also nicht allein auf das NS-System als Sprungbrett setzten – ihre „beruflichen“ Karrieren aber dennoch überwiegend der Sozialisation im System verdankten. Aufschlussreich ist zudem die Differenzierung, wonach Funktionäre aus der Endphase der Weimarer Republik vielfach hohe Posten in den Kultus- und Wissenschaftsbürokratien erlangen konnten, die nach 1933 aktiven NS-Studierenden hingegen überwiegend im Zweiten Weltkrieg im NS-Besatzungs- und Vernichtungssystem zum Einsatz kamen. Ihr über viele Jahre gezeigter entschlossener Einsatz für das Regime hatte allerdings auf das Fortkommen der Akteure nach 1945 kaum einschneidende Auswirkungen: Sie konnten fast durchweg einem normalen bürgerlichen Leben nachgehen, auch wenn die Bundesrepublik den meisten von ihnen innerlich fremd blieb.

Erfreulich ist überdies, dass im Band regelmäßig auch auf die Entwicklung und Haltung von Studentinnen bzw. der ab 1933 für sie als weibliche Kaderschmiede verantwortlichen Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt) eingegangen wird. Auch wenn beim Kieler Beispiel hierfür eine oft unzureichende Quellenlage zu konstatieren ist, sind die Ausführungen als willkommene Ergänzung der 2016 von Petra Umlauf für die Universität München gewonnenen Erkenntnisse zu Studentinnen im NS-Staat zu bewerten.[2] Neben dieser inhaltlichen Ebene ist die breite Quellenbasis der Studie hervorzuheben. Die Arbeit zeigt eindrücklich, dass für eine lokale Studierendengeschichte mit Bezug zum „Dritten Reich“ neben den Beständen der jeweils einschlägigen Universitäts- und Landesarchive die Suche in den Überlieferungen von DSt und NSDStB im Bundesarchiv sowie die Heranziehung der Akten weiterer NS-Gliederungen ein großer Gewinn sein können.

Überzeugend nutzt Martin Göllnitz in methodischer Hinsicht seine Kenntnis von Quellenbasis und Forschungsstand, um etablierte Fragestellungen zur Studierendengeschichte am Kieler Beispiel durchzudeklinieren und in den bisherigen Kenntnisstand einzuordnen. Dabei besitzt er die Offenheit, eine für einzelne Aspekte manchmal nicht hinreichend umfangreiche Überlieferung zwar vorzustellen und anzudiskutieren, zugleich aber zu konstatieren, dass damit ausreichend valide Aussagen nicht möglich seien. Dadurch vermögen diese zeitlich begrenzten Spots dennoch den Forschungsstand zu erweitern. Die Herangehensweise lässt die Struktur der Arbeit jedoch manchmal etwas kleinteilig wirken, was aber durch regelhaft vorhandene Zwischenfazits aufgefangen wird.

Als Bereicherung für eine über das Kieler Beispiel hinausgehende Forschung ist überdies auf zahlreiche aufschlussreiche Tabellen und Grafiken hinzuweisen, die sich sowohl über die Kapitel verteilen als auch in Form ergänzender Informationen in einem tabellarischen Anhang bereitstehen. Zu ihrer gezielten Nutzung wäre allerdings ein gesondertes Verzeichnis wünschenswert gewesen. Erkenntnisfördernd und nachahmenswert für die Forschung zu NS-Studierenden an anderen Universitäten ist darüber hinaus der beigefügte biographische Anhang, mit dem Martin Göllnitz kompakt Einblick in die Lebensläufe von insgesamt 62 Kieler Studierendenfunktionären (40 Männer und 22 Frauen) gewährt.

Anmerkungen:
[1] Geoffrey J. Giles, Students and National Socialism in Germany, Princeton 1985; Michael Grüttner, Studenten im Dritten Reich, Paderborn 1995.
[2] Petra Umlauf, Die Studentinnen an der Universität München 1926 bis 1945. Auslese, Beschränkung, Indienstnahme, Reaktionen, Berlin 2016.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.09.2020
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