Cover
Titel
Eine Kaiserin und zwei Kaiser. Maria Theresia und ihre Mitregenten Franz Stephan und Joseph II.


Autor(en)
Braun, Bettina
Reihe
Mainzer Historische Kulturwissenschaften 42
Anzahl Seiten
309 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marina Beck, Institut für Kunstgeschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

In der Monografie von Bettina Braun wird Maria Theresia als Teil eines fürstlichen Arbeitspaares untersucht. Das Buch reiht sich somit nicht in die im Zuge des 300-Jährigen Geburtstagsjubiläums entstandenen Biografien ein, sondern thematisiert einen neuen, erfrischenden Aspekt.[1] Braun wendet hier das von Heide Wunder ursprünglich für Handwerker- und Bauernhaushalte entwickelte Modell eines Arbeitspaares auf eine auch in fürstlichen Haushalten mehr als ungewöhnliche Konstellation an.[2]

Denn über weite Strecken ihres Lebens war Maria Theresia – als Erzherzogin und Königin – Herrscherin aus eigenem Recht und damit regierende Fürstin, aber eben auch Ehefrau bzw. Witwe und Mutter. Damit ergab sich eine sehr spezifische Ausgangssituation, in der Maria Theresia ihre Herrschaft praktizierte. Im Gegensatz zu anderen Herrscherinnen, die alleine regierten, oder Regentinnen, die die Herrschaft stellvertretend für ihren Mann oder die Kinder ausübten, hatte Maria Theresia immer einen Mann als Mitregenten an ihrer Seite, mit dem sie zusammen regierte. Und eben dieses zusammen ist es, was Bettina Braun in ihrer Studie näher analysiert (vgl. Einleitung, S. 9–17).

Maria Theresia regierte in zwei Arbeitspaar-Konstellationen. Von 1740 bis 1765 herrschte sie gemeinsam mit ihrem Mann Franz Stephan von Lothringen, der ab 1745 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation war. Nach dem Tod ihres Mannes regierte sie zusammen mit ihrem Sohn Joseph II., der nun die Kaiserwürde innehatte. Trotz der unterschiedlichen Grundvoraussetzungen – zum einen Ehepaar, zum anderen Mutter und Sohn – weisen die Regierungskonstellationen große Ähnlichkeiten auf. Daher ist es legitim, wenn Braun dafür plädiert, die strukturellen Parallelen der beiden Paare auszuloten. Ihr Fokus liegt auf einer detaillierten Betrachtung der Aufgabenverteilung zwischen den jeweiligen Partner/innen. Genau darin besteht die große Stärke der Studie von Bettina Braun.

Die einzelnen politischen Konstellationen und Entscheidungsprozesse zwischen Maria Theresia und Franz Stephan bzw. Joseph II. sowie den anderen Entscheidungsträgern und Beratern wurden bereits differenziert an verschiedenen Stellen untersucht. Auch die Struktur der Arbeit – chronologisch die wichtigsten politischen und biografischen Ereignisse zu beschreiben – ist natürlich nicht grundsätzlich neu. Dennoch gelingt es Bettina Braun, ein anderes, spannendes Licht auf die einzelnen bereits bekannten Fakten zu werfen. Hierbei arbeitet sie an verschiedenen Beispielen heraus, wie die Aufgaben zwischen den Partner/innen der Arbeitspaare schlussendlich wirklich verteilt waren und wer in welcher Angelegenheit die Entscheidungsgewalt besaß.

Das Buch gliedert sich in drei größere Themenkomplexe. Die ersten fünf Kapitel beschäftigen sich mit den Jahren ab ca. 1736 bis 1745 und der Frage des Rangs und der Positionierung von Maria Theresia und Franz Stephan zueinander. Seit der Hochzeit des Paares 1736 ergaben sich diesbezüglich mehrere Konstellationen, die Braun eingehend untersucht: Erzherzogin und Herzog bzw. künftige Königin und Fürst ohne Land (1736–1738); Fürstengemahlin und Großherzog der Toskana (1738–1740); Herrscherin und Mitregent (1740–1745); Herrscherin und Kaiser (1745–1765).

Die ständig wechselnden Verhältnisse lassen sich sehr gut am Zeremoniell ablesen. Über dieses wurde zum einen der unterschiedliche Rang, den Maria Theresia und Franz Stephan einnahmen, ausgedrückt. Dieser Rangunterschied verhinderte beispielsweise, dass das Ehepaar gemeinsam an einer öffentlichen Tafel speisen konnte, wenn ranghöhere Personen aus der Familie Maria Theresias anwesend waren. Zum anderen wird aus dem Zeremoniell ersichtlich, welche standesgemäßen Beschränkungen Maria Theresia als Frau (keine Teilnahme beim Krönungsmahl Franz Stephans zum Kaiser) und Franz Stephan als Gemahl (keine eigenständige Funktion bei den Krönungen seiner Frau zur Königin von Ungarn und Böhmen) auferlegt waren (S. 97).

Im zweiten Teil des Buchs legt Braun in den Kapiteln fünf bis zehn den Fokus auf die Analyse der Entscheidungsfindungsprozesse zwischen dem Arbeitspaar Maria Theresia und Franz Stephan. Dies untersucht sie auf fünf exemplarischen Themenfeldern: 1) Reichspolitik und habsburgische Landespolitik, 2) Außenpolitik, 3) Krieg, 4) Familie (Erziehung und Verheiratung der Kinder) sowie 5) bauliche und zeremonielle Repräsentation bei Hof. Insbesondere die vermeintlich klassisch männlich und weiblich konnotierten Entscheidungsbereiche Militär und Familie sind von besonderer Relevanz. So veranschaulicht Braun, dass die militärischen Entscheidungen nicht unabhängig von Maria Theresia, aber auch nicht ausschließlich von ihr allein getroffen wurden, wobei sie im Zweifelsfall meist das letzte Wort hatte. Dass die Herrscherin das Militär als Aufgabengebiet ihrem Mann überlassen habe, wie sie es selbst suggerierte, kann somit nicht bestätigt werden.

Innerhalb der Familie war Maria Theresia eindeutig das Oberhaupt des Hauses. Als solches war sie beispielsweise die Ansprechpartnerin hinsichtlich der potentiellen Heiratsprojekte ihrer Kinder. Diese Position behielt sie auch bei, nachdem Franz Stephan verstorben und ihr Sohn ihr neuer Mitregent geworden war.

Das neue Arbeitspaar – Mutter und Sohn – wird im dritten Abschnitt in den fünf letzten Kapiteln des Buches näher beleuchtet. Hier greift Braun noch einmal die drei wichtigsten Themen auf, anhand derer sie bereits das vorherige Arbeitspaar (Ehemann und Ehefrau) charakterisiert hatte: Mitregentschaft, Familie und Militär. Braun geht der Frage nach, welche Funktion 1765 die Ernennung Josephs II. zum Mitregenten hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater, dessen Rolle nach der Herrschaftsübernahme Maria Theresias 1740 zunächst ungeklärt war, erschien die Position von Joseph II. als Kaiser eigentlich genau definiert. Eine Rangerhöhung wie bei seinem Vater sollte durch die Mitregentschaft demnach nicht erreicht werden. Stattdessen nutzte Maria Theresia die Mitregentschaft vielmehr als Kontrollinstrument, um ihren Sohn an ihre Herrschaftspolitik zu binden. Ein eigener politischen Spielraum erschloss sich Joseph II. vor diesem Hintergrund kaum. Das zeigt sich in Brauns spannenden Ausführungen zu den militärischen und familiären Aufgabenbereichen. Maria Theresia blieb nach wie vor in allen Bereichen die Instanz, welche die Entscheidungen traf.

Der Mehrwert von Bettina Brauns Buch liegt in der detaillierten Ermittlung der besonderen Charakteristika der beiden Arbeitspaar-Konstellationen, die Maria Theresia mit ihrem Mann und ihrem Sohn einging. Ihr Fokus richtet sich auf die Untersuchung der Aufgabenbereiche und Entscheidungsprozesse, wobei sie immer drei Aspekte in den Blick nimmt: Wer von beiden entscheidet? Wie wird die Arbeitsteilung nach außen vermittelt? Wie wird mit (eventuellen) Differenzen intern und extern umgegangen? Dieser neue Zugang liefert mitunter überraschende Erkenntnisse zu bereits bekannten Ereignissen und Handlungsprozessen. Über die Darstellung der Aufgabenverteilung bietet die Autorin einen bisher noch nicht gewählten Blick auf die Regierungstätigkeit Maria Theresias, für die die Mitregentschaft ihres Mannes und ihres Sohnes charakteristisch war. Bettina Braun legt damit einen neuen Ansatz zum Verständnis der Grundbedingungen der Herrschaft Maria Theresias vor, der äußerst lesenswert und sehr erkenntnisfördernd ist.

Anmerkungen:
[1] Anlässlich des 300. Geburtstags Maria Theresias erschienen u.a. die beiden folgenden Biografien: Barbara Stollberg-Rilinger, Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biographie, München 2017; Thomas Lau, Die Kaiserin. Maria Theresia, Wien 2016. Vgl. die Doppelrezension von Marina Beck, in: H-Soz-Kult, 21.11.2017, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25760 (02.05.2020). Darüber hinaus Elisabeth Badinter, Le Pouvoir au Féminin. Marie-Thérèse d´Autriche 1717–1780, Paris 2016 (deutsche Übersetzung: Maria Theresia. Die Macht der Frau, Wien 2017).
[2] Vgl. Heide Wunder, „Er ist die Sonn‘, sie ist der Mond“. Frauen in der Frühen Neuzeit, München 1992, S. 97–109.

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Veröffentlicht am
05.05.2020
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