Bildungswerk Stanisław Hantz u.a. (Hrsg.): Fotos aus Sobibor

Cover
Titel
Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus


Autor(en)
Cüppers, Martin; Gerhardt, Annett; Graf, Karin; Hänschen, Steffen; Kahrs, Andreas; Lepper, Anne; Ross, Florian
Herausgeber
Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V.; Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart
Erschienen
Berlin 2020: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
382 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Sandkühler, Geschichtsdidaktik, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Obwohl in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“ erheblich mehr Juden umgebracht wurden als in Auschwitz-Birkenau[1], dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor Auschwitz als universelles Symbol eines präzedenzlosen Genozids. Bełżec, Sobibór und Treblinka sind im Grunde bis heute terra incognita geblieben. Das mag neben vielen anderen Gründen auch daran liegen, dass nur wenige Bilder von diesen Lagern überliefert sind. Denn die öffentliche Erinnerung an den Holocaust ist stark visuell geprägt.

Schnappschüsse von Figuren wie dem Kommandanten von Bełżec, Gottlob Hering, die seinerzeit Ernst Klee und andere in einer verdienstvollen Dokumentation nach Justizakten der Öffentlichkeit zugänglich machten, sind weitgehend unbekannt geblieben.[2] Etwas bekannter ist das bei Klee u.a. durch wenige Abbildungen repräsentierte Fotoalbum des stellvertretenden Kommandanten von Treblinka, Kurt Franz, dessen Beschriftung „Schöne Zeiten“ die Herausgeber im Titel ihres Buches wörtlich zitierten.[3] Solche Bilder zeigten, dass die Mörder ihr Handwerk in guter Stimmung verrichtet hatten. In Wurfweite der Gaskammern und Massengräber herrschte fröhliche Kameraderie, ähnlich wie in Auschwitz, dessen Leitungs- und Wachpersonal sich ebenfalls gern lachend und trinkend hatte ablichten lassen.[4]

Das vorliegende Buch enthält bislang unbekannte Fotografien aus der Sammlung Niemann. Der beim Häftlingsaufstand in Sobibór getötete SS-Untersturmführer Johann Niemann (1913–1943) sammelte Fotografien aus dem Kameradenkreis, weil er auf seine Laufbahn stolz war, die ihn über Wachdienste in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen zu den „T4“-Tötungsanstalten Grafeneck, Brandenburg und Bernburg führte. Dort äscherte er als „Brenner“ die Leichen der vergasten Kranken ein. Zeitweilig bewachte Niemann auch die NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel. Seit Sommer 1942 war Niemann stellvertretender Kommandant von Sobibór, wo mindestens 180.000 Juden ermordet wurden. Lange als privates Familiengeheimnis gehütet, wurde die „Niemann-Sammlung“ von einem Erben dem Bildungswerk Stanisław Hantz e.V. übergeben, das Bildungsreisen zu den ehemaligen Mordstätten der „Aktion Reinhardt“ durchführt. Zur Erarbeitung der vorliegenden Dokumentation tat sich das Bildungswerk mit der an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen (heute Außenstelle des Bundesarchivs) angedockten Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart zusammen.

Das Buch umfasst zehn thematische Kapitel, die die Herkunft und Überlieferung der Niemann-Sammlung und die Mordaktionen, an denen Niemann beteiligt war, behandeln. Die letzten Kapitel überschreiten den Rahmen von Niemanns eigenen Fotos. Sie stellen die Häftlingsrevolte und die Beisetzung der getöteten SS-Leute mit allen militärischen Ehren dar. Geschlechtergeschichtlich aufschlussreich ist die Biografie und politische Einstellung von Niemanns Ehefrau. Die Sichtweise eines Überlebenden von Sobibór, Semion Rozenfeld, auf Fotos aus Niemanns Sammlung durchbricht die tätergeschichtliche Perspektive. Rozenfeld repräsentiert die Stimme der Ermordeten und Überlebenden.

Die Fotos sind diesen Kapiteln zugeordnet und in hoher Druckqualität reproduziert. Im Anhang ist Niemanns Fotoalbum aus dem KZ Sachsenhausen, darunter zwei Fotos aus dem „T4“-Zentrum Brandenburg, im Kontaktabzug-Format vollständig faksimiliert wiedergegeben. Ferner enthält der Anhang einige aufschlussreiche Dokumente aus der Niemann-Sammlung, kurze Biografien von Überlebenden des Vernichtungslagers Sobibór und der in Niemanns Fotos nachweisbaren deutschen Täter, ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Autorenregister.

Dieses Buch macht zunächst im Medium einer Fotosammlung die Kontinuität von der „Euthanasie“ zur „Aktion Reinhardt“ sinnfällig.[5] In Niemanns Fotos aus der „T4“ tauchen eine Reihe von Tätern bereits auf, die später in Bełżec, Sobibór und Treblinka Dienst taten, darunter notorische Massenmörder wie Siegfried Graetschus und Gottfried Schwarz (S. 72f., S. 78). Im Sommer 1941 machten Niemann und seine Frau Urlaub am Attersee, wo ein Erholungsheim der Führerkanzlei für die „T4“-Leute bereitstand (S. 83f.).

Ferner zerreißt die Publikation den Schleier von öffentlichem Geheimnis und Mystifikation, der den Massenmord auf ostpolnischem Territorium bis heute umgibt. Formal und hinsichtlich seiner Motivwahl unterscheidet sich Niemanns Sammlung von Sobibór-Fotos nicht wesentlich von dem bislang noch nicht wissenschaftlich edierten Treblinka- und Italien-Album Kurt Franz‘ (siehe Anm. 3), dem Niemann nach Dienstrang, Status und Selbstverständnis glich.

Jedoch hinterließ Niemann ein weiteres Album, das Sobibór der damaligen deutschen Gesellschaft – und dem heutigen Betrachter – beunruhigend nahe rückt. Diese gesellschaftsgeschichtliche Rahmung weist über die individuelle und kollektive Täterbiographie hinaus. Niemann und seine Unterführer nahmen an einer Berlin-Reise teil, die ihnen von der Führerkanzlei als Belohnung für ihre „Verdienste“ spendiert worden war, und posieren vor den Sehenswürdigkeiten Potsdams und der Reichshauptstadt (S. 228-255). Auch das Gebäude der Universität Unter den Linden ziert das Album über Niemanns Berlinbesuch im Sommer 1943 (S. 248). Das ungewöhnlich schnell wachsende Vermögen auf den dokumentierten Sparbüchern von Niemanns Frau und deren Vater zeigt, wie normal es offenbar war, die ermordeten Juden zu berauben. Diese Beute war bestenfalls durch das Bankgeheimnis einer kleinstädtischen Sparkasse vor fremden Blicken geschützt, und nicht Justiz und Polizei, sondern die Währungsreform 1948 machte dem Reichtum ein Ende (S. 336f.).

Niemanns zahlreiche Fotos aus dem Sobibór des Jahres 1943 unterstreichen, dass die Lager der „Aktion Reinhardt“ keine Vernichtungsarchipele waren, die fern der Zivilisation in dünn besiedelten Gebieten Ostpolens errichtet wurden, um die Geheimhaltung der Massenmorde zu gewährleisten. Vielmehr wurden die Lager aus logistischen Gründen nahe bei Bahnlinien und Dörfern mit Bahnhöfen und durch Handel und sonstige Kommunikation mit der Außenwelt in Beziehung. Angehörige benachbarter Dienststellen wie beispielsweise des Zollgrenzschutzes kamen zu Besuch; Wachmänner besuchten Gaststätten und Bordelle in der Umgebung; Himmler inspizierte Sobibór im Frühjahr 1943.

Nach außen machte sich das Lager durch Fahnen mit SS-Runen und Hakenkreuz sowie die Bezeichnung „SS Sonderkommando“ über dem Tor nachgerade stolz sichtbar (S. 152); der umgebende Zaun war durch eingeflochtene Zweige undurchsichtig gemacht, wirkte aber keineswegs abweisend, sondern adrett (S. 154). Niemanns Fotos aus Sobibór zeigen an keiner Stelle die Gaskammern, doch bildet das eigentliche Tötungslager III in einem Fall den Hintergrund des optisch gefällig aufgemachten „Vorlagers“ und anderer Funktionseinheiten, eindeutig zu identifizieren anhand eines Leichenbaggers (S. 155). Diese Fotos eröffnen einen präziseren Blick auf die Topographie von Sobibór, als es bisher möglich war. Sie ergänzen die seit einiger Zeit bekannten deutschen Luftbildaufnahmen des ehemaligen Todeslagers (S. 131–140).

Als die Dokumentation „Schöne Zeiten“ erschien, war noch weitgehend unbekannt, dass „fremdvölkische“ Wachmänner, nach dem Namen ihres Ausbildungslagers meist „Trawniki-Männer“ geheißen, die Lager bewachten und die Tötungen durchführten. Diese ehemaligen Rotarmisten spielten eine tragende Rolle bei der „Aktion Reinhardt“[6] und sind auf zahlreichen Fotos Niemanns zu sehen, oft in lockerem Kontakt zu den deutschen Tätern. Die Beteiligung nichtdeutscher Täter relativiert die deutsche Verantwortung in keiner Weise, wirft aber Fragen nach den Motiven und Umständen auf, die mit einer einfachen Unterscheidung von Tätern und Opfern kaum zu beantworten sind.
Diese Dokumentation ist auch für Bildungszwecke von hohem Wert, weil sie die Herkunft, Intention und Kontexte der abgedruckten Fotos mustergültig dokumentiert. Sie kann Jugendlichen verdeutlichen, dass der Holocaust ein Europa umfassendes, keineswegs auf Auschwitz beschränktes Mordgeschehen war, dessen Täter sich wie selbstverständlich in der deutschen Gesellschaft bewegten. Auch zeigt sie, dass im individuellen Fall Geltungsbedürfnis eine motivierende Rolle spielte (S. 180), ohne dass man aus solchen persönlichen Faktoren eine Erklärung für den Völkermord ableiten könnte.

Gibt es noch mehr Fotos dieser Art, über Bełżec und Treblinka beispielsweise? Vielleicht sollte man das Auftauchen der Niemann-Sammlung zum Anlass nehmen, einmal systematisch bei den Erben der Beschuldigten aus der „Aktion Reinhardt“ Umfrage zu halten. Keller und Dachböden sind kein geeigneter Aufbewahrungsort für Memorabilia dieser Art. Sie gehören in die Öffentlichkeit, damit den Ermordeten durch Forschung und Analyse Respekt erwiesen werden kann. Die Dokumentation der Fotosammlung Johann Niemanns setzt hier Maßstäbe.

Anmerkungen:
[1] Sara Berger, Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka, Hamburg 2013; Stephan Lehnstaedt, Der Kern des Holocaust: Belzec, Sobibor, Treblinka und die Aktion Reinhardt, München 2017.
[2] Ernst Klee / Willi Dreßen / Volker Rieß (Hrsg.), „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Frankfurt am Main 1988, S. 215f., S. 217, S. 219f.
[3] Ebd., S. 205–207, S. 222, S. 225. Das Album ist bei Klee u.a. nicht nachgewiesen. Es befindet sich im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, RWB 18244b/0050.
[4] Christophe Busch, Stefan Hördler, Robert Jan van Pelt (Hrsg.), Das Höcker-Album. Auschwitz durch die Linse der SS, Darmstadt 2016.
[5] Patricia Heberer, Eine Kontinuität der Tötungsoperationen. T4-Täter und die „Aktion Reinhard“, in: Bogdan Musial (Hrsg.), „Aktion Reinhardt“. Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941–1944, Osnabrück 2004, S. 309–352; Berger, Experten der Vernichtung (wie Anm. 1).
[6] Martin Cüppers (S. 197-214) bezeichnet die Trawniki-Männer als „Gehilfen“. Er stützt sich u.a. auf ein unveröffentlichtes Sachverständigengutachten über die Trawniki-Männer in Bełżec, das ich 2010 erstattet habe (S. 373). Dieses Gutachten und ein weiteres über die Ukrainische Hilfspolizei sind die Grundlagen meines neuen Buches: Das Fußvolk der „Endlösung“. „Fremdvölkische“ Polizeieinheiten und die Ermordung der polnischen Juden, Darmstadt 2020 (i.E.).

Redaktion
Veröffentlicht am
18.03.2020
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