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Titel
Stalinistische Modernisierung. Die Strafverfolgung von Akteuren des Staatsterrors in der Ukraine 1939–1941


Autor(en)
Junge, Marc
Reihe
Histoire 168
Anzahl Seiten
376 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kai Struve, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Nachdem Stalin im November 1938 den „Großen Terror“ der Jahre seit 1936 beendet hatte, setzten innerhalb der sowjetischen Sicherheitsorgane Ermittlungen wegen „Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit“ und „Dienstvergehen“ ein. In der Folge wurden mehrere tausend Angehörige der im Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) zusammengefassten sowjetischen Polizeiorgane, vorwiegend der höheren und mittleren Ebene, aus dem Dienst entfernt, viele verhaftet und zu längerer Lagerhaft oder zum Tode verurteilt. Im Mittelpunkt von Marc Junges Buch steht die Analyse von Verfahren gegen Angehörige des NKWD in dem in der Südukraine gelegenen Gebiet Mykolajiw, die Ende 1938 begannen und sich teilweise bis ins Jahr 1941 fortsetzten.

Durch die vollständige Öffnung des früheren Archiv des Komitet Gossudarstwennoi Besopasnosti (KGB) in der Ukraine im Jahr 2014 sind die Akten dieser Verfahren gegen NKWD-Mitarbeiter, die sich in Russland weiterhin unter Verschluss befinden, für die Forschung zugänglich geworden. Sie geben nicht nur einen detaillierten Einblick in Auseinandersetzungen im NKWD nach dem Ende des Massenterrors, sondern stellen auch eine hervorragende Quelle für die Untersuchung seiner Tätigkeit in den vorangegangenen Jahren dar, insbesondere auf der lokalen und regionalen Ebene.

Bei der Untersuchung kann der Verfasser auf wichtige eigene Studien zu dieser Phase der sowjetischen Geschichte aufbauen.[1] Das vorliegende Buch entstand darüber hinaus in einer größeren, internationalen Forschungskooperation, aus der bereits eine Reihe anderer Veröffentlichungen hervorgegangen sind. Die Studie selbst erschien schon 2017 auf Russisch.[2] Manche ihrer Quellen sind in einer in diesem Projekt entstandenen Quellenedition enthalten.[3] Größere Aufmerksamkeit hat eine Studie Lynne Violas erhalten, die den Schwerpunkt auf das Gebiet Kiew legt und die Materialien der Verfahren gegen die NKWD-Angehörigen zur Analyse der NKWD-Tätigkeit während des „Großen Terrors“ nutzt und damit anders als Marc Junge weniger Gewicht auf die Verfahren gegen die NKWD-Angehörigen selbst legt.[4]

Im Zentrum von Marc Junges Untersuchung steht ein umfangreiches Verfahren gegen den ehemaligen Leiter des NKWD im Gebiet Mykolajiw, Petr Karamyschew, sowie drei Mitarbeiter der für die Bekämpfung innerer „politischer Feinde“ zuständigen „Geheimen Politischen Abteilung“, das im Frühjahr 1939 begann. Darüber hinaus wurden für die Studie die Akten aus fünf weiteren Verfahren gegen weniger hochrangige NKWD-Angehörige im Gebiet Mykolajiw ausgewertet. Die Studie beginnt mit der Analyse der Tätigkeit des Mykolajiwer NKWD im Jahr 1938 und skizziert die Ermittlungen gegen die Leitung und Mitarbeiter einer Werft, nachdem es dort einen Großbrand gegeben hatte. Der NKWD produzierte eine Anklage, die eine „trotzkistische Verschwörergruppe“ in der Werksleitung für den Brand verantwortlich machte. Jedoch hatte es auch schon in den Monaten vor dem Brand Ermittlungen gegeben, da die Werft dauerhaft deutlich hinter den wirtschaftlichen Planvorgaben zurückgeblieben war. Tatsächlich lag die Ursache des Feuers aber wohl in der Vernachlässigung des Brandschutzes.

Marc Junge zeigt an diesem und an anderen Beispielen die Ausweitung von Macht und Kompetenzen des NKWD, der in wachsendem Maße mit „tschekistischen Methoden“ auch in die Wirtschaft eingriff. Im Fall der Mykolajiwer Werft wurden drei der verhafteten Werksmitarbeiter im September 1938 zum Tode verurteilt und wenig später erschossen. Die Fälle von acht anderen Verhafteten zogen sich jedoch länger hin, da sie an ein Militärtribunal übergeben worden waren. Dieses sprach sie schließlich im April 1939, als sich die politischen Vorgaben geändert hatten, von den Anklagen frei. Die Aussagen dieser ehemaligen Angeklagten über Folter, unter Druck gesetzte Zeugen und die Fälschung von Geständnissen und Aussagen spielten dann eine zentrale Rolle im Verfahren gegen Petr Karamyschew und die drei anderen Angehörige des Mykolajiwer NKWD. Marc Junge schildert detailliert dieses aufwändig mit vielen Aussagen und Zeugen geführte Verfahren, in dem die Angeklagten zunächst vor einem Militärtribunal der NKWD-Truppen des Kiewer Bezirks freigesprochen oder zu relativ milden Strafen verurteilt wurden. Diese Urteile wurden allerdings vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR aufgehoben und die zwei höchstrangigen Angeklagten im Frühjahr 1941 schließlich zum Tode und die anderen zwei Angeklagten zu längeren Haftstrafen verurteilt.

An die Analyse dieses und der weiteren Verfahren knüpft Marc Junge seine zentrale These, die er im Begriff „stalinistische Modernisierung“ zusammenfasst. Gegenüber früheren Fällen, in denen Angehörige der Sicherheitsorgane zu Lagerhaft oder Erschießung verurteilt worden waren, unterschieden sich diejenigen seit Ende 1938 durch ihre juristische Begründung: Verfahren gegen NKWD-Mitglieder wurden in der Regel nicht mehr wegen „konterrevolutionärer Tätigkeiten“, sondern wegen „Dienstvergehen“ geführt. Junge sieht darin einen bedeutenden Schritt in einem Prozess der sowjetischen „Staatsbildung“ (S. 243), da die Sicherheitsorgane nun von einem Instrument der Partei zur Bekämpfung der „Feinde“ des Bolschewismus (und in den 1930er-Jahre der Gegner Stalins innerhalb der Partei) zu Polizeiorganen des Staates werden sollten, die an Gesetze gebunden waren (S. 232–239). Dies sei die Botschaft, die die Verurteilungen innerhalb und außerhalb des NKWD vermittelt hätten. Allerdings macht Junge auch deutlich, dass hier nur eine graduelle Veränderung erkennbar wird und andere Gründe, die in der Forschung angeführt werden, ebenfalls bedeutsam waren. Dazu gehört, dass Stalin die Verantwortung für die Verhaftungen und Erschießungen in den Jahren 1936 bis 1938 auf den NKWD abschieben und zugleich dessen Rolle und Macht wieder zugunsten der Partei einschränken wollte. Für die Ansicht, dass auch Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppierungen im NKWD eine Rolle gespielt hätten, findet Junge allerdings im Gebiet Mykolajiw keine Bestätigung (S. 242f.).

Gegenüber der These, dass es bei den Verfahren um eine stärkere Bindung der Sicherheitsorgane an die Gesetze ging, kann allerdings eingewendet werden, dass die Unterbindung der Folter offenbar nur partiell galt. In den im September 1939 von der Sowjetunion besetzten Gebieten Ostpolens war sie in der gleichen Zeit, wie zahlreiche Berichte zeigen, ein allgemein verbreitetes Element von Verhören. Offenbar ging es nicht darum, Folter grundsätzlich zu beseitigen, sondern darum zu verhindern, dass falsche Geständnisse produziert wurden. Dort, wo Stalins Regime auf wirklichen, organisierten Widerstand traf, kam Folter weiterhin umfassend zur Anwendung.

Der Band knüpft an verschiedenen Stellen an die NS-Täterforschung an, die der Verfasser als anregend für Forschungen zu sowjetischen Tätern ansieht. Allerdings würde ein Vergleich mit NS-Tätern, wenn er über einzelne Beobachtungen hinausgehen soll, aus Sicht des Rezensenten eine systematischere Diskussion erfordern. So sind, wie Junge richtigerweise feststellt, die von ihm behandelten NKWD-Täter kaum mit Christopher Brownings „ordinary men“ vergleichbar (S. 230f.).[5] Eher würde sich ein Vergleich mit der SS und insbesondere der Gestapo und dem SD anbieten. Tatsächlich waren die Bedingungen für die jeweiligen Polizeiorgane in beiden Staaten allerdings so unterschiedlich, dass ein Vergleich wohl eher kontrastierend von den Differenzen ausgehen müsste.

Etwas irritierend ist der Aufbau des Bandes. Der Autor verzichtet auf eine Einleitung, in der die Fragestellung, der Forschungsstand und das methodische Vorgehen erläutert werden. Erst nach zwei Dritteln des Bandes stellt er seine eigenen Thesen vor und situiert sie im Forschungsstand. Eine Diskussion der Quellen und ihrer Probleme, eine Einführung in die bisherige Forschung und die Struktur des NKWD in Mykolajiw (und darüber hinaus) findet sich erst zum Schluss des Bandes. Leserinnen und Leser, die von vorn beginnen, dürften sich bald etwas verloren fühlen, auch wenn die Geschichten, die die Quellen erzählen, durchaus spannend sind.

Nichtsdestoweniger stellt der Band einen wichtigen Beitrag zur Forschung über die Geschichte der sowjetischen Polizeiorgane und über Politik und Gesellschaft der Sowjetunion in den 1930er-Jahren dar. Er bietet an einem regionalen Beispiel einen sehr nahen Einblick in die Tätigkeit des NKWD, seine Stellung unter den verschiedenen sowjetischen Institutionen sowie in die Machtressourcen und Handlungsspielräume unterschiedlicher Akteure in der sowjetischen Gesellschaft. Darüber hinaus demonstriert er die großen Möglichkeiten, die die vollständige Öffnung des früheren KGB-Archivs in der Ukraine für weitere Forschungen zu zentralen Fragen der sowjetischen Geschichte bietet.

Anmerkungen:
[1] Auf Deutsch vor allem Rolf Binner / Bernd Bonwetsch / Marc Junge (Hrsg.), Massenmord und Lagerhaft. Die andere Geschichte des Großen Terrors, Berlin 2009; und dies. (Hrsg.), Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937–1938. Die Massenaktion aufgrund des operativen Befehls Nr. 00447, Berlin 2010.
[2] Mark Junge, Čekisty Stalina. Mošč i bessilie. „Berievskaja ottepel“ v Nikolaevskoj oblasti Ukrainy, Moskau 2017.
[3] Mark Junge / Linn Viola / Džeffri Rossman (Hrsg.), Echo Bolšogo Terrora. Sbornik dokumentov v trech tomach, Moskau 2017–2019.
[4] Lynne Viola, Stalinist Perpetrators on Trial. Scenes from the Great Terror in Ukraine, Oxford 2017.
[5] Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Reinbek bei Hamburg 1993.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.11.2020
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