F. Jeschonnek u.a. (Hgg.): Alliierte in Berlin: 1945 - 1994

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Titel
Alliierte in Berlin: 1945 - 1994. Ein Handbuch zur Geschichte der militärischen Präsenz der Westmächte


Herausgeber
Jeschonnek, Friedrich; Riedel, Dieter; Durie, William
Erschienen
Anzahl Seiten
637 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christopher Winkler, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Kaum eine Stadt in Europa war so vom Ost-West-Konflikt betroffen und bedroht wie Berlin. Hier standen sich die beiden politischen und militärischen Machtblöcke im wahrsten Sinne des Wortes „Auge in Auge“ gegenüber. Und in keiner anderen Stadt waren politische und militärische Aspekte - Abschreckung, Bündnisverpflichtungen, Krisenmanagement und Nachrichtengewinnung - so verwoben wie in Berlin.

Das erklärt, warum die Zahl der Veröffentlichungen, die die rechtliche und politische Situation Berlins nach 1945 behandeln, kaum noch überschaubar ist; es mangelt weder an wissenschaftlichen Untersuchungen noch an populärwissenschaftlichen Darstellungen sowohl zur Gesamtlage als auch zu Einzelaspekten der geteilten deutschen Hauptstadt. Eine überblicksartige, deutschsprachige Betrachtung der Geschichte der geteilten deutschen Metropole aus militärgeschichtlicher Perspektive stand jedoch bisher aus. Jeschonnek, Riedel und Durie sind damit in ein Gebiet der Geschichte Berlins im Kalten Krieg vorgestoßen, dem bisher nur sehr wenig Aufmerksamkeit in der Forschung zuteil geworden ist, obwohl es Wesentliches zum Verständnis der Vorgänge in und um Berlin im Kalten Krieg beiträgt.

Nach einem einleitenden Teil, der politische, rechtliche und militärische Rahmenbedingungen für die Präsenz der alliierten Streitkräfte in Berlin überblickt, werden im zweiten Abschnitt spezielle Aspekte der militärischen Zusammenarbeit zwischen den USA, Großbritannien und Frankreich untersucht. Hier befassen sich die Autoren sowohl mit gemeinsamen Führungs- und Besatzungseinrichtungen, als auch mit koordinierten Ausbildungspraktiken, der Regelung des Berlin-Verkehrs sowie mit der Bedrohungsanalyse und den Verteidigungs- bzw. Eventualfallplanungen der Westalliierten. Nicht ausgespart werden Relikte der Viermächteverwaltung, an denen die Sowjetunion bis 1990 teilnahm und so ihren Anspruch auf Mitsprache in und über Gesamtberlin aufrechterhielt: Das alliierte Kriegsverbrechergefängnis in Spandau, die Luftsicherheitszentrale im ehemaligen Kontrollratsgebäude und die Aufrechterhaltung des ungehinderten Zugangs zu allen vier Sektoren Berlins für Militärangehörige der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.

In den darauf folgenden drei Kapiteln wird näher auf die einzelnen Garnisonen eingegangen. Neben einer – erstmals vollständigen - Auflistung aller Truppenteile und militärischen Dienststellen wird auf landesspezifische Besonderheiten, die militärische Bedeutung der jeweiligen Garnison, ihre Infrastruktur und ihren Dienstalltag sowie auf Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Durchhaltefähigkeit eingegangen. Im letzten Teil wird schließlich noch das Verhältnis der drei Westalliierten zum Berliner Senat sowie zur Berliner Bevölkerung thematisiert.

Das Buch ist von keinen ausgewiesenen Historikern, sondern von drei ehemaligen bzw. aktiven Militärs verfaßt worden und wendet sich offenkundig in erster Linie an „den militärisch interessierten Bürger“ (S. 15) und erst in zweiter Linie an „Forscher, Wissenschaftler und die alliierten Soldaten selbst“ - wenn auch die Frage offen bleiben muss, wie viele der ehemaligen alliierten Soldaten auf ein in Deutsch verfasstes Kompendium zurückgreifen werden. Der Versuch, die Bedürfnisse einer breiten Leserschaft mit Forschungsinteressen in Einklang zu bringen, ist selten und äußerst lobenswert, birgt jedoch die Gefahr in sich, keiner der beiden Seiten gerecht zu werden und bietet somit Rezensenten Angriffsflächen, die durch den Zuschnitt auf eine engere Zielgruppe hätten vermieden werden können.
Der „Durchschnittsleser“ allerdings wird sich zunächst durch den relativ hohen Preis des als Paperback erschienenen Bandes abgeschreckt sehen. Sicher lockert der Abdruck zahlreicher Photographien die Lektüre des Buches auf und gewährleistet auch stellenweise ein Plus an Information; ob aber fast die Hälfte der Veröffentlichung mit auf Hochglanzpapier abgedruckten Bildern hätte belegt werden müssen, ist fraglich.

Die exkursartig eingeschobenen Kurzinformationen bieten zwar den Vorteil, den nicht mit der Materie vertrauten Leser mit elementaren Begriffen der politischen und militärischen Geschichte Berlins bekannt zu machen. Einiges von dem jedoch, was die politischen Rahmenbedingungen erklärend darstellen soll, ruft beim informierten Leser Irritationen hervor. Dies betrifft weniger eine ganze Reihe größerer und kleinerer sachlicher Fehler (wie beispielsweise die angebliche Teilnahme Frankreichs an der Konferenz von Jalta und Potsdam (S. 38)), als eher den Charakter äußerst gradliniger und selbstbewußter politischer Bewertungen, die nicht nur hinter dem aktuellen Forschungsstand zurückfallen, sondern oft sogar als unangemessen bezeichnet werden können.

Dass kein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in sowjetische oder gar ostdeutsche Positionen gezeigt wird, ist legitim; dass aber z.B. jegliche politische Stimme in Berlin, die es wagte, Kritik an mehreren oder einzelnen Aspekten der westalliierten Militärpräsenz vorzubringen, ausnahmslos und wiederholt als fehlgeleitete Jugendliche, „Zugewanderte“, „Kommunisten“ oder vom MfS gesteuerte Terroristen tituliert werden, ist im besten Falle unnötig, auf jeden Fall aber falsch (u.a. S. 76-77, S. 96, S. 196-198, S. 601-602).

Das sollte allerdings nicht davon ablenken, daß der Leser mit einer Fülle gut recherchierter und übersichtlich dargebotener Informationen versorgt wird, die teils neu sind und teils gut zusammengefasst und kategorisiert wurden. Dem „Leiden“ militär- und stadtgeschichtlich interessierter Historiker, die sich bis heute Standort- und Auftragsinformationen mühsam und unvollständig zusammenstückeln mussten, ist damit zumindest in großen Teilen ein Ende gesetzt. Über den Auftrag, die Organisation, die Ausrüstung und die Strukturen der alliierten Militärs in Berlin bleiben mit der Herausgabe des Handbuchs nur noch wenig Fragen offen.

Zwar bleiben einige sicherheitsrelevante Bereiche bis heute für die Forschung weitgehend gesperrt; um so erfreulicher ist daher die Tatsache, dass gerade der nachrichtendienstliche Sektor, um den sich seit Jahrzehnten Legenden weben, relativ ausführlich behandelt wird. Dies betrifft die reguläre G2-Aufklärung wie auch HUMINT-Verfahren (human intelligence) in Form von Grenzpatroullien und der sog. „Flag-Tours“ (Aufklärungsfahrten der Westalliierten in Ostberlin). Wenn auch Umfang und Erfolg sowie die Organisationsstruktur rund um den Teufelsberg aufgrund des Aktenzugangs weitgehend im Dunkeln bleiben müssen, so erfährt der Leser doch einiges über SIGINT (signals intelligence) und ELINT-Aufklärung (electronic intelligence) in anderen Bereichen.

Hervorzuheben sind auch die Erläuterungen über den alliieren Sonderstab Live Oak und die Einbeziehung der westalliierten Militärverbindungsmissionen in Potsdam, deren hervorragender, aber wenig bekannter Stellung im Nachrichtenwesen Rechnung getragen wird. Der Leser kann sich so ein Gesamtbild der beeindruckenden Tätigkeit der westlichen „Intelligence Community“ in Berlin und seinem Umland machen. Positiv anzumerken ist auch die Tatsache, dass Einblicke in das Verhältnis der Berliner Bevölkerung zu den Garnisonen und in das militärische Alltagsleben der Garnisonen geboten werden - wenn auch das entstehende Bild oft etwas idyllisch wirkt.

Bedauerlich hingegen ist, daß Jennoscheck, Riedel und Durie auf eine quellenbasierte Darstellung verzichtet haben. Ein kleines Plus an Lesbarkeit ist leider hier einem großen Minus an Überprüfbarkeit geopfert worden, wodurch die Nutzbarkeit des Werkes für die Forschung insgesamt stark eingeschränkt wird. Statt Fußnoten oder sonstigen Quellenverweisen findet man lediglich eine sich meist wiederholende, kleine Liste einschlägiger Sekundärliteratur am Ende jedes Kapitels vor. So es tatsächlich beabsichtigt ist, „in Folgeauflagen das Handbuch der Entwicklung der Forschung und der schrittweisen Öffnung von Archiven anzupassen“, dann bitte zuerst hier.

Wenn auch eine weitergehende Diskussion und Korrektur der Arbeit durch Fachhistoriker noch aussteht, so kann dennoch festgehalten werden, daß Jeschonnek, Riedel und Durie ein für die militärpolitische Geschichte Berlins alles in allem grundlegendes Handbuch vorgelegt haben.

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Veröffentlicht am
31.10.2002
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