B. Sösemann (Hg.): Kommunikation und Medien in Preußen

Cover
Titel
Kommunikation und Medien in Preußen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.


Herausgeber
Sösemann, Bernd
Reihe
Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 12
Erschienen
Stuttgart 2002: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
474 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marian Füssel, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Dass die Geschichte von Kommunikation und Medien gegenwärtig zu den zentralen Herausforderungen an die Geschichtswissenschaft gehört, bedarf eigentlich kaum weiterer Erörterung. Gerade Brandenburg-Preußen, zuletzt durch das "Preußen-Jahr" erneut in das öffentliche Bewusstsein gerückt, wurde dabei in letzter Zeit verstärkt zum Thema kommunikationsgeschichtlicher Untersuchungen [1]. So widmet sich auch der hier anzuzeigende, aus zwei Tagungen der "Arbeitsgemeinschaft zur preußischen Geschichte" hervorgegangene Sammelband aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen der "Mediengeschichte" Preußens. Die vom Herausgeber in seiner Einleitung anvisierte "Geschichte der öffentlichen Kommunikation" konkretisiert sich im vorliegenden Band vorwiegend als eine Geschichte der öffentlichen Publizistik. So finden sich unter anderem Beiträge über Druckereien, Verleger, Kalender, Intelligenzblätter, Lesegesellschaften, Zeitungen, Reformpublizisten, Pressestatistiken, Rundfunk und Zensur. Da es demnach vorwiegend um Formen öffentlicher Kommunikation geht, wird der Öffentlichkeitsbegriff in mehreren Beiträgen zum Gegenstand der Diskussion. Als wenig erkenntnisförderlich erweist sich in diesem Zusammenhang inzwischen das mittlerweile geradezu reflexhafte Einschlagen auf Jürgen Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit".

Ernst Opgenoorth sichtet zunächst in seiner Auseinandersetzung mit den Begriffen publicum, privatum und arcanum ältere und neuere Forschungsliteratur zum Thema Öffentlichkeit und setzt sich kritisch mit der von Esther-Beate Körber vorgenommenen Unterscheidung verschiedener Teil-Öffentlichkeiten von Macht-, Bildungs- und Informationsöffentlichkeit auseinander. Die genannten Kategorien werden von Körber im vorliegenden Band auf die Produktion der Königsberger Druckereien im frühen 17. Jahrhundert angewandt und um eine Bibliografie der entsprechenden Druckerzeugnisse ergänzt.

Die "print culture" des preußischen Kalenderwesens gewinnt im Beitrag von Volker Bauer vor allem vor dem Hintergrund der Fragen nach Zensur, Repräsentationsfunktion und ökonomischem Ertrag der Kalenderproduktion deutlich an Kontur. Dem Problem der Zensur widmen sich auch die Beiträge von Gerd Kleinheyer und Grzegorz Kucharczyk. Während Kleinheyer aus rechtshistorischer Perspektive einen Parforceritt durch vierhundert Jahre Zensurgeschichte unternimmt, untersucht Kucharczyk die alltägliche Praxis der Zensur um 1848, die sich vielfach von dem angesteuerten Ideal deutlich unterschied. Ursula E. Koch skizziert die facettenreiche Geschichte der illustrierten satirischen Wochenblätter im Berlin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gerade die Satire sah sich, wie Koch unter anderem am Beispiel des "Kladderadatsch" beschreibt, je nach politischer Großwetterlage immer wieder mit der Zensur konfrontiert. Dass das Verhältnis von Obrigkeit und Verlegern im 18. Jahrhundert nicht so gespalten war wie bislang angenommen, versucht Rudolf Stöber darzulegen. Er zeigt, dass sich die Verleger einerseits mit einer Vielzahl von Obrigkeiten konfrontiert sahen, von denen sie vielfach profitierten, und es andererseits in erster Linie die ökonomischen Auseinandersetzungen mit ihren Mitstreitern waren, die ihre Existenz bedrohten. In einem weiteren Beitrag gibt Stöber einen Überblick über die preußische Pressestatistik bis 1871. Das Spannungsverhältnis von obrigkeitlicher Repression und der Etablierung eines liberalen Meinungsmarktes behandelt Jürgen Frölich anhand der staatlichen Pressepolitik nach der Revolution von 1848.

Die politische Dimension der Publizistik im Umkreis der preußischen Reformen behandeln die Aufsätze von Hans-Christof Kraus und Ludger Hermann. Kraus verfolgt die "publizistische Flankierung" der Reformen am Beispiel von Theodor Schmalz, während Hermann einige grundlegende Charakteristika der Reformpublizistik herauszuarbeiten versucht. Der Versuch der behandelten Autoren, vor dem Hintergrund einer "ideengeschichtlichen Gemengelage" von Spätaufklärung und Frühliberalismus eine neue politische Identität zu stiften, wird dabei als weitgehend erfolgreich beurteilt.

Dass Kommunikationsprozesse auch immer auf eine soziales Substrat verweisen, machen die sich stärker auf die unterschiedlichen Formen der gesellschaftlichen Assoziation konzentrierenden Beiträge deutlich. Die Frage nach den Bedingungen der öffentlichen Artikulation von Opposition wird von Andrea Hofmeister anhand pressepolitischer Netzwerke der Zeit um 1800 verfolgt. Magdalena Niedzielska beleuchtet die Rolle des Vereinswesens für die Institutionalisierungsprozesse öffentlicher Oppositions- und Meinungsbildung im Umfeld der Revolution von 1848. Eine Verschränkung der Netzwerkanalyse mit der Analyse der Verflechtung von Öffentlichkeit und Privatheit unternimmt Ursula Fuhrich-Grubert am Beispiel Theodor von Schöns. Einen originellen Einblick in die Praxis der Verflechtung gewährt dabei vor allem die Berücksichtigung der konkreten Orte des Handelns im Sinne von Wohnräumen. So spiegelt sich der Wandel von öffentlich und privat auch im Verhältnis von "Amtsbetriebsstätte" und "Wohnsitz" des Beamten (S. 343).

Man muss nicht unbedingt ein Anhänger der Systemtheorie sein, um "Kommunikation und Medien" in mehr Bereichen wiederfinden zu können, als auf dem Feld der klassischen Publizistik. So stehen Zeremoniell und Inszenierung der inzwischen anlässlich ihrer Jubiläen mehrfach thematisierten preußischen Krönungs- und Jubiläumsfeiern im Zentrum des umfassenden Beitrags von Bernd Sösemann. Sösemanns Beitrag setzt sich als einziger mit Formen symbolischer bzw. ritueller Kommunikation auseinander und bietet schon deshalb eine wertvolle Ergänzung zu den überwiegend auf Printmedien und deren institutionelle Verbreitungsformen ausgerichteten Untersuchungen. Das Ereignis der Krönung erlaubt es, das in den meisten Beiträgen leider kaum zur Sprache kommende komplexe Zusammenspiel verschiedener Medien zu thematisieren. Der Vergleich unterschiedlicher Formen der Repräsentation wirft dabei die Frage nach der Bedeutung der "Materialität der Kommunikation" auf [2]. Denn es macht einen Unterschied, ob bestimmte Inhalte im Medium von Text, Bild oder der Interaktion unter Anwesenden kommuniziert werden. Ein in diesem Sinn weiteres Spektrum von Medienöffentlichkeit thematisiert Karen Hagemann am Beispiel der patriotisch-nationalen Mobilisierungsstrategien im Kampf um die öffentliche Meinung in Preußen zur Zeit der antinapoleonischen Kriege. Vor allem der Zusammenhang von Kommunikation und Konflikt wird hier anschaulich herausgearbeitet.

Jörg Requate liefert anhand der Beschäftigung mit Gerüchten vom 18. bis ins frühe 19. Jahrhundert einen anregenden Einblick in die "Kultur der Neuigkeiten". Gerüchte bildeten dabei, so sein Fazit, "eher den Normalfall" als eine "Sondersituation der Kommunikation" (S. 253). Neben Untersuchungen einzelner Fallbeispiele und Ereignisse stehen überblicksartige Beiträge über Lesegesellschaften (Uwe Puschner), Informationswege von Zeitungen (Jürgen Wilke) oder die preußischen Intelligenzblätter (Holger Böning). Eine Brücke ins 20. Jahrhundert und damit auch zu einer neuen Gattung von Medien schlägt abschließend Wilhelm Kreutz mit der Behandlung der Rundfunk- und Filmpolitik im Preußen der Weimarer Republik. Etwas aus dem Rahmen fällt Hermann Haarmanns Essay über das "Theater als Öffentlichkeit". Der im ursprünglichen Vortragstil belassene Beitrag räsoniert völlig befreit von historischem Forschungsballast über die "aufsteigende bürgerliche Klasse" und das bürgerliche Theater auf dem Weg in die Moderne.

Störend wirkt sich auf formaler Ebene die uneinheitliche Redaktion der Anmerkungen aus. In einigen Beiträgen werden die Kurztitel der Anmerkungen nicht aufgelöst (Bauer, Kleinheyer, Herrmann, Hofmeister, Frölich), in einigen wird mit Verweisungen (wie Anm. x) gearbeitet, in anderen wiederum nicht. Insgesamt zeigt sich, dass allein die Wahl eines aktuellen Rahmenthemas offenbar noch keine hinreichende Bedingung bietet, die qualitative Homogenität der Beiträge zu gewährleisten. Die Zugangsweisen bleiben vielfach recht konventionell bzw. tragen eher Handbuchcharakter, was zum Teil daran liegen mag, dass bestimmte Felder immer noch recht schwach aufgearbeitet sind und man sich daher darauf beschränkt, zunächst einmal das zur Verfügung stehende Material zusammenzustellen. Der vom Herausgeber aufgestellte Anforderungskatalog an die "Geschichte der öffentlichen Kommunikation" (S. 13) bleibt eine regulative Idee, an die sich eine Annäherung jedoch weiterhin lohnen würde.

Anmerkungen
[1] Ralf Pröve; Norbert Winnige (Hgg.): Wissen ist Macht. Herrschaft und Kommunikation in Brandenburg-Preußen 1600-1850, Berlin 2001.
[2] Hans Ulrich Gumbrecht; K. Ludwig Pfeiffer (Hgg.), Materialität der Kommunikation, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1995.

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Veröffentlicht am
13.01.2003
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