T. Steffen Gerber: Das Kreuz mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz

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Titel
Das Kreuz mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR in den Jahren 1949-1972


Autor(en)
Steffen Gerber, Therese
Erschienen
Anzahl Seiten
293 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Benoit, Historisches Institut, Universität Bern

Mit dem unerwarteten Ende der Existenz der DDR und der anschließenden Öffnung der Archive setzte eine bis zum heutigen Tage nicht abbrechen wollende Flut an historiographischen Forschungen und Publikationen ein, welche die DDR allmählich zu einem der besterforschten Gebiete der deutschen Zeitgeschichte machte. Die Außenbeziehungen der DDR gehörten jedoch lange Zeit - abgesehen von der Beziehung zur Bundesrepublik - zu den Stiefkindern der neuen geschichtswissenschaftlichen DDR-Forschung. Erst seit einem Kolloquium im Jahre 1999 in Paris und einem daraus resultierenden Sammelband wurden die transnationalen Beziehungen der DDR zu westlichen Staaten mit ins Konzert der aktuellen Untersuchungen aufgenommen. [1]

Die Berner Historikerin Therese Steffen Gerber steuerte dieser Publikation einen Aufsatz mit dem Titel „Zwischen Neutralitätspolitik und Anlehnung an den Westen. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR (1949-1972)“ bei, welcher eine Zusammenfassung der ersten Forschungsergebnisse der hier nun zu besprechenden Dissertation darstellt. [2]

Steffen Gerber untersucht in ihrem Buch die bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und der Schweiz in den Jahren 1949 bis 1972, einer Zeitspanne also, die zwischen der Gründung des zweiten deutschen Staates und der völkerrechtlichen Anerkennung durch die internationale Staatenwelt liegt. Dementsprechend widmet die Autorin denn auch ihr Hauptinteresse den „informellen Beziehungen“ zwischen den beiden Staaten, da zu dieser Zeit keine diplomatischen Beziehungen bestanden.

Vor dem globalhistorischen Hintergrund des deutschen Teilungsprozesses und der Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges, welche die Beziehungen zwischen der DDR und der westlichen Staatengemeinschaft unweigerlich prägten, analysiert das Buch einerseits das internationale Parkett, auf welchem sich die DDR und die Schweiz bewegten, andererseits die „bilateralen kryptodiplomatischen Beziehungen zwischen Bern und Ostberlin im Zeitraum diplomatischer Nichtanerkennung der DDR durch die Schweiz“ (S.14). Die SED-Spitze verfolgte in ihrer Außenpolitik gegenüber der Schweiz vor allem ein Ziel, nämlich die völkerrechtliche Anerkennung zu erlangen. Die schweizerische Position gegenüber der DDR war wesentlich differenzierter, nicht zuletzt resultierend aus dem Fakt der traditionellen Neutralitätspolitik der Schweiz, aber auch unter Berücksichtigung des Aufbaus bzw. Ausbaus der guten Beziehungen zwischen der Schweiz und der BRD und deren erheblichen Druck auf die schweizerische Außenpolitik mittels der Hallstein-Doktrin.

Diese grundsätzlichen Aspekte der außenpolitischen Prämissen der beiden Staaten berücksichtigend, fällt das Hauptgewicht der Betrachtungen von Steffen Gerber denn auch auf die Seite der Schweizer Politik, was jedoch für die Untersuchung und die daraus gewonnen Erkenntnisse nicht zu bewerten ist, im Gegenteil, gilt es doch, die außergewöhnlich fundierten Kenntnisse der Autorin in Bezug auf die schweizerische Quellenlage zu betonen, die sie sich nicht zuletzt als langjährige Forschungsassistentin der ‚Diplomatischen Dokumente der Schweiz’ (DDS) aneignen konnte. [3]

Methodisch wählte die Autorin gemäß eigenen Angaben die „traditionelle Methode der Quellenkritik und der historischen Hermeneutik“ und verzichtete weitgehend auf „analytische Modelle“ (S.16). So überzeugt das Buch denn auch durch seine Dichte an bearbeitetem Quellenmaterial, welches in langjähriger Forschungsarbeit aus den verschiedensten Archivbeständen in Deutschland und der Schweiz zusammengetragen worden ist (insbesondere sind dies Akten aus dem schweizerischen Bundesarchiv, dem Bundesarchiv der BRD und dem Archiv der Stiftung Parteien und Massenorganisationen der DDR) und nach allen Regeln der historiographischen Kunst ausgewertet wurde.

Der Hauptfragestellung folgend, wie zwei Staaten, die de facto keine offiziellen diplomatischen Beziehungen aufrechterhalten und die in verschiedene gesellschaftspolitische Systeme eingebunden sind, außenpolitische Handlungsspielräume in einer international kritischen Periode definieren, verändern und ausloten, untersucht das Buch „das Handeln von staatlichen Akteuren in den internationalen Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR, ihre Motive, Interessen, Beweggründe, Zielsetzungen“ (S.16).

Die Arbeit von Steffen Gerber gliedert sich in fünf Hauptkapitel, die, nach einem einführenden Kapitel allgemeiner Betrachtungen außenpolitischer Grundsätze und Entwicklungen der Schweiz und der DDR, dem Prinzip der klassischen chronologischen Periodisierung der DDR-Außenpolitik folgt. [4]

So wird in einem ersten Teil die Vorgeschichte der Beziehungen zwischen der Schweiz und der Sowjetischen Besatzungszone in den Jahren 1945-1949 genauer unter die Lupe genommen. Mit der Eröffnung der halb-offiziellen schweizerischen Heimschaffungsdelegation im Gebäude der ehemaligen Schweizer Gesandtschaft kurz nach Kriegsende, schuf sich die Schweiz die Möglichkeit, mit der sowjetischen Militäradministration und später mit den Behörden der DDR „quasi-diplomatische“ Kontakte zu unterhalten. Gleichzeitig wurden in dieser Periode auch die Weichen für die zukünftigen zwischenstaatlichen Beziehungen gestellt und die Diskussionen zur Frage nach der Rolle Deutschlands in Europa geführt. [5]

In der Zeitspanne zwischen 1949 und 1952 steht einerseits die konsequente Weigerung der Schweiz, die DDR diplomatisch anzuerkennen, im Zentrum der Betrachtungen, anderseits aber auch das Interesse und die Bereitschaft schweizerischerseits, mit der DDR „De-facto-Beziehungen“ einzugehen, welche die anfallenden praktischen Probleme – wie etwa die Entschädigungsfrage – ohne großes Aufsehen lösen sollten. Die Autorin betont jedoch, dass in diesem Kontext die außenpolitischen Handlungsspielräume der Schweiz durch zwei externe Faktoren zusätzlich erschwert und einschränkt wurden. Übten doch die Westmächte unter dem sich verschärfenden Klima des Kalten Krieges permanent Druck auf die Schweiz aus, damit diese keine engeren Kontakte mit DDR-Regierungsstellen unterhalte, und gegenüber der Bundesrepublik sah sich die Schweiz trotz ihrer Neutralität zu einer Politik der raschen Anerkennung verpflichtet. Am Schluss der Ausführungen zu dieser Phase resümiert Steffen Gerber: „Die Schweiz hielt dem westlichen Druck stand, pochte dabei auf ihre Unabhängigkeit und betrieb so in den Jahren 1949-1952 (und noch darüber hinaus) ihre eigene, pragmatische DDR-Politik […] Gleichzeitig trug die Schweiz die westliche Nichtanerkennungspolitik aber bedingungslos mit, nahm sich lediglich in praktischen Fragen gewisse Freiheiten heraus.“ (S.131)

Im vierten Kapitel werden die Beziehungen in den Jahren 1953 bis 1967 untersucht, welche mit der Schließung des Ostberliner Büros der Schweizerischen Delegation beginnen und in einer langsamen Annäherung zwischen Bern und Ostberlin vor dem Hintergrund einer neuen Deutschlandpolitik der BRD enden. Dazwischen liegen fünfzehn Jahre Schweizer Außenpolitik, die geprägt waren von einer strikten Nichtanerkennung der DDR, nicht zuletzt unter erheblichem Druck, der mit der Hallstein-Doktrin durch die Bundesrepublik auf die Schweiz ausgeübt wurde. Seitens der DDR bemühte sich die Regierung, aufbauend auf dem Argument der ‚Realität ihrer Existenz’, mit der Schweiz als einem Staat unter vielen um jeden Preis Beziehungen zu unterhalten und damit faktisch auch die Anerkennung aufzubauen.

Obwohl es zwischen der Schweiz und der DDR offiziell keine diplomatischen Kontakte gab, zeigt die Autorin in ihrer Forschungsarbeit in gut ausgewählten thematischen Schwerpunkten auf, dass die beiden Staaten dennoch aufgrund konkreter Probleme – „und nicht nur auf subgouvernamentaler Ebene“ – immer wieder miteinander in Beziehung traten (S. 135). Die hier vorgestellten verschiedenen Facetten der schweizerisch-ostdeutschen Beziehungen der fünfziger und sechziger Jahre reichen von der „klassischen gouvernamentalen Außenpolitik“ und einem krypto-diplomatischen Austausch bis hin zu nichtgouvernamentalen Beziehungen auf (privat-)wirtschaftlichen, partei-politischen und kulturellen Gebieten. Leider musste sich die Autorin - aus Gründen einer notwendigen, selbstauferlegten Einschränkung des Forschungsgegenstandes – bei der Aufarbeitung der nichtgouvernamentalen transnationalen Beziehungen auf einige exemplarisch ausgesuchte Musterbeispiele beschränken, was sich jedoch in Bezug auf die Aussagekraft des Teilkapitels keineswegs nachteilig auswirkt.

Das fünfte und letzte Kapitel (1968-1972) zeichnet eindringlich nach, wie sich mit der zunehmenden politischen Annäherung zwischen der BRD und der DDR auch das Verhältnis zwischen der Schweiz und der DDR langsam gewandelt hat und schließlich in der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen im Dezember 1972 gipfelte. Wohlgemerkt tat dies die Schweiz als erster westlicher Staat und noch vor der Unterzeichnung des deutsch-deutschen Grundlagenvertrages. Die Autorin erklärt sich diesen doch erstaunlichen Umstand so, „als ob die neutrale Schweiz, sobald sie ihre Situation gegenüber dem mächtigen nördlichen Nachbarn abgesichert hatte, sich lediglich auf ihre Interessen berief und in Ostberlin ‚nicht zu spät’ kommen wollte“ (S. 249). Für die DDR war die Schweiz gegen Ende der sechziger Jahre vermehrt in den Vordergrund gerückt. Als mögliche Gründe könnten die schweizerische Neutralität oder der für internationale Beziehungen wichtige Standort Genf genannt werden.

Therese Steffen Gerber legt mit ihrem Buch nicht nur einen sehr gelungenen Beitrag zur Aufarbeitung der außenpolitischen Beziehungen der DDR zu einem westlichen Staat vor, sondern beschreibt aufbauend auf einer präzis formulierten Fragestellung und einer nachfolgend quellengesättigten Forschungsarbeit ein zentrales Stück Schweizer Nachkriegsgeschichte. Sie beleuchtet dabei so wichtige und zugleich umstrittene Themenbereiche wie die schweizerische Neutralitätspolitik und die damit verbundenen Handlungsspielräume und deren Ausreizung (oder eben gerade Nicht-Ausreizung) im Kontext des Kalten Krieges. Exemplarisch dafür sei nachfolgendes Zitat aus den Schlussbetrachtungen des Buches ausgewählt: „Die Schweiz, als westlicher neutraler Staat, stand nicht zwischen den Blöcken und war nicht bereit, in der Deutschlandfrage eine neutralitätspolitische Position […] zu vertreten.“ (S. 261)

Anmerkungen:
[1] Pfeil, Ulrich (Hg.), Die DDR und der Westen. Transnationale Beziehungen 1949-1989, Berlin 2001.
[2] Gerber, Steffen, Therese. Zwischen Neutralitätspolitik und Anlehnung an den Westen. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR (1949-1972), in: Pfeil, Ulrich (Hg.), Die DDR und der Westen. Transnationale Beziehungen 1949-1989, Berlin 2001, S. 329-349.
[3] Hinter dem Namen der Diplomatischen Dokumente der Schweiz (DDS) steht ein Projekt zur Edition zentraler Dokumente zur schweizerischen Außenpolitik. (www.dodis.ch)
[4] z.B. Kuppe, Johannes, Phasen, in: Jacobsen, Hans-Adolf (Hg.), Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR Bestimmungsfaktoren, Instrumente, Aktionsfelder, München 1979, S.173-200.
[5] Vgl. hierzu auch die ausführliche Darstellung derselben Autorin. Steffen Gerber, Therese, Eine Abordnung mit zeitlich begrenztem Auftrag. Die schweizerische Heimschaffungsdelegation in Berlin und die Beziehungen zur sowjetischen Besatzungszone 1945-1949, in: Hug, Peter; Kloter, Martin (Hgg.), Aufstieg und Niedergang des „Bilateralismus“. Schweizerische Außen- und Außenwirtschaftspolitik, 1930-1960: Rahmenbedingungen, Entscheidungsstrukturen, Fallstudien, Zürich 1999, S. 359-385.

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Veröffentlicht am
30.05.2003
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