Cover
Titel
Das subjektive Museum. Partizipative Museumsarbeit zwischen Selbstvergewisserung und gesellschaftspolitischem Engagement


Herausgeber
Gesser, Susanne; Gorgus, Nina; Jannelli, Angela
Reihe
Edition Museum 31
Anzahl Seiten
230 S.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Helber, Berlin

Bereits in den 1960er-Jahren zeichnete sich das Historische Museum Frankfurt durch innovative Ansätze der Museumsarbeit und den Slogan „Kultur für alle“ (S. 140) aus. Im Jahr 1971 entstand in der Mainmetropole Deutschlands erstes Museum für Kinder und 1980 präsentierte das Historische Museum mit der „Frauen-Ausstellung“ ein Format, bei dem erstmalig Teilhabe und Partizipation im Vordergrund standen.

Im Sammelband „Das subjektive Museum. Partizipative Museumsarbeit zwischen Selbstvergewisserung und gesellschaftspolitischem Engagement“, der aus einer internationalen Konferenz am Historischen Museum Frankfurt 2017 entstand und um prägnante Kurzstatements von Museumspraktiker/innen ergänzt wurde, evaluieren und diskutieren die Autor/innen Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen partizipativer Museumsarbeit. Besprochen werden Ausstellungen, Museen und Standpunkte aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Brasilien, Norwegen, Finnland, Belgien und den Niederlanden. Das vielstimmige Panorama ist untergliedert in vier große Überkapitel, die je mit einer Farbabbildung des Frankfurt-Modells aus der partizipativen Ausstellung „Frankfurt Jetzt!“ beginnen und lauten: 1. „Museen und ihre gesellschaftliche Relevanz“, 2. „Kulturerbe aushandeln. Bedingungen und Akteur*innen“, 3. „Partizipative Museumsarbeit und lokale Identität“, „4. Subjektives Resümee und Ausblick“.

Der Titel „Das subjektive Museum“ bezieht sich dabei nicht auf eine bestimmte Form von Kultureinrichtung, auch wenn Stadt-, Regional- und Community-Museen im Vordergrund der Publikation stehen. Stattdessen beinhaltet er die These, dass es sich auch bei großen, vermeintlich neutralen oder wissenschaftlichen Museen keineswegs um objektive Einrichtungen handelt. Die Autor/innen argumentieren, dass letztendlich jedes Museum und dessen Sammlung auf subjektiven Entscheidungen basiert, die wiederum mit Macht, Hierarchien und Ausschlüssen verbunden sind.

Theoretisch orientiert sich der Band stark am im lusophonen Raum populären Ansatz der Sociomuseologie. Hierbei handelt es sich um „eine interdisziplinär angelegte und prozesshaft funktionierende Praxistheorie, die gesellschaftliche Veränderung zum Ziel hat“ (S. 26). Konkret gesprochen geht es quasi um eine politisierte Version der Museologie, bei der das Museum nicht mehr Verwalter und Bewahrer der Vergangenheit, sondern Akteur in der Gegenwart ist. Dies kann dadurch geschehen, dass es zum Laborraum für Diskussion um zukünftige Gesellschaftsmodelle wird oder marginalisierten Gruppen eine Plattform bietet. Mário Moutinho und Judite Santos Primo sehen dabei „Inklusion, Geschlecht, Hybridität oder Menschenrechte“ als Kernthemen, die aus dem „Museum als Mausoleum“ einen Akteur „gesellschaftlicher Entwicklung“ machen (S. 27).

Da die Autor/innen des Bandes für eine offene, sichtbare und selbstreflektierte Autorschaft und subjektive Positionierung im musealen Kontext eintreten, möchte ich diese Praxis auch als Rezensent umsetzen, das heißt, ich bespreche den Band als 36-jähriger weißer, in Berlin lebender Historiker mit Interesse an postkolonialen Debatten. Partizipative Ansätze evaluiere ich orientiert an meiner Erfahrung aus Projekten des Museums Neukölln mit Stadteilbewohner/innen und als früherer Bildungsreferent und Mitkurator des partizipativen „Demokratie Labors“ am Deutschen Historischen Museum.

Vor diesem Hintergrund überzeugt mich Angela Jannellis Beitrag „Partizipative Museumsarbeit und Gefühle. Von Resonanz, demokratischen Persönlichkeiten und blinden Flecken“, da sie die Wichtigkeit der emotionalen Ebene in der partizipativen Museumsarbeit betont: „Wenn wir uns für Alltagsexpert/innen öffnen, dann müssen wir uns auf Subjektivität und starke Gefühle einlassen, denn die persönliche Betroffenheit ist für viele Teilnehmer/innen eine Grundvoraussetzung ihrer Beteiligung an einem Museumsprojekt“ (S. 57). Jannelli macht klar, dass Outreach im Museum stets Beziehungsarbeit bedeutet. Diese kann mühsam und langwierig sein und ist ihrer Meinung nach in der Museumswissenschaft bislang ungenügend erforscht worden. Außerdem bemerkt Jannelli, gebe es kaum Supervision, die Outreach-Kurator/innen bei „emotionalem Stress“ und „belastenden Geschichten“ nutzen können (S. 58). Dass der Einbezug von Stadtteilbewohner/innen in ein Ausstellungsprojekt stets eine emotionale Dimension beinhaltet und es notwendig macht, Gefühle zu zeigen und zu thematisieren, erfuhr ich persönlich als Volontär am Museum Neukölln. Im Rahmen eines partizipativen Projekts zu Lieblingsbüchern berichtete eine Teilnehmerin vom tragischen Unfalltod ihres Sohns und wie sie sich von der Gesellschaft mit ihrer Trauer alleingelassen fühlte. Lesen war für sie „die konstruktive Auseinandersetzung mit Tod und Trauer“.[1]

Eine postkoloniale und Schwarze Perspektive auf das Thema Teilhabe und Subjektivität eröffnet Imani Tafari-Amas Beitrag. Die Jamaikanerin und Rastafari war Kuratorin der Ausstellung „Rum, Schweiß und Tränen“ im Schifffahrtsmuseum Flensburg 2017.[2] In ihrer Ausstellung verschafft sie dem verdrängten kolonialen Erbe der Rumstadt Flensburg durch Interviews und in Form eines „transatlantischen Trialogs“ zwischen Ghana, den Jungferninseln und Flensburg Sichtbarkeit. Von ihrer afro-karibischen Perspektive aus forderte Tafari-Ama Gerechtigkeit und Reparationen für die Nachfahren der verschleppten und versklavten Afrikaner/innen ein. Dass sie in Form eines audio-visuellen Monologs am Ende des Ausstellungsrundgangs als Kuratorin das Wort direkt an die Besucher/innen richtete und damit Sichtbarkeit erlangte, unterschied ihre Arbeit von vielen herkömmlichen Ausstellungen. Diese machen Autorschaft wenn überhaupt indirekt und über ein kleingedrucktes Impressum am Ende nachvollziehbar.

Nina Gorgus Beitrag „Wie im Historischen Museum die Zukunft begann“ reflektiert die Kontinuität partizipativer Ansätze im Historischen Museum Frankfurt, dessen machtkritische und Teilhabe ermöglichenden Ideen auch stets mit Widerständen zu kämpfen hatten: „Hauptkritikpunkt war die deutliche politische Haltung der Ausstellungstexte. Die eigene Position so offen darzulegen, das hatte es im Museum zuvor in dieser Form noch nicht gegeben. Da es sich um eine politisch links verortete Perspektive handelte, wurde von konservativer Seite die Wissenschaftlichkeit der Ausstellung angezweifelt“ (S. 142). Die von Gorgus am Beispiel der 1970er-Jahre geschilderte Problematik stellt sich Museen auch gegenwärtig beim Umgang mit rassistischen und antisemitischen Äußerungen im Kontext des allgemeinen gesellschaftlichen Rechtsrucks und den Wahlerfolgen der AfD. Die Konsequenz von politischer Haltung, die Gorgus aufzeigt, war auch Teil der Diskussionen in unserem Projektteam des „Demokratie Labors“ am Deutschen Historischen Museum 2019. Im Labor konnten Besucher/innen anhand von sieben Streitobjekten aktuelle politische Fragen wie „Wer ist das Volk?“, „Gleiche Rechte für alle?“ oder „Wie frei ist meine Meinung?“ diskutieren. Über die Laufzeit von sechs Monaten „entstand ein Textkorpus von 600 handschriftlichen Aussagen und Meinungen in zahlreichen Sprachen“.[3] Wie sollten Referent/innen und andere Museumsverantwortliche mit diskriminierenden Äußerungen von Besucher/innen umgehen, wenn diese im Rahmen des Legalen geäußert werden?

Susanne Wernsing zeigt sich zu Recht in ihrem Beitrag überrascht, dass erst durch die jüngsten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen Museen darüber reflektieren, ihre vermeintliche „gesellschaftliche Neutralität“ (S. 71) zu hinterfragen oder gar aufzugeben. Im Kontext der historisch-politischen Bildungsarbeit im „Demokratie Labor“ konnte ich erfahren, wie der Einbezug von Besucher/innen und deren Meinungen das Museum bereichern. Zugleich bleibt aber die Erkenntnis, dass Multiperspektivität, Vieldeutigkeit und Teilhabe auch Grenzen haben müssen, wenn die erlebte Erfahrung oder subjektive Erinnerung von Besucher/innen rassistische, antisemitische, geschichtsrevisionistische oder verschwörungstheoretische Narrative bedient. Samuel Salzborn problematisiert im Kontext der Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus, „[...] dass zwar Erinnerung plural sein kann, dass dieser Pluralismus aber eben auch bedeutet, dass nicht jede Erinnerung wahr ist, sondern ganz im Gegenteil die Erinnerung im Land der Täter/innen oft changiert zwischen vorsätzlicher Lüge und unbewusster Verleugnung.“[4]

Summa summarum ist der Band ein hilfreiches und inspirierendes Werkzeug bei der Genese und Reflexion von partizipativer Museumsarbeit. Erfreulich ist, dass die Autor/innen über den deutschen Kontext hinaus Projekte vorstellen und im Sinne der Sociomuseologie betonen, dass Ausstellen immer politisch ist. Es bleibt abzuwarten, ob Museen in Deutschland gesamtgesellschaftlich tatsächlich dazu bereit sind, mehr Subjektivität zu wagen und sich als politische Institutionen zu begreifen. Schließlich riskieren sie dabei Irritationen und Konflikte mit Besucher/innen, Mitarbeiter/innen, Politiker/innen und Geldgeber/innen, die letztendlich bei einer konsequenten „Kritik am Museum als hegemonialer Institution“ (S. 217) unvermeidbar sind.

Anmerkungen:
[1] Udo Gößwald (Hrsg.), Die Magie des Lesens, „Die Lieblingsbücher der Neuköllner*innen. 24 Essays“, Museum Neukölln, Berlin 2016, S. 86f.
[2] Das Flensburger Schifffahrtsmuseum hat die Ausstellung und Erläuterung der Kuratorin Imani Tafari-Ama durch ein Video für die Nachwelt dokumentiert: https://www.youtube.com/watch?v=6Emy_1J7zAg (14.05.2020).
[3] Brigitte Vogel-Janotta / Patrick Helber, Demokratisches Diskutieren, in: MuseumsJournal 1 (2020), S. 46.
[4] Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Leipzig 2020, S. 254.