M. Schaad: Der Hochverrat des Amtmanns Povel Juel

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Titel
Der Hochverrat des Amtmanns Povel Juel. Ein mikrohistorischer Streifzug durch Europas Norden der Frühen Neuzeit


Autor(en)
Schaad, Martin
Anzahl Seiten
249 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Otto Ulbricht, Universität Kiel

In Hochverratsprozessen hatte der Angeklagte in der Frühen Neuzeit in der Regel wenig Chancen davonzukommen. Einmal weil Hochverrat als das schlimmste Kapitalverbrechen galt, für das im Verfahren Grenzen überschritten werden konnten, zum anderen aber auch weil, wie üblich, der Generalfiskal Ermittler und Ankläger in einer Person war. Besonders in absolutistischer Zeit bot das Majestätsverbrechen die Möglichkeit, missliebige Untertanen ohne viele Probleme auszuschalten.

1723 wurde der umtriebige norwegische Amtmann Povel Juel dieses Verbrechens beschuldigt und nach einem schnellen Prozess in Kopenhagen hingerichtet. Ihm wurde zum einen vorgeworfen, mit dem Plan, Grönland zu kolonisieren, versucht zu haben, in den Dienst des Zaren zu treten und somit ein Bündnis mit dem Feind anzustreben, zum anderen Mitwisser eines viel weiter ausgreifenden Projektes gewesen zu sein, das einen Umsturz im gesamten Norden zum Ziel hatte.

Martin Schaad beginnt sein Buch mit einem barockisierenden Inhaltsverzeichnis, um dann im ersten Kapitel ins Zentrum der Aufklärung zu springen: zu einer Szene in Voltaires "Candide", an die sich die Erörterung geschichtstheoretischer Probleme durch den großen Aufklärer anschließt. Durch diesen Anfang treten zwei Dinge hervor, welche die Arbeit prägen: thematisch die Bedeutung von Thronansprüchen (Prätentionen) und methodisch die Voltairesche Forderung, die Prozessakten im Original zu lesen und sich nicht leichtgläubig auf die Literatur zu stützen. Über die Wichtigkeit von Thronansprüchen in der frühneuzeitlichen Politik kann es keinen Zweifel geben; sie spielen im Folgenden eine große Rolle. Die Lektüre der Originalakten verwirklicht der Autor auf beeindruckende und erfolgreiche Weise. Als drittes wird bei einem solchen Anfang klar, dass er die ausgetretenen Pfade der Präsentation nicht gehen wollte.

Bei der Untersuchung des Prozesses, insbesondere der Verteidigung Povel Juels, geht es Martin Schaad um die Frage, ob Povel Juel nicht zu Unrecht verurteilt wurde. Vorweg schickt er, was einer traditionellen Beschreibung der Forschungslage ähnelt: Er zeigt, wie sich jede Zeit ihren Povel Juel zurechtlegte. Die folgende ebenso gründliche wie umfassende Auswertung der zeitgenössischen Zeitungen und Zeitschriften macht klar, dass in großem zeitlichen Abstand Erklärungen auftauchen, die für die Zeitgenossen keine Rolle spielten.

Der Autor sieht sich die Originalquellen näher an, als dies je zuvor geschehen ist, und kann mit diesem genauen Blick viele überzeugende und überraschende Ergebnisse zu Tage fördern. Zum Beispiel erweist sich ein Brief Povel Juels, der immer als eine Drohung gegen den König verstanden wurde, in Wirklichkeit als Bittbrief um eine Stelle (S. 93–99). Insgesamt kann er bei den Untersuchungen der Argumente Povel Juels zeigen, dass sie nicht leicht vom Tisch zu wischen sind. Um das nachzuweisen, scheut er keine Mühe: Dazu hat er sich nicht nur in den schwierigen prozessrechtlichen Hintergrund eingearbeitet, sondern er ist auch in die verschiedensten Gebiete eingedrungen, um die Plausibilität der Juelschen Argumente nachzuweisen. Trotzdem wird man ihm, der Povel Juel mit viel Empathie gegenübertritt, nicht immer folgen wollen. Es erscheint etwa doch wahrscheinlicher, dass die Behauptung des gut gebildeten und informierten Povel Juels, er habe nicht gewusst, dass ganz Grönland zu Dänemark gehöre, eher eine Schutzbehauptung war als glaubwürdiges Nichtwissen (S. 131–133).

Abschließend präsentiert Martin Schaad zwei Interpretationen, die erklären, warum Povel Juel verurteilt wurde, von denen eine, die den Blick auf den Urheber der Großverschwörung lenkt, überrascht. Er bezeichnet sie, wie der Rezensent meint, mit allzu großer Bescheidenheit als Spekulation.

Die beiden Ziele Martin Schaads, Prozessrevision und Vorführung vieler Aspekte der frühneuzeitlichen Welt – notwendig für die Beweisführung – stehen darstellerisch in einem Spannungsverhältnis zueinander. Der Rezensent würde wissen wollen, ob Povel Juel schuldig war oder nicht, und wenn letzteres zutrifft, warum er trotzdem verurteilt wurde. Um nun die jeweilige Interpretation einer Verteidigungsstrategie zu belegen, zum Beispiel die behauptete Prätention des Zaren auf Grönland, legt der Verfasser alle Möglichkeiten, dass diese Interpretation zutreffen könnte, in aller Ausführlichkeit dar (S. 141–146). Es fragt sich aber, ob die Leser/innen das im Einzelnen wissen wollen, oder ob ihnen nicht das Endergebnis mit kurzer Begründung genügt hätte. Martin Schaad versucht die darstellerische Kollision mit dem Hinweis auf die Einblicke in viele Aspekte der frühneuzeitlichen Welt, die so ermöglicht würden, zu rechtfertigen. Das einmal akzeptiert, fehlt doch ein Thema, das diese Vielfalt wieder zusammenbindet. Was haben die Erklärung des Entwicklungsstandes von Seekarten, frühneuzeitliche Wechselgeschäfte und die Geschichte Grönlands seit Erik dem Roten gemeinsam? Es sind und bleiben „Ausflüge“ oder „Exkurse“ (S. 247, 248), wie der Verfasser sie selbstreflexiv nennt.

Die Forschungsleistung verdient hohe Anerkennung, die Interpretation nötigt Respekt ab, ohne dass man sie in der Essenz teilen muss. Ein Lesevergnügen ist das Buch allerdings nicht unbedingt. Eine Besonderheit sei noch vermerkt: In der online-Version sind alle genutzten Quellen verlinkt.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.10.2020
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