Cover
Titel
Contesting Europe. Comparative Perspectives on Early Modern Discourses on Europe (1400–1800)


Herausgeber
Detering, Nicolas; Marsico, Clementina; Walser-Bürgler, Isabella
Reihe
Intersections 67
Erschienen
Anzahl Seiten
XVIII, 386 S.
Preis
€ 115,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Berger, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Gegenüber bisherigen Forschungen zur diskursiven Konstruktion „Europas“ unterscheidet sich der Band in dreifacher Hinsicht: Er berücksichtigt erstens wenig beachtete räumliche Peripherien und ihre Quellen in den verschiedenen Landessprachen und im Neulateinischen. Diese Multiperspektivität erstreckt sich zudem auf die (auch osteuropäische) Forschungsliteratur, die rezipiert wird; das hebt den Band positiv von manch anderem englischsprachigen Sammelwerk ab. Zweitens besteigen die Beiträge nicht nur die Höhenkämme des Schrifttums und der bildenden Künste, sondern erweitern das Quellenspektrum um eine Vielzahl visueller Medien und Textgattungen. Drittens behandelt er mit den gut 250 Jahren vom späten 15. zum frühen 18. Jahrhundert den „voraufklärerischen“ Teil der Frühneuzeit, der aufgrund von Peter Burkes wirkmächtigem Zweifel, ob es vor 1700 ein auf Europa bezogenes "collective consciousness" gegeben habe[1], häufig ausgespart wurde. Mit "Diskursen über Europa" wird die Gesamtheit von Äußerungen verstanden, die durch ein geteiltes Vokabular oder bestimmte rhetorische Strategien repräsentiert werden, die Zugehörigkeiten nicht nur reflektierten, sondern auch mitgestalteten.

Der erste Teil des Bandes ("embodying Europe") untersucht die allegorische und rhetorische "Verkörperung" Europas in Abgrenzung zu anderen kulturell konstruierten Entitäten, vor allem dem Osten mit dem „despotischen“ Osmanischen Reich. Hier ragt der Beitrag von Nicolas Detering und Dennis Pulina heraus, die dem Topos der Europa lamentans bzw. deplorans im neulateinischen Herrscherlob nachgehen. Er entsprang der Rivalität zwischen Habsburgern und Valois im frühen 16. Jahrhundert, in der sich Humanisten wie Johannes Putsch und Hubert de Suzanne jeweils für ihre Herrscher positionierten. Indem sie ein ähnliches Reservoir an Tropen einsetzten, etablierten sie mittels einer "common language of dispute" die wirkmächtige Vorstellung eines "European body politic" als einer "association by strife" (S. 30).

Der zweite und umfangreichste Teil ("centralising Europe") nimmt die Konstruktion von Peripherien und Grenzen Europas, und damit auch dessen (normative) Zentrierung, in den Blick. Sie setzte Ende des 15. Jahrhunderts mit der sogenannten reconquista der iberischen Halbinsel und der osmanischen Herrschaft in Südosteuropa ein. Zwei Beiträge seien hier herausgegriffen: Katharina Piechocki zeigt, dass bereits um 1500, Konstruktionen Europas und seiner „Mitte“ zu greifen sind, etwa beim Nürnberger Kartografen Erhard Etzlaub. Sie beobachtet eine "produktive Spannung" zwischen den neuen Verfahren, die Welt kartographisch zu repräsentieren, und einem vermehrten Bestreben, Europa als Kontinent zu definieren (S. 150). Die auf Ptolemäus zurückgehende Methode, auf Karten mittels Koordinaten Gitter und lineare Grenzen unabhängig von Bevölkerung und physisch-geographischen Gegebenheiten zu ziehen, wurde zur Grundlage des (früh-)neuzeitlichen Denkens über Grenzen; Piechocki sieht darin Kontinuitäten vom Vertrag von Tordesillas (1494) bis zur Westafrika-Konferenz von 1884/1885. Zugleich waren die diskursiv bestimmten Grenzen Deutschlands, des Heiligen Römischen Reichs und Europas in dieser Zeit dehn- und formbar: So ist in Conrad Celtis' Germania generalis (1502) der weit auslaufende Herkynische Wald zugleich geschlossen und offen, indem er nicht nur an die Grenzen Deutschlands, sondern an jene Europas heranreicht. Niall Oddy arbeitet den Gebrauch und die Bedeutung des Worts Europa in französischen Schriften der zweiten Hälfte 16. Jahrhunderts über die Neue Welt heraus. Dort steht (u.a. bei de Montaigne und Rabelais) ein überlegenes einem bedrohten, durch religiösen Streit zerrissenen Europa gegenüber.

Der dritte Teil ("balancing Europe") thematisiert den diskursiven Umgang mit der Pluralität europäischer Herrschaftsgebilde und Gesellschaftsformationen. So zeigen Niels Grüne und Stefan Ehrenpreis, wie in Reiseberichten und späthumanistischen Traktaten sowie (britischen, deutschen und niederländischen) politischen Gelegenheitsschriften und diplomatischen Korrespondenzen positive Regierungsformen und -weisen in Europa konstruiert wurden – zunächst im Kontrast zu einem orientalischen Anderen, vor allem dem Osmanischen Reich, sodann aber auch gegen die als hegemonial verurteilten Bestrebungen Ludwigs XIV. von Frankreich. Als asiatischer Despot gebrandmarkt, wurde er so aus der politischen Wertegemeinschaft eines christlichen Europa ausgeschlossen. Volker Bauer schließlich stellt die 40-bändige Reihe zu den Regierungssystemen der europäischen Monarchien und Republiken vor, die zwischen 1704 und 1708 in der Rengerischen Buchhandlung in Halle an der Saale erschienen. Die anonym publizierten Bände mit dem bilanzierenden Ergänzungsband zeichnen Europa als politisches System kompetitiver, im Rang abgestufter Herrschaftsgebilde mit einer bei allen Unterschiedlichkeiten gemeinsamen politischen Kultur, die sie, so Bauer, von nichteuropäischen, despotischen Regierungsformen und -weisen abgrenze. Um dies zu verdeutlichen, wurde die Reihe um 15 Bände zu außereuropäischen Ländern ergänzt. Insgesamt stellt sie eine ausgeprägte Form des europäischen Exzeptionalismus dar, die zudem kommerziell äußerst erfolgreich war.

Wie bei vielen Sammelbänden nehmen nicht alle der Beiträge die leitenden Fragestellungen und Grundannahmen der Herausgebenden auf; so kommen den kunsthistorischen Beiträgen (Marion Romberg, Ulrich Heinen) mitunter die handelnden Subjekte abhanden. Und die versprochenen "comparative perspectives" bietet der Band nur indirekt an, da sich die Beiträge nicht an gemeinsamen Vergleichsparametern orientieren (können). Doch da die eingangs genannten drei Grundanliegen weitgehend eingelöst werden, ist der Erkenntnisgewinn hoch. Der Band zeigt differenziert auf, wie Vorstellungen von Europa in der Frühen Neuzeit von Gebildeten, Kunstschaffenden und Herrschaftsträgern konstruiert und im Mit- und Gegeneinander handlungsleitend mobilisiert wurden. Dabei weisen Grüne und Ehrenpreis zurecht darauf hin, dass Ähnlichkeiten politisch-rechtlicher Strukturen in den europäischen Gemeinwesen nicht automatisch das Bewusstsein der Menschen formten, einer imaginierten Gemeinschaft Europa anzugehören, und dass Zugehörigkeitsgefühle sich nicht in einer "language of Europeanness" ausdrücken mussten (S. 277). Der Primat der Einheit und Einigkeit[2] resultierte nicht nur aus dem Befund, dass diese fehlten: "the notion of Europe itself is rooted in communicative discord and the pursuit of hegemony, not in harmonious concord" (Detering/Pulina, S. 15). Burkes Vermutung, dass Europa seit der Reformation keineswegs die Christenheit oder das Christentum begrifflich ersetzte, bestätigt sich. Beide Begrifflichkeiten existierten vielmehr noch längere Zeit nebeneinander – in der Republik Venedig bis in die 1720er-Jahre (Grüne/Ehrenpreis, S. 277; Chmiel, S. 214).

Zahlreiche Beiträge (u.a. Oddy, Storchová) zeigen einmal mehr, dass Europa ein relationaler Appellbegriff war: Es konstituierte sich in Abgrenzung vom jeweils Anderen – geographisch-kulturell von anderen Kontinenten, religiös-zivilisatorisch von Nichtchristen, vor allen den Osmanen. Grüne und Ehrenpreis vermuten, dass die Vorstellung, es gebe eine spezifisch europäische politische Kultur der Vernunft und des Ausgleichs, noch im 21. Jahrhundert vor allem in Opposition zu einem östlichen Anderen erzeugt wird (S. 313). Jedenfalls bezeugt der Band eindrucksvoll, dass es, anders als es Piotr Chmiel in seinem Beitrag zu venezianischen Gesandtschaften nahelegt, keine "rein geographische" Verwendung des Worts Europa gab (S. 214). Vielmehr war die Unterscheidung zwischen dem geographisch-naturgegebenen und dem von Menschen geformten Raum stets von neuem verhandelt wurde. Europa hatte schon um 1500 fluide und sich verschiebende Grenzen mit sich überlagernden Zugehörigkeiten. Wenn sich damit Parallelen zu den Europadiskursen der späten Neuzeit aufdrängen, stellt sich die Frage nach den frühneuzeitlichen Epochenspezifika des Appellbegriffs "Europa" und seines Bedeutungs- und Funktionswandels seit dem 18. Jahrhundert umso dringlicher.

Anmerkungen:
[1] Peter Burke, Did Europe exist before 1700?, in: History of European Ideas 1 (1980), S. 21–29.
[2] Vgl. zu den historischen Konjunkturen dieses Ideals Patrick Pasture, Imagining European unity since 1000 AD, Basingstoke 2015.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.12.2020
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