M. Keßler: Vom bürgerlichen Zeitalter zur Globalisierung

Titel
Vom bürgerlichen Zeitalter zur Globalisierung. Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung


Autor(en)
Keßler, Mario
Reihe
Reihe Hochschulschriften 8
Erschienen
Berlin 2005: Trafo Verlag
Anzahl Seiten
209 S.
Preis
€ 21,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Wirsching, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Augsburg

Der vorliegende Band vereinigt eine Reihe neuester Aufsätze, die überwiegend bereits an anderer, bisweilen abgelegener Stelle veröffentlicht wurden. Mario Keßler, der sich unter anderem durch seine Biografie über Arthur Rosenberg einen Namen gemacht hat [1], ruft in diesen Beiträgen zu einer „Selbstbesinnung über Leistungen und Grenzen der Arbeiterbewegung in ihren verschiedenen Phasen und an verschiedenen Orten“ auf (S. 9). Eine solche Selbstbesinnung sei umso wichtiger, als die Geschichte der Arbeiterbewegung zumindest im deutschen Sprachraum für unterrepräsentiert gehalten werden müsse. Seit 1989 sei die Arbeiterbewegung aus den Kanones der Geschichtswissenschaft weitgehend verschwunden und höchstens noch ein „Erbe, das man, wie es das bürgerliche Erbrecht vorsieht, ausschlagen kann“ (S. 9).

Drei leitmotivische Themen wählt Keßler für diese Selbstbesinnung, um die herum er seine Beiträge gruppiert: dem Verhältnis von Arbeiterbewegung und Antisemitismus, dem Ort politischer Intellektueller in der Arbeiterbewegung und dem Problem der Standortbestimmung der Arbeiterbewegung „zwischen Kaltem Krieg und Globalisierung“.

Die Revolution von 1848 bietet einen adäquaten Ausgangspunkt für den ersten Themenkreis (Proletarische Emanzipation und frühmoderner Antisemitismus. Die Revolution 1848/48, S. 13-27). Vor dem Hintergrund der im Vormärz und während der Revolution ansteigenden antisemitischen Welle fragt Keßler nach dem Verhältnis und der „spannungsreichen Wechselbeziehung zwischen proletarischer und jüdischer Emanzipationsbewegung“. Hier wie auch in den anderen diesem Themenkreis gewidmeten Beiträgen kommt Keßler, unter anderem im Anschluss an Walter Grab, zu einem eher pessimistischen Fazit. Zwar proklamierte die Paulskirche die Emanzipation der Juden, aber die Gegenrevolution unterband diese Ansätze. Zwar barg die Revolution ein universales emanzipatives Paradigma, aber jüdische Emanzipation war nur um den Preis der Assimilation möglich und unterschied sich damit auch von der Logik proletarischer Emanzipation. Dass sich Juden in Deutschland auch in der Linken schwer taten mit einer dauerhaften politsch-kulturellen Integration, ist ein sich implizit durchziehender Subtext in den Beiträgen dieses ersten Teils. So analysiert Keßler die diesbezüglichen Ambivalenzen in der Geschichte der Sozialdemokratie (Sozialdemokratie und Antisemitismus. Vom deutschen Kaiserreich zur frühen Bundesrepublik, S. 29-46). Und auch die Geschichte der KPD in der Weimarer Republik (S. 47-62) blieb nicht frei von Zweideutigkeiten, so etwa 1923 im Kontext des „Schlageter“-Kurses und 1924/25 unter der „ultralinken“ Parteiführung Ruth Fischers. Der letzte Beitrag dieses Themenkreises befasst sich nicht im engeren Sinne mit der Arbeiterbewegung. Gegenstand sind vielmehr drei reportagenartige Berichte aus dem unmittelbaren Nachkriegsdeutschland (von Saul Padover, Robert Jungk und Isaac Deutscher), die in unterschiedlicher Weise fortbestehende antisemitische Denkhaltungen offenbaren (S. 63-78).

Der zweite und dritte Teil enthält zumeist knappe biografische Porträts bzw. Miniaturen zu Repräsentanten und Intellektuellen der Arbeiterbewegung, darunter Paul Singer und Hugo Haase (S. 81-92), Kurt Eisner (S. 93-108), Karl Korsch (S. 109-118) und Jürgen Kuczynski (S. 119-135), Franz Borkenau (S. 139-152) und Ossip Flechtheim (S. 153-169). Am interessantesten sind hier die beiden Porträts von Kuczynski und Borkenau. Zwar wird man Keßlers Charakterisierung des bekannten DDR-Wirtschaftshistorikers, der sich selbst rückblickend als „linientreuen Dissidenten“ betrachtete [2], nicht unbedingt in allen Einzelheiten teilen. Aber die Analyse des Typus des marxistischen Intellektuellen, der trotz mancher kritischer Einwände aus Gründen der biografischen Folgerichtigkeit und um seinen eigenen „Glauben“ nicht zu verlieren, den Panzer der Parteiloyalität nicht ablegen konnte, ist insgesamt überzeugend. In dem Essay über Borkenau erhellt Keßler aufgrund neuen Materials aus dem Universitätsarchiv dessen frühe Marburger Jahre. Ferner verfolgt er seinen Weg zum überzeugt-militanten, antikommunistischen „Renegaten“, als der er von Hannah Arendt, Isaac Deutscher und Alfred Kantorowicz kritisiert wurde. Freilich wäre hier eine genauere und differenzierende Analyse des Borkenauschen intellektuellen Itinerars von Interesse gewesen.

Neben manchem Bekannten enthalten die mit viel Sympathie und Empathie geschriebenen Essays interessante und zum Teil überraschende Informationen. Ihre Stärke gewinnen sie in dem Maße, in dem sie linksintellektuelle Biografien, ihre Probleme und Verletzungen im Kontext der beschädigten Geschichte des 20. Jahrhunderts plastisch machen. Allerdings lassen sie die eingangs gestellte Frage nach dem heutigen Stellenwert der Geschichte der Arbeiterbewegung letztlich unbeantwortet und führen noch nicht zu der angemahnten „Selbstbesinnung“. Hinweise hierzu geben eher die letzten beiden Beiträge über „Nationalismus und Arbeiterbewegung in Zeiten der Globalisierung“ (S. 171-182) sowie über die Frage „Kann marxistisches Geschichtsdenken überleben?“ (S. 183-203).

Zwei Anliegen des Verfassers scheinen in ihnen klar hervor: Zum einen geht es ihm um die Frage der Dialogfähigkeit zwischen marxistischen und nicht-marxistischen historiograpfschen Traditionen in der postkommunistischen Gegenwart und damit zur möglichen Aktualität marxistischer Positionen (v.a. S. 198-200). Zu Recht erkennt Keßler dabei, dass es solche nur insofern geben kann, als sie einer teleologisch-eschatologischen Geschichtsphilosophie ebenso entsagen wie der Auffassung von einer avantgardistischen Parteielite. Setzt man dies aber voraus, so braucht die Situation gar nicht so entmutigend zu sein, wie Keßler teilweise selbst anzunehmen scheint. Jedenfalls ist seine Einschätzung, nach 1989, in dem „so schlecht vereinigte[n] Deutschland“, habe es kaum ein/e Historiker/in „gewagt“, die Geschichte der Arbeiterbewegung zum Schwerpunkt seiner Forschungen zu machen, weit übertrieben, bzw. dürfte sie einer spezifischen Teilperspektive entspringen. Natürlich hatte die Arbeiterbewegung als sozial-, kultur- und politikgeschichtlicher Forschungsgegenstand ihren Zenit in den späten 1960er und 1970er Jahren, zum Teil noch in den 1980er Jahren; und dieser Zenit ist aus einer Vielzahl von Gründen, auch wissenschaftsimmanenter Art, überschritten. Aber sind nicht, so lässt sich fragen, die Ergebnisse dieser Forschungen und mit ihnen die Geschichte der Arbeiterbewegung auch dann in den historiografischen „Kanon“ eingegangen, wenn sie heute nicht mehr im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen? Überdies ist die Zahl der aktuellen Arbeiten zu Themen der Arbeiter/innen und der Arbeiterbewegung so klein nicht, und sie werden von Mario Keßler teilweise auch zitiert. Erinnert sei nur an die neueren Studien von Klaus-Michael Mallmann [3], Michael Schneider [4], Karsten Rudolph [5], Till Kössler [6], Ursula Reuter [7] oder auch den jüngst erschienenen Sammelband zu den Generationen der Arbeiterbewegung.[8] Schließlich bestehen Begegnungsmöglichkeiten zwischen marxistischen Traditionen und nicht-marxistischen Ansätzen auch im Bereich der Kulturgeschichte, wie z.B. die – von Keßler ebenfalls zitierten – Arbeiten Thomas Welskopps [9] oder Geoff Eleys nahe legen.[10] Um hier den Blick offen zu halten, muss sich freilich auch eine marxistisch inspirierte Geschichtsschreibung der empirischen Pluralität der Arbeiterschaft stellen und sich von Konzepten der Arbeiterbewegung als politisches „Subjekt“ und als Akteur der Weltgeschichte verabschieden.

Dies verweist auf das zweite Anliegen Keßlers, nämlich die Frage, inwieweit marxistische Wissenschaft zur Analyse gegenwärtiger, neuartiger, weil der Logik der Globalisierung entspringender Kapitalabhängigkeit evoziert werden kann. Keßler stellt diese Frage nachhaltig, wenn er darauf hinweist, „dass sich die Kapitaleigner in immer größeren Einheiten organisieren, den trans- oder multinationalen Konzernen, während sie versuchen, die Lohnabhängigen in nationalistischer Enge zu halten“ (S. 180). Und tatsächlich ist die Überlegung ebenso bedenkenswert wie aktuell, ob nicht der seit den 1970er Jahren forcierte Übergang zur postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft im Begriff ist, eine neue – nachproletarische – „Klasse“ zu schaffen: eine Klasse, bestehend aus lohnabhängigen, in den Servicesektoren tätigen Männern und Frauen, deren Lebensumstände sich angleichen und in dem Maße prekär zu werden drohen, in dem ihre Kapitalabhängigkeit steigt. Marktbedingungen, Abhängigkeiten und Lebens- und „Bewusstseins“-Formen dieser Klasse „an sich“ müsste eine marxistisch orientierte Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft analysieren können, ohne freilich der Versuchung zu verfallen, aus ihr unbedingt eine Klasse „für sich“ machen zu wollen.

Auch wenn man nicht alle seine Standpunkte teilen mag, so hat Keßler doch ein kurzweiliges Buch vorgelegt, das manche Einsichten birgt und zum Nachdenken anregt.

Anmerkungen:
[1] Keßler, Mario, Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889-1943), Köln 2003.
[2] Kuczynski, Jürgen, „Ein linientreuer Dissident“. Memoiren 1945-1989, Berlin 1992.
[3] Mallmann, Klaus-Michael, Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996.
[4] Schneider, Michael, Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939, Bonn 1999.
[5] Rudolph, Karsten, Die sächsische Sozialdemokratie vom Kaiserreich zur Republik, 1871-1923, Weimar 1995.
[6] Kössler, Till, Abschied von der Revolution. Kommunisten und Gesellschaft in Westdeutschland 1945-1968, Düsseldorf 2005.
[7] Reuter, Ursula, Paul Singer (1844-1911). Eine politische Biographie, Düsseldorf 2004.
[8] Schönhoven, Klaus; Braun, Bernd (Hgg.), Generationen in der Arbeiterbewegung, München 2005.
[9] Welskopp, Thomas, Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz, Bonn 2000.
[10] Eley, Geoff, Forging Democracy. The History of the Left in Europe, 1850-2000, Oxford 2002; vgl. auch ders.; Neild, Keith, “Farewell to the Working Class?”, in: International Labor and Working-Class History 57 (2000), S. 1-30.

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Veröffentlicht am
05.04.2006
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